"Wir Väter schützen unsere Töchter!"

Foto: Heike Herden
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Es ist schon nach zwei Uhr, als in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember Jens Alexander Hawas Handy klingelt. Er hört die Stimme seiner Tochter. Sie ist auf dem Nachhauseweg von einer Geburtstagsfeier von zwei Männern überfallen worden, berichtet sie schluchzend. Männer, die sie als "arabisch" beschreibt. Der eine drängte ihren Freund ab und versuchte, dessen Geldbörse zu klauen. Der andere bedrängte sie, versuchte, sie gewaltsam zu küssen, sie anzufassen und gleichzeitig nach ihrer Tasche zu greifen. Aber die Tochter und der Freund wehrten sich – und als die Männer flüchteten, verlor einer sein Handy. Und das, sagt die Tochter zum Vater, hält sie jetzt in ihren Händen.

Er konnte nur noch denken: Ich kann meine Töchter nicht schützen!

Das alles passierte in dem Viertel, in dem auch die Zülpicher Straße liegt, eine beliebte Ausgehmeile für StudentInnen in Köln.

"Seitdem weiß ich, dass es in Deutschland nicht strafbar ist, einer Frau zwischen die Beine zu greifen!", sagt der Vater heute im Gespräch mit EMMA. Denn als seine Tochter und ihr Freund zur Polizei gingen, um Anzeige zu erstatten, interessieren sich die Beamten nur für den versuchten Diebstahl der Geldbörse des Freundes – nicht für die sexuellen Übergriffe.

Obwohl das Handy eines der Täter bei der Polizei abgegeben wurde, lautet die Botschaft der Polizisten unmissverständlich: Die junge Frau brauche sich "nicht besonders große Hoffnungen zu machen", dass die beiden Männer für ihre sexuellen Übergriffe zur Rechenschaft gezogen würden. Seither ist die ganze Familie fassungslos. "Ich habe mich ohnmächtig gefühlt! Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als: Ich kann meine Töchter nicht schützen!", sagt der Vater.

Das Jahr ging zu Ende. In der Silvesternacht haben sich am Kölner Hauptbahnhof nicht zwei, sondern über 1.000 arabische und nordafrikanische Männer versammelt und zahlreiche Gruppen aus diesem Pulk sich auf Frauen gestürzt, ihnen an die Brüste gepackt und die Slips vom Leib gerissen. Inzwischen liegen in Köln mindestens 249 Anzeigen wegen sexueller Gewalt vor.

Als der Vater kurz nach Neujahr zum ersten Mal von diesen Überfällen auf Frauen liest, befällt ihn Trauer und Fassungslosigkeit. Wie so viele fragt er sich: Wie konnte das passieren? Und: Was kann ich tun, um so etwas zu verhindern und meine eigene Tochter zu schützen?

Dann erinnert er sich wieder an das Handy eines der Täter und an ein Detail, das er bis zu diesem Zeitpunkt fast vergessen hatte: Als Bildschirmhintergrund war das Foto eines kleinen Mädchens abgespeichert. Einer der Männer, die seine Tochter attackiert hatten, war scheinbar selbst: ein Vater.

"In diesem Moment ist mir klargeworden, dass ich mich als Vater an die Väter wenden muss!" Und zwar genau an die Väter, die mit oder ohne ihre Familien aus Syrien, aus dem Irak oder Afghanistan nach Deutschland kommen, um Schutz und die Chance auf einen Neuanfang zu suchen. Und die Sicherheit für ihre eigenen Töchter und Frauen wollen - aber die Töchter anderer zu Opfern sexueller Gewalt machen.

Da ist ihm klar geworden: Ich muss mich an die Väter wenden!

Also setzt sich der Mann, dessen Vater Syrer ist und die Mutter Deutsche, und dessen Tochter in Köln von arabischen Männern überfallen wurde, an seinen Computer und verfasst einen Brief. "Lieber Gast", schreibt er, "du wirst uns kennenlernen und wir dich. Manche Dinge wirst du von uns lernen, andere wir von dir. Wir sind Deutschland - wir gehen morgens zur Arbeit und trennen den Müll. Typisch Deutsch. Das kannst du von uns lernen, wenn du möchtest." Und weiter: "Wir respektieren uns gegenseitig und behandeln Menschen gut, egal welches Geschlecht, welche Religion, sexuelle Orientierung oder welche Hautfarbe sie haben". Und er fügt hinzu: "Wenn du dich gegen unsere Werte entscheidest, verdienst du weder unsere Gastfreundschaft noch unsere Hilfe. Denn wir sind Väter und schützen unsere Töchter."

Seinen Brief hat Alexander ins Arabische übersetzt. In den kommenden Tagen möchte er ihn zusammen mit seiner Tochter in Flüchtlingsheimen verteilen. Doch vorher schrieb Hawa noch an EMMA: "Liebe Alice Schwarzer, wenn du darüber berichten würdest, fühlen wir uns nicht mehr so allein!"

Als wir Jens Alexander Hawa kontaktieren, lernen wir einen Mann kennen, der gar nicht wütend klingt, sondern nur traurig. Und besorgt. "Ich möchte mich nicht in die Rassisten-Ecke manövrieren mit meinem Brief", sagt er.

Denn Rassismus, den hat er ja selbst schon zur Genüge erfahren. Damals hieß er noch Mohammed Souheb. Sohn einer deutschen Mutter und eines syrischen Vaters. Den arabischen Namen hat die Mutter ihm erst gegeben, als sie selbst zum Islam konvertierte. Da war Jens, wie ihn bisher alle nannten, schon sechs Jahre alt. Die Mutter protestierte so auf ihre Art gegen den eigenen deutschen Vater, der ihre Liebe zu einem Chemie-Doktoranden aus Syrien nicht akzeptieren wollte. 

Souheb ging zur Schule, machte sein Abitur und studierte Informatik und Wirtschaft in Aachen. Als er dort im März 1992 in die Linie 7 stieg, lernte er ein weniger freundliches Deutschland kennen: Noch bevor der Bus abfuhr, schlugen ihn zwei Rechtsradikale krankenhausreif. Zwei Busfahrer sahen zu. Sogar der Aachener Lokalpresse war das eine kurze Meldung wert: "'Scheiß Kanake', hörte Ali S. (Name von der Red. geändert) nur noch, dann prasselten die Fäuste auf ihn nieder." Eine Kopie dieser Meldung schickt Alexander per E-Mail an uns - als brauchte es einen Beweis für das, was ihm widerfahren ist.

Rassismus hat Alexander schon selbst zu Genüge erfahren

Er schickt auch noch einen Artikel aus der Bild mit, datiert auf September 1984. Auf dem Foto sehen wir seine Eltern zusammen mit Franz-Josef Strauß. Da war sein Vater, der Chemiker Abdul-Hakim Hawa, gerade erst aus syrischer Haft entlassen worden, nachdem er während eines Besuches verhaftet worden war wegen Kritik an Korruption. Heute ist Alexanders Vater 80 Jahre alt und lebt freiwillig in Homs. Seit sein Haus zerbombt worden ist, ist er in eine kleine Wohnung gezogen. Nach Deutschland will er nicht zurück.

Mohammed Souheb heißt heute wieder Jens Alexander Hawa. "Ich bin halt beides: Deutscher und Araber!", sagt er. Aber eben doch in Deutschland aufgewachsen.

Nach den Silvester-Übergriffen hat sich übrigens auch die Polizei noch mal bei seiner Tochter gemeldet. Sie wollen sich das Handy des Täters jetzt doch genauer ansehen.

Alexandra Eul

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Denn wir sind kölsche Mädchen...

© Bettina Flitner
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Wer am Samstagmittag am Kölner Hauptbahnhof unterwegs war, konnte ihn weder übersehen noch überhören: den Frauenprotest gegen das, was sich in der Silvesternacht hier zugetragen hatte.

Über 1.000 Frauen – und einige Männer – haben die große Treppe vor dem Kölner Dom besetzt. Punkt zwölf Uhr beginnen sie zu lärmen. Mit Trillerpfeifen, Trommeln, Schnarren. Das Signal ist klar: Heute gehörte der wichtigste öffentliche Platz in der Millionenstadt nicht den enthemmten, übergriffigen Männern, sondern den Frauen. Die Frauen haben sich den Platz zurückerobert.

Die Frauen erobern sich den Platz vor dem Dom zurück!

„Keine Gewalt gegen Frauen“ steht auf einem von vielen Plakaten. „Wir sind in Gedanken bei euch, den Opfern dieser Nacht“ auf einem anderen. „Sexuelle Belästigung gegen Frauen wird nicht toleriert!“ steht auf einem Pappschild auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Schon lange hat Köln keine so mächtige Frauendemo mehr erlebt. Der Schock über den Silvesterskandal ist groß.

"Wie kann es passieren, dass auf einem öffentlichen Platz an Silvester so viele Männer Frauen einkreisen und bedrängen“, sagt eine Teilnehmerin. „Ich bin total schockiert, dass das möglich ist!“ Es sei „unfassbar“, sagt eine andere. Diese Fassungslosigkeit hat sich bei den Demonstrantinnen heute in Wut verwandelt. “Wir müssen für unsere Werte geradestehen und zeigen, dass man die nicht einfach überrennen darf“, klagen Denise und Julia. Und diese Werte lauten: „Frauen sind kein Objekt! Jeder Mensch muss Respekt vor Frauen haben!“ Die beiden jungen Frauen sind mit einer Gruppe Freundinnen hier und erwarten, dass man ihre Forderungen den Männern in den Flüchtlingsheimen klarmacht. Julia ist nicht optimistisch: „Ich fürchte, da scheitert’s schon. Es ist ja alles total unterbesetzt.“

Auch ein paar Vertreterinnen der Kölner Politik sind da, darunter die Kölner Gleichstellungsbeauftragte Christine Kronenberg (CDU). Sie findet: „Es wird zu wenig über die Opfer dieser Nacht gesprochen. Wir wissen gar nicht, ob sie gut versorgt sind und Hilfsangebote in Anspruch genommen haben.“  Und: "Die ganzen Plakate müssen weg, die für Großbordelle werben." Stimmt, auch das ist ja sexuelle Gewalt. Und da können Männer für ein paar kleine Scheine legal tun, was sie auf dem öffentlichen Platz illegal angezettelt hatten. ‚100 Girls in einer Nacht’ steht zum Beispiel auf diesen Großplakaten. Das hätte gut das Motto der Täter an Silvester gewesen sein können.

Ein Karnevals-
lied wird zur feministischen Hymne

Nach etwa zwanzig Minuten geschieht das in Köln Unvermeidliche: Die Frauen haken sich ein und beginnen zu schunkeln. Und sie stimmen ein Karnevalslied an, das unter Kölner Frauen Kultstatus hat. In diesem Moment wird der Song zur feministischen Hymne zur Lage: „Denn wir sind kölsche Mädscher, han Spitzebützche an, wir lassen uns nit dran fummele, wir lassen keenen dran!“ Ein befreites Lachen geht durch die Menge. Diese Frauen werden sich das Karneval-Feiern nicht vergraulen lassen.

Gegen ein Uhr zieht die Frauentruppe singend und lärmend auf die andere Seite des Bahnhofs, den Breslauer Platz. Hier ist es noch voller als auf der Dom-Treppe. Denn hier versammeln sich gerade all jene, die gegen die angekündigte Pegida-Demo protestieren wollen. Es wehen quadratmetergroße Fahnen der Jusos und Dutzende Fahnen der Grünen und der Linken. „Refugees welcome“ steht auf einem der Transparente. „Immer, wo Rechte in der Überzahl sein können, müssen wir da sein!“ erklärt Christian von den „Jusos Oberberg“. Und warum sind sie dann nicht auch an der Seite der Frauen? „Wir waren vorhin auch kurz drüben“, versichert Christian.

Auch die jungen Fahnenträger der Grünen sind „gegen sexualisierte Gewalt“ Sie finden es aber vor allem schlimm, dass das jetzt so "instrumentalisiert" werde für "die Hetze gegen Flüchtlinge". Bei der Frauendemo waren sie nicht. „Aber einige grüne Frauen waren dabei."

Ebenfalls aufgerufen zu der Anti-Pegida-Demo hatte die Kölner Initiative „Arsch huh, Zäng ussenander“ (Arsch hoch, Zähne auseinander), eine Initiative von Linken, die Anfang der 1990er mit Solidaritätskonzerten gegen Ausländerhass Flagge zeigten. 100.000 Menschen nahmen damals teil, und auch zum 20. Jahrestag von "arsch huh" waren es ähnlich viele. Bei der Frauendemo glänzten die kämpferischen Linken durch Abwesenheit. „Ich habe Wolfgang Niedecken vorhin noch mit seinen Hunden im Park gesehen“, sagt eine Teilnehmerin spöttisch.

"Arsch huh"
war nicht
anwesend

Stattdessen hatte sich „Arsch huh“ auch noch am Dienstag nicht etwa über die brutalen Übergriffe durch Männer aus dem nordafrikanischen und arabischen Kulturkreis echauffiert, sondern über die „reißerische Berichterstattung“. Die suggeriere „eine Massendemonstration sexueller Gewalt. Fakt ist jedoch, dass es sich um Kleingruppen von Kriminellen handelte, die nach Auflösung einer Menschenansammlung durch die Polizei um den Bahnhof herum aktiv waren und neben den sexuellen Übergriffen vor allem für Diebstähle verantwortlich waren.“

Inzwischen allerdings klingt das schon anders. Jetzt verurteilt „Arsch huh“ die Übergriffe der Silvesternacht „aufs schärfste“. Und erklärt:  " Gewalt gegen Frauen ist immer ein Verbrechen!“ immer. Klar doch. Egal ob der Täter Araber ist oder Deutscher. Aber nun geht es gerade mal über die spezifische Gewalt dieser Ausländergruppe - eine bandenmäßig organisierte sexuelle Gewalt, wie wir sie in Deutschland tatsächlich noch nie erlebt haben.

Eine Frauengruppe auf dem Breslauer Platz hat ein Megafon dabei und gibt die Parolen aus: „Wir erobern uns die Nacht zurück!“ „Frauen, wehrt euch!“ und „Frauen gemeinsam sind stark!“ Es sind die Parolen, die die Frauenbewegung der 1970er Jahre skandierte, als sie das Ausmaß sexueller Gewalt aufdeckte und deutlich machte, dass sie kein Kavaliersdelikt ist. Diese Frauen hätten wohl nicht gedacht, dass sie diese Sprüche 40 Jahre später noch einmal hervorholen müssen.

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