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Sabine Rennefanz: Was ist Heimat?

Foto: Sven Gatter
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Alice Schwarzer über das neue Buch von Sabine Rennefanz. Auch in „Kosakenberg“ geht es um das zentrale Thema der Autorin: das schwierige Verhältnis von Ost und West. In dem autofiktionalen Roman lässt sie uns teilhaben an dem Leben einer heute 49-Jährigen, die sich nach dem Mauerfall aufmacht in den Westen.  

1997 habe ich, Kathleen, Kosakenberg verlassen. Fast alle aus meiner Klasse sind weggegangen. Wir machten noch zusammen Abitur und dann verteilten wir uns in alle Himmelsrichtungen. Nein, das stimmt nicht, denn das würde ja bedeuten, dass gleich viele von uns jeweils nach Norden, Süden, Osten und Westen gegangen sind. Die meisten aber gingen in eine einzige Richtung: nach Westen. Hunderte Leute pro Jahr aus dem ganzen Landkreis. Immer wieder hieß es: Sie ist weg. Der ist weg. Und die ist auch weg. Aus einem Rinnsal wurde ein Fluss wurde ein Strom.

Wir verließen nicht nur unsere Familien, unsere Häuser, unsere Dörfer, sondern auch unsere Vergangenheit. Wir wollten andere werden und in dem Wollen steckte schon die Trauer um den Verlust. Wir gingen weg, um zu suchen, was wir gleichzeitig verloren. Eine Heimat. Wir gingen, weil uns nichts im Vertrauten hielt. Es blieben zurück: der geschlossene Konsum, der verfallende Gasthof, der leere Kindergarten, die arbeitslosen Väter, die den Friedhof harkten. Die depressiven Mütter und Tanten, die tagsüber am Fenster standen, sich Valium einwarfen oder Weinbrand tranken. Die Holzkreuze an den Bäumen, die an die Söhne, Brüder und Freunde erinnerten, die in den schnellen neuen Autos gestorben waren.

Mit diesen Worten beginnt das neue Buch von Sabine Rennefanz, „Kosakenberg“. Die Journalistin veröffentlicht seit 2013 auch autofiktionale Bücher („Eisenkinder“). Darin lässt sie uns, entlang ihrem Leben, teilhaben an dem Leben einer heute 49-Jährigen, die noch in der DDR geboren und aufgewachsen ist und sich nach dem Mauerfall aufgemacht hat in den Westen.

Der Buchtitel erinnert vielleicht nicht zufällig an das Debut der polnischen Autorin Joanna Bator: „Sandberg“. In „Kosakenberg“ bricht die Grafikerin Kathleen auf in die weite Welt. Und immer wieder mal kehrt sie zurück in die alte Heimat, die ihr zunehmend eng und gestrig scheint. Doch auch in der weiten Welt ist sie letztendlich auf sich zurückgeworfen. 

Auch in diesem Buch besticht die Autorin mit ihrem selbstkritischen Blick. Unvergessen Rennefanzʼ Reportage „Uwe Mundlos und ich“. Ein kühner Text über den fremdenfeindlichen NSU-Aktivisten, in dem sie den Mörder nicht zum „Anderen“, zur „Bestie“ macht, sondern sich fragt: „Was haben wir gemeinsam, er und ich? Und wie konnte er der rechte Terrorist werden?“

Rennefanz, heute Spiegel-Kolumnistin, ist eineR der sehr raren JournalistInnen in Deutschland, denen an Information und Kommunikation liegt und die eine Haltung haben, auch – wenn es sein muss, und es muss oft sein! – gegen den Strom. So ist sie zum Beispiel nicht gleich für ein Verbot der AfD, sondern fragt sich: Warum? Warum wählen Menschen die AfD? Sie rät, mit diesen ProtestwählerInnen zu reden. Oder der Krieg. Da ist sie zunächst für mehr Waffenlieferungen, aber wird dann offensichtlich nachdenklich und fragt nun: Wie könnte der Krieg baldmöglichst beendet werden?

Rennefanz ist nicht nur Journalistin, sie ist auch Mutter von zwei Kindern und verheiratet. Über diese Erfahrung schrieb sie in der Coronazeit das Buch: „Frauen und Kinder zuletzt“. „Kosakenberg“, diese Suche nach einer Heimat, endet mit dem Tod der Mutter – das letzte, was sie noch mit der ersten, ihrer ostdeutschen Heimat verbindet. Die Suche geht weiter.

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Sabine Rennefanz: Kosakenberg (Aufbau Verlag, 22 €)

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