Die Jahre 1971 bis 1975: So fing es an!

Die deutschen Frauen rebellierten spĂ€ter als die Women’s lib in Amerika, das Mouvement de femmes in Frankreich oder die Dollen Minnas in Holland. Das Erbe ihrer MĂŒtter, der von Hitler auf Kinder & KĂŒche beschrĂ€nkten „deutschen Frau“, wirkte lange nach. Und auch der Rechtfertigungsdruck gegenĂŒber der dominanten Linken, fĂŒr die Frauen nur ein „Nebenwiderspruch“ waren, wirkte lĂ€hmend. Doch dann ging es los!

"Privilegierte haben in der Geschichte ihre Rechte noch nie freiwillig preisgegeben. Deshalb fordern wir: Frauen mĂŒssen ein Machtfaktor innerhalb der ausstehenden Auseinandersetzungen werden! Frauen mĂŒssen sich selbst organisieren, weil sie ihre ureigensten Probleme erkennen und lernen mĂŒssen, ihre Interessen zu vertreten."
Beifall der Mehrheit. Buhrufe von Einzelnen. Es war schon spĂ€ter Nachmittag, als diese inzwischen historischen SĂ€tze durchs Mikrophon klangen. SĂ€tze, mit denen – ein halbes Jahrhundert nach dem Ende der ersten deutschen Frauenbewegung – die zweite deutsche Frauenbewegung geboren wurde.
Ort des Geschehens: die Frankfurter Jugendherberge am Ufer des Mains. Tag: der 12. MĂ€rz 1971. Geburtshelferinnen: circa 450 Frauen von 40 Gruppen aus der ganzen Bundesrepublik, hier versammelt zum ersten „Bundesfrauenkongress“. Hinter ihnen lagen stĂŒrmische Monate. HĂ€tte diesen 450 Frauen ein Jahr zuvor jemand prophezeit, sie wĂŒrden an der Wiedergeburt der Frauenbewegung beteiligt sein – die meisten unter ihnen hĂ€tten wohl unglĂ€ubig den Kopf geschĂŒttelt. Denn schon damals galt der Begriff „Feminismus“ als Schimpfwort – auch und gerade in den Reihen politisierter Frauen.
Auf der Suche nach einer fotogenen Frauenbewegung in den eigenen Landen hatte selbst Brigitte noch im FrĂŒhling ‘71 kokett geklagt: „Deutsche Frauen verbrennen keine BĂŒstenhalter und Brautkleider, stĂŒrmen keine Schönheitskonkurrenz und emanzipationsfeindlichen Redaktionen, fordern nicht die Abschaffung der Ehe und verfassen keine Manifeste zur Vernichtung der MĂ€nner. Es gibt keine Hexen, keine Schwestern der Lilith, wie in Amerika, nicht einmal Dolle Minnas mit Witz wie in Holland, es gibt keine wĂŒtenden Pamphlete, keine kĂ€mpferische Zeitschrift. Es gibt keine Wut.“
Nun gab es sie, die wĂŒtenden Schwestern. Mehr als Brigitte & Co recht sein konnte. Denn die Wut richtete sich sehr, sehr rasch nicht nur gegen den § 218, sondern gegen das ganze Weiblichkeitsdiktat. Auslöser war das Abtreibungsverbot, Hintergrund die zunehmende Infamie und Schizophrenie der neuen Frauenrolle: ein bisschen berufstĂ€tig, gleichzeitig perfekte Hausfrau, gute Mutter, flotte Geliebte – das war Anfang der 70er das neue Ideal, nach dem wir Frauen uns strecken durften. An diesem Pulverfass fehlte nur noch der Funke, doch wer sollte den zĂŒnden?
Im April 1971 hatten 343 Französinnen öffentlich erklĂ€rt: „Wir haben abgetrieben, und wir fordern das Recht auf freie Abtreibung fĂŒr jede Frau!“ Initiiert worden war die Aktion vom Pariser „Mouvement de libĂ©ration des femmes“ (MLF). Veröffentlicht hatte den Appell die linksliberale Wochenzeitschrift Le Nouvel Observateur.
Der Zufall spielte eine Rolle dabei, dass die Aktion so rasch und so zĂŒndend in die benachbarte Bundesrepublik importiert wurde: Alice Schwarzer, damals Korrespondentin in Paris und selbst aktiv im MLF, transportierte die Idee zu den deutschen Schwestern. Nun galt es Frauen zu finden, die mitmachten. Da es in Deutschland noch keine Frauengruppe gab, die, wie die Pariserinnen, die Aktion zentral hĂ€tte tragen können, klopfte Alice an viele TĂŒren, inklusive SPD-, DKP- und Gewerkschaftsfrauen – alle lehnten ab. Argument: „Eine solche Aktion wĂŒrde uns nur schaden, das wirkt unseriös“ oder: „Das wĂŒrde die Basis schockieren“.

Von den landesweit nur noch vier existierenden Frauengruppen der 68er Bewegung waren drei bereit mitzumachen: in Frankfurt die liberale „Frauen-aktion 70“, in Berlin der „Sozialistische Frauenbund Berlin“ und in MĂŒnchen die „Roten Frauen“. Nur der studentische Frankfurter „Weiberrat“ wies die Aktion pikiert von sich, er fand sie „unpolitisch“ und „reformistisch“. Die drei Frauengruppen brachten innerhalb weniger Wochen etwa die HĂ€lfte der 374 Unterschriften zusammen, den Rest bekam Alice Schwarzer durchs Schneeballsystem zustande: Eine Frau erzĂ€hlte es der anderen, Freundinnen, Kolleginnen, Nachbarinnen ĂŒberlegten gemeinsam.
Der Mut dieser Frauen war ungeheuerlich. Was das damals bedeutete, ĂŒberhaupt eine Abtreibung zuzugeben – von einem öffentlichen GestĂ€ndnis ganz zu schweigen! –, kann sich heute kaum noch jemand vorstellen. Das war einfach eine Ungeheuerlichkeit, die man selbst der besten Freundin nicht gestand.
Alle 374 Frauen hatten Angst. Angst vor juristischen Folgen (Werden sie uns ins GefÀngnis stecken?); Angst vor sozialen Konsequenzen (Verliere ich meine Stelle?); Angst vor Psychodramen (Kriegt meine Mutter eine Herzattacke? Was sagt mein Freund/Mann dazu? Sprechen meine Nachbarn noch mit mir?).
Unter den ersten 374 Frauen, die sich selbst öffentlich der Abtreibung bezichtigten und dieses Recht fĂŒr alle Frauen forderten, waren ganze neun Schauspielerinnen (und auch sie riskierten ihre Karriere, ihren Ruf). Die restlichen 365 waren SekretĂ€rinnen, Hausfrauen, Studentinnen, Arbeiterinnen, Angestellte. Die Ă€lteste war 77 (die Hamburger Hausfrau Adele Heldmann), die jĂŒngste 21 (die Berliner Friseurin Marita Spittmann).
Am 6. Juni 1971 zerriss das öffentliche GestĂ€ndnis der 374 das Komplott des Schweigens. Millionenfach lag der Stern an den Kiosken, auf dem Titel Namen und Gesichter bekannter und unbekannter Frauen, die gemeinsam erklĂ€rten: „Wir haben abgetrieben! Wir fordern keine Almosen vom Gesetzgeber und keine Reform auf Raten! Wir fordern die ersatzlose Streichung des § 218!“
Es war eine wahre Explosion. Frauen im ganzen Land schlossen sich zusammen. Unterschriften wurden gesammelt. In BĂŒros, Fabriken, UniversitĂ€ten, Stadtteilen. Endlich wagten es Frauen, sich die alltĂ€glichen DemĂŒtigungen und psychischen VerstĂŒmmelungen einzugestehen, die ihnen der § 218 zufĂŒgte. Irene M., eine 38-jĂ€hrige Hausfrau aus Freiburg: „WĂ€hrend ich mit ihm schlafe, denke ich immer nur daran – an die Angst vor der ungewollten Mutterschaft.“
Und dann die Bevormundung. Durch EhemĂ€nner, KirchenmĂ€nner, Ärzte, Richter, Politiker. Dieses Betteln-MĂŒssen um die gnĂ€dige Erlaubnis zum Nichtaustragen einer ungewollten Schwangerschaft... Und die Verlogenheit der ganzen Gesellschaft, ihre Doppelmoral.
Denn um den Fakt, ob nun abgetrieben wird oder nicht, ging es ja in Wahrheit nie. Frauen haben ungewollte Schwangerschaften immer und unter allen UmstÀnden unterbunden. Und das Risiko konnte sie nicht schrecken. Selbst die drohende Todesstrafe im Dritten Reich nicht...
WĂ€hrend so genannte Experten – Theologen, Mediziner, Juristen und Politiker – ĂŒber den „Beginn des personalen Lebens“, die „Seele des Fötus“, die „völkerpolitischen Aspekte“ und das „zu schĂŒtzende Rechtsgut“ debattierten, hatten die Frauen bis dahin geschwiegen. Und gehandelt. Dass sie dies tĂ€glich zu Tausenden heimlich taten, begriffen sie selbst erst nach dem Eklat der öffentlichen Selbstbezichtigung. Vom scheinbar privaten Problem wurde der § 218 nun zum Politikum.
Und die Medien? Von rechts bis links versuchten sie, zunĂ€chst nur eines: abzuwiegeln und zu diskreditieren. FĂŒr Bild kam der „Protest zehn Jahre zu spĂ€t“. FĂŒr die SĂŒddeutsche Zeitung handelte es sich um reinen „Exhibitionismus“, und die Frankfurter Rundschau sichtete „Konsumwahn“ und die „Vernichtung unwerten Lebens“. Zur Freude Kardinal JĂ€gers, der es sich nicht nehmen ließ, von einem „neuen Euthanasieprogramm“ zu sprechen. Doch war der Frauenprotest so stark, dass die MĂ€nnermedien schließlich klein beigaben und einschwenkten.
Und die Politiker? Ab 1969 hatte die Liberalisierung des § 218 eigentlich zum „Reform-Paket“ der SPD-FDP-Koalition ge­hört. Doch die wie auch immer geartete Reformabsicht des §218 wĂŒrde wohl noch heute in den Schubladen der Sozialdemokraten schlummern, hĂ€tte es den Druck der Frauen von außen nicht gegeben.
Einen softeren Kurs schlugen auch die linken Genossen in Sachen § 218 erst ein, nachdem klar war, dass es sich um eine „Massenbewegung“ handelte.
Diese ersten Wochen und Monate nach dem 6. Juni 1971 waren einfach mitreißend. Die BuchhĂ€ndlerin Ute Geißler aus MĂŒnchen: „Als ich die Selbstbezichtigung unterschrieb, hatte ich noch mĂ€chtig Angst. Und dann, als wir ein paar Wochen spĂ€ter morgens um sechs diese Hausdurchsuchung hatten, da war klar: Wir wĂŒrden uns nicht mehr einschĂŒchtern lassen.“
Nacht-und-Nebel-Aktionen der Polizei, wie die in MĂŒnchen, wo eine Razzia gemacht wurde, schwĂ€chten die Aktion 218 nicht, sondern stĂ€rkten sie eher. Sie brachten eine Welle der Sympathie. Und – eine weitere Welle von Hilfe suchenden Frauen.
Damit standen die Aktivistinnen der „Aktion 218“ erst einmal ganz allein da: mit den Tausenden von Frauen, die Rat und Abtreibungsadressen brauchten. Einziger Ausweg: die IllegalitĂ€t im eigenen Land oder die Reise ins Ausland. Die ersten Kontakte mit dem Ausland wurden geknĂŒpft. Am 20. November 1971 gingen in fast allen LĂ€ndern der westlichen Welt Frauen auf die Straße: fĂŒr das Recht auf Abtreibung und fĂŒr die Selbstbestimmung der Frau! Allein in Paris demonstrierten 4.000, darunter Simone de Beauvoir.
Vier Monate spĂ€ter beriefen die deutschen Frauengruppen der „Aktion 218“ den allerersten „Bundesfrauenkongress“ ein. Am 11. MĂ€rz reisten 450 Frauen aus 40 Gruppen an, geografisch wie politisch von allen Horizonten. Es trafen aufeinander: geschulte Genossinnen und aufmĂŒpfige Hausfrauen, interessierte Parteifrauen und versprengte Urfeministinnen. Zwei Tage lang wurde im Plenum und in vier Arbeitsgruppen heiß diskutiert.
In der Arbeitsgruppe 1 ging es um „die GrĂŒnde fĂŒr die Selbstorganisation von Frauen“; in der Arbeitsgruppe 2 um „die Situation der erwerbstĂ€tigen Frau“; in der Arbeitsgruppe 3 um „die Funktion der Familie in der Gesellschaft“; in der Arbeitsgruppe 4 um die „Aktion 218“.
Die Emanzipation der Frauen stand auf der Tagesordnung. Dazu waren schon 1972 die Meinungen so bunt wie die Zusammensetzung des Kongresses. Als Konsens schĂ€lte sich heraus: Erstens ist die Frauenfrage nicht lĂ€nger der Klassenfrage unterzuordnen. Zweitens mĂŒssen wir Frauen unsere Sache selbst und autonom in die Hand nehmen.
Die Arbeitsgruppe „Familie“ stellte eine Liste konkreter Forderungen auf, darunter: gleicher Lohn fĂŒr gleiche Arbeit, Teilzeitarbeit fĂŒr MĂ€nner und Frauen, Aufhebung der Rollenteilung in der Familie, Babyjahr fĂŒr MĂŒtter wie VĂ€ter, unentgeltliche 24-Stunden-KindergĂ€rten sowie Großwohnungen zu Niedrigmieten und gegen die Isolation der Kleinfamilie.
Die Arbeitsgruppe „Aktion 218“ erinnerte daran, dass die Mehrheit der Bevölkerung (83 % aller befragten BundesbĂŒrgerinnen) gegen den § 218 ist. Aus Protest gegen ein fĂŒr April geplantes nichtöffentliches Hearing der Bundesregierung in Bonn kĂŒndigte der Frauenkongress fĂŒr den 14. Mai 1972, den Muttertag, ein „Tribunal“ zum § 218 in Köln an.
In der offiziellen PresseerklĂ€rung am Sonntag, den 12. MĂ€rz, hieß es: „Auf dem Kongress kamen wir ĂŒberein, uns separat zu organisieren, solange Frauen in besonderer Weise mehr unterdrĂŒckt sind als MĂ€nner. Wir rufen alle Frauen auf, sich fĂŒr die Durchsetzung ihrer berechtigten Interessen selbst zu organisieren.“
Die Frauenbewegung war geboren. Neun Monate nach ihrer InitialzĂŒndung im Stern. Als die 450 Frauen an diesem Abend erschöpft auseinander strebten, ahnten wohl die wenigsten unter ihnen, welchem historischen Moment sie da beigewohnt hatten.
Die Saat geht auf. Die Frauenbewegten sind in aller Munde.
In Frankfurt machen Frauen ein Go-in im Dom: „Ungeborenes wird geschĂŒtzt, Geborenes wird ausgenĂŒtzt!“; „Hört nicht auf das GeschwĂ€tz der Pfaffen – wir Frauen werden’s selber schaffen!“ Sie platzen in die Jahreshauptversammlung des reaktionĂ€ren Ärzteverbandes „Hartmannbund“ und bewerfen die Herren mit Mehl und Binden: „StĂŒrzt die Ärztegockel von ihrem Medi-zinersockel!“ Sie stĂŒrmen eine Disco-Miss-wahl und decken die Jury mit SchweineschwĂ€nzen und -haxen ein: „Ihr verkauft hier unser Knie wie der Bauer ein StĂŒck Vieh!“; „VorwĂ€rts zur Schwanzvermessung der Jury!“
In Berlin planen KĂŒnstlerinnen die Ausstellung „Von Frauen – fĂŒr Frauen – mit Frauen“, doch der Senat verbietet sie im letzten Moment. In Köln veranstalten die Gruppen der „Aktion 218“ ein zweitĂ€giges „Tribunal“ gegen alle BefĂŒrworter des § 218.
„Mörderinnen“ nennt die katholische Kirche schlicht alle gegen § 218 kĂ€mpfenden Frauen. „Wir treiben auch legal nicht ab“, erklĂ€rt eine Mehrheit der Ärzte fĂŒr den Fall einer Reform des § 218. „Treibt doch mit dem Feuerhaken ab!“, antworten Ärzte des Hartmannbundes auf den Protest der Frauen.
In der Bundesrepublik verdiente 1973 eine Arbeiterin stĂŒndlich 2,60 DM weniger als ihr mĂ€nnlicher Kollege. Und zu Hause? Da werden die Frauen noch nicht einmal unterbezahlt, sondern mĂŒssen gratis arbeiten. Die „Deutsche Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung e.V.“ errechnete 1973, dass alleine in der Bundesrepublik die Hausfrauen (Voll- wie Feierabendhausfrauen) jĂ€hrlich 45 bis 50 Milliarden Stunden Gratisarbeit leisten. Die Zahl der Lohnarbeitsstellen belief sich gleichzeitig auf 52 Milliarden.
Bedenkt man, dass all diese gesellschaftlich ja notwendige Gratisarbeit fast ausschließlich von Frauen gemacht wird, und dass Frauen ein Drittel der Berufsarbeit leisten, so bedeutet das: In der Bundesrepublik leisten Frauen zwei Drittel der gesamtgesellschaftlich notwendigen Arbeit – MĂ€nner hingegen nur ein Drittel. (Anm. 2001: Diese Zahl wurde 20 Jahre spĂ€ter von der UNO bestĂ€tigt, die hinzufĂŒgte: DafĂŒr erhalten Frauen 10 % des Lohns und 1 % des Besitzes.)
Das war das neue Frauenleitbild: Frauen durften nicht nur berufstĂ€tig sein, sie sollten es sogar. In KĂŒche und Kinderzimmer ohne Widerspruch und schuldbewusst – weil berufstĂ€tig; im BĂŒro und am Fließband willig und billig – weil in erster Linie Ehefrau und Mutter. Feministinnen waren die Ersten, die die Doppelbelastung zum Thema machten.
Beschleunigt werden die Erkenntnis-prozesse durch die LektĂŒre auslĂ€ndischer, vor allem amerikanischer Feministinnen. Betty Friedans „Weiblichkeitswahn“, der die VerstĂŒmmelung einer Hausfrauenexistenz zeigt. Kate Millets „Sexus und Herrschaft“, die die Funktion von Pornografie und „Sexualpolitik“ analysiert. Oder Valerie Solanas „Manifest zur Vernichtung der MĂ€nner: SCUM“ (Society for Cutting Up Men) – der erste Exzess des Hasses, der sich endlich nicht gegen die Opfer, sondern gegen die TĂ€ter richtet.
In Frankfurt machen Frauen aus der Sponti-Gruppe „RevolutionĂ€rer Kampf“ („Die Herrschaft der SchwĂ€nze hat eine Grenze!“) 1972/73 eine Serie von FlugblĂ€ttern. Motto: „Frauen gemeinsam sind stark!“ Bei den Sponti-Gruppen bilden sich die ersten Frauengruppen.
Die Abrechnung mit der alternativen Linken war in dieser Zeit fĂŒr die junge deutsche Frauenbewegung ebenso wichtig  wie der Kampf gegen die Etablierten. „Jenny, wir kommen!“, verkĂŒndete in MĂŒnster ein Flugblatt und erklĂ€rte auch gleich, warum: „Jenny von Westfalen – das ist die Frau von Marx. Besser gesagt: seine Putzfrau, Köchin, Waschfrau, Prostituierte, GebĂ€rmaschine – und das alles ohne jede arbeitsrechtliche Regelung, ohne geregelte Arbeitszeit, ohne Lohn. Karl hat nicht einen Finger gekrĂŒmmt im Haushalt, außer dass er mit der HaushĂ€lterin bumst, ihr ein Kind macht und dazu noch zu feige ist, das zuzugeben. Aber am Schreibtisch sitzen und dicke WĂ€lzer schreiben, groß von der Befreiung der Menschheit quatschen... Wir sind alle Jennys! Denn wir leben in einem System der MĂ€nnerherrschaft.“
Und sodann erzĂ€hlt das Jenny-Flugblatt von den westfĂ€lischen Schwestern, was sonst noch alles los ist in der Welt: „In Berlin gibt’s mehrere Frauengruppen, zum Beispiel ‘Brot und Rosen’, die machen ab Februar eine Ausstellung, Filme und Straßentheater. NĂ€heres auf Anfrage. Und am 10./11. Februar ist Weibertreff in MĂŒnchen. Ja, und dann ist ein Sternmarsch nach Bonn geplant, wegen § 218. Wer will, verabredet sich mit uns.“ Die aufbegehrenden Frauen wussten voneinander.
FlugblĂ€tter. Treffen. Aktionen. BroschĂŒren. Erste Zeitungen. Kongresse. Dekla- rationen. Die außerparlamentarische Frauenbewegung wurde zum ernst zu nehmenden Faktor. Nun begannen auch die Frauen in den Parlamenten unruhig zu werden. Vor allem die Sozialdemokratinnen. Die EinschĂŒchterung innerhalb der mĂ€nnerdominierten Parteien hatte es bisher verhindert, dass die Politikerinnen sich aus eigener Kraft auflehnten. Doch die Impulse von außen bestĂ€rkten sie.
Auf der SPD-Bundesfrauenkonferenz 1970 in NĂŒrnberg waren sie etwa 30 Genossinnen. „Wir haben eine Nacht lang zusammengehockt und ein Papier erarbeitet: Welchen Sinn politische Frauenarbeit haben kann, warum es sinnvoll ist, diese Arbeit zunĂ€chst auf Frauen zu beschrĂ€nken.“ Als die SPD-Genossinnen dann in Frankfurt ein Flugblatt machten („Zum Muttertag Mon ChĂ©ri...“), beschloss der SPD-Parteivorstand kurzerhand, dieses Flugblatt einstampfen zu lassen: „Weil es in der Öffentlichkeit schĂ€dlich wĂ€re und vom WĂ€hler nicht verstanden wĂŒrde.“
Dorothee Vorbeck, die damalige AsF-Vorsitzende: „Der Frauenbereich wird eben ausgespart in der Partei. ZunĂ€chst mal mit dem Argument: Das ist nicht politisch. Dann kommt das nĂ€chste: Das schadet der Partei. Der wahre Grund ist natĂŒrlich, dass jeder Einzelne von den MĂ€nnern ganz elementar betroffen ist, persönlich profitiert von der UnterdrĂŒckung der Frauen.“
Die Frauenbewegung stellte alle traditionellen Organisationsformen und Kommunikationswege in Frage und war in ihrem harten feministischen Kern antiautoritĂ€r, antihierarchisch und eher anarchistisch. Nur die ĂŒberregionalen Treffen vermittelten den einzelnen Gruppen in dieser Zeit das GefĂŒhl einer Gemeinsamkeit. Darum strebten alle mit Eifer und Wonne zu solchen Treffen.
Zum „Frauentreffen“ in MĂŒnchen kamen am 10./ 11. Februar 1973 Hunderte in die Kunsthalle am Englischen Garten. Auch aus Paris reisten zwei Frauen an, Annie Cohen und Alice Schwarzer (die damals noch in Frankreich lebte). Sie brachten zwei französische Ärzte mit und organisierten die allererste Demonstration der bis dahin unbekannten, schonenden Absaugmethode in Deutschland. Auf dem Programm stand erstmals auch der magische Begriff „Consciousness raising“ (CR-Gruppen), auch Klein- oder Quatschgruppe genannt. Das Prinzip der CR-Gruppe lag nahe, das Rezept kam aus den USA.
Freiburgerinnen ĂŒber ihre CR-Gruppen-Erfahrungen im ersten „Frauenjahrbuch“: „Frauen haben bis jetzt die Erfahrungen gemacht, mit ihren Ängsten und Hoffnungen ziemlich allein dazustehen. Indem wir unsere Ängste, die wir ja oft als SchwĂ€chen kennen gelernt haben, mitteilen und bei anderen erleben, lernen wir, dass unser Sich-mies-FĂŒhlen nicht unser eigenes Versagen ist: dass wir nicht minderwertig und unfĂ€hig sind, sondern dass wir dazu gemacht wurden. Hier setzt dann auch die Frage ein, warum das so ist und wem das dient. (...) Auf gar keinen Fall darf eine Kleinguppe zur Heile-Welt-Insel werden, wo wir unseren Frust abladen, uns wieder aufrichten und im Übrigen genauso weitermachen wie bisher.“
In den darauf folgenden Jahren ist dann dennoch so manches Frauenzentrum zerbröselt in Quatschgruppen, die fĂŒr die beteiligten Frauen zwar Ventil und Erleichterung waren, aber nicht darĂŒber hinaus wirkten.
Viel diskutiert in den Kleingruppen wurde in dieser Zeit das im FrĂŒhjahr ‘72 erschienene „Frauenhandbuch“ der Berliner Gruppe „Brot und Rosen“. Die Berlinerinnen, die ĂŒber die Abtreibungsproblematik zur VerhĂŒtungsfrage gekommen waren und sich nun der damit verknĂŒpften Frage der SexualitĂ€t nĂ€herten, hatten vor allem mit ihrer scharfen Kritik an der Pille Aufsehen erregt. Zu lange hatte jede Frau einzeln geschwiegen und geschluckt.
Nun griffen Frauen die gesamte mĂ€nnerbeherrschte Medizin an. Brot und Rosen: „Wir mĂŒssen unsere Angst verlieren vor MĂ€nnern, die im Namen irgendeiner Wissenschaft Respekt fĂŒr sich und ihre Handlungen fordern. Wir mĂŒssen es wagen, Fragen zu stellen.“ Zwei Jahre spĂ€ter gab es erste Selbsthilfegruppen.
In diesem FrĂŒhling 1973 trafen sich auch die Frauen, die feministische BlĂ€tter machten oder planten, erstmals in Frankfurt. Die Diskussionen waren heftig. Schon zeichneten sich verschiedene Strömungen ab, polarisierte sich vor allem hier die radikal-feministische und da die „sozialistisch-feministische“ Position. Die Mehrheit der Frauen entschied sich fĂŒr eine neu zu grĂŒndende „Frauenzeitung“, deren redaktionelle Verantwortung gemĂ€ĂŸ dem antihierarchischen Anspruch der neuen Frauenbewegung von Stadt zu Stadt rotieren sollte. So geschah es.
Das Inhaltsverzeichnis der ersten „Frauenzeitung – Frauen gemeinsam sind stark“ im Oktober ‘73 gibt einen Einblick ĂŒber die Interessen aktiver Feministinnen dieser Zeit: Es beginnt mit der Frage „§ 218 – und wie geht es weiter?“. Dem folgt eine Information ĂŒber einen „Frauenstreik in Frankreich“ in einer Hemdblusen- fabrik in Cerizay, einen „Feministinnenkongress in USA“ und den „Kampf der Antwerpener Dockerfrauen“. „Kennst du deine Cervix?“, titelte ein erster Bericht ĂŒber Selbsthilfe-Kliniken in Los Angeles, und der „Liebesbrief an die skandinavischen Genossinnen“ berichtet von der Frauenferieninsel Femö. Es folgen ein entschiedenes „NEIN zur Tagesmutter!“ und die Geschichte der „Lesben im Weiberrat“ (ein Thema, das bis dahin tabu gewesen war) sowie erste Querelen und die Frage: „Spaltpilz in der Frauenbewegung?“
Vor dem Richter des Heidelberger Amtsgerichtes stand an diesem 19. August des Jahres 1974 Monika und referierte: „Wir Frauen sind weitgehend unselbstĂ€ndig und hilflos gehalten. So kommt es, dass wir nie gelernt haben, selbstbewusst aufzutreten und unsere Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen.“
Und weil Monika und die anderen angeklagten Frauen genau das Ă€ndern wollten, standen sie nun vor Gericht. Anlass: Die Besetzung der Plöck 48 am 17. Januar 1974. Den Heidelbergerinnen war nach monatelangem Hinhalten durch die Stadt der Geduldsfaden gerissen, sie zogen kurzerhand in das frisch aus Mitteln einer „Stiftung fĂŒr sozial schwache Studentinnen“ renovierte und seit einem Jahr leer stehende Haus ein. Das GlĂŒck wĂ€hrte sechs Tag. Dann kam, nachts um viertel nach fĂŒnf, die Polizei. Wenige Stunden spĂ€ter wurde mit der Zerstörung des Hauses begonnen, heute steht an dieser Stelle ein – Parkhaus.
Was die Frauen mit den kalten RĂ€umen anfangen wollten? Auch das erklĂ€rten sie vor Gericht: „Bisher sahen wir Probleme mit unserem Freund oder Ehemann als privat an. Jetzt haben wir gemerkt, dass es allen Frauen Ă€hnlich geht, und dass wir uns gegenseitig helfen könnten. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass gerade Gruppen, die an den scheinbar privaten Problemen wie Familie, Kindererziehung und SexualitĂ€t ansetzen, in der Lage sind, Frauen zu aktivieren, ihnen eine Perspek-tive zu eröffnen, ihre Situation zu verĂ€ndern. (...) Dazu brauchen wir öffentliche RĂ€ume, die jeder Frau zugĂ€nglich sind: Ein Kommunikationszentrum fĂŒr Frauen, wo wir ĂŒber unsere Probleme sprechen und sie in einen gesellschaftlichen Zusammenhang stellen können.“
Die Heidelbergerinnen gehörten mit zu den Ersten, die die Realisierung eines solchen Zentrums konkret in die Hand nahmen, wirklich geschafft hatten es damals erst zwei StÀdte: Berlin und Frankfurt.
Zu der Zeit zĂ€hlte die junge Frauenbewegung zwischen 100 und 200 Gruppen und einige tausend Aktivistinnen. Doch das, was sie ausgelöst hatten, ging weit ĂŒber diese Zahlen hinaus. FrauenunterdrĂŒckung und Frauenrechte waren nun ein öffentliches Thema und die Bewegung gegen den § 218 die auch zahlenmĂ€ĂŸig bedeutendste BĂŒrgerInnenbewegung in der Geschichte der Bundesrepublik. Bis FrĂŒhling 1974 ertrotzten sich die Frauen in der Bundesrepublik ein rundes Dutzend Frauenzentren: alle selbst finanziert und selbst renoviert.
Die Ersten waren die Berlinerinnen mit ihrem Kreuzberger Ladenlokal. Die Hornstraße 2 war von Anbeginn an sowohl Treffpunkt und Arbeitsraum fĂŒr die aktiven Frauen selbst wie auch Kontaktstelle fĂŒr Neue und Ratsuchende. Denn es waren die Jahre, in denen die Frauenbewegung quasi allein all den Frauen weiter-helfen musste, die auf der Suche nach Abtreibungsadressen waren.
Im Kreuzberger Frauenzentrum gab es neben diesen Beratungsstunden auch Theorie- und Praxisgruppen. Themen: SexualitĂ€t, Gewalt gegen Frauen, Berufs-tĂ€tigkeit, Hausfrauenlohn, Self-Help, Karate, Straßentheater, Stadtteilarbeit, Frauenzeitung.
Bereits in dieser Phase zeichneten sich kontorverse Strömungen ab, die sich spĂ€ter verhĂ€rten und gegenseitig behindern sollten. ZunĂ€chst schienen es vor allem zwei Gruppierungen zu sein: Hier die „FunktionĂ€rinnen“, die, geschult aus der Linken kommend, flott begannen, nun auch die Frauen zu organisieren und
verwalten zu wollen (Lieblingsslogan: Kommt massenhaft!). Da die Anarcho- oder Urfeministinnen, die sich gegen jede BĂŒrokratisierung stemmten, jedoch die Gefahren ihres strukturlosen Spontaneismus unterschĂ€tzten (Lieblingsslogan: Frauen gemeinsam sind stark!).
Dazwischen schob sich nun der breite Strom der nicht politisierten Frauen, ja schlimmer noch: der beginnende Backlash. Bereits 1974 warnten Berlinerinnen im „Frauenhandbuch Nr. 1“ vor den „schrecklichen Folgen“ einer „Verherrlichung der weiblichen UnterdrĂŒckung“: „Intellektuelle Anspruchslosigkeit von Frauen, Ziellosigkeit, keine RealitĂ€tsbezogenheit. Auseinandersetzungen in der Gesellschaft werden nicht zur Kenntnis genommen, sondern nur die eigenen. Wissen wird als Angriff empfunden. Es gibt den Drang zum Ausgleichen, Konflikte werden verdeckt. Von daher kommt die UneffektivitĂ€t, unter der viele Gruppen leiden, obwohl sie zahlenmĂ€ĂŸig sehr viel auf die Beine bringen mĂŒssten. Wahrscheinlich ist die Geduld eine kollektive unbewusste Angst vor Konsequenzen.“
Ein Konflikt kĂŒndigt sich an, der in den Jahren darauf die Frauenbewegungen in der ganzen Welt manchmal bis zur LĂ€hmung belasten sollte: der SchwĂ€che/StĂ€rke-Konflikt und die Mystifizierung der traditionell weiblichen SchwĂ€chen. Die Pionierinnen der neuen Frauenbewegung, die Frauen der ersten Stunde, die den Kampf begonnen hatten, mussten einfach mutig und stark sein. Die zweite Welle aber, die nun dazu stieß, kam nicht unbedingt ins Frauenzentrum, um zu kĂ€mpfen, sie kamen auch, um sich auszuweinen oder es sich einfach mal gemĂŒtlich zu machen.
Und noch eine SchwĂ€che des gewollten Nicht-Organisiert-Seins zeigte sich rasch. Da alle Zentren und Gruppen prinzipiell jederzeit allen Frauen offen standen, musste sich jede Gruppe von jeder „neuen“ Frau immer wieder auf den Nullpunkt zurĂŒckholen lassen und tĂ€glich neu erklĂ€ren, „warum hier keine MĂ€nner rein dĂŒrfen“. Die Aufgabe, vor der die Frauenbewegung stand, lautete: Wie ist die Emanzipation der einzelnen Frau mit der aller zu verbinden?
Die Zentren waren damals von den Vorstellungen und BedĂŒrfnissen einer bestimmten Kategorie von Frauen gemacht: ĂŒberwiegend junge Frauen aus der alternativen Szene, Studentinnen und Flippies. Andere Frauen trauten sich nur zögernd rein und wurden auch oft abgeschreckt. So klagte eine Frau aus dem Kölner Frauenzentrum im ersten „Frauenjahrbuch“: „Das Wort Plenum – auch so ein Wort, das ich anfangs nicht verstand – machte mich immer so fix und fertig, dass ich gar nicht mehr hinging. Dort wurde eine Sprache gesprochen, die ich zum Teil nicht verstand. Ich kam mir klein und dĂ€mlich vor. Immer mehr hatte ich das GefĂŒhl, hier gehörst du gar nicht hin.“
Doch weit ĂŒber diese Zirkel hinaus erreichten die feministischen Impulse rasch Millionen Frauen. Nur: die Frauenzentren waren kein Treffpunkt fĂŒr die „Frau von nebenan“. Die Bewegung gestand sich das nur zögernd ein. Und so blieben die Zentren ĂŒber Jahre bizarre Zwitter: weder ein wirklich geschĂŒtzter Ort, an dem konzentriert weitergedacht und weitergearbeitet werden konnte, noch ein Tummelplatz der allgemeinen Verschwesterung.
Dennoch: Es waren euphorische Zeiten. Die Begeisterung des Aufbruchs ĂŒberdeckte die Differenzen und der gemeinsame Außenfeind war leicht zu orten: Der Kampf um den § 218 ging weiter, ja, spitzte sich zu. „Aufstand der Schwestern“ titelte der Spiegel am 11. MĂ€rz und berichtete: „Der 16. MĂ€rz, der Samstag dieser Woche, wurde zum ‘Nationalen Protesttag gegen den Paragrafen 218’ ausgerufen. In Hamburg und Frankfurt wollen Frauen mit zugepflasterten MĂŒndern, gefesselten HĂ€nden und schwarzen GefĂ€ngniskugeln am Bein durch die Innenstadt ziehen. In Berlin sollen mitgefĂŒhrte Masken, Ärztepuppen, SĂ€rge und WĂ€scheleinen mit MĂ€nnerunterhosen die aus dem Paragrafen 218 resultierende UnterdrĂŒckung der Frau symbolisieren. Beim Amtsgericht nahe Frankfurts Zeil wollen hessische Frauen gesammelt ihren Kirchenaustritt erklĂ€ren, in MĂŒnchen gibt es ‘Frauen-Power’ als Straßentheater. Auch in ProvinzstĂ€dten soll die Parole ‘Frauen, jetzt reicht’s’ sinnfĂ€llig gemacht werden.“
In demselben Spiegel platzte eine erste Bombe: 329 Ärztinnen und Ärzte bezichtigten sich in einem von Feministinnen organisierten Appell, Frauen „ohne
finanziellen Vorteil zur Abtreibung ver- holfen zu haben“ und erklĂ€rten: „Wir meinen, dass nur die Frau selbst darĂŒber entscheiden kann, ob sie Mutter wird oder nicht. Wir meinen, dass wir als Ärzte verpflichtet sind, Frauen unser Wissen fĂŒr diesen Eingriff zur VerfĂŒgung zu stellen. Die Schwangerschaftsunterbrechung ist keine Gnade, sondern ein Recht!“ Der Mut dieser Ärztinnen und Ärzte war beachtenswert. Sie riskierten immerhin den Ausschluss aus ihrem Berufsstand.
Eine der Initiatorinnen des Ärzteappells war Alice Schwarzer. Sie plante gleichzeitig einen Bericht ĂŒber die Ärzte und deren provokant angekĂŒndigte (illegale) Abtreibung nach der noch nicht praktizierten Absaugmethode im Fernsehen. Schon Tage zuvor titelte Bild die „Abtreibung aus Protest“. Schlagzeilen in allen Medien. Die Nation stand Kopf. Doch als dann am Montag, dem 18. MĂ€rz, in „Panorama“ der Bericht gezeigt werden sollte, war – das Studio leer. 45 Minuten zeigten die Fernsehkameras zur besten Sendezeit zwischen 20 Uhr 15 und 21 Uhr nur leere StĂŒhle.
Was war geschehen? In einer dramatischen Konferenzschaltung hatten die ARD-Intendanten den Beitrag im letzten Augenblick verboten. Aus Protest gegen diese Zensur zogen daraufhin auch der damalige Leiter von Panorama, Peter Merseburger, und seine gesamte Redaktion die geplanten BeitrĂ€ge zurĂŒck. Tags darauf gab es nur eine Schlagzeile: „Abgesetzt!“
Die Frauenaktion „Letzter Versuch“ und der damit verbundene Ärzteprotest gaben den Ausschlag dafĂŒr, dass sich die Regierungsparteien SPD und FDP letztendlich doch noch – und nur aufgrund des Drucks von außen und im Bangen um WĂ€hlerInnen-Stimmen! – zu dem Votum fĂŒr die Fristenlösung durchrangen. Neben-effekt der Aktion: Sie machte die Frauenzentren erst richtig einer breiten Öffentlichkeit bekannt.
Eine Hamburgerin im ersten „Frauenjahrbuch“: „Die unterschiedlichsten Frauen kamen zu uns, von Bildzeitung, BZ oder Tagesspiegel hatten sie unsere Adresse erfahren. In den folgenden vier Wochen waren mindestens 150 Frauen im Zentrum, die Rat suchten. (...) Wir sahen jetzt die Beratung in einem anderen Licht, denn wir wurden jetzt hautnah mit dem Problem der ‘Durchschnittsfrau’ konfrontiert, deren Lage miserabel ist – geprĂ€gt von Unwissenheit ĂŒber ihre Körperfunktionen, Hilflosigkeit, sexueller und ökonomischer UnterdrĂŒckung und Ausbeutung. Wir mussten das aufgreifen und versuchen, etwas dagegen zu tun.“
Die Zeit der Entwicklung von „Ärztefragebögen“ und „Ärztekampagnen“ fing an, in GesprĂ€chen und Selbstuntersuchungsgruppen begannen Frauen, ihren eigenen Körper endlich selbst zu entdecken. Die Macht der „Götter in Weiß“ wurde entmystifiziert, die Profitinteressen der Pharmakonzerne wurden angeprangert. In MĂŒnchen und Berlin veranstalteten Feministinnen ganze „Tribunale“ gegen frauenfeindliche Ärzte und gesundheitsschĂ€dliche Mittel und Methoden der Pharmaindustrie.
Gleichzeitig trieben Feministinnen die ökonomische Analyse ihrer Lage als Frauen voran. Zu dieser Zeit existierte der (1976 abgeschaffte) § 1356 des BĂŒrgerlichen Gesetzbuches noch, nach dem Frauen einerseits die BerufstĂ€tigkeit untersagt war fĂŒr den Fall, dass sie ihren Haushaltspflichten nicht voll nachkommen; und Frauen andererseits gleichzeitig verpflichtet waren, berufstĂ€tig zu sein, wenn „die wirtschaftliche Lage der Familie es erfordert“.
Das Thema „Hausarbeit“ wurde als relevant fĂŒr alle Frauen erkannt. Hausfrauen arbeiten nicht fĂŒr Geld, sie arbeiten aus „Liebe“; Hausfrauen arbeiten nicht fĂŒr sich, sondern fĂŒr die anderen; Hausfrauen arbeiten noch nicht einmal unterbezahlt, sie arbeiten umsonst. Von der „Wichtigkeit“ der Hausfrauen war plötzlich allerorten die Rede. Brigitte ließ die Soziologin Helge Pross umfragen und beruhigend verkĂŒnden: „Deutschlands Hausfrauen sind zufrieden.“ Und die CDU/CSU dachte sich flugs einen „Hausfrauenlohn“ aus, bzw. ein Taschengeld, nach dem in Zukunft „Nur“-Hausfrauen monatlich mit 300 Mark besĂ€nftigt werden sollten.
Im April 1974 verabschiedete das Parlament mehrheitlich die so genannte Fristenlösung, das Recht auf Abtreibung in den ersten drei Monaten. Und Überzeugung war es wahrhaft nicht gewesen, die eine Mehrheit der SPD/FDP-Abgeordneten fĂŒr die Fristenlösung, das Recht auf Abtreibung in den ersten drei Monaten. Und Überzeugung war es wahrhaft nicht gewesen, die eine Mehrheit der SPD/FDP-Abgeordneten fĂŒr die Fristenlösung votieren ließ. Vielmehr war es das Schielen auf die weiblichen Stimmen bei den nĂ€chsten Wahlen.
Umso grĂ¶ĂŸer war die Fassungslosigkeit, als die von Millionen Frauen in einem harten, aber durchaus demokratischen Prozess den Politikern abgerungene Fristenlösung wenig spĂ€ter durch sechs alte MĂ€nner des Bundesgerichtshofes mit einem Federstrich zunichte gemacht werden konnte.
9. Mai 1974. „Ich hĂ€tte nie gedacht,dass man sich mit Frauen so gut amĂŒsieren kann“, seufzt eine der wildesten RocktĂ€nzerinnen des Abends erschöpft um vier Uhr morgens. Ein letzter Walzer. Das „ROCKfest im Rock“ geht zu Ende. Statt ein paar hundert, wie erhofft, kamen ĂŒber 2.000 Frauen in die Mensa der Berliner Technischen UniversitĂ€t, manche von weit her angereist. Sie strömten, meist mottogerecht im Rock, zu diesem ersten öffentlichen Frauenfest. Es habe eine „liebe Stimmung“ geherrscht, berichtete der Spiegel anzĂŒglich und hatte Recht.
Spaß und Agitation, Übermut und Politik trafen an diesem Abend glĂŒcklich zusammen. BĂŒcherstĂ€nde neben Schminktischen, der verbotene Panorama-218-Film und Klamottentausch, WĂŒrstchen und Luftballons und die alles ĂŒbertönende allererste deutsche feministische Frauenband, die Berliner Frauenrockband. Die spielte vor allem Englisches, aber auch schon eigene Lieder. Der Bewegungs-Ohrwurm „Frauen kommt her, wir tun uns zusammen!“ hatte Premiere.
Schon wenige Monate spĂ€ter, im September ‘74, fand der Spiegel das PhĂ€nomen titelwĂŒrdig, lancierte das Schlagwort von der „neuen ZĂ€rtlichkeit“: „Frauen lieben Frauen“. Das VerhĂ€ltnis von Frauen zu Frauen begann sich zu verĂ€ndern. Im weitesten wie im engsten Sinne: Das ging von der Frau, die nun einfach mal einen schönen Abend mit Frauen verbrachte (um dann ins eheliche Bett schlafen zu gehen), bis hin zu der Frau, die plötzlich mit ihrer besten Freundin nicht mehr nur ins CafĂ©, sondern auch – ins Bett ging.
Hinzu kamen diejenigen, die schon immer Frauen geliebt hatten und dies nun nicht lĂ€nger heimlich tun wollten, die „Lesben“. Sie machten öffentliche Lesbendemos und – ein erstes Kiss-in auf dem Kudamm. Den MĂ€nnern hatte diese Entwicklung schon lĂ€ngst geschwant.
„Die MĂ€nner haben uns Feministinnen schon als lesbisch beschimpft, als wir selbst noch gar nicht wussten, dass wir es sind“, hat eine Amerikanerin es ironisch gesagt. Denn schon die ersten Schritte der neuen Frauenbewegung waren begleitet von dem Geraune: Die sind doch alle lesbisch.
Dahinter steckte das EinschĂŒchterungsmanöver: Der Versuch der Spaltung in „andere“ und „normale“ Frauen (ihr seid doch nicht wie die, ihr liebt doch MĂ€nner...). Und das tiefe Wissen der MĂ€nnergesellschaft darum, dass das Gebot fĂŒr Frauen, ausschliesslich MĂ€nner zu lieben, fĂŒr MĂ€nner sehr praktisch ist.
Drei von vier deutschen Hausfrauen putzten ihren MĂ€nnern die Schuhe – „aus Liebe“. Aus Liebe heiraten Frauen, geben ihren Namen und ihren Beruf auf, fördern seine Karriere, statt ihre eigene, sind alleine zustĂ€ndig fĂŒr die Kinder und das Wohlbefinden der Familie. Im Namen der Liebe werden Frauen von MĂ€nnern gedemĂŒtigt, geschlagen, ausgebeutet. Dennoch war die Frauenliebe innerhalb der Frauenbewegung zunĂ€chst einmal ebenso tabu wie in der gesamten Gesellschaft.
Doch jetzt bröckelte das Tabu. Frauen diskutierten zusammen, kĂ€mpften zusammen, lernten zusammen, wohnten zusammen, verreisten zusammen. Und siehe da: Es ging nicht nur ohne Mann, es ging oft sogar besser ohne Mann. Frauen entdeckten sich als liebenswert; als wert, geliebt zu werden. Etwa jede zweite unter den Aktivistinnen der Frauenbewegung, die bis dahin ausschließlich mit MĂ€nnern Liebesbeziehungen gehabt hatte, machte sich nun auch ihre Liebe zu Frauen bewusst und – lebte sie aus. So manche unter ihnen blieb nach einer bisexuellen Phase ganz bei den Frauen, fĂŒr andere war die Frauenliebe eher eine Art „Ausflug“.
Die MĂ€nnerwelt reagierte rasch: In der Bundesrepublik wurde Anfang 1974 ein Mordprozess zur ersten großen öffentlichen Abrechnung mit der Frauenliebe. Aus dem Mordprozess gegen Judy Andersen und Marion Ihns, die den Mann der einen hatten umbringen lassen, um zusammen leben zu können, wurde ein Lesbenprozess. „Wenn Frauen nur Frauen lieben, kommt es oft zu einem Verbrechen“, schrieb die Bild-Zeitung und titelt ĂŒber Wochen mit SĂ€tzen wie: „Vater des Toten verflucht lesbische Frauen“.
Das Halali tönte quer durch alle Gazetten: Gejagt wurden Frauen, die Frauen lieben; gewarnt wurden Frauen, die die Absicht haben könnten... Nach altbewĂ€hrtem Muster wurden Andersen und Ihns auseinander dividiert in die „MĂ€nnliche“ und die „Weibliche“, die VerfĂŒhrerin und die VerfĂŒhrte. Andersen wurde ganz ans Messer geliefert, Ihns die „Chance“ der Reue gegeben: Quick brachte Marion Ihns sogar dazu, „alle Frauen“ vor Lesbierinnen „zu warnen“. „Liebe ist...“, witzelte Bild zu der Zeit passend, „wenn ihr ein Mann lieber ist, als die ganze Frauenbewegung“.
Wie jeder anstĂ€ndige Hexenprozess endete auch der in Itzehoe auf dem Scheiterhaufen: „lebenslĂ€nglich“ fĂŒr beide. Die BĂŒrde ihrer sozialen und psychologischen Motive (beide waren schon als kleine MĂ€dchen vergewaltigt worden, Ihns wurde von ihrem Ehemann regelmĂ€ĂŸig geprĂŒgelt und vergewaltigt) hĂ€tte bei einem mĂ€nnlichen TĂ€ter wohl allemal Nachsicht und ein paar Jahre auf BewĂ€hrung oder Freispruch bewirkt. Im Namen der „MĂ€nnerehre“.
Erstmals wandten Journalistinnen sich an den Presserat. 144 forderten, „die unangemessene sensationelle Berichterstattung“ zu rĂŒgen. Dies geschah. Doch schaffte es fast keine der empörten Journalistinnen, in den eigenen Medien ĂŒber den Prozess zu berichten. Dieser Druck wurde letz­tendlich zum Aus­löser fĂŒr das schon in der Luft liegende öffentliche Coming-out lesbischer Frauen. Aus dem ganzen Land kamen Frauengruppen nach Itzehoe gereist. Weiß geschminkt demonstrierten sie vor dem GerichtsgebĂ€ude: „Tat: Mord - Anklage: Lesbische Liebe“ stand da auf den Transparenten zu lesen und: „Die Mordanklage ist Vorwand – am Pranger steht die lesbische Liebe“.
Mitte der 70er Jahre, nur vier Jahre nach dem Aufbruch der Frauenbewegung, wurde dann die so genannte „Tendenzwende“ lanciert, oder auch, politisch prĂ€ziser gesagt: Der Backlash, der RĂŒckschlag, formierte sich. In Amerika, so wurde zufrieden vermeldet, „kriecht die Emanzipation zwar unaufhaltsam voran“, aber „Weiblichkeit ist wieder gefragt“ (der Spiegel). Die „Mutterschaft“ wurde wieder aufs Podest gehoben. Biologen und Psychologen erinnerten Frauen an ihre „Natur“ und „wahre Bestimmung“. Der Journalist Bittorf rief im Spiegel sogar den „anatomischen Imperativ“ aus.
Bis zum Erbrechen zitierten die MĂ€nnermedien in dieser Zeit Esther Vilar; fĂŒr die Frauen nichts anderes waren als „zwei BrĂŒste und ein paar Lochkarten mit dummen stereotypen Redensarten“ und deren Hauptthese die der drohnenhaften Ausbeutung des Mannes durch die Frau war.
Gleichzeitig schenkte man den Frauen das „Jahr der Frau“. Jetzt, 1975, hielten auch die sozialistischen BrĂŒder es fĂŒr angebracht, sich zum Thema zu Ă€ußern. Die DDR-Frauenzeitschrift FĂŒr Dich nahm die Gelegenheit wahr, den dekadenten westlichen Gedanken der Frauenemanzipation zu geißeln. FĂŒr Feministinnen sei Mann gleich Mann, Arbeiter wie Kapitalist, vom Klassenkampf hielten sie nichts, und sie kĂŒmmerten sich weder um den § 218 noch um die ökonomische UnabhĂ€ngigkeit der Frau, sondern nur um ihren Kampf gegen BHs und ihre „Weiberkommunen“.
Der Meinung waren auch die Genossen in Portugal, die gerade – Seite an Seite mit den Frauen – Revolution gemacht hatten. Doch als Portugiesinnen am 13. Januar 1975 in Lissabon gegen die UnterdrĂŒckung der Frauen protestieren und symbolisch Pornohefte und Pumps verbrennen wollten, da stĂŒrzten sich 5.000 bis 6.000 MĂ€nner auf die etwa 200 Frauen und schrien: „Verbrennt sie!“ – „Geht nach Hause an den Herd!“ – „Frauen nur im Bett!“ Zahlreiche Frauen wurden zusammengeschlagen. Die Polizei sah keinen Anlass zu intervenieren...
Frauendiskriminierung links wie rechts. Zwei Jahre nach dem faschistischen Putsch in Chile meldeten verzweifelte Frauen der Weltöffentlichkeit: 10.000 politische Gefangene in Chile. MĂ€nner wie Frauen werden gefoltert. Aber Frauen werden noch zusĂ€tzlich erniedrigt. Fast alle weiblichen Gefangenen werden vergewaltigt. Meist von mehreren MĂ€nnern und oft auch von dazu abgerichteten Hunden in Vagina, Anus und Mund – bis zur Bewusstlosigkeit. In die Vagina werden hungrige Ratten eingesetzt, Elektroden werden an BrĂŒste, Vagina und After angeschlossen. Vor der Augen der MĂŒtter werden die eigenen Kinder gefoltert.
Zur gleichen Zeit kommen in Amerika die Vergewaltigungen durch Banden auf. Und amerikanische Psychiaterinnen berichteten schon 1973 von chirurgischen Eingriffen auch bei unbotmĂ€ĂŸigen Hausfrauen. Jetzt laufen zwei Ebenen nebeneinander. Auf der einen Seite  verschĂ€rft sich also die Konfrontation zwischen Frauen, die sich nicht lĂ€nger ducken wollen, und der MĂ€nnerwelt. Auf der anderen schaffen Frauen sich FreirĂ€ume.
Die ersten Publikationen in Frauenselbstverlagen erscheinen. Der erste feministische Frauenverlag, die „Frauen­offen­sive“, wird in MĂŒnchen gegrĂŒndet. Auch die Frauenzentren sind solche FreirĂ€ume, die Frauenwohngemeinschaften und die Frauenferientreffen. Im Sommer 1974 fuhren erstmals auch deutsche Frauen auf die dĂ€nische Insel Femö, auf der Kopenhagener Feministinnen fĂŒr ein paar heiße Sommerwochen lang alljĂ€hrlich ein „Internationales Frauenferienlager“ organisierten.
Italienerinnen, Französinnen, Deutsche, HollĂ€nderinnen, EnglĂ€nderinnen, Amerikanerinnen – alle kamen. Und alle brachten ihre Sehnsucht mit: Frauenland. Nicht nur ein „Raum fĂŒr Frauen“ (Virginia Woolf), nein, ein ganzes Land fĂŒr Frauen! Ein Land, in dem wir nicht nur geduldet und schon gar nicht eingeengt sind. Ein Land, in dem wir uns bewegen und trĂ€umen dĂŒrfen. Unser Land.
Und die „neue ZĂ€rtlichkeit“? Inzwischen gab es eigenstĂ€ndige Lesbengruppen in zahlreichen StĂ€dten und Zentren, in Berlin erschien die erste Lesbenzeitung, die Lesbenpresse. Herausgeberin war das „Lesbische Aktionszentrum West-Berlin“, (LAZ). Es lud seit 1972 jĂ€hrlich zu einem Treffen, zum „Pfingsttreffen“. 1975 kamen rund 300 Frauen und diskutierten ĂŒber ihr Leben wie ĂŒber Politik.
UnĂŒbersehbar war nun auch die Spannung zwischen Polit-Lesben und den „Heterofrauen“ geworden. Die „Heterofrauen“ beklagten den „Lesbenterror“. Manche Lesben warfen ihnen in der Tat ihre UnfĂ€higkeit vor, Frauen zu lieben. Gleichzeitig trauten sie Bewegungslesben – also den Frauen, die in der Frauenbewegung zur Frau gefunden hatten – nicht so recht ĂŒber den Weg.
Hinter diesen Spannungen – die nicht selten auch als Vehikel fĂŒr persönliche Querelen benutzt wurden – standen fundamentale feministische Fragen: 1. Wenn MĂ€nner in einer patriarchalen Gesellschaft objektiv unsere Feinde sind – ja kann/darf frau dann ihre Feinde lieben? 2. Ist HomosexualitĂ€t an sich schon eine feministische Haltung? 3. Ist es richtig, dass Feminismus die Theorie und Lesbianismus die Praxis ist?
Der Homo-Hetero-Konflikt ging quer durch alle Gruppen und Zentren. Mit MĂ€nnern lebende Frauen fĂŒhlten sich – manchmal zu Recht – unter Druck gesetzt. Mit Frauen lebende Frauen erinnerten – manchmal zu Recht – an ihre DemĂŒtigungen und die herrschende ZwangsheterosexualitĂ€t. Dass es bei der Frage der Frauenliebe um eine der Kernfragen des Feminismus geht, zeigte sich nicht zuletzt an der Reaktion der MĂ€nnergesellschaft... Es stiegen die Scheidungen – eingereicht vor allem von Frauen –, es sanken die Eheschließungen.
Im RĂŒckblick haben Chronistinnen die Mitte der 70er auch als die “Wendung nach innen“ der Frauenbewegung bezeichnet. Gleichzeitig war gerade diese Zeit die Phase der Verbreiterung der Bewegung: quantitativ wie qualitativ. Immer mehr Frauen stießen dazu.
Und das erkannten jetzt auch deutsche Feministinnen: Frauen sind so viel mehr als nur „benachteiligt“ – sie sind kolonialisierte Wesen. Körper, Seele und Verstand von Frauen sind okkupiert von MĂ€nnern: „Uns werden unsere FĂ€higkeiten von Kind auf abgewĂŒrgt, wir haben schon immer Berufsverbot. Uns wird die IdentitĂ€t geklaut, von frĂŒh auf lernen wir, eine IdentitĂ€t nur ĂŒber einen Mann zu bestimmen. Unser Körper ist permanentes Freiwild fĂŒr Blicke, zum Betatschen, fĂŒr Bemerkungen. Die Straße ist fĂŒr uns Feindesland. Wir trauen uns nachts nicht allein auf die Straße.
FĂŒr uns ist immer ‘Ausgangssperre’“. Die Gewalt, die uns trifft, hat nicht einmal das Privileg, als ‘Gewalt’ angesehen zu werden. Da empört sich kein Mann, das ist normal, dass zirka 80 % des ehelichen Beischlafs Vergewaltigungen darstellen, ohne dass jemand eingreift.“
Feministinnen errechneten: In der Bundesrepublik wird alle 15 Minuten eine Frau vergewaltigt. Im MĂ€rz 1976 trafen sich in BrĂŒssel Frauen aus der ganzen westlichen Welt zu einem Frauen- tribunal ĂŒber „Gewalt gegen Frauen“. Am Pranger stand die Gewalt gegen Frauen in der Ehe, der Psychiatrie, der GynĂ€kologie, auf der Straße, im Beruf und in den Medien.
LĂ€ngst lag der Gedanke von „HĂ€usern fĂŒr geschlagene Frauen“ in der Luft, in Berlin entstanden erste PlĂ€ne. Auch Notrufstellen fĂŒr vergewaltigte Frauen wurden diskutiert. Erste feministische Therapiegruppen bildeten sich, die Berliner Selbsthilfegruppe plante ein „Feministisches Frauengesundheitszentrum“.
In diese Zeit fallen die AnfĂ€nge einer feministischen Gegenkultur. Frauenkneipen, Frauenbands, FrauenbuchlĂ€den und Frauenverlage. Feministische Gedanken waren in aller Munde, feministische BĂŒcher wurden erstmals auch in der Bundesrepublik Bestseller. Die spektakulĂ€rste Veröffentlichung aus dieser Zeit, „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ von Alice Schwarzer, erreichte innerhalb kurzer Zeit eine Auflage von einer viertel Million. Und „HĂ€utungen“ von Verena Steffen kursierte in den WGs. Und aus der DDR Irmtraud Morgners fantastischer Roman „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz de Diaz“.
Neben diesen ersten BĂŒchern deutscher Feministinnen standen nun zunehmend die wieder entdeckten Schriften der ersten Frauenbewegung. Namen, die die neuen Feministinnen ein, zwei Jahre zuvor noch nicht einmal gekannt hatten, fĂŒllten sich nun mit Gesichtern und Ge­schichten. Hedwig Dohm, Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Minna Cauer – alles Frauen, die um die Jahrhundertwende und oft bis zum Beginn des Dritten Reiches mit großem Mut um das Recht der Frauen gekĂ€mpft hatten.
Nicht wenige dieser historischen Texte gingen weit ĂŒber das hinaus, was die neue junge Frauenbewegung bis dahin formuliert hatte. FrauenhĂ€user, die Absage an die angebliche „Natur von Frauen“, die entschiedene Forderung nach gleichberechtigter Teilhabe an der Macht – alles schon mal dagewesen. Das alles hatten schon unsere UrgroßmĂŒtter gefordert.
Diese Erkenntnis machte den neuen Feministinnen Mut, aber auch Angst. Das alles war also schon gesagt und getan worden, und das alles hatte man wieder zunichte machen können? Ganz von vorne hatten wir wieder anfangen, hatten erst den Schutt der MĂ€nnergeschichte wegschaufeln mĂŒssen, um ĂŒberhaupt an unsere eigene Geschichte anknĂŒpfen zu können. WĂŒrden wir es diesmal schaffen...?
Der Text ist ein gekĂŒrzter Nachdruck aus der 1981 erschienenen EMMA-Serie „So fing es an“, die spĂ€ter als Buch + TB und 1991 als EMMA-Sonderband erschien („Schwesternlust + Schwesternfrust“).

Zum Weiterlesen:

Elisabeth Badinter: Die Mutterliebe (1981) + Ich bin du – Die neue Beziehung zwischen Mann und Frau (1987, vergriffen), beide Piper;
Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht (1951), Rowohlt;
Susan Brownmiller: Gegen unseren Willen (1975), Fischer (vergriffen);
Andrea Dworkin: Pornographie (1987), Fischer (vergriffen);
Helen Epstein: Die Kinder des Holocaust. GesprÀche mit Söhnen und Töchtern (1990), dtv (vergriffen);
Susan Faludi: Backlash (1993), Rowohlt;
Judith Lewis Herman: Die Narben der Gewalt (1993), Kindler;
Gerda Lerner: Die Entstehung des feministischen Bewusstseins (1993) + Die Entstehung des Patriarchats (1986), beide dtv;
Kate Millett: Sexus und Herrschaft. Die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft (1971) + Im Basement. Meditationen ĂŒber ein Menschenopfer (1980), Rowohlt (beide vergriffen);
Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura (1974), dtv, + Amanda. Ein Hexenroman (1983, vergriffen), Aufbau;
Janice G. Raymond: Frauenfreundschaft. Philosophie der Zuneigung (1987), Frauenoffensive (vergriffen);
Marit Rullmann: Philosophinnen I – Von der Antike bis zur AufklĂ€rung + „Philosophinnen II – Von der Romantik bis zur Moderne (1993), Suhrkamp;
Sapphire: Push (1998), Rowohlt;
Herrad Schenk: Wieviel Mutter braucht der Mensch? (1996), Rowohlt;
Alice Schwarzer: Der große Unterschied. Gegen die Spaltung von Menschen in MĂ€nner und Frauen (2000), Kiepenheuer & Witsch;
Mary Jane Sherfey: Die Potenz der Frau. Wesen und Evolution der weiblichen SexualitÀt (1974), Kiepenheuer & Witsch (vergriffen);
Marlene Streeruwitz: Können. Mögen. DĂŒrfen. Sollen. Wollen. MĂŒssen. Lassen., Frankfurter Poetikvorlesung (1998), Suhrkamp;
Naomi Wolf: Der Mythos Schönheit (1991), Rowohlt + Die StÀrke der Frauen. Gegen den falsch verstandenen Feminismus (1993, vergriffen), Droemer Knaur;
Virginia Woolf: Drei Guineen (1938), Frauenoffensive + Ein Zimmer fĂŒr sich allein (1929), Fischer.
Im

FrauenMediaTurm sind alle histo­rischen bzw. vergriffenen BĂŒcher einsehbar (Konsultation nach Vereinbarung), Bayenturm, 50678 Köln, T 0221/ 9318810, Fax 931881-18, E-mail: womeninfo@frauenmediaturm.de

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