Trans-Ideologie: "Unis sind Orte des Wahnsinns geworden"

StudentInnen-Protest gegen Prof. Dr. Ute Bayen an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Uni. - Foto: WDR und HHU/Hanne Horn
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Wenn man über die Vorfälle an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität unbedingt etwas Positives sagen möchte, dann dies: Immerhin hat Prof. Ute Johanna Bayen ihren Vortrag am 21. Juli halten können. „Es ist nicht akzeptabel, jemanden im Vorfeld zum Schweigen zu bringen“, hatte Uni-Rektorin Anja Steinbeck erklärt. Und: „An der Universität herrscht nun mal Forschungs- und Wissenschaftsfreiheit“, sie sei ein „Raum des offenen Diskurses“.

Das hatten rund 200 StudentInnen anders gesehen. Denn die Entwicklungspsychologin wollte über ein Thema sprechen, das in woken Kreisen, aber auch in mit ihnen sympathisierenden Medien, mit einem totalen Sprechverbot belegt ist: die Trans-Ideologie. Wohlgemerkt: Mit diesem Begriff ist nicht die Transsexualität als solche gemeint, sondern das Gedankengebäude der Transideologen, das sich mit teils abenteuerlichen Behauptungen von der Realität abgekoppelt hat. Zum Beispiel der, dass es mehr als zwei biologische Geschlechter gäbe. Oder der, dass es Menschen mit einer angeborenen „nichtbinären“ Geschlechtsidentität gäbe.

Uni-Rektorin Anja Steinbeck: "Es ist nicht akzeptabel, jemanden im Vorfeld zum Schweigen zu bringen“. - FOTO: HHU/Kay Herschelmann
Uni-Rektorin Anja Steinbeck: "Es ist nicht akzeptabel, jemanden im Vorfeld zum Schweigen zu bringen“. - FOTO: HHU/Kay Herschelmann

„Trans-Ideologie ist wissenschaftlich nicht haltbar, verbreitet falsche Vorstellungen über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und gefährdet deren Entwicklung.“ So hatte Prof. Bayen, die seit 2007 an der Heinrich-Heine-Universität lehrt, ihren Vortrag per Mail angekündigt. Und sie hatte alle Interessierten dazu eingeladen, sich mit ihr über ihre Thesen auszutauschen. Das hatten der AStA und weitere Studierendengruppen wie die TINBys (Trans- und Intergeschlechtliche sowie „Nonbinarys“) aber keineswegs vor. Sie riefen nicht nur zur Demo, sondern forderten, die Psychologie-Professorin zu canceln, und zwar komplett: Vortrag verbieten, die Professorin entlassen und vom Campus werfen. Grund: Ihre Thesen seien „menschenfeindlich“.

„In meiner Arbeit an der Universität diskriminiere ich selbstverständlich keine einzelnen Menschen oder Menschengruppen. Auch in meinem persönlichen Leben sind Menschen jeder Identität willkommen“, erklärt die dergestalt Beschuldigte. Auch ihr Vortrag vermittle schlicht einen Überblick über den Stand der psychologischen Forschung zum Thema und berücksichtige „bestehende Forschungslücken und wissenschaftliche Kontroversen“.

Der Vortrag fand statt - unter Polizeischutz. Rund 200 Studierende demonstrierten am Dienstagmorgen vor dem Unigebäude. Auch drinnen ging es reichlich laut zu. „Das Publikum hat Frau Bayen keinen Satz ausreden lassen und die ganze Zeit gegengeschrien. Von außen wurde gegen die Metallwände getrommelt. Ich fand das schon bedrohlich“, berichtet eine Zuschauerin im Gespräch mit EMMA. Dabei habe die Professorin einen sachlichen Vortrag gehalten, „und alles mit Studien belegt“.

Es ist nicht das erste Mal, dass an Unis unliebsame Stimmen eingeschüchtert und mundtot gemacht werden sollen. Das bekannteste Beispiel für die grassierende Cancel Culture ist der Skandal um Marie-Luise Vollbrecht. Die Biologin wollte im Juli 2022 an der Berliner Humboldt-Uni einen Vortrag über Zweigeschlechtlichkeit und die Verwirrung um die Begriffe „Sex“ (biologisches Geschlecht) und „Gender“ (Geschlechterrolle) halten.

Nach Protestens von Transaktivisten knickte die Unileitung ein und sagte den Vortrag ab – wegen „Sicherheitsbedenken“. Marie-Luise Vollbrecht ist seither Zielscheibe von Transaktivisten, die versuchen, die Biologin auch mit kostspieligen Klageverfahren einzuschüchtern.

Auch Prof. Susanne Schröter wollten Studierende zum Schweigen bringen. - FOTO: FFGI
Auch gegen Prof. Susanne Schröter machten Studierende an der Frankfurter Goethe-Uni mobil. - FOTO: FFGI

Das Ganze hat System. Deshalb meldete sich in der Causa Bayen das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit zu Wort. „Die Forderungen des ASTA und weiterer Studenten an der HHU Düsseldorf, die Vorlesung der Psychologin Prof. Dr. Bayen über Entwicklungspsychologie wegen angeblicher Transfeindlichkeit abzusagen, missachten die Wissenschaftsfreiheit grundlegend“, schreibt das Netzwerk. „Dasselbe gilt erst recht für Forderungen nach disziplinarischen Schritten gegen sie. Die wissenschaftlichen Hypothesen und Unterrichtsinhalte einer Forscherin sind Teil der Wissenschaft auch dann, wenn sie bestimmten Personen missfallen.“

Das Netzwerk, dem über 700 WissenschaftlerInnen angehören, hat sich 2021 gegründet, um „die Freiheit von Forschung und Lehre gegen ideologisch motivierte Einschränkungen zu verteidigen und zur Stärkung eines freiheitlichen Wissenschaftsklimas beizutragen“. Und das scheint bitter nötig.

„Was der Psychologie-Professorin in Düsseldorf gerade passiert, kenne ich nur zu gut von der Goethe-Universität in Frankfurt“, schreibt Prof. Susanne Schröter, Mitgründerin des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit, auf Facebook. „Auch ich habe Demonstrationen erlebt, wiederholte Forderungen, man möge mich entlassen, mir ein Campus-Verbot erteilen, meine Bücher aus der Bibliothek entfernen.“ In diesem Fall gefiel es den Protestierenden nicht, dass die Ethnologin Schröter mit ihrem „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“ sich immer wieder kritisch zum Islamismus äußerte. Als Schröter 2019 eine Konferenz zur Funktion des Kopftuchs initiierte, forderten – augenscheinlich gut orchestrierte – Studierende: „#SchröterRaus!“ (EMMA berichtete hier und hier)

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Heute warnt Schröter: „Die Universitäten sind zu Orten des Wahnsinns geworden. Immer wieder machen woke Studenten mit Unterstützung gleichgesinnter Dozenten und außeruniversitären Aktivisten mobil, um gegen Professoren vorzugehen, die ihre krude Ideologie infrage stellen. Damit haben sie es geschafft, dass die Orte, an denen eigentlich ein freier Diskurs auf der Basis transparenter und ergebnisoffener Forschung praktiziert werden sollte, Orte des ängstlichen Wegduckens, des Schweigens und der politischen Selektion von Forschungsthemen geworden sind.“

Denn längst geht es nicht mehr nur um das Canceln einzelner Vorträge, sondern um die Frage, zu welchen Themen überhaupt noch geforscht werden darf. „Ganze Themenbereiche sind mittlerweile aus der Forschung verschwunden“, so Schröter. „Dazu gehören kritische Migrationsforschung, Islamismus und auch eine kritische Geschlechterforschung, die sich nicht den wissenschaftsfernen Dogmen politischer Aktivisten beugt.“

Die Düsseldorfer Uni-Rektorin hat sich immerhin nicht gebeugt. Aber auch dieser Protest wird Folgen haben. Am Schluss ihres permanent gestörten Vortrags kündigte Prof. Bayen an: Wer seine Bachelor-Arbeit zum Thema Transidentität schreiben wolle, könne gern zu ihr kommen. Doch das, so berichtet die anwesende Zuschauerin, „wurde mit lautem Gejohle quittiert.“ Die Botschaft war klar: Um sich diesem Forschungsthema zu widmen, braucht die/der betreffende Studierende sehr viel Mut.

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