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Afghanistan: Die Frauen-Falle

Aryana Sayeed, Sängerin. Sadaf Rahimi, Boxerin. Shabnam Mobarez, Fußballerin. Sahraa Karimi, Regisseurin.
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Aryana Sayeed ist eine mutige Frau und eine sehr bekannte dazu: Afghanistans berühmtester Pop- und Fernsehstar und eine unermüdliche Menschenrechtsaktivistin. Aryana war neun, als die Taliban das letzte Mal in Kabul einmarschierten. Seitdem ist ihr Motto: Nie darf sich wiederholen, was damals geschah. Demonstrativ ist sie immer wieder in genau dem großen Fußballstadion in Kabul aufgetreten, in dem damals Frauen öffentlich ausgepeitscht und zu Tode gesteinigt wurden.

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Ihr Lied „Baanoo-e Aatash Nesheen“, das von den verachteten und missbrauchten Frauen Afghanistans handelt, hat Hunderttausende berührt. Sie hat es auch in Bamiyan gesungen, vor den leeren Höhlen, in denen einst die weltberühmten Buddha-Statuen standen, welche die Taliban 2001 als Götzenbilder gesprengt hatten. „Ich singe, weil ich weiß, dass ich den Menschen Mut und Hoffnung geben kann“, sagt Aryana. In ihren Fernsehshows wiederholt sie unermüdlich: „Frauen, ihr habt die gleichen Rechte wie die Männer.“

Aryana Sayeed, Sängerin. - Foto: Getty Images
Aryana Sayeed, Sängerin. - Foto: Getty Images

Für die Taliban ist das ein todeswürdiges Verbrechen. „Ich kann mir ein Ticket für einen Flug nach Amerika leisten“, hatte sie noch im Juli gesagt. „Aber was ist mit all den anderen, die auf der Todesliste der Taliban stehen, all die anderen Frauen, die das Gesicht des neuen Afghanistans sind?“ Das sind die Journalistinnen, die gezielt von den Extremisten erschossen werden; die Richterinnen, denen man Haftbomben unter ihre Autos klebt, weil sie nicht nach der Scharia Recht sprechen. Und was wird mit all den Staatsangestellten, den weiblichen Abgeordneten, den Lehrerinnen, Polizistinnen und Pilotinnen? Nicht zu vergessen den vielen Frauen und Männer, ohne deren Hilfe die westlichen Truppen in Afghanistan keinen Schritt hätten tun können? Sie alle stehen auf der Todesliste der Taliban.

"Wir wollen den Frauen zeigen,
dass auch siesich Träume erlauben dürfen"

Eine Todeskandidatin ist auch Ayeda Shadab, das Topmodel Afghanistans. Ihre Modemarke, ein bisschen Folklore und Farbenfrohes und ein Schuss westliche Eleganz, das liebt die neue Generation der jungen Frauen in Kabul. Die schöne, selbstbewusste Ayeda erhält fast täglich Morddrohungen. Burka? „Niemals!“ Wegsperren lassen? „Man kann uns nur stoppen, wenn man uns umbringt“, sagt die 28-Jährige.

19 Frauenfußballteams gehören zu der 1. Liga in Afghanistan. Auch eine Frauen-Nationalmannschaft hat das Land. Ihre langjährige Kapitänin Shabnam Mobarez: „Wir spielen, weil wir den Frauen zeigen wollen, dass es okay ist, aus dem Haus herauszukommen, dass sich auch Frauen Träume erlauben dürfen.“

Auch das Leben der Boxerin Sadaf Rahimi, die durch die Dokumentation „Boxing for Freedom“ weltweit bekannt wurde, hängt an einem seidenen Faden, weil sie verkündet hat: „Was für Frauen wir sein wollen, bestimmen wir jetzt selbst“. Doch ob sich das durchhalten lässt, „nachdem uns der Westen verraten und verkauft hat“?

Shabnam Mobarez, Nationalfußballerin.
Shabnam Mobarez, Nationalfußballerin.

Überzeugt, dass die Taliban sie töten werden, „ich bin darauf vorbereitet“, sagt Afghanistans einzige weibliche Regisseurin Sahraa Karimi, die unter Lebensgefahr mehrere Filme über afghanische Frauen gedreht hat. Einer davon schaffte es sogar bis zum Filmfestival in Venedig. Als Jugendliche war Sahraa in die Slowakei geflüchtet, aber 2012 kehrte sie in ihr Heimatland zurück, weil „ich dazu beitragen wollte, Afghanistan zu verändern, das Leben der Frauen zu verändern.“ Nun ist sie wütend auf die westlichen Truppen, weil sie sich so plötzlich davongemacht haben, „ohne jedes Verantwortungsbewusstsein. Sie haben damit so viel kaputt gemacht.“

Bei den meisten, die unter westlichem Schutz in den vergangenen 20 Jahren nie gekannte Freiheiten und Chancen erlebt haben, steigt die Angst vor der ungewissen, wahrscheinlich todbringenden Zukunft.

In den Lehmhütten der Dörfer hat sich
seit dem Mittelalter wenig verändert

Jahrelang haben sie sich, obwohl ständig bedroht, gegen die alten Traditionen gewehrt, die Frauen zu einem Nichts, ja unsichtbar machen. Doch diese Frauen findet man fast nur in den Städten, allen voran in der 4,5-Millionen-Metropole Kabul. In den armseligen Lehmhütten der Dörfer dagegen hat sich seit dem Mittelalter wenig verändert. Dort herrscht wie eh und je das Patriarchat, das in Frauen kaum mehr als ein Objekt sieht, das lebenslang Kinder zu gebären hat – 13 bis 18 Kinder sind keine Seltenheit. Und wehe, es sind keine Söhne! 21 Millionen Männer hat Afghanistan, aber nur 19 Millionen Frauen; zwei Millionen „fehlen“.

So wundert es kaum, dass diese Männergesellschaft häufig kaum ein Problem mit den Taliban hat, weil sie ähnlich wie die Extremisten tickt. Ein Mädchen mit einem Buch in der Hand ist für sie eine größere Gefahr als eine Drohne.
Nur 15 Prozent der afghanischen Frauen können lesen und schreiben, kaum eine auf dem Lande. Für die Taliban sind schon 15 Prozent zu viel.

Sadaf Rahimi, Boxerin.
Sadaf Rahimi, Boxerin.

Auf seiner hochprofessionellen Webseite behauptet das „Islamische Emirat“, nur das islamische System könne die Rechte aller Bürger garantieren. Es sei typisch „koloniale Panikmache“ des Westens, zu verbreiten, die Taliban planten, den Frauen abermals ihre Menschenwürde abzusprechen und sie unter der Burka verschwinden zu lassen. „Diese feministische Ideologie braucht der Westen, um seine Invasion zu rechtfertigen und die islamische Kultur klein zu machen.“ Dabei habe „allein die islamische Definition von Frauenrechten das Wohl der Frauen im Auge, denn sie stammt direkt von unserem Schöpfer“, heißt es. Schließlich „sorgen wir dafür, dass Keuschheit und Würde der Frauen unantastbar sind“.

Und das sieht dann so aus: Frauen werden wieder ausgepeitscht, wenn sie sich weigern, eine Burka anzuziehen. Den Dorfältesten und Mullahs in den eroberten Gebieten wird befohlen, Listen mit den Namen aller Mädchen über 15 und aller Witwen unter 45 zu übergeben, dann werden diese Frauen mit Taliban-Kämpfern verheiratet. Frauen wird wieder verboten, das Haus ohne männlichen Verwandten zu verlassen.

Sahraa Karimi, Regisseurin. - Jacopo Salvi/Biennale di Venezia
Sahraa Karimi, Regisseurin. - Jacopo Salvi/Biennale di Venezia

„Die Taliban werden sich niemals ändern, was soll das Wunschdenken, sie hätten sich gemäßigt“, empört sich Halima, „wir wissen, was uns unter ihrer Herrschaft erwartet“. Auf dem Markt von Tschaghtscharan in der Provinz Ghor steht im Juli die füllige Vorsitzende des Frauenrats mit einem Mikrofon in der Hand und ruft die Frauen der Stadt zu den Waffen. Das ist nicht nur symbolisch gemeint. Hunderte erscheinen mit einer Kalaschnikow in der Hand, Waffen gibt es schließlich mehr als genug. Ob sie noch leben?

Auch im Norden, in der Gegend von Kunduz und Mazar-e Sharif, wo bisher die Bundeswehr eingesetzt war, bewaffnen sich Frauen. „Die Taliban haben vor uns mehr Angst als vor den Männern, denn es gilt als Schande, von einer Frau getötet zu werden“, erklärt Halima.

„Die Taliban werden die Uhren zurückdrehen, wenn wir jetzt aufgeben“, sagt die Journalistin Farida Nekzad. Sie hat im ganzen Land ein gut funktionierendes Frauennetzwerk aufgebaut: kleine Radiosender, Zeitschriften, Workshops, Lokalnachrichten und ein engmaschiges Netz von Handy-Besitzerinnen. Information, Aufklärung, Mutmachen, das hat bisher gut geklappt. „Aber nun verlieren wir einen Kontakt nach dem anderen im Land, überall, wo die Taliban sind.“

Die mutigen Frauen des neuen Aufghanistan - sie alle stehen auf den Todeslisten

Hillary Clinton war es, die 2001 den Einmarsch der Amerikaner und ihrer Verbündeten mit der Befreiung der afghanischen Frauen begründete und versprach: „Wir werden euch nicht im Stich lassen.“ Doch das hat die Welt offenbar vergessen. Auch das Weltenretterland Deutschland, das bisher so freigiebig alle Armutsflüchtlinge aus Afghanistan aufnahm, hat die moralische Pflicht, Menschen, die tatsächlich auf den Todeslisten der Fanatiker stehen, Asyl und Schutz zu geben! Das sind vor allem die mutigen Frauen des neuen Afghanistan.

 

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