Missbrauch: Zu Lange ein Tabu!

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Seit wenigen Jahren nun ist der Missbrauch eine große gesellschaftliche Debatte. Gesetze wurden verschärft; Verjährungsfristen verlängert (allerdings noch immer zu knapp); Menschen, die mit Kindern zu tun haben, zur Aufmerksamkeit und Anzeige angehalten.

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Die erste Veröffentlichung in EMMA über „Das Verbrechen, über das niemand spricht“, war in der April-Ausgabe 1978. Erstmals redete ein Opfer: Petra, 14, die Zuflucht im ersten Frauenhaus in Berlin gefunden hatte. Damals schrieb EMMA: „Mädchen, wie ihr euch wehren könnt!“ – und appellierte, sich bei uns zu melden. Resultat: Schweigen. Nicht ein Anruf, nicht ein Brief von Opfern. Dabei mussten Tausende unter den EMMA-Leserinnen betroffen sein. Das Thema war einfach komplett tabu.

Doch in der Folge der Berichterstattung bildeten sich die ersten 'Wildwasser'-Gruppen: Beratungsstellen, die betroffenen Mädchen und Frauen helfen. Und bis heute melden sich Frauen bei EMMA, die sagen: Damals, als ihr das geschrieben habt, habe ich zum ersten Mal gedacht: Ich bin nicht allein.

Das Thema ließ uns und die Frauenbewegung nicht mehr los. Allmählich wurde klar: Nicht nur die Gesellschaft, auch so manche Mutter guckt weg, aus Angst oder Hilflosigkeit.

Im Jahr 1980 wollte die SPD-Regierung im Zuge der Sexualstrafrechtsreform den Pädophilen-Paragraphen ganz streichen. Sexualität mit Kindern unter 14 wäre dann legal gewesen. Auch Koalitionspartner FDP signalisierte Einverständnis, die Grünen waren ohnehin führend in der Debatte. Die pädosexuellen Lobbyisten hatten ganze Arbeit geleistet. Damals, in den Nachwehen der „sexuellen Revolution“, war EMMA die einzige Stimme, die sich dagegen stemmte – und in der Tat verhinderte, dass der § 176 gestrichen wurde.

Eine große Debatte war in den 90er Jahren der so genannte „Missbrauch des Missbrauchs“. Vor allem Linke warfen Feministinnen vor, den Missbrauchs-Vorwurf zu funktionalisieren. Das gesellschaftliche Klima ist entsprechend. So wird zum Beispiel ein Artikel, in dem EMMA die Netzwerke der Pädophilen-Lobby, die bis in den Kinderschutzbund reichen, vollständig ignoriert. 

Anfang der 90er wurde der Fall Woody Allen zum internationalen Lehrstück: Der amerikanische Regisseur hatte nicht nur mit der minderjährigen Adoptivtochter seiner Lebensgefährtin Mia Farrow Pornos aufgenommen (und sie später geheiratet), er war auch von Ärzten angezeigt worden wegen der Verstörtheit seiner fünfjährigen Adoptivtochter Dylan, die alle Anzeichen von Missbrauch aufwies. Die Richter entzogen Woody Allen das Sorgerecht für alle Kinder, auch für seinen leiblichen Sohn. Was Allens Karriere nicht geschadet hat. Im Herbst 2013 hat die inzwischen 30-jährige Dylan ihre Vorwürfe wiederholt. Die deutschen Medien schweigen.

Hohe Wellen schlug international 2009/2010 auch erneut der Fall Polanski. Der berühmte Regisseur hatte 1977 eine 13-Jährige in Hollywood unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. Dem drohenden Prozess entzog der Pole mit der französischen Staatsangehörigkeit sich durch Flucht aus Amerika. Er wurde erst 32 Jahre später in der Schweiz verhaftet. Die Filmwelt in aller Welt und in Deutschland fand spontan viele Entschuldigungen für den geschätzten Polanski (Ist schon so lange her… Hat sie es nicht auch selber gewollt… etc.), doch die Stimmung drehte sich bald. 

Anfang 2010 wird eine Welle von Missbrauchsfällen durch Priester in katholischen Jungenschulen bekannt. Und auch Frauen und Männer, die in (kirchlichen) Heimen Opfer sexueller Gewalt wurden, melden sich zu Wort. Jetzt ist das Thema in Deutschland endgültig auf dem Tisch, die schwarz-gelbe Regierung richtet einen Runden Tisch ein und beauftragen die Ex-Frauenministerin Christine Bergmann mit der Aufarbeitung. Kurz darauf machen ehemalige Schüler der Odenwaldschule öffentlich: Auch in dem reformpädagogischen Vorzeigeprojekt gab es systematischen und massenhaften Missbrauch. mehr

2013 untersucht der Göttinger Professor Franz Walter im Auftrag der Grünen, inwieweit die Partei durch Beschlüsse und Verstrickungen in die Pädosexuellen-Lobby zur Verharmlosung des Missbrauchs beigetragen hat. Die Ergebnisse und die Kaltschnäuzigkeit, mit der besonders Spitzenkandidat Jürgen Trittin damit umgehen, kosten die Grünen im Wahljahr etliche Stimmen. Ein weiteres Ergebnis von Walters Untersuchungen: Die Medien von Spiegel bis Zeit haben in den 70er und 80er Jahren sexuellen Missbrauch auf heute kaum mehr vorstellbare Weise verharmlost

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