Kathleen Stock: Realität & Ideologie

Philosophie-Professorin Kathleen Stock: aus der Uni gemobbt.
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Im Oktober 2021 gab Kathleen Stock schließlich auf. 18 Jahre lang hatte die Philosophie-Professorin an der Universität von Sussex gelehrt und war für ihre „Verdienste für die Wissenschaft“ mit dem „Order of the British Empire“ ausgezeichnet worden. Die letzten drei dieser 18 Jahre jedoch waren für die 49-Jährige so zermürbend, dass sie schließlich kündigte.

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Die Professorin war ins Visier von Transaktivisten geraten. „Es gab eine aggressive Kampagne gegen mich“, berichtet Stock. „Sticker auf den Toiletten, Poster überall und ein anonymes Manifest, das mich als ‚boshafte Stiefelleckerin‘ bezeichnete. Am Tag der Offenen Tür im Oktober fand auf dem Campus eine Demo mit hundert Vermummten statt, die riefen ‚Stock out!‘“

Was war passiert? Im Jahr 2018 hatte die Regierung in London in Erwägung gezogen, das Transsexuellengesetz zu reformieren. Seit 2004 gilt in Großbritannien der „Gender Recognition Act“: Wer medizinisch bestätigt unter Gender-Dysphorie leidet, also einer extrem tiefen Ablehnung des eigenen Geschlechtskörpers, und zwei Jahre im anderen Geschlecht gelebt hat, erhält ein „Gender Recognition Certificate“ und gilt fortan als dem anderen, gewünschten Geschlecht zugehörig. Dieses Gesetz sollte, nach jahrelanger Lobbyarbeit von Transaktivisten, nun geändert und ersetzt werden durch die sogenannte „Self-Identification“, kurz: Self-ID. Von nun an sollte das Geschlecht durch eine einfache Selbsterklärung über das „gefühlte Geschlecht“ geändert werden können – ganz, wie es auch die deutsche Ampel-Koalition im Koalitionsvertrag angekündigt hat.

Ich glaube, dass Transmenschen frei von Diskriminierung und Gewalt leben sollten

Als die britische Regierung ein Hearing zur geplanten Self-ID veranstaltete, gehörte Kathleen Stock zu jenen Feministinnen, die sich gegen dieses Konzept aussprachen. „Ich glaube, dass Transmenschen frei von Diskriminierung, Gewalt und Bedrohungen leben sollten“, erklärte sie und unterstützte ausdrücklich die Möglichkeit des Geschlechtswechsels per „Gender Recognition Act“ sowie das gesetzliche Diskriminierungsverbot. Doch die Philosophin erklärte auch, dass eine Definition von Geschlecht, die die „gefühlte Geschlechtsidentität“ über den biologischen Körper stellt, nicht nur wissenschaftlich unhaltbar sei, sondern auch reale Gefahren für Frauen berge.

Zum Beispiel für aus gutem Grund geschützte Frauenräume, in die nun jeder biologische Mann eindringen könnte, der erklärt, sich „als Frau zu fühlen“. Oder auch für Frauenförderung wie Quotenplätze. Für Feministinnen sei „der Versuch von transaktivistischen Organisationen, Frauenrechte zu beschneiden, Frauenräume, Frauenförderung und ihre Sichtbarkeit in der Sprache zu verändern – während für Männer all das intakt bleibt – das business as usual des Patriachats“.

Das war der Beginn der Proteste gegen die Professorin, die übrigens mit einer Frau verheiratet ist, mit der sie zwei Söhne hat. Im Juli 2021 führte sie ihre Argumentation in einem Buch aus, Titel: „Material Girls – Why Reality Matters for Feminism“. Jetzt ist ihr Buch auf Deutsch erschienen. Stock hinterfragt darin das Konzept der „Geschlechts-Identitäts-Theorie“ – als Philosophin wie als Feministin.

Es ging Simone de Beauvoir darum, dem biologischen Determinismus zu entkommen

Zunächst zeichnet Stock in acht Schritten den Weg nach, der von Simone de Beauvoirs epochalem Satz „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ führt bis zur heutigen Vorstellung einer „Explosion von Identitäten“ mit abstrusen Bezeichnungen wie „agender“, „bi-gender“, „third gender“ oder „demifluid“. Zentrale Stationen auf diesem Weg: Die Etablierung der Begriffe „Sex“ (= biologisches Geschlecht) und Gender (= soziales Geschlecht); die Vorstellung vom „Geschlecht als Kontinuum“ (mit Blick auf biologisch intersexuelle Menschen) und natürlich Judith Butlers Idee vom „Geschlecht als Performance“.

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Simone de Beauvoir, führt die Philosophin aus, werde von Transaktivisten gern als Kronzeugin für die Behauptung zitiert, dass das „Frausein selbst eine rein soziale Frage sei, keine biologische. Daraus ergäbe sich die Konsequenz, dass man nicht notwendigerweise biologisch weiblich sein muss, um eine Frau zu sein.“ Doch diese Interpretation sei ein grundlegendes Missverständnis. „Es ging Beauvoir und vielen anderen Feministinnen darum, dem zu entkommen, was man als ‚biologischen Determinismus‘ bezeichnet: der Vorstellung, dass Persönlichkeit, Verhalten und Optionen einer Frau davon bestimmt seien, dass sie biologisch weiblich ist.“

Angesichts der Zumutungen für Frauen im Patriarchat sei es natürlich eine reizvolle Strategie, „den einengenden biologischen Determinismus zu bekämpfen“, indem man versucht, „die Idee vom biologischen Unterschied ganz loszuwerden. Das ist allerdings eine etwas kühne Argumentation. Etwa so, als ob man verhindern könne, dass ein Asteroid auf die Erde aufschlägt, indem man die Erde definiert als ‚Ding, das nicht von einem Asteroiden getroffen werden kann‘“.

Wir werden die biologischen Unterschiede nicht los, indem wir sie ignorieren

Selbstverständlich ist die Feministin Stock keine Verfechterin des biologischen Determinismus. Sie möchte lediglich zeigen, dass „wir die biologischen Unterschiede nicht loswerden können, indem wir sie ignorieren“. Und so belegt Kathleen Stock, dass es in Bereichen wie Sport (der Weltrekord der Frauen im 100-Meter-Lauf wurde in einem Jahr von 744 Männern gebrochen) und Medizin sehr wohl relevante Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, die es zu beachten gilt – wie es zum Beispiel die „Gender-Medizin“, für die Feministinnen lange gekämpft haben, nun seit einigen Jahren tut.

„Das biologische Geschlecht zählt in der Medizin“, erklärt Stock. „Die Anwälte der Geschlechts-Identitäts-Theorie können diese Tatsache nicht ändern, aber sie können ändern, wie wir über sie sprechen.“ Doch dieses „transinklusive“ Sprechen hat dazu geführt, dass zum Beispiel die amerikanische Website „Healthline“ von Vaginas als „vorderen Löchern“ (front holes) spricht oder die Perioden-App „Clue“ erklärt: „Das Wort ‚weiblich‘ zu verwenden, ist beleidigend für manche Menschen.“ Und was Ann Furedi, die ehemalige Leiterin des British Pregnancy Advisory Service (BPAS), Großbritanniens größte unabhängige Organisation für Abtreibungen, berichtet, hat noch weitreichendere Folgen: „Transaktivisten wollen, dass wir unsere Broschüren neu schreiben, so dass sie sich nicht mehr an ‚Frauen‘ wenden. Sie wollen, dass wir den BPAS nicht als einen Frauen-Gesundheits-Service bezeichnen oder Abtreibung als eine Frage, die etwas mit Frauenrechten zu tun hat.“

Auch viele "Cis-Frauen" und -Mädchen hadern zutiefst mit ihrem biologischen Körper

Soweit die Praxis. Doch die Philosophin Stock befasst sich auch mit den theoretischen Widersprüchen des Gender-Identitäts-Konzeptes und stellt unbequeme Fragen. Wie passt eigentlich Judith Butlers These vom Geschlecht als „Performance“ zur Theorie vom bei der Geburt „falsch zugewiesenen“ Geschlecht, da diese Theorie doch die Binarität, also zwei real existierende körperliche Geschlechter zwingend voraussetzt? Wie passt die Idee der Queer-Theorie von der fluiden Geschlechtsidentität zu dem von Transaktivisten postulierten Konzept, dass die Geschlechtsidentität angeblich angeboren und unveränderlich sei? Und wie steht es eigentlich mit der Geschlechts-Identität sogenannter „Cis-Menschen“, also im Transaktivismus-Duktus derjenigen, bei denen das „bei Geburt zugewiesene“ Geschlecht mit ihrem „gefühlten Geschlecht“ zusammenpasst? Auch bei „Cis-Menschen“, erläutert Stock, sei dies ja keineswegs immer der Fall, speziell Mädchen und Frauen haderten häufig zutiefst mit ihrem biologischen Körper.

Stocks Kündigung brachte endlich auch die überfällige Debatte über die Freiheit der Wissenschaft ins Rollen. Denn die Professorin aus Sussex ist nicht die einzige, die der Welle der Denk- und Sprechverbote zum Opfer gefallen ist. Einige der Gecancelten gründeten im Sommer 2021 die „University of Austin“, die ein „Ort der Wissenschaftsfreiheit und des gesellschaftlichen Diskurses“ sein will. Unter den Gründungsmitgliedern sind neben Kathleen Stock die US-Journalistin Bari Weiss, die die New York Times aus Protest gegen die zunehmende Twitter-Hörigkeit der Redaktion verließ, und Ayaan Hirsi Ali, die wegen ihrer scharfen Kritik am islamischen Fundamentalismus bedroht wird.

Für 2022 ist an der University of Austin ein Sommerprogramm mit dem bezeichnenden Titel „Die verbotenen Kurse“ geplant. StudentInnen anderer Universitäten werden „eingeladen, um über provokative Fragen zu diskutieren, die an anderen Universitäten oft zu Zensur oder Selbst-Zensur führen“. Dort werden die Thesen von Kathleen Stock hoffentlich endlich so offen debattiert werden, wie sie es verdient haben.

Weiterlesen: Kathleen Stock: Material Girls – Warum die Wirklichkeit für den Feminismus unerlässlich ist, Ü: Vojin Saša Vukadinović (Edition Tiamat, 24 €)

 

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Außerdem im Heft:

"Trans wird glorifiziert" Eine Schweizer Transfrau erzählt von sich.

Frauen werden abgeschafft. Wie Basel zur Rainbow-City werden will.

Vom Hass gegen den eigenen Körper Eine Therapeutin über "falsche" Mädchen.

Der Fall Ganserer Warum Geschlecht sehr wohl zählt.

Die hitzige Debatte #solidaritätmittessa oder #solidaritätmitemma

 

 

 

 

 

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