In der aktuellen EMMA

Ein verlorenes Paradies?

Foto: Véronique de Viguerie
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Sanft erwacht beim ersten Hahnenschrei das Dorf Terre Noire im tiefsten Amazonien. Doch bei aller Sanftheit ihrer Lebensweise ist den Einwohnern vollkommen bewusst, dass sie in einem Paradies auf Abruf leben. Rings um die Maraguas weicht der Wald in hohem Tempo zurück und wird durch Sojapflanzungen und Rinderzucht ersetzt. Der Fluss Abacaxis, eine Lebensquelle, entlang der sich die 600 Stammesmitglieder auf fünf Ansiedlungen verteilt haben, bringt weitere Plagen mit sich. Auf seinen schlammigen Wassern fahren Sportfischerboote voller Touristen auf Abenteuersuche vorbei, die die Fischschutzgebiete leerangeln; und Jäger, die Jaguare, Kaimane und Affen jagen – alles, was ihnen an geschützten Arten vor die Flinte kommt.

„Nichts hat sich geändert seit unserem ersten Kontakt mit den Jesuiten 1840“, bedauert Egidia Dos Reis, die zwischen dem Dorf und der weit entfernten Regionalhauptstadt Manaus pendelt, wo sie eine Organisation von Aktivistinnen leitet. „Die Weißen verfolgen uns, damit wir ihnen freie Bahn lassen – die Natur in aller Ruhe zu ­zerstören.“

Heute kommt die größte Bedrohung für die Maraguas aus nächster Nähe: von den „Ribeirinhos“, wie sie hier genannt werden. Die Bewohner des Ufers direkt gegenüber, die vom Cannabis-Anbau und dem illegalen Handel mit Tropenholz leben. Ihre bloße Erwähnung reicht schon aus, um das ganze Dorf in Angst und Schrecken zu versetzen. Vor einigen Jahren ist eine junge indigene Frau, die den Ribeirinhos gedroht hatte, ihren illegalen Handel bei der Polizei anzuzeigen, zusammen mit ihrem zweijährigen Baby mit der Machete zerstückelt worden.

Wir müssen lange insistieren, bis der Häuptling, der als einziger ermächtigt ist, mit den so gefürchteten Nachbarn zu verhandeln, bereit ist, uns bis zu dem einfachen Camp zu begleiten, das ein Dutzend Familien beherbergt. Aus dem Nordosten stammend wurden ihre Vorfahren vor rund fünfzig Jahren im Rahmen eines Landverteilungsprogramms hier angesiedelt. Seither hat die Zen­tralregierung sie sich selbst überlassen: keine Brunnen, keine Schule, keine soziale Unterstützung an diesem Ende der Welt, das, acht Pirogen-­Stunden weit von der ersten Polizeistation entfernt, zu einer rechtsfreien Zone geworden ist. Am 22. März dieses Jahres, eine Woche nach unserem Besuch, wurde eine weitere Maragua-Frau, Nazaré Pereira da Silva, totgeschlagen und am Flussufer liegen gelassen. Nach kurzer Verhaftung kam ihr mutmaßlicher Mörder wieder frei.

Dem Conselho Indigenista Missionário zufolge wurden zwischen 2007 und 2017 in Amazonien 48 IndianerInnen ermordet. „Sicher noch sehr viel mehr, denn diese Verbrechen finden in abgelegenen Gebieten statt und bei Stämmen, die manchmal nicht einmal im Stammesverzeichnis aufgeführt sind“, präzisiert Chantelle Texeira, eine Anwältin, die in dieser Einrichtung arbeitet.

Wie viele, die sich für die Belange der Ureinwohner einsetzen, fürchtet die junge Frau, dass die kürzlich erfolgte Liberalisierung des Schusswaffengesetzes mit der Lizenz zum Töten, die Präsident Bolsonaro seinen Anhängern erteilt hat, in Brasilien zum Massaker ganzer Kommunen führen könnte. Diese Befürchtung teilen mehrere Verbände vor Ort, die seit letztem Januar eine Zunahme von Gewalttaten festgestellt haben in einem Land, das für die Menschenrechtsaktivisten bereits das mörderischste der Welt ist. Chantelle Texeira zufolge ist dieser düstere Rekord in hohem Maß den zahlreichen Milizen im Dienst der Großgrundbesitzer geschuldet, die im Staatsapparat Protektion genießen.

Deshalb geht Teodoro Yagures jetzt nur noch mit Angst und einer Lanze bewaffnet in den Wald. Dabei kennt er ihn wie seine Westentasche, er wurde vor rund sechzig Jahren darin geboren. Vor einem Monat entdeckte der alte Indianer mitten im Dschungel, nur wenige Kilometer vom Dorf der Maraguas entfernt, Spuren eines Camps. Dessen Bewohner haben inzwischen die kostbaren Rundhölzer nach Manaus transportiert und einen Friedhof von totem Holz hinterlassen.

Neben einem hundertjährigen Baum, der barbarisch mit der Motorsäge zerlegt worden ist, seufzt Teodoro. Mehr noch als Irrsinn oder großer Kummer ist die Umweltzerstörung in den Augen der Indianer ein vorprogrammierter kollektiver Selbstmord: „Die Weißen haben immer ein kurzfristiges Nutzungsdenken. Sie nehmen, aber ersetzen tun sie nichts. Sie machen sich nicht klar, dass es bald nichts mehr zu nehmen geben wird. Nicht einmal bei uns.“

Nachdem die Belange der indigenen Bevölkerung im Lauf der Jahre immer mehr beiseitegeschoben wurden, droht seit der Wahl von Jair Bolsonaro das endgültige Aus. Auf Twitter, das auch er weidlich nutzt, macht der rechtsextreme Präsident keinen Hehl aus seinen Ambitionen: „Mehr als 15 Prozent des nationalen Territoriums ist als Land der Ureinwohner deklariert“, verkündet er. „Weniger als eine Million Menschen leben in diesen abgelegenen Gebieten, ausgenutzt und manipuliert von den NGOs. Wir werden diese Bürger integrieren.“

„Intégration“: ein Wort mit bitterem kolonialistischem Beigeschmack. Bereits am ersten Tag seiner Amtszeit, dem 1. Januar 2019, hatte der neue Präsident in einer aggressiven Maßnahme die Grenzfestlegung für die Territorien der Ureinwohner der Landwirtschaftsministerin Tereza Cristina überlassen, „der Muse des Pestizids“, wie sie wegen ihrer engen Verbindungen zu den Agrarlobbys genannt wird. Das ist, als würde man einem Fuchs die Bewachung des Hühnerstalls übergeben. Die Nationale Indianerstiftung (Funai), deren Aufgabe es sein sollte, die Rechte der indigenen Bevölkerung zu wahren und zu fördern, wurde in das Ministerium für Frauen und Familie integriert und verlor damit als eine der letzten Schutz­instanzen ihren Sinn und Zweck. Seitdem müssen sich die Indianer allein gegen die fortgesetzten Angriffe auf den Wald zur Wehr setzen.

Am frühen Morgen legen drei Pirogen am ruhigen Ufer des Dorfes Terre Noire an. Ein Pulk Kinder steigt aus, auf dem Rücken Schulranzen mit Superhelden und Disney-Prinzessinnen. Die Avatare des modernen Lebens haben auch den letzten der Unbeugsamen im Wald eingeholt. Gleich neben der „Oca“, dem großen Gemeinschaftszelt, schützt eine Holzhütte abgenutzte Pulte: Das ist die einfache Schule, die sich der Volksstamm der Maragua 2008 erkämpft hat. Vorher mussten die Stammesmitglieder, die ihre Kinder zur Schule schicken wollten, ins ferne Nova Olinda ziehen, ein Flecken, der nach der Entdeckung eines Erdölvorkommens in den 1950er-Jahren wie ein Giftpilz im Innern Amazoniens aus dem Boden geschossen ist. Um dorthin zu gelangen, brauchte man mit dem Boot zwei Tage und zwei Nächte, bis vor zwei Jahren Motorboote zum Einsatz kamen.

Eine logistische Herausforderung, die „mehrere Generationen von Analphabeten“ zur Folge hatte, seufzt Jésiana, die Lehrerin, die nach ihrem Studium ins Dorf zurückgekehrt ist, um „die Indianer von morgen“ aus­zubilden, die dann ihre Rechte kennen werden und vor allem Mittel und Wege, um sie zu vertei­di­gen.

Der Nachwuchs in der nach allen Seiten offenen Hütte ist sich nicht unbedingt seiner schweren Aufgabe bewusst. Wie alle Kinder in ihrem Alter träumen die jungen Maraguas von einer Über­dosis chemischer Bonbons und von Hollywood-Stars, die auf Breitwand die Welt retten. „Das ist nicht zwangsläufig unvereinbar“, lächelt Jésiana. Sie ist wie viele Verfechter der Ureinwohnerinteressen überzeugt, dass der Widerstand heutzutage nicht nur über die Erziehung vermittelt wird, sondern auch über die Einrichtung von Stützpunkten in den Städten. Ein Netz von Wachposten, oft Frauen, in nächster Nähe dieser „Weißen“, die über das Land ihrer Vorfahren bestimmen. Ihr Ziel: Bewusstsein schaffen und Druck auf die Institutionen ­ausüben.

Schweren Herzens hat Lia Minapoty sich vor fünf Jahren entschlossen, Terre noire zu verlassen, um ihren Stamm in Nova Olinda zu vertreten. Mit 30 Jahren leitet sie dort eine Frauengruppe mit dem Ziel, sich in die Gemeinden zu begeben, um den Fortbestand von Sprache und Handwerk der Managuas zu sichern – dieses tausendjährige Erbe, das im Kontakt mit dem modernen Leben immer weiter schwindet. „Bei uns sind es die Frauen, die die Heilpflanzen kennen. Sie vermitteln unser Wissen von Generation zu Generation, außer dass sie kochen und den Haushalt machen. Aber das ist ja das Los der Frauen überall auf der Welt“, sagt Lia augenzwinkernd. Als Mutter von drei Kindern findet sie auch noch Zeit, Protest­demonstrationen zu organisieren, weil der Bürger­meister wiederholt versucht hat, die von ihrem Stamm eingereichten Klagen gegen das vielfache Eindringen der Holzfäller und Goldsucher in das Gebiet der Maraguas zu unterdrücken.

Dieses hartnäckige Engagement hat ihr mehrere Todesdrohungen eingebracht. Doch die Betroffene redet lieber über die Kinderbücher, die sie schreibt, um die Schüler für die Kultur der Ureinwohner zu sensibilisieren: „In der Schule bringt man ihnen bei, dass Brasilien von den Portugiesen entdeckt worden ist, als hätte es vor ihnen hier niemanden gegeben. Aber die Ureinwohner waren doch unsere Vorfahren.“ Bei Schulbeginn nach den Ferien im letzten Januar rief ihr Verleger an, mit einer betrüblichen Nachricht: Zum ersten Mal waren ihre Bücher vom Bildungsministerium nicht für den Unterricht empfohlen worden. Ein düsteres Vorzeichen für die in Zukunft zu erwartenden Demütigungen.

Theoretisch stehen die Gemeinden der Ureinwohner unter dem Schutz der brasilianischen Verfassung, die ihnen das Recht garantiert, auf dem Land ihrer Vorfahren zu leben. Das Land der Maraguas gehört zu den 115 Territorien, die noch nicht demarkiert sind. Sorgsam entfaltet ihr Häuptling die Karte mit dem Gebiet, dessen Grenzen in Absprache mit der Funai und dem Justizministerium festgelegt worden sind und das Anfang des Jahres offiziell hätte registriert werden sollen. Mit der Wahl Bolsonaros ist dieser krönende Abschluss eines erbitterten dreißig­jährigen Kampfes geplatzt.

Während seiner Wahlkampagne hatte Bolsonaro immer wieder versichert, dass er den autoch­thonen Völkern keinen weiteren Quadratzentimeter abtreten wolle. Nach seiner Wahl geht er nun daran, die letzte gesetzliche Hürde aus dem Weg zu räumen: Noch in diesem Jahr soll dem Kongress eine Verfassungsänderung zur Abstimmung vorgelegt werden, die vorsieht, die Anerkennung der bereits demarkierten Gebiete auf Eis zu legen, um sie für die landwirtschaftliche Nutzung und den Bergbau zugänglich zu machen.

Bei diesem Tempo wird Amazonien, die Lunge des Planeten, trotz der verzweifelten Bemühungen der Indianer, bald in den letzten Zügen liegen.

Aus dem Französischen von Sigrid Vagt.

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