In der aktuellen EMMA

Eine Überlebende spricht

Renate Lasker-Harpprecht im Sommer 2018 in Frankreich. - Foto: Bettina Flitner
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Alice Schwarzer Renate, du hast zwei Jahre deines Lebens in Auschwitz und Bergen-Belsen verbracht. Erst in den letzten Jahren hast du in Interviews und vor Schulklassen über das Grauen gesprochen. Ich will dir das jetzt nicht noch einmal zumuten. Wir alle können wissen, was Auschwitz war – zum Beispiel, indem wir das Buch deiner Schwester Anita lesen. Ich möchte heute von dir wissen, was diese Jahre für dein heutiges Denken, Fühlen und Leben bedeuten.

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Renate Lasker-Harpprecht Eine gute Frage! Diese zwei Jahre sind Vergangenheit. Ich bin ein Mensch, der optimistisch ist. Aber es gibt natürlich Dinge, die man nicht unterdrücken kann.

Zum Beispiel?
Ich träume viel. Und fast immer schlecht.

Und was träumst du?
Ich träume … Jetzt spreche ich davon, mit der Folge, dass ich heute Nacht wieder davon träume!

Entschuldige.
Also ich träume, dass der Krieg vorbei ist, und ich wieder in unserer alten Wohnung in Breslau bin. Und dann klingelt es an der Türe – und da stehen meine Eltern. Und die Eltern machen mir schreckliche Vorwürfe, dass ich sie nie gesucht habe. Dass ich nichts unternommen habe, um zu wissen, was man mit ihnen gemacht hat.

Deine Eltern sind 1942 deportiert worden.
​Ja. Sie haben einen Brief bekommen, dass sie sich in 24 Stunden da und da einzufinden hätten, mit maximal 20 Kilo Gepäck. Und dann hat es eine schreckliche Nacht bei uns gegeben. Meine älteste Schwester, Marianne, war ja schon in London. Und Anita und ich, wir haben nicht wirklich Abschied von unseren Eltern genommen. Ich bin irgendwann ins Bett gegangen und habe geschlafen.
 

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Alice Schwarzer im Gespräch mit Renate Lasker-Harpprecht im Sommer 2018. - Foto: Bettina Flitner
Alice Schwarzer im Gespräch mit Renate Lasker-Harpprecht im Sommer 2018. - Foto: Bettina Flitner

 

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Alice Schwarzer schreibt

Holocaust-Überlebende ermordet

Mireille Knoll, Französin und Jüdin, hatte die Nazis überlebt - und wurde in Paris ermordet.
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Die 85-jährige Französin und Jüdin hatte die Nazis überlebt: Sie floh mit ihrer Mutter nach Portugal und kehrte nach 1945 zurück. Ihr im Jahr 2000 gestorbener Ehemann hatte Auschwitz überlebt. Am Abend des 23. März wurde Mireille Knoll von der Feuerwehr in ihrer brennenden Wohnung gefunden: Ihr Körper war übersät mit elf Messerstichen und halb verkohlt.

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Die mutmaßlichen Täter waren rasch gefasst. Es handelt sich um einen 28-jährigen Franco-Marokkaner, der mit seinen Eltern im selben zehnstöckigen Sozialbau im 11. Arrondissement von Paris lebt und um den Knoll sich seit Kindesbeinen liebevoll gekümmert hatte, sowie einen Kumpanen.

Der junge Mann drohte ihr mehrfach, sie
zu verbrennen

„Sie hat ihn behandelt wie ihren eigenen Sohn“, erklärte nach der Tat der leibliche Sohn des Opfers. Doch in der letzten Zeit habe der junge Mann ihr „mehrfach gedroht, sie zu verbrennen“. Darüber habe ein Familienmitglied auch die Polizei informiert. Hat die Polizei reagiert? Anscheinend nicht. In die brennende Wohnung im zweiten Stock kamen Feuerwehrleute nur, weil Nachbarn sie alarmiert hatten.

Mireille Knoll ist seit 2003 das elfte Opfer eines wieder aufflammenden Antisemitismus in Frankreich, der vor allem aus Kreisen von Nordafrikanern und Arabern kommt. Zuletzt war im April 2017 die 65-jährige Sarah Halimi von einem 27-jährigen Nachbarn einer Familie aus Mali zu Tode geprügelt und aus dem Fenster geworfen worden, unter lauten Allahu-Akbar-Rufen. Auch dieser Mord passierte im 11. Arrondissement.

Am Morgen desselben Tages erschoss der 25-jährige Franco-Marokkaner Radouane Lakdim in Trèbes vier Menschen. Lakdim war als radikaler Islamist polizeibekannt und von 2016 bis 2017 vom Verfassungsschutz beobachtet worden. Reporter, die nach der Tat in dem Vorort von Carcassonne recherchiert hatten, in dem Lakdim wohnte, waren von jungen Männern mit dem Tode bedroht und mit Steinen beworfen worden.

Wir stehen entfesselten jungen Männern gegenüber

Nur ältere Frauen in dem Viertel reagierten anders, berichtete ein Reporter von Le Parisien. Sie vertrauten dem Reporter ihre Ohnmacht an: „Diese Taten sind unverzeihlich. Das war wieder einer, der Hirnwäsche bekommen hat. Vielleicht im Internet, wo sie diesen Islam des Hasses lehren. Wir verstehen sie (die Jugendlichen) nicht mehr - und sie hören nicht mehr auf uns. Unsere Männer haben schon lange ihre Familien im Stich gelassen. Und wir stehen diesen entfesselten jungen Männern gegenüber.“

Die Täter kommen aus dem immer selben Milieu: zwischen Kleinkriminalität und islamistischer Hetze, verkündet im Internet und in radikalen Moscheen. „Sie alle verkehrten in einem von Judenhass durchtränkten, islamistisch aufgeladenen Milieu“, schreibt der deutsche Infodienst www.hagalil.com.

Elisabeth Badinter und Alice Schwarzer im Gespräch in Paris. © Michael von Aulock
Elisabeth Badinter und Alice Schwarzer im Gespräch in Paris. © Michael von Aulock

Ende Dezember hatte ich mit Elisabeth Badinter über das Problem des steigenden Antisemitismus für die FAS ein Gespräch geführt. Wir kamen beide zu dem Schluss, dass der Antisemitismus in Frankreich wie Deutschland solange verurteilt worden ist, wie er von rechts kam – dass aber über den seit Jahren steigenden Antisemitismus in islamischen Ländern und den muslimischen Communities mitten in Europa Schweigen herrscht. Es soll nicht sein, was nicht sein darf.

In Frankreich, wo die meisten Juden außerhalb von Israel und Amerika leben, steigt seit langem die Angst. Und selbst in Deutschland, wo aufgrund des Holocaust heute sehr viel weniger Juden leben, lassen sich antisemitische Ausfälle in Schulen und auf den Straßen nicht länger vertuschen.

Die Politik
muss diese Entwicklung stoppen

„Die Entwicklung in Frankreich ist ein Menetekel für unser Land“, klagte Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in München, heute auf Facebook. „Das belegen alarmierende Erfahrungen in allen jüdischen Gemeinden. Die Politik in Deutschland muss diese Vorzeichen aus Frankreich nicht nur sehr ernst nehmen, sondern schnell und schlagkräftig alles daran setzen, diese Entwicklung bei uns noch rechtzeitig zu stoppen.“

In dem so besonders tragischen Fall von Mireille Knoll wird es aufschlussreich sein zu erfahren, wie aus dem kleinen Nachbarjungen, um den die alte Dame sich gekümmert hat, der Hasser wurde, der sie niedergestochen und angezündet hat. Es darf vermutet werden, dass die islamistische Judenhetze – immer begründet mit dem Leid, das Palästinensern vom Staat Israel angetan wird – dabei eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Es ist anzunehmen, dass der Fall Knoll konsequent aufgeklärt werden wird. Über den Fall Halimi hatten Medien und Politik in Frankreich zunächst noch einen Mantel des Schweigens gebreitet, ja sogar das eindeutig antisemitische Motiv des Täters geleugnet. Jetzt wird das in Frankreich nicht mehr möglich sein.

Am Mittwoch protestierten Tausende
in Paris

Im 11. Arrondissement leben sowohl besonders viele Juden, wie auch besonders viele Nordafrikaner und Araber. Bis vor einigen Jahren gab es da „nur“ Zusammenstöße, wenn die Politik des Staates Israel und die Interessen der Palästinenser mal wieder eskalierten.

Doch inzwischen sind nicht einmal mehr alte Frauen wie Mireille Knoll oder Sarah Halimi in ihren Wohnungen vor dem selbstgerechten Hass und der Mordlust dieser verhetzten jungen Männer sicher.

Tausende gingen in Paris auf die Straße und protestierten gegen den virulenten Antisemitismus.
Tausende gingen in Paris auf die Straße und protestierten gegen den virulenten Antisemitismus.

Aktualisierung vom 29. März:

Am Mittwochabend gingen Zehntausende in Paris auf die Straße und protestierten gegen den virulenten Antisemitismus in Frankreich. Präsident Macron erklärte: „Mireille Knoll“ sei „ermordet worden, weil sie Jüdin war“.

Über die mutmaßlichen Täter weiß man inzwischen Folgendes: Der 28-jährige Yacine M. lebte als Kind und Jugendlicher im selben Haus wie Mme Knoll und verkehrte auch in ihrer Wohnung. Wegen einer „sexuellen Aggression“ gegen die Tochter der Krankenpflegerin von Mireille Knoll war Yacine vor einiger Zeit zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden, davon 14 Monate auf Bewährung.

Im Gefängnis lernt Yacine den 21-jährigen Alex C. kennen. Der beschuldigt ihn heute, Anstifter der Tat gewesen zu sein und, als er eingestochen habe auf die alte Frau, „Allahu Akbar“ gerufen zu haben. Die beiden jungen Männer behaupten, sie seien zunächst bei Mme Knoll eingebrochen, um sie zu bestehlen.

Der Schock über diese antisemitische Eskalation ist nicht nur bei den Juden in Frankreich groß.

Alice Schwarzer

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