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Erpenbeck: Vom Scheitern & Trauern

© Katharina Behling
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Sind Geschichten von Abschieden die schönsten? Niemand sollte Jenny Erpenbecks Neigung, Abschiede zu beschreiben, mit Pathos verwechseln. Um Liebe geht es hier, um sexuelle Abhängigkeit und um den Abschied vom Staat DDR, für die Autorin gleichbedeutend mit dem Scheitern einer großen Idee. Mit dem Roman „Kairos“ betritt Jenny Erpenbeck neues Terrain. „Kairos“ ist der griechische Gott des glücklichen Augenblicks. Gibt es den richtigen Augenblick für die Liebe?

In den vergangenen zwanzig Jahren, seit der „Geschichte vom alten Kind“, Jenny Erpenbecks 1999 erschienenes Debüt, verbindet die 1967 in Ostberlin geborene Autorin das Private mit dem politischen Schicksal. Über die Jahre wurden Fragen in ihren meisterlich komponierten Büchern (herausragend der Roman „Heimsuchung“) immer direkter, und Themen unserer Gegenwart, wie die Flüchtlingsproblematik („Gehen, ging, gegangen“), überschnitten sich mit Überlegungen für ein gerechteres und sozialeres Gesellschaftsmodell.

Zu Jenny Erpenbecks eigener Familie gehören Wissenschaftler und Künstler, die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedda Zinner war ihre Großmutter. Die Autorin selbst lernte Schriftsetzerei, ging zum Theater und arbeitete als Opernregisseurin und begann zu schreiben. Ihre Musikalität und ihr dramaturgisches Können bestimmen auch den Rhythmus dieses Buches. Die Melancholie Bachscher Passionen durchzieht als Grundton den Text von Liebe, Obsession, Leidenschaft und Politik.

„Kairos“ ist die vehemente Geschichte einer Amour fou zwischen einer Neunzehnjährigen und einem mehr als dreißig Jahre älteren Schriftsteller und Redakteur. Zeit der Handlung sind die Jahre 1986 bis 1992, der Ort ist Ost-Berlin. Eine doppelte Tragödie aus der Sicht der Erzählerin. Als die Mauer fällt, will Katharina nicht mit 100 DM begrüßt werden; sie möchte auch nicht die eigene Mutter beobachten müssen, die im Rahmen einer „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ Besucher durch den Botanischen Garten führt.

Jenny Erpenbeck erzählt die Geschichte von Katharina und Hans, dem ungleichen Paar, aus der Distanz der dritten Person, manchmal klingt das wie ein Rollenspiel. „Er denkt, solange sie will, kann es kein Fehler sein. Sie denkt, wenn er mir alles überlässt, wird er schon sehen, was Liebe ist“. Die intimen Liebesszenen zwischen dem Mädchen und dem Mann werden in einer genauen Aufsicht beschrieben. Es sind Szenen, die Katharina nach den Wünschen von Hans spielen soll; Positionen, die sie beim Liebesspiel einnehmen; Verkleidungen, um die er sie bittet, oder die sie sich auch selbst ausdenkt. Ist Katharina das Opfer? Sie ist die Mitspielerin. Die lasziven – heute vielfach als pädophil kritisierten – Bilder des Malers Balthus, die im Text auch erwähnt werden, mögen Inspiration gewesen sein.

Die dritte Person ermöglicht Kommentare einer distanziert beobachtenden, nachdenkenden und kluge Fragen stellenden Erzählstimme. Ein verheirateter Mann, der Abwesenheiten seiner Frau ausnutzt, um halb verrückt nach der jungen Katharina, mit ihr Sex zu haben. „Nie wieder wird es so sein wie heute, denkt Hans. So wird es nun sein für immer, denkt Katharina.“

Damit sind zwei Bewusstseinszustände markiert: der erfahrene Liebhaber, das erst unerfahrene, dann mitinszenierende Hals-über-Kopf-Mädchen. Sie beklagt nicht, dass er ein Doppelleben führt, sie duldet, er ist eifersüchtig bei jedem ihrer Schritte. Das alte Muster. Aber Katharina ist nicht Opfer, sie ist Mitspielerin. In diese Lovestory aus fernen Tagen, als in Ost-Berlin ein Brötchen 5 Pfennige kostete, ist ein Rückspiegel eingeblendet, der die Bilder des Vergangenen einfängt. Die Gegenwart existiert nicht, sagt der Text, ohne die Vorgeschichte.

„Kairos“ führt an den Beginn abendländischer Mythen, ins Berliner Pergamonmuseum. Jenny Erpenbeck beschreibt in einer großartigen Schilderung die brachiale Wucht und Gültigkeit antiker Erzählungen. „Kairos“ ist eine Geschichte Ost-Berlins, der Häuser, Straßen und Straßenbahnen, Geräusche, des Alltags. Hier das gewohnte Leben, da die allgegenwärtige Schuld des Nationalsozialismus, durch Blicke auf Kriegsnarben, Bunker und Brandmauern aus der Stadt nicht wegzudenken. Und dann wieder ein Schwenk zu den roten Striemen, die Hansʼ Gürtelschnalle auf Katharinas Haut hinterlassen hat. „Hat er sich ihr ausgeliefert, oder sie sich ihm? Oder fällt beides, wenn die Liebe ernstgemeint ist, in eins?“

Die Erzählerin unterbricht die Liebesbegegnungen, die schier wahnsinnigen Eskapaden, die sich Katharina und Hans einfallen lassen, und fragt nach dem, was nicht gesagt, nur gedacht, nach allem, was im Schatten bleibt. Der Roman ist ein Buch über die Geheimhaltungen des Intimen, über Sehnsucht, über das Schlechte und das Gute an Verboten. „Kairos“ ist der Roman einer Obsession und ein Buch bitterer Bilder aus den letzten Monaten der DDR und der ersten nach der Vereinigung. Total Ausverkauf. Nicht nur von Menschen, sagt die Erzählerin, auch von Worten, die „fremdgehen“.

Jenny Erpenbeck ist immer eine politische Autorin. Ihr großes Thema ist das Versagen des Kommunismus und damit des Scheiterns der DDR. Sie hat sich nicht damit abgefunden, es ist ihre Geschichte. Einer sagt, „wenn die uns einfach machen ließen, hätte der Westen was, worüber er sich wirklich wundern könnte“. Katharina erlebt, wie im Sommer 1990 nach der „Währungsunion“ die „sozialistischen Büromöbel auf dem Sperrmüll“ landen, “sich all das nach außen geworfene Innere mit den Wracks ausgeweideter Autos aus volkseigener Produktion“ verkeilt. Der Staat versinkt.

Hans wird, wie 3.000 Berliner Mitarbeiter von Fernsehen und Rundfunk, entlassen. Als Katharina die Akten des IM Galilei liest, ist Hans tot. Jahre später öffnet die Erzählerin die zwei Kartons mit den Aufzeichnungen aus den Jahren 1986 bis 1992. Briefe, Notizen, Fotos, Collagen und ein Stück Zucker fallen auf den Fußboden. Die subjektive Wahrheit, nur die zählt hier, „muss“, heißt es, „sehr gut gemacht sein“. Das trifft auf „Kairos“ zu, Jenny Erpenbecks  fesselnden und streitbaren DDR-Abschiedsroman.

 

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