Wiedervereinigung: Die Macht der Sprache

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Wir befinden uns in einem Hörsaal der Leipziger Universität. Sprachwissenschaft. Die Dozentin stellt eine Frage: „Wer ist Ossi, wer ist Wessi?“. Wir sind 46 Ossis und drei Wessis, ergeben die Handzeichen. Und wir sind alle Frauen, wie es in den Geisteswissenschaften oft so üblich ist. Die Dozentin stellt eine zweite Frage: „Wer von Ihnen besteht darauf, ‚Studentin‘, und nicht ‚Student‘ genannt zu werden?“ Es schnellen drei Hände nach oben. Es dürfte klar sein, von wem.

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Prompt startet eine hitzige Debatte, die mit „Es ist doch völlig egal, wir sind doch mit gemeint“ – „Nein, sind wir nicht, das denken wir nur“ anfängt und bei „Lächerliches Westler-Rumgezicke“ und „Typisch ostdeutsche Ignoranz“ endet. Schon nach wenigen Minuten geht es nicht mehr um Sprache, sondern um ost- und westdeutsche Befindlichkeiten. Das passiert schnell, wenn OstlerInnen das Gefühl haben, von WestlerInnen ­belehrt zu werden – und WestlerInnen meinen, in Sachen Feminismus wieder beim Feuerstein anfangen zu müssen.

Unsere Dozentin, die auf diese Weise „lebensnah“ das Seminar zur „Feministischen Sprachwissenschaft“ einleiten wollte, ist angesichts des Tumults im sonst so schweigsamen Hörsaal sprachlos. Vermutlich beginnt sie zu ahnen, dass ein hartes Stück Arbeit auf sie zukommen wird.

Was Ost und West bis heute auch trennt, ist die eigentlich gemeinsame Sprache. Beim Thema „in“ für Personenbezeichnungen oder dem großen I scheiden sich die Geister, auch unter jungen Frauen, und auch unter jenen, die sich als femi­nistisch bezeichnen würden. Und das ­besonders im Osten. Weil „Feministische Sprachwissenschaft“ nicht auf dem Deutsch-Lehrplan der Schulen steht, und weil bis heute fast alles, was mit dem Prädikat „feministisch“ versehen ist, schnell in die West-Propaganda/Klassenfeind-Ecke abgeschoben und für den per se ­gleich­berechtigteren Osten sowieso als nicht ­zutreffend eingestuft wird.

Zu DDR-Zeiten stand „Werkzeugmacher“, „Kranführer“, „Arzt“ in den Arbeitspapieren der weiblichen Arbeitskräfte, die ihren männlichen Kollegen in Nichts nachstanden. Gleiche Arbeit, gleiche Rechte, ­gleiche Pflichten, gleiche Sprache. Darum ging es schließlich im Kommunismus. Doch im Gegensatz zu ihm hat der Frauen-negierende Sprachduktus erfolgreich überlebt.

Ich bin von der Herkunft Wessi und lebe seit zehn Jahren im Osten. Und ich bekomme noch immer Post, die an „Frau Redakteur“ adressiert ist, war Volontär Ross, bin der Anwohner, der Kfz-Halter, der Falschparker. Und nein, es ist mir noch immer nicht egal.

Denn es geht um Macht, um die Macht der Sprache. Sprache erschafft Welt, wie ­bereits Wilhelm von Humboldt 1825 ­herausfand. Und der kurze Blick zurück zu den Wurzeln der Sprachforschung lohnt sich, um zu verstehen, warum das, was wir da von uns geben, so wichtig ist. Das ­Unbekannte wird erst erschlossen, wenn wir es in Worte fassen können. Mit der Sprache entwickeln sich Gedankenmuster, die die Mentalität einer Kultur und ihre Identität bestimmen. Mit seinem Aphorismus „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ übte Wittgenstein einst kühne Sprachkritik und wusste vielleicht selbst noch nicht, in welchem Ausmaß er damit Recht behalten sollte.

Die Humboldtsche Erkenntnistheorie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von zwei weiteren Sprachforschern, Edward Sapir und seinem Schüler Benjamin Lee Whorf, aufgegriffen und radikalisiert. Die zwei gingen so weit zu sagen, dass Sprache nicht nur unsere Welt erschafft, sondern dass das Denken überhaupt erst durch unsere Sprache möglich ist. Einstellungen, Denkprozesse, Haltungen von Menschen sind ihrer Meinung nach die Ergebnisse von Sprachausübung.

Sapir und Whorf stützten sich dabei auf eine Beobachtung der Inuit. Zum Beispiel haben die Inuit 36 verschiedene Ausdrücke für Schnee, weil Schnee in ihrer Kultur eine lebenswichtige Rolle spielt. Er sagt ihnen, ob sie jagen gehen können, ob ein Unwetter heraufzieht oder ob in aller Ruhe am Iglu gebastelt werden kann.

Die Sprache zeigt, was wichtig ist in einer Kultur – und was nicht. Schnee ist in unserem Kulturkreis nur wichtig, wenn er die Autobahnen verstopft. Bezeichnungen, die über Schneeregen, Neuschnee usw. hinausgehen, kennen und brauchen wir nicht. Interessant ist in diesem ­Zusammenhang zum Beispiel, dass fundamentalistische islamische Strömungen das Wort „Frau“ verboten haben und durch „Familie“ ersetzen lassen. Mit der äußer­lichen Verschleierung geht die sprachliche einher – und mit beiden zusammen die Identität, ja Existenz von Frauen flöten.

Manchmal ist unser gedankliches ­Potenzial größer als unsere verbale Wirklichkeit und manchmal auch nicht. Zum Beispiel dann, wenn es um „schlechte und bessere Vögel“ geht, eine Theorie, die auf die Soziolinguistin Eleanor Rosh zurückgeht. Wenn wir das Wort „Vogel“ hören oder lesen, denken die meisten von uns an einen Spatz, eine Meise oder ein Rotkehlchen. Einen süßen, guten Vogel. Ein Flamingo, Pinguin oder Aasgeier käme uns eher nicht in den Sinn. Diese Vögel gehören nicht zu unseren Prototypen, sind also schlechte Vögel. Diese Theorie funktioniert auf jedem Gebiet unseres täglichen Lebens. Rosh hat zum Beispiel bewiesen, dass ein Spatz der beste Vogel, eine Erbse das beste Gemüse, ein Stuhl das beste Möbelstück und ein Hammer ein viel besseres prototypisches Werkzeug ist als ein Brecheisen oder eine Schraubzwinge.

Und ja, Roshs Prototypentheorie funktioniert auch für Menschen. Ob wir wollen oder nicht, wir denken normiert. Werden wir gebeten, an den Bürgermeister von Wanne-Eickel zu denken, werden wir ­diesen, es sei denn, wir sind Wanne-Eick­lerInnen, nicht kennen. Wohl aber werden wir alle einen Mann mittleren Alters in einem mittelprächtigen Anzug von der Stange und eventuell lichtem Haar vor ­unserem geistigen Auge aufblitzen lassen.

Unser Prototyp Mensch ist männlich, weiß, zirka 1,85 Meter groß, leicht untersetzt und zwischen 40 und 50 Jahre alt. Er kleidet sich nach allen Regeln des ­Mittelstandes, seine Haare werden zunehmend weniger. Er ist der Mustermann aller Mustermänner, der Spatz, die Erbse, der Stuhl, der Hammer. Die Krone der (Wort)Schöpfung. So zumindest will es unsere Sprache.

Genauer gesagt, das „generische Maskulinum“ will es so. Wir sagen „der ­Doktor“ und meinen eine Frau. Der syntaktische Anspruch des generischen Maskulinums liegt darin, beide Geschlechter einzuschließen, die Frau immer „mit zu meinen“, auch wenn nur die Männer ­benannt werden. Doch in Wahrheit liegt dieser Verallgemeinerung eine Fehlidentifikation zu Grunde, da sie eine Unschärfe durch vermeintliche Neutralisation produziert: Frauen haben eben nicht die ­gleichen Chancen des Gemeintseins wie Männer.

Feministische Sprachwissenschaftlerinnen wie Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz bewiesen anhand von Studien in den 1980er Jahren, dass der Ausschluss von Frauen ein grundlegendes Schema in unserer Kultur ist. Wir sehen die Welt durch ein männliches Prisma, das durch unsere Sprache mit geformt wird. Pusch belegt zum Beispiel, dass 88 Prozent der von ihr beobachteten Kinder (240) ihren Spielzeugen männliche Namen geben. Auf 94 Prozent aller von ihr untersuchten Biologie-Bücher ist ein männlicher Körper auf dem Cover, ebenso auf 93 Prozent aller medi­zinischen Bücher. Weitere Teststudien haben erwiesen, dass der herkömmliche Sprachgebrauch falsche innere Bilder ­erzeugt. Und auch wenn weibliche Formen existieren, sind es die männlichen, die ­dominieren. Ein Mann, der „Hebamme“ werden will, wird sofort in einen „Geburtshelfer“ umbenannt, aber eine Frau, die nicht mehr „Amtmann“ genannt werden will, muss dafür vor Gericht ziehen.

Nach Pusch gibt es im Deutschen nur einen Fall, in dem eine männliche Form von einer weiblichen abgeleitet wird – der Bräutigam. Auch werden Berufsbezeichnungen sprachlich aufgewertet, sobald ein Mann die Sphäre betritt: Ein männliches Zimmermädchen wird zum „Room-Boy“, eine Politesse zum „Hilfspolizisten“, eine Hebamme zum Entbindungshelfer, eine Sekretärin zum Assistent Co-Ordinator.

Gegen das generische Maskulinum spricht außerdem, dass es nicht konsequent ist. Es ist asymmetrisch: In Tageszeitungen wird oft darauf verwiesen, dass Frauen bei der Verwendung maskuliner Formen selbstverständlich miteinbezogen werden, in der Einzelberichterstattung wird dann aber doch auf die feminine Form zurückgegriffen. Unter einem Bild von Steffi Graf würde wohl kaum „der ehemalige Tennis-Spieler …“ stehen. Das innere Bild, das durch „der Tennis-Spieler“ entsteht, kollidiert mit dem tatsächlichen, das dann doch „die Tennisspielerin“ fordert.

Und so wichtig das „-in“ auch ist, es hat ebenfalls ein Geschmäckle. Unsere Sprache sagt uns sehr deutlich, wer die Norm ist, und wer die Abweichung. Die Norm gibt sich immer dadurch zu erkennen, dass sie nicht markiert werden muss. Das „-in“ ist die Markierung, die Spezifizierung der Norm. An dieser Stelle ist ­unsere Sprache defekt.

Aber besser defekt als unsichtbar. An Defekten kann man arbeiten. Den Sprachwissenschaftlerinnen Luise Pusch und Senta Trömel-Plötz ist es zu verdanken, dass Frauen herabwürdigende Paraphrasen aus dem Duden verschwunden sind, wie: „Vater liest ein Buch – Mutter liest Erbsen“, „Der Mann ist gebildet – Das Mädchen ist reizend“, „Während er mit Vollgas abbraust, braust sie die Kinder in der Wanne ab“, „Er rollt den Teppich aus, sie den Teig“. Die Feministische Sprachwissenschaft hat also durchaus Erfolge zu ­verbuchen, Sexismen in Schulbüchern sind nahezu komplett verschwunden.

In den Deutschbüchern von heute gehen auch die Mütter zur Arbeit, sorgen sich gleichermaßen die Väter um die ­Kinder, erleben auch Mädchen Abenteuer. In der direkten Kommunikation wäre es heute unhöflich, Frauen mit männlichen Personenbezeichnungen anzusprechen und auch in der Behördensprache hat sich viel getan (also nicht mehr „Frau Amtmann“ für die Gattin des Amtmannes).

Doch die Verwendung der Sprache ist noch immer ein Spiegel der Machtstrukturen in unserer Gesellschaft. Wir alle haben männliche Denkmuster internalisiert. Und unsere Geschichte und Kultur stützt diese Internalisierung, da Männer in unserer Lebenswelt omnipräsent sind. Wir sehen fast ausschließlich Männer in Führungspositionen und denken, das sei normal. Wir wundern uns nicht, warum jeden Abend in der Tagesschau ausschließlich kampfwütige Männer in den Straßen Bagdads zu sehen sind, wenn aus dem Irak berichtet wird und von „den Irakern“ die Rede ist.

„Du sollst nicht begehren deines nächsten Weib“, heißt es in den zehn Geboten, in der deutschen Nationalhymne sind es „Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang“, die die Männerwelt zu „Edler Tat begeistern“ ­sollen. Für den Dekonstruktivisten Jacques Derrida existierte die Frau einfach nicht, da die gesamte Weltordnung ­phallo­kra­tisch ist.

Für Frauen ist es vertretbar, hin und wieder „Doktor“ oder „Lehrer“ genannt zu werden. Kein Mann würde sich „Lehrerin“ oder „Krankenschwester“ nennen lassen, es sei denn, er wäre schwul und hätte Humor. Feminisierung bedeutet für den Mann immer Deklassierung. Ein Hund macht Männchen, wir reden von Vater Staat, dem großen Bruder, den Marsmännchen, Ampelmännchen oder dem Mann im Mond. Und Gott ist ja ­irgendwie auch ein Kerl.

Mit den Mars- und Ampelmännchen können wir wahrscheinlich noch ganz gut leben, doch der Ausschluss von Frauen in unserer Sprache hat tiefer gehende Konsequenzen. Zum Beispiel durften Frauen in der Schweiz bis 1971 nicht wählen, weil der Gesetzestext sie nicht mit eingeschlossen hat, und nur „jeder Schweizer Bürger“ wahlberechtigt war. Nur nebenbei: Steuern zahlen mussten Frauen auch in der Schweiz.

Umfragen kamen zu ganz anderen Ergebnissen, wenn Frauen gleichermaßen benannt werden. Auf Stellenanzeigen, die mit der femininen Form ausgeschrieben werden (Bezirksleiter/innen), antworten dreimal so viele Frauen wie ohne sie. Eigentlich ist die sprachliche Gleichbehandlung in Stellenanzeigen gesetzlich festgelegt, Regelverstöße werden jedoch nicht geahndet.

Das Schlüsselverzeichnis der Bundesagentur für Arbeit verwendet weiterhin überwiegend maskuline Berufsbezeichnungen und das, obwohl die Bezeichnung des Berufs nachweislich unmittelbar mit der Identität, Selbstachtung und Würde des Menschen zu tun hat. Festgestellt wurde auch, dass sich Männer mit Texten jeder Art besser identifizieren können, da alle Nomina Agentis, sprich die ­sprach­lichen Handlungsträger, ihrem natürlichen ­Geschlecht entsprechen. Frauen können sich in Tarzan hinein versetzen, echte Männer sich aber niemals in Jane.

Doch ohne gleichberechtigende Sprachnormen und -systeme keine politisch-­gesellschaftlichen Veränderungen. Die Parteien Deutschlands benutzen die Anrede „liebe Bürgerinnen und Bürger“ erst, seit Frauen in den 1980ern als ernst zu nehmende Wählerinnen erkannt wurden. Kein Poli­tiker und keine Politikerin würde es heute in öffentlichen Diskussionen riskieren, die Hälfte seiner/ihrer möglichen WählerInnen sprachlich auszuschließen.

Das Kernproblem jedoch bleibt bestehen: Wir Frauen sind zu loyal. Zu loyal gegenüber unserer patriarchalen Zivilisa­tion, loyal gegenüber Witzen über Stief- und Schwiegermütter. Renate Künast wird gefragt, ob sie was gegen Röcke habe, Angela Merkel hin und wieder „Frau Bundeskanzler“, in Comedy-Programmen gar „Das Merkel“ oder „Muttchen“ genannt und niemand regt sich auf. Über die Annahme, dass sich Gerhard Schröder die Haare töne, wurde monatelang diskutiert, seine Männlichkeit dabei jedoch nie in Frage gestellt.

Wenn Frauen in der Sprache gleichermaßen präsent sind, sind sie es auch in der Wirklichkeit. Für holländische Tageszeitungen ist es völlig normal, immer auch die weiblichen Formen zu verwenden. In Ländern, in den der Machismo stark ausgeprägt ist, wie Italien, Mexiko oder ­Spanien, wurde eine sprachliche Gleichbehandlung gesetzlich festgelegt, was weitreichende Verbesserungen in Sachen Gleichberechtigung auf den Weg gebracht hat. In England und Irland existieren mittlerweile sprachliche Antidiskriminierungsgesetze, deren Einhaltung staatlich überprüft wird. So wurden aus den „firemen“ die „firefighter“. Siehe da, Sprache ist genderbar.

Bedenken wir, wie sehr Sprache und Denken zusammenhängen, wird deutlich, welche Bedeutung den beiden Buchstaben I und N eigentlich zukommt. Eine männlich dominierte Sprache verneint die Geschichte und die Wirklichkeit einer weiblichen Tradition, macht uns Frauen in der Gegenwart und für die Zukunft unsichtbar. Doch es reicht, dass Frauen in Geschichtsbüchern als Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Aktivistinnen oder Philosophinnen ignoriert werden! Die Sprachlosigkeit von heute liegt in der Hand jeder Sprecherin. Das gene­rische Maskulinum ist ein vom Patriarchat geschaffenes Privileg, kein Naturereignis. Sprache ist veränderbar.

Darf ich hoffen, liebe Kommilitoninnen, dass auch Ihr in nicht allzu ferner Zeit vom Studenten zur Studentin avanciert?

Weiterlesen
Senta Trömel-Plötz: „Gewalt durch Sprache.“ (Fischer TB) und „Frauensprache. Sprache der Veränderung“ (Frauenoffensive). – Luise F. Pusch: „Das Deutsche als Männersprache“; „Alle Menschen werden Schwestern“; „Die Frau ist nicht der Rede wert“ (Suhrkamp).

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