Sudan: Noura muss leben!

Noura bei ihrer Zwangsverheiratung 2017.
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Zum Beispiel Noura Hussein Hamad: Beim ersten Mal war sie 16 Jahre alt. Ihr Vater wollte sie zwangsverheiraten mit einem Mann, den Noura weder wollte noch kannte. Noura rannte davon, weg von den Eltern in ihrer Heimatstadt Khartum, zu einer Tante im 300 Kilometer entfernten Sennar. Drei Jahre lebte sie dort in Freiheit und schloss die Schule ab. Noura wollte Lehrerin werden.

Das Urteil gegen Noura lautet: Vorsätzlicher Mord

Dann erreichte sie eine Nachricht aus ihrem Elternhaus: Die Heirat sei ausgesetzt. Es sei nun Zeit, heimzukehren. So hat Noura es selbst erzählt, in ihrer Anhörung vor dem "Omdurman Wasat" Gericht, berichtet das SIHA Netzwerk, eine Initiative für Frauenrechte am Horn von Afrika.

Aber die Nachricht aus Khartum war eine Falle: Ihre Familie hatte die Zwangshochzeit mit dem Mann schon organisiert – und diesmal konnte die inzwischen 19-jährige Noura nicht fliehen. Ihr „Ehemann“ brachte sie in seine Wohnung und wollte sie zum Sex zwingen. Aber Noura wehrte sich mehrere Tage erfolgreich, erzählt sie. Das Vorgehen des Mannes wurde immer brutaler. Bis er mit drei Verwandten auftauchte, die das Mädchen festhielten, während er sie vergewaltigte.

Tief traumatisiert und verletzt war Noura am Tag darauf vorgewarnt: Als der Mann sie wieder vergewaltigen wollte, rannte sie in die Küche, griff nach einem Messer und richtete es auf ihn. Als er sie weiter attackierte, stach sie zu und verletzte ihn tödlich. Noura suchte Schutz in ihrem Elternhaus. Ihr Vater verstieß sie – und brachte sie zur Polizei. Ein Jahr saß das Mädchen im Gefängnis.

Am 29. April 2018 wurde Noura nun wegen „vorsätzlichem Mord“ zum Tode verurteilt. Sie soll gehängt werden. Es blieben ab dem Tag des Urteils nur 15 Tage, um Einspruch zu erheben. Seither durchzieht ein Aufschrei den Sudan – und auch die internationale Community an Frauenrechtlerinnen. „Dieses Urteil ist eine eklatante Leugnung der fundamentalen Menschenrechte, denn es handelte sich bei dem Akt ganz klar um Notwehr gegen eine Vergewaltigung innerhalb der Ehe“, sagt die algerische Soziologin Marieme Helie Lucas, Gründerin der Organisationem „Secularism is a Women’s Issue“ und „Women Living Under Muslim Laws“.

Auch UN Women fordert die sudanische Regierung dazu auf, „das Leben von Hussein zu retten“. Auf Twitter protestieren Frauen wie Männer unter #JusticeForNoura und #SaveNoura für die Freilassung der jungen Frau. Eine 16-jährige französische Schülerin hat auf change.org die Online-Petition „Gerechtigkeit für Noura“ gestartet. Inzwischen haben über 670.000 Menschen unterzeichnet. Nouras Verteidiger haben eine Stellungnahme angekündigt.

In der sudanesischen Rechtsprechung gelten Mädchen ab dem 10. Lebensjahr als heiratsfähig. Wie in Saudi-Arabien unterliegen Frauen einem männlichen Vormund – in der Regel ist das der Vater. Aber in Nouras Fall hat das Gericht laut Amnesty International darüber hinaus auch noch ein veraltetes Gesetz angewandt, das die Vergewaltigung in der Ehe ignoriert.

Denn Noura hat sich eines Vergehens schuldig gemacht, das vermutlich in den Augen vieler mindestens so schwer wiegt, wie der Messerstich: Sie hat es gewagt sich zu wehren, gegen einen Mann, der sie als seinen Besitz betrachtet – und eine Gesellschaft, die das zulässt.

#JusticeForNoura!

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