Drei starke Frauen

Schwarzer, Abramović und Rosenbach bei der Eröffnung der Gesamtschau von Marina in der Bundeskunsthalle in Bonn.
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Ihr Weg hat die heute wohl berühmteste Performerin von ­Belgrad über Deutschland und Holland nach New York geführt, wo sie heute lebt. Dort hatte sie 2010 im MoMa mit ihrer Performance „The artist is present“ weltweit Aufsehen erregt. Jetzt kehrt Marina Abramović nach Deutschland zurück.

Die Bundeskunsthalle Bonn präsentiert eine Gesamtschau mit Werken aus über 50 Jahren dieser so leidenschaftlichen, rastlosen wie vielfältigen Künstlerin: Filme, Fotografien, Objekte, Installationen und Malerei. „Die Künstlerin ist anwesend“, zumindest in den Eröffnungstagen.

Rhythm 0, Neapel 1974, Tisch mit 72 Objekten. Abramović: „Auf dem Tisch befinden sich 72 Gegenstände, die man nach Belieben an mir verwenden kann. Ich bin der Gegenstand.“ Fotos: Donatelli Sbarra
Rhythm 0, Neapel 1974, Tisch mit 72 Objekten. Foto: Donatelli Sbarra

Dieses Foto zeigt Marina Abramović 1974 in Neapel. Dort posierte sie sechs Stunden lang in einer Galerie. Die Anwesenden waren aufgefordert, mit den bereitliegenden 72 Utensilien – von einer Rose über ein Messer bis hin zu einer geladenen Pistole – mit der Künstlerin zu machen, „was sie wollen“.

Ein Mann zog ihr die Bluse aus. Andere betatschten sie. Und ein weiterer Mann konnte nur im letzten Augenblick daran gehindert werden, Abramović zu erschießen. Die Performance musste abgebrochen werden.

Diese Künstlerin holt das Innerste nach außen. Nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst. Schmerz ist ihr zentrales Thema.

Vor zwei Jahren hat Marina Abramović eine sehr aufschlussreiche, radikale Autobiografie veröffentlicht. Die beginnt am 30. November 1946 in Belgrad, dem Tag ihrer Geburt. Und sie geht bis Anfang 2016 – und macht unmissverständlich klar, dass es weitergehen wird, mit der Arbeit, mit der Liebe – und mit dem Schmerz.

Marina ist die Tochter von Partisanen, von Helden des Widerstands. Die Eltern retten sich gegenseitig das Leben im Kampf und machen sich später dasselbe im Frieden zur Hölle. Der charmante Vater betrügt die Mutter, bis die die Nerven verliert – und er einen Vorwand hat zu gehen. Donica, Marinas Mutter, eine tüchtige elegante Frau großbürgerlicher Herkunft und kommunistischer Überzeugung, konzentriert sich fortan auf drei Dinge: ihren Beruf, das Vergöttern ihres Sohnes und die Kontrolle ihrer Tochter.

Zum Glück ist da noch die emotional starke Großmutter, eine so gläubige wie abergläubische Katholikin. Von ihr hat die Enkelin wohl das Mystische. Als Marina schon längst eine bekannte Künstlerin ist, lebt sie noch bei ihrer Mutter, bis zum Alter von 29. Und ist abends pünktlich um 22 Uhr zuhause, so wie die Mutter es verlangt.

Doch dann explodiert sie. Es sind die 1970er Jahre. Die unangepasste, unvermarktbare Performance-Kunst steht in heller Blüte. Abramović geht bis zum Äußersten und riskiert nicht selten ihr Leben für die Kunst. Zum Beispiel, als sie sich in Belgrad in einen um sie herum brennenden Stern (das Zeichen der jugoslawischen Revolution) legt, das Bewusstsein verliert und beinahe verbrennt. Oder als sie 1973 in Edinburgh ihre Performance Rhythm 10 macht, bei der sie sich in steigender Geschwindigkeit ein scharfes Messer zwischen die – rasch blutenden – Finger hackt.

1975 begegnet Abramović in Amsterdam dem deutschen Fotografen Ulay. Der Mann, der eine Hälfte seines Gesichtes geschminkt hat wie eine Frau, und die andere Hälfte trägt wie ein Mann, wird zur anderen Hälfte der Partisanentochter. Die beiden leben und arbeiten zwölf Jahre zusammen, davon vier Jahre in einem ausgebauten Bus und quasi ohne einen Pfennig. In ihren Performances, in denen beide oft nackt sind, laufen sie aufeinander zu oder voneinander weg, knallen gegen Hindernisse oder spannen zwischen sich Pfeil und Bogen. Der Pfeil ist dabei auf sie gerichtet. Das hätte ihr zu denken geben müssen.

Die letzte gemeinsame Performance der beiden ist der mit unvorstellbaren bürokratischen und natürlichen Hindernissen gepflasterte Weg über die chinesische Mauer. 90 Tage lang. Jeder rund 2.000 Kilometer. Sie kommt von Osten, er von Westen – in der Mitte wollen sie sich treffen und heiraten. Aber stattdessen trennt er sich von ihr und heiratet eine andere. Marina war ihm wohl zu stark geworden.

Das wird ihr später noch einmal passieren. Auch der schöne Paolo verlässt sie nach zwölf Jahren, um sein „Ich wiederzufinden“. Das erschüttert Marina tief, aber macht sie in der Arbeit letztendlich nur unabhängiger und stärker. Schmerz ist ihr lebenslanges Motiv. Und der scheint so tief zu sein, dass sie ihn oft nur mit selbstzugefügten Schmerzen übertönen kann.

Marina Abramović ist, so leidenschaftlich wie diszipliniert, lebenslang auf der Suche nach der Selbsterkenntnis und dem Unfassbarem: bei den Aborigines in Australien, bei den Lamas in Tibet oder bei den Schamanen in Brasilien. Dort zieht die Hyperaktive sich immer wieder in Stille und Besinnung zurück.

© Marco Anelli 2010 Courtesy of the Marina Abramović Archives VG Bild-Kunst, Bonn 2018
© Marco Anelli 2010 Courtesy of the Marina Abramović Archives VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Heute ist Marina Abramović in New York Teil der angesagten Kunstszene und hat ein Performance-Institut gegründet. Als Lehrerin will sie diese so existenzielle aber flüchtige Kunst festhalten und weitergeben. Eine ihrer Schülerinnen war Lady Gaga. Auch die hat unter Marinas Regie vier Tage lang gehungert und geschwiegen – auf der Suche nach den Wurzeln ihres Schmerzes und ihrer Revolte.

In Bonn wird das Werk der so meditativen wie kämpferischen, vor allem aber kreativen Partisanentochter bis zum 12. August zu sehen sein. Sie wird unter anderem ihre Performance Work Relation mit dem einstigen Gefährten Ulay aus dem Jahr 1978 wieder aufführen – und die beiden werden zum ersten Mal nach über dreißig Jahren wieder zusammen auftreten. Mit ihm zusammen hatte sie in den frauenbewegten Jahren viele Geschlechterkampf-Performances entwickelt.

Die aktuelle Ausstellung von Marina Abramović trägt den Titel „The Cleaner“ – diesmal nimmt Marina gleich beide Schüppen selber in die Hand. Die Ausstellung geht 2019 nach Belgrad. Dann schließt sich der Kreis.

Information:
„Marina Abramović: The Cleaner“, Bundeskunsthalle Bonn bis 12.8.2018. Katalog bei Hatje Cantz (39.80 €). Autobiografie: Durch Mauern gehen. (Luchterhand, 28 €).
www.marinaabramovic.com

 

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