"SexWork": Zuhälter? Gibt's nicht!
Keine Frage: Der Moment, eine Ausstellung zum Thema Prostitution in der Bundeskunsthalle zu machen, wäre eigentlich ein guter gewesen. Vor wenigen Monaten hat Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ein Sexkaufverbot endlich auch in Deutschland gefordert, denn: „Mitten in unserer Gesellschaft besteht ein Sklavinnenmarkt, der an Grausamkeit nicht zu überbieten ist.“ Klöckners Vorstoß sorgte für eine breite Debatte. Doch was in Bonn dabei herausgekommen ist, dürfte in Berlin nicht gefallen.
In einer Zeit, in der immer mehr Länder Prostitution als Gewalt gegen Frauen und Verstoß gegen die Menschenwürde betrachten und deshalb die Bestrafung der Freier einführen, finanziert die Bundeskunsthalle mit rund 400.000 Euro eine als Ausstellung getarnte Propagandaveranstaltung der Pro-Prostitutionslobby.
„Hochpolitisch“ sei das Thema und „moralisch sehr aufgeladen“, erklärt dann auch Dr. Eva Kraus. Als Direktorin der Bonner Bundeskunsthalle eröffnet die “Intendantin“ die Pressekonferenz zur Ausstellung „Sexwork – Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“. „Deshalb haben wir uns zur Aufgabe gemacht, aufzuklären und Wissen zu vermitteln.“ Und weil es so wichtig sei, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen, habe man mit einem „Kollektiv forschender Sexarbeiter*innen“ zusammengearbeitet. Das klingt vielversprechend.
Museums-Direktorin Dr. Kraus: "Über Gewalt müssen wir nicht so sehr sprechen."
Erfahren wir also in der Ausstellung etwas über den Alltag der Frauen, die aus den ärmsten Ländern Europas und der Welt nach Deutschland gekarrt werden? Denn die machen rund 90 Prozent der Prostituierten in Deutschland aus. Haben die „Sexarbeiter*innen“ zu den Gründen geforscht, aus denen Frauen in der Prostitution sind – und warum so viele verzweifelt wieder aussteigen wollen? Erfahren wir mehr über ihre Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch, der Gewalt durch Freier und Zuhälter? Wie halten die Frauen es psychisch aus, jeden Tag fünf, zehn oder zwanzig Männer zu „bedienen“? Wie geht es ihnen, wenn sie in ihre Heimatländer zurückkehren, weil sie nach drei Jahren in deutschen Bordellen „kaputtgefickt“ sind (wie es eine Sozialarbeiterin mit 30 Jahren Berufserfahrung ausdrückt)?
„Über Gewalt müssen wir hier nicht so sehr sprechen. Das sind die dunklen Seiten des Gewerbes“, erklärt die Direktorin. Nicht? Dabei ist Gewalt Alltag Zehntausender Frauen in der Prostitution. Worüber sprechen wir also? Und vor allem: Wer spricht?
Zunächst geht es in der Ausstellung mit insgesamt 800 Objekten um die Prostituierte in der Kunst. Antike, Mittelalter, Neuzeit. Wir sehen Vasen, auf denen Männer und Frauen kopulieren, eine farbenfrohe „Bordellszene“ um 1470, Hetären und Kurtisanen. Schließlich, so Dr. Kraus, „hat es Sexarbeit schon immer gegeben und es wird sie immer geben“.
Dann die wilden Zwanziger: Otto Dix „Im Hafenbordell“ und in der Transvestitenbar „El Dorado“, Nackttänzerin Anita Berber im Anzug mit Monokel. Viel Verruchtes, auch zeitgenössisches: Fotos von nackten Frauen mit Playboy-Ohren, Fetisch-Stiefel, eine Nackte mit Gipsbein von Helmut Newton.
Gewalt? Geht in dieser Ausstellung quasi ausschließlich vom Staat aus. Von den Nazis, klar, aber auch von denen, die Sperrgebiete einrichten oder eine Anmeldepflicht für Prostituierte einführen. Selbst auf der kleinen Tafel „Menschenhandel“, der einzigen in den acht Themen-Räumen, wird verharmlost: „Obwohl dieses Phänomen in allen Arbeitsbereichen auftreten kann, wird Menschenhandel in der öffentlichen Debatte oft auf Sexarbeit reduziert und die Aufmerksamkeit auf die Sexindustrie gelegt. In der Praxis richten sich Razzien, Verhaftungen und Abschiebungen häufig gegen migrantische Bevölkerungsgruppen.“ Menschenhändler, Zuhälter, Loverboys, die Frauen mit Gewalt zur Prostitution zwingen? Fehlanzeige.
Gewalt gegen Prostituierte geht in der Ausstellung quasi nur vom Staat aus
Aber doch, auf einem Plakat gibt es eine „Dringende Warnung an auswandernde Mädchen“ („Nimm im Auslande keine Stelle an ohne vorherige Erkundigung an!“). Aber die ist vom „Deutschen Nationalkomitee zur internationalen Bekämpfung des Mädchenhandels“ aus dem Jahr 1900. Laut Bundeskunsthalle handelt es sich hier um den Ausdruck einer „moralischen Panik“ und „Teil eines rassistischen Diskurses zu ‚weißer Sklaverei‘“.
Was zu der Frage führt: Wer spricht hier eigentlich? Die Bulgarinnen, Ukrainerinnen oder die Frauen aus den Ghettos in Rumänien jedenfalls nicht. Bei der Pressekonferenz sprechen vier „Sexarbeitende“. Obwohl Intendantin Kraus angekündigt hatte, dass „intersektionale und migrantische Perspektiven“ beim Thema Sexarbeit eminent wichtig seien, sind alle vier „Sexarbeitende“ weiß und deutlich eloquent. Zwei von ihnen möchten offenbar nicht erkannt werden. Die namenlose Frau trägt Sonnenbrille und Baskenmütze und hat ihr Gesicht mit einer Netzmaske bis auf die Mundpartie verdeckt. Der namenlose Mann trägt Basecap, Sonnenbrille und eine schwarze Maske, die ebenfalls nur die Mundpartie freilässt. Die beiden, augenscheinlich im BDSM-Bereich aktiv, sprechen für das Kollektiv „Objects of Desire“.
Das Kollektiv hat sich 2016 gegründet und „sammelt Geschichten aus der Sexarbeit anhand von Gegenständen“. Auf der britischen Website des virtuellen Archivs gibt es kein Impressum, dafür „Kondomtäschchen“ und „Bauchnabelwachs“ oder das Foto einer Performance über „Urophilie, Sexarbeit und queere Verdauung“. „Objects of Desire“ hat für das Schwule* Museum Berlin bereits im Jahr 2024 eine Ausstellung kuratiert. Titel: „With Legs Wide Open – Ein Hurenritt durch die Geschichte“. Die Ausstellung, die jetzt in der Bundeskunsthalle – also der „Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland“! - zu sehen ist, ist die „Weiterentwicklung“ der Berliner „Hurenritt“-Schau mit den weit geöffneten Beinen.
Für die Bonner Ausstellung haben die vier „Sexarbeitenden“ auch den Raum über „Aktivismus“ gestaltet. Ist dort etwas zu sehen über Frauenrechtlerinnen wie Lida Gustava Heymann, die im 19. Jahrhundert Seite an Seite mit den Prostituierten gegen deren „Kasernierung“ und die Doppelmoral kämpften? Oder den Verein „Sisters“, der in den letzten zehn Jahren Hunderte Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution begleitet hat?
Sieht man überhaupt etwas über die feministische Solidarität mit Prostituierten bei gleichzeitiger Kritik am zutiefst patriarchalen System Prostitution? Kommen die Stimmen jener (Ex)Prostituierten vor, die sich „Überlebende“ nennen und – wie das Netzwerk ELLA oder SPACE international – für die Abschaffung der Prostitution und die Bestrafung der Freier kämpfen? Nein. In der Bundeskunsthalle lauten die Parolen: „Sexarbeiter gegen Sexkaufverbot“ und „Grünes Licht fürs Rotlicht!“
Schon im Vorfeld gab es deshalb Protest. Der namenlose Mann von „Objects of Desire“ behauptet: „Hassmails zu dieser Ausstellung sowie geplante Gegendemonstrationen stützen sich auf das Argument, das Sexarbeitende nicht glaubwürdig seien“. Das Gegenteil ist der Fall.
Sisters: "Die Ausstellung blendet die Realität der meisten Frauen in der Prostitution aus."
„Was hier als vielperspektivische Kulturgeschichte angekündigt wird, droht die Realität der meisten Frauen in der Prostitution auszublenden“, erklärt Sabine Constabel, Vorsitzende von Sisters. „Wir erleben diese Realität täglich – und sie hat mit Selbstbestimmung nur in den seltensten Fällen etwas zu tun. Die Frauen kommen aus wirtschaftlicher Not, aus prekären Verhältnissen, oft ohne ausreichende Sprachkenntnisse und mit sehr begrenzten Handlungsspielräumen“, so Constabel. „Ihre Stimmen fehlen in der öffentlichen Darstellung fast vollständig – und offenbar auch in dieser Ausstellung.“
Und der „Bundesverband Nordisches Modell“ erklärt: „Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Prostitution muss Zwang, Gewalt, Menschenhandel und die strukturelle Ungleichheit zwischen Freiern und den meist weiblichen Prostituierten in den Mittelpunkt stellen.“ Für den 4. April, also Ostersamstag, rufen der Bundesverband und Sisters gemeinsam um 14 Uhr zu einer Protestaktion vor der Bundeskunsthalle auf.
Bleibt die Frage: Wie konnte das passieren? Und: Was passiert jetzt? Die Propaganda-Show für die Sexindustrie wird am 2. April eröffnet und geht bis zum 25. Oktober. Das ließe sich doch sicher abkürzen.
CHANTAL LOUIS
PROTEST!
Zwei Protestaktionen gegen die Ausstellung „Sexwork – eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“ in der Bonner Bundeskunsthalle: „Wir kritisieren scharf die Verharmlosung der Prostitution als ‚Sexwork‘ und verurteilen die Finanzierung der Ausstellung durch Steuergelder“, erklärte eine „Gruppe wütender Frauen“, die zur Eröffnung am 1. April zum Protest aufgerufen hatte.
Am Ostersamstag um 14 Uhr demonstrieren der Bundesverband Nordisches Modell e.V. sowie Sisters - für den Ausstieg aus der Prostitution e.V. vor der Bundeskunsthalle. „Statt die Machtverhältnisse zu beleuchten, die Frauen über Jahrhunderte in sexuelle Abhängigkeit gedrängt haben, wird Prostitution als faszinierender Bestandteil der Kulturgeschichte inszeniert“, beklagt der Bundesverband. „Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Prostitution muss Zwang, Gewalt, Menschenhandel und die strukturelle Ungleichheit zwischen Freiern und den meist weiblichen Prostituierten ins Zentrum stellen.“

