In der aktuellen EMMA

Simone Kleinert: Ratzfatz

Simone Kleinert - Foto: Frank Fister
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Eins ihrer Lieblingswörter ist „ratzfatz“. Das passt, denn Simone Kleinert fackelt nicht lange, wenn sie findet, dass etwas getan werden muss. Dann legt sie los, dann organisiert sie das, dann zieht sie das durch. Und in Sachen Prostitution muss, findet Simone, ganz dringend was getan werden. Also hat sie losgelegt.

Das bisher beeindruckendste Resultat ihrer Aktivitäten wurde am 27. September 2020 mit frenetischem Applaus bejubelt. An diesem Sonntag wurde in Bonn von 140 Frauen (und einigen Männern) der Startschuss für das „Bündnis Nordisches Modell“ gegeben: Rund 30 Initiativen schlossen sich zu dem Netzwerk zusammen, das mit vereinten Kräften für eine Ächtung des Systems Prostitution und für die Freierbestrafung kämpft (EMMA 6/20).

Simone Kleinert mit Alice Schwarzer auf dem Bonner Kongress - Foto: Bettina Flitner
Simone Kleinert mit Alice Schwarzer auf dem Bonner Kongress - Foto: Bettina Flitner

Natürlich hatte Simone Kleinert, die bei den Dortmunder Stadtwerken arbeitet, das Bündnistreffen mit 14 Workshops, Vorträgen und Podiumsdiskussion nicht ganz allein organisiert. Aber ihre drei Mitstreiterinnen - Annika, Annemarie und Melanie von der Berliner „Sisters“-Ortsgruppe - ließen keinen Zweifel daran, wer der Motor gewesen war: „Simone ist ein ICE! Und wir sind eingestiegen und waren manchmal von ihrem Tempo etwas überrumpelt.“

Simone selbst drückt es so aus: „Ich bin eine Macherin, tendenziell eher ungeduldig und kann meine Euphorie schlecht bremsen.“ Dabei hat sich die 47-Jährige den größten Teil ihres Lebens „politisch gar nicht groß interessiert“. Abgesehen von einer jugendlichen Sturm- und Drangphase, in der sie sich mit 16 für Greenpeace und den WWF engagierte. „Ich habe von meinem Taschengeld deren Aufrufe kopiert und die dann in der Fußgängerzone verteilt.“ Selbst ist die Frau. „Total behütet aufgewachsen“ sei sie. Die Eltern hatten eine Fahrschule und ein altes Forsthaus im Wald, wo Simone mit der älteren Schwester und dem jüngeren Bruder spielte. Die Nähe zur Natur hat ihr „eine gewisse Robustheit“ verschafft, noch heute ackert sie am liebsten in ihrem Garten, wenn sienicht gerade in abolitionistischer Mission unterwegs ist. Simone wurde Industriekauffrau und, via Abendschule, Staatlich geprüfte Betriebswirtin. Mit 23 bekam sie eine Tochter. Zwei Jahre lang hörte sie auf zu arbeiten, „dann bin ich eingegangen“. Zeitgleich wurde sie alleinerziehende Mutter.

Tochter Alicia ist heute ebenfalls bei den Stadtwerken und beim Kampf gegen das System Prostitution aktiv an der Seite ihrer Mutter. Mit 30 studierte Simone Sozialpädagogik. Nach vier Jahren als Koordinatorin einer Offenen Ganztagsschule kehrte sie mit einem Beinahe-Burn-out zu den Stadtwerken zurück.

Simones Weg zur abolitionistischen Aktivistin begann, als sie sich im Jahr 2014 ihre erste EMMA kaufte. Darin las sie einen Bericht über die deutsche Prostitutionspolitik und dachte: „Das darf ja wohl nicht wahr sein!“ Am meisten schockierte sie, dass der deutsche Staat „aus diesen bezahlten Vergewaltigungen Steuern generiert, die er dann auch noch Vergnügungssteuer nennt.“ Da habe sie sich „als Bürgerin in der Pflicht gefühlt“.

Von da an, so scheint es, schaltete der ICE Simone Kleinert den Turbo ein. Sie wurde Mitglied bei „Sisters“, gründete in Dortmund eine „Terre des Femmes“-Städtegruppe und vernetzte sich über Facebook „ratzfatz mit der abolitionistischen Szene“. Sie holte Kommissar Manfred Paulus nach Dortmund und zeigte den Film „Bordell Deutschland“. Und sie befand, dass sich die vielen abolitionistischen Initiativen in Deutschland bündeln müssten, „um mehr Druck auf die Politik auszuüben“. Auf dem Sisters-Treffen im Herbst 2019 erzählte sie von der Idee. „Ich glaube, ich organisiere das einfach mal“, sagte Simone. Genau das tat sie.

Dass die CDU/CSU-Fraktion jetzt laut einem „Positionspapier“ den Kampf gegen das System Prostitution verschärfen will und sogar ein Sexkaufverbot „in Erwägung zieht“, findet Simone „einen großen Schritt in die richtige Richtung“. Aber: „Aus einem schlechten Gesetz lässt sich kein gutes machen. Das Prostituiertenschutzgesetz muss gestrichen und Gesetze Richtung Nordisches Modell erlassen werden.“ Am liebsten ratzfatz.

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