Alice Schwarzer schreibt

Tell us, Yoko! – Ein Interview

Yoko Ono: "Die Power der Frauen ist groß."
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Dies ist nicht deine erste Ausstellung in Deutschland, Yoko. Was wird das Besondere oder Neue in Bielefeld sein?
Ich habe noch nie zuvor so eine umfangreiche Ausstellung meiner Arbeit in Deutschland gemacht. Ich würde sagen, dass diese Ausstellung tatsächlich sehr anders ist als jede Ausstellung, die ich in anderen Ländern gemacht habe, denn es sind einige neue Werke dabei, die durch meine Begegnung mit Bielefeld inspiriert wurden.

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Du warst in den 70er und 80er Jahren an der Seite von John Lennon Opfer einer wahren Hexenjagd. Begegnet man dir heute als Künstlerin unvoreingenommener?
Vorurteile sind immer noch da. Aber für mich ist das nicht so traurig wie für die Menschen, die solche Vorurteile mit sich herumtragen. Vorurteile begrenzen die eigene Lebenserfahrung.

Hast du die Häme und den Hass, mit dem du damals verfolgt wurdest, inzwischen verarbeitet? Oder belastet dich das bis heute?
Ja, es war hart. Es war schmerzhaft. Aber in meinem Privatleben hatte ich zum Glück eine unglaublich gute Beziehung mit meinem Ehemann. Außerdem glaubte ich an die Arbeit, die ich für die Zukunft der Menschheit gemacht habe. Das hat mich ausgefüllt.

Wie ist heute die Lage der Künstlerinnen in Amerika? Auch im Vergleich zu der Zeit vor der Women’s Liberation?
Die ist immer noch nicht gut. Es ist ja auch bekannt, dass der Preis für ein Werk eines männlichen Künstlers höher ist, als der für ein vergleichbares Werk einer Frau. Aber ich denke, uns Künstlerinnen geht es so viel besser als vielen anderen Frauen in unserer Gesellschaft. Wir haben durch unsere Arbeit eine Stimme, egal wie stark – während so viele tapfere Frauen in unserer Gesellschaft schweigend die Ungerechtigkeit erleiden. Ich denke immer an diese Frauen und mir ist klar, was für ein Glück ich habe.

Du hast dich schon immer leidenschaftlich für den Frieden engagiert. Was meinst du: Stehen die Chancen für Frieden in der Welt heute besser oder schlechter als zu Zeiten deines Bed-In für Peace 1969?
1969 standen wir alleine da. Jetzt stehen viele, viele von uns überall auf der Welt zusammen. Es ist eine bessere Zeit, denke ich.

Was hältst du von der Rolle der USA in Afghanistan und Irak? Und welche Strategie würdest du heute einem amerikanischen Präsidenten in Bezug auf den Iran raten?
Ich glaube an die Stärke der grassroots, Graswurzeln. Wir sollten Frieden denken, Frieden machen, Frieden verbreiten und uns eine friedliche Welt für unsere Zukunft vorstellen. Vorstellungskraft und Überzeugung! Lass uns damit anfangen, anstatt unsere Energie mit Lamentieren über das zu verschwenden, was passiert.

Zur Zeit gibt es in Deutschland Stimmen in den Medien, die erklären, der Feminismus der zweiten Welle sei überholt und von gestern. Wie siehst du als "Feministin der zweiten Welle" das?
Das bedeutet nur, dass wir erfolgreich sind. Die Power der Frauen ist jetzt so groß, dass manche Menschen uns die Beine wegziehen wollen. Hör’ einfach nicht auf so einen Unsinn. Viele gute Dinge werden zerstört aufgrund der Eifersucht und Angst anderer Menschen. Wir sollten uns keine Angst machen lassen.

Im Spiegel stand, die Feministinnen deiner, unserer Generation seien unkreativ und dogmatisch gewesen und hätten keinen Fun gehabt. Wie war das also damals, Yoko, Ende der 1960er, Anfang der 1970er mit der women’s lib?
Sollen wir denn etwa Sinn für Humor haben angesichts von Frauen, die Unterdrückung und Gewalt erleiden? Hör’ einfach nicht auf Menschen, die irgendetwas sagen, was uns daran hindern soll, wir selbst zu sein. Ja, Frauen hatten und haben Spaß! Aber nicht in ernsten und traurigen Situationen.

Es wird zur Zeit auch das Verhältnis von so genannt "jungen Frauen" zu der älteren Frauengeneration diskutiert. Siehst du Unterschiede – oder Gemeinsamkeiten – zwischen den Generationen?
Es ist schlicht Zeitverschwendung, über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Generationen nachzudenken. Jeder Mensch ist anders. Die Tatsache, dass der Feminismus Frauen vieler verschiedener Generationen, Herkünfte, Traditionen und Berufe umfasst, macht die Bewegung so stark.

Eines deiner Projekte in Bielefeld heißt "My Mommy is beautiful". Du hast es ein "Partizipationsprojekt" genannt. Was soll da passieren?
Jede und jeder soll ein Foto der eigenen Mutter mitbringen und es in das Werk kleben, das "Meine Mutter ist schön" heißt. Du solltest auch etwas über sie unter das Foto schreiben. Das ist wahrscheinlich das erste Mal, dass deine Mutter öffentlich anerkannt wird. Deine Mutter ist schön. Sie gab dir dein Leben und mehr. Sie muss von uns allen anerkannt werden: von der Welt.

Und was tust du gerade?
Ich schreibe meine Antworten auf deine Fragen. Alles Liebe, Yoko.

Das Gespräch führte Alice Schwarzer. - EMMA 5/2008

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Porträt von Yoko Ono (5/2008)

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