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Die Ware Kind: Baby zu kaufen

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Lachende Babygesichter, kleine Füßchen. Rundum verkünden Plakate und Flyer das Glück, ein Baby zu haben. Das Veranstaltungszentrum der Messe „Kinderwunschtage“ in einem Hotel in Berlin-Moabit ist tapeziert damit. Weiße Luftballons in Spermienform mäandern über den Ständen, Gummibärchen werden in gleicher Form und Plüschstörche als Schlüsselanhänger gereicht. Fruchtbarmachendes Yoga, exotische Tees, eine Adoption, eine Samenbank. Viele Wege führen zum Kind. Und einer führt über ganz dünnes Eis: die Leihmutterschaft.

Obwohl sie in Deutschland verboten ist, präsentieren sich auf der deutschen Kinderwunsch-­Messe etliche Kliniken für In-vitro-­Fertilisation (IVF), also für die Befruchtung der Eizelle außerhalb des Körpers, mit deutlicher Ausrichtung auf eine Leihmutterschaft. „Akzeptable Preise, legale Eizellspende und Leihmutterschaft, kein Visum erforderlich” – mit diesen Worten wirbt zum Beispiel eine Ärztin einer ukrainischen IVF-Klinik um Kundschaft aus Deutschland. Wer will, kann die Reise zum Kind auf Bestellung direkt auf der Messe buchen.

Eigentlich sieht alles wahnsinnig nett aus. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Schließlich kaufen auch Hollywood-Stars bei Leihmüttern. Angefangen damit haben homosexuelle Männer wie Elton John, Neil Patrick Harris oder Ricky Martin. Süße, hübsch gekleidete Kinder haben sie. Stolz halten sie ihren Nachwuchs in die Kameras der Paparazzi, schwärmen vom Glück, Vater zu sein. Und zwar ein echter, kein Adoptiv-Vater.

Ihnen folgten heterosexuelle Paare wie Sarah Jessica Parker und Matthew Broderick oder Nicole Kidman und Keith Urban. Die 43-jährige Nicole Kidman erntete viel Spott dafür, weil sie für die Leihmutter ihres zweiten Kindes die Wortschöpfung „Pregnancy Carrier“, also „Schwangerschaftsträgerin“, unter die Leute brachte. Die Leih­mutter­schaft selbst aber wurde nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil: Im poshen Beverly Hills oder Bel Air hört man auf Partys immer öfter von Frauen, die ‚aus Rücksicht‘ auf ihre Figur oder aus Rücksicht auf ihre Karriere auf Leihmütter ausweichen.

Und sie alle sind selig lächelnd mit ihren ­Kindern an der Hand oder vor den Bauch geschnallt in Boulevardblättern zu sehen. Erfüllter Kinderwunsch – wie schön. Für die KäuferInnen. Doch wie sieht die Realität für die „Produzentinnen“ aus?

Je nach Land und Betreuungsprogramm kostet das Austragen eines fremden Embryos zwischen 25.000 US-Dollar (in Indien), 30.000 Euro (in der Ukraine) und 45.000 bis 100.000 US-Dollar (in den USA). Der Löwenanteil des Geldes fließt allerdings an die Fruchtbarkeitsklinik. Wie viel die Leihmutter erhält, ist je nach Land und Vertrag unterschiedlich. In Indien sind es zwischen 2.000 und 5.000 Euro, in der Ukraine um die 10.000 Euro, in den USA können es bis zu 80.000 Euro sein.

Die größten Märkte für Leihmutterschaft sind mit Ausnahme der USA die ärmsten Länder: Die Ukraine, Russland, Indien (eingeschränkt), Georgien, Mexiko, Südafrika, Zypern. In der Regel mieten Menschen aus wohlhabenden Ländern die Leihmütter in ärmeren Ländern.

Oft werden der Wunsch-Mutter Eizellen entnommen, der Wunsch-Vater gibt seinen Samen. Die Leihmutter ist sozusagen nur noch der Brutkasten. Das genetische Nicht-Verwandt-Sein mindert dann den Rechtsanspruch der Leihmutter und selbstverständlich wollen die KäuferInnen für möglichst „gute Erbanlagen“ sorgen, sich „fortpflanzen“.

Deutsche Paare mit Kinderwunsch ordern die „Ware“ neuerdings in der Ukraine. Die besetzt zurzeit international Platz Nummer 1 als Babyfabrik. Zwar sind Babys in Asien günstiger, dafür ist die Anreise und vor allem die Ausreise mit Kind beschwerlicher. Die Passkontrollen an Flughäfen sind strenger als an der Grenze. Auch ist die Korruption in diesen Ländern größer. Und wer neben den Preisen für ein Baby noch Schmiergeld bei den Behörden zahlen muss, kauft lieber vor der Haustür.

Die wenigsten der angeworbenen Leihmütter – in der Ukraine, wie in Asien – wissen, worauf sie sich einlassen. Viele können nicht einmal den juristisch stark verklausulierten Vertrag verstehen, der an den Grundrechten ihres Lebens rüttelt. Meistens ist es wie in der Prostitution, die schiere Not, die die Frauen dazu treibt, ihren ­Körper zu vermieten. Die Frauen kommen meist aus Dörfern, sind häufig alleinerziehend, nagen am Hungertuch. In Asien leben Mietmütter in gefängnisartigen Heimen. Wie Legehennen vegetieren sie dort die ganze Schwangerschaft über vor sich hin. Ständige Pränataluntersuchungen, selektive Fötenreduktion, sogar eine Abtreibung stehen im Vertrag, wenn das „Produkt“ in den Augen der KäuferInnen nicht perfekt ist. Treibt eine Schwangere in so einem Fall nicht ab, ist sie vertragsbrüchig geworden, muss sie das Kind behalten und erhält keinen Cent.

Nach neun Monaten wird das Baby geholt, meist per Kaiserschnitt und den Auftraggebern noch blutig überreicht. Oft sieht die Mutter ihr Kind nicht einmal. Was ihr bleibt, sind ein schweres Herz und schwere Brüste voller Milch. Viele der Frauen fallen in Depressionen. Unter malaysischen Leihmüttern gibt es einige Frauen, die ihr fünftes, sechstes Kind hergeben und ein Leben in den Brutstätten führen. Die eigene Familie hat sie als Einnahmequelle entdeckt.

In Deutschland ist die Leihmutterschaft eindeutig verboten. Die Menschenwürde der Leihmutter und des Kindes sollen bewahrt werden. Hierzulande Kinder von Leihmüttern austragen zu lassen, wird mit Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren geahndet.

Doch ist ein Kind einmal da, sieht die Sache schon ganz anders aus. Deutsche Gerichte drücken inzwischen gerne ein Auge zu, wenn Paare mit einem Leihmutterkind aus dem Ausland zurückkommen. Gibt es bereits eine gerichtliche Entscheidung im Ausland, sind KäuferInnen als Eltern anerkannt worden, gilt das auch in Deutschland. Der Eltern-Status wird quasi mit­importiert. Wenn dies nicht der Fall ist, wird in Deutschland von Fall zu Fall entschieden, welches Recht nun angewendet wird.

So geschehen im April 2019. Der Fall betrifft ausgerechnet die Ukraine, Deutschlands Shopping Mall für Babys. Zunächst lief alles nach Plan für das deutsche Paar: Noch vor der Geburt erkannte der Mann bei der Deutschen Botschaft die Vaterschaft an. Die Leihmutter gab eine Erklärung ab, dass sie nicht die „echte“ Mutter sei. Nach ukrainischem Recht galten die Deutschen daraufhin als Eltern. Doch diesmal spielten die deutschen Behörden nicht mit. Es kam heraus, dass das Kind eine Leihmutter hatte. Daraufhin wies das Amtsgericht Dortmund das Standesamt an, die biologische Mutter aus der Ukraine als Mutter zu registrieren. Denn nach deutschem Recht (Paragraf 1591) ist die Mutter immer die Frau, die das Kind geboren hat.

Beim Oberlandesgericht Hamm in Westfalen wehrten sich die Eltern erfolglos. Und auch der Bundesgerichtshof spielte nicht mit. Die „bloße Registrierung in der Ukraine“ sei „nicht maßgeblich“, hieß es. Da das Kind kurz nach der Geburt nach Deutschland gebracht worden war und seitdem hier lebt, entschieden die deutschen Richter: „Mit dem entsprechenden Paragrafen im Bürger­lichen Gesetzbuch hat der Gesetzgeber eine bewusste Entscheidung getroffen.“ Dass die ­Leihmutter das Kind gar nicht haben möchte, sei deshalb „nicht ausschlaggebend“.

Dabei hatten die obersten Familienrichter ganz ähnliche Konstellationen im Einzelfall schon anerkannt: 2014 durften zwei Lebenspartner aus Berlin offiziell Eltern ihres in Kalifornien von einer Leihmutter geborenen Kindes werden. Genauso hatte der BGH 2018 bei Zwillingen entschieden, die eine Leihmutter im US-Bundesstaat Colorado nach einer Eizellspende geboren hatte: Die deutsche Mutter wurde anerkannt, obwohl die Kinder genetisch nur von ihrem Mann abstammten. Der entscheidende Unterschied zu dem deutschen BGH-Urteil: In beiden Fällen hatten US-Gerichte die Elternschaft der deutschen Paare noch vor der Geburt bestätigt.

Am Ende wird wohl auch die Ehefrau im Ukraine-Urteil als rechtliche Mutter anerkannt werden – der Weg führt über eine Adoption. Auf diese Möglichkeit wies der BGH ausdrücklich hin (Az. XII ZB 530/17). In der Praxis ist die Leihmutterschaft also auch in Deutschland längst eingeführt. JuristInnen sprechen nicht mehr vom „ob“, sondern vom „wie“ und plädieren einfühlsam für „Mindeststandards für Leihmütter“, eine psychologische Nachbetreuung, eine adäquate Entlohnung. Etwaige Sanktionen würden ja immer das Kind treffen, heißt es. Und wer will denn ein bestelltes Kind zurückschicken oder ihm nicht die vollen Rechte anerkennen? Bislang werden auf diesem Weg jährlich um die 200 Kinder nach Deutschland importiert und deutsches Recht locker übersprungen.  Frankreich, Spanien, Italien und die Schweiz haben sich deutlich gegen dieses Modell, die Anerkennung der Auftraggeber als „Eltern“ entschieden.

Das BGH-Urteil dürfte potenzielle Baby-Shopper dennoch beunruhigen. Immerhin hat der BGH nun deutlich daran erinnert, dass Leihmutterschaft in Deutschland verboten ist und hat auf geltende Grundwerte bestanden. Es verweist darauf, dass die Rechte der Gebärenden am Kind fundamental sind – auch wenn sie nicht die Spenderin der Eizelle ist.

Die bislang leihmutterschaftsfreundliche deutsche Justiz könnte sich bald umkehren. Das Oberlandesgericht Braunschweig hat am 12. April 2017 die Anerkennung einer in Colorado durchgeführten Leihmutterschaft abgelehnt. Die über 60 Jahre alten Auftraggeber hätten das deutsche Recht via „Fortpflanzungstourismus“ hintergangen. Zudem hielt das Gericht eine „schwer­wiegende Ausnutzung und Ausbeutung der Leihmutter“ für gegeben. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte betont in einer aktuellen Entscheidung das Problematische der Leihmutterschaft in der Grauzone der Auftrags­adoption und anderen Formen des Kinderhandels. Das hat man inzwischen auch in Kambodscha erkannt und Leihmutterschaft für Ausländer verboten.

Was aber fehlt, ist eine umfassende rechtliche Grundlage für Europa, eine tragfähige Handhabe für internationale Leihmutterschaft. Seit 2015 laboriert die Den Haager Sachverständigengruppe „Elternschaft/Leihmutterschaft“ an einer grenzübergreifenden Richtlinie herum. Anfang 2019 traf sich die Gruppe erneut. Ergebnis: Es gibt kein Ergebnis. Nicht nur die Rechtslage der verschiedenen Länder variiert extrem, sondern auch innerhalb eines jeden Landes gibt es unterschiedliche Urteile, da meist Einzelfallentscheidungen getroffen wurden.

Nur Frankreich zeigt sich, wie so oft, kämpferisch. Besonders, nachdem US-amerikanische IVF-Kliniken dort in der Vergangenheit massiv Werbung betrieben hatten. Die französische Organisation CoRP (Collectif pour le Respect de la ­Personne) – die übrigens auch gegen die Verharm­losung und Legalisierung der Prostitution ist – appelliert an den Den Haager Gerichtshof, Leihmutterschaft nicht zu legalisieren, ja: ganz zu verbieten! Die Akzeptanz der Leihmutterschaft widerspreche dem Übereinkommen des Europarates zum Schutz der Menschenrechte und Menschenwürde sowie den internationalen Kinderrechtskonventionen, argumentiert CoRP.

Die Europäische Frauenlobby sitzt mit den Frauenlobbys von Schweden und Rumänien und der Mehrheit der Feministinnengruppen in Frankreich in einem Boot, sie rudern gegen immer neue Aufweichungsversuche des Leihmutterverbots.

Aktivistinnen der französischen Initiativen helfen nicht nur verzweifelten Mietmüttern, die sich an sie wenden. Sie sprechen auch auf Konferenzen, produzieren Filme wie „Eggsploitation“, „Breeders“ und „Big Fertility. It’s All About the Money“. Sie mischen sich in internationale Diskussionen ein, adressieren Erklärungen an Regierungen, und nicht zuletzt sprechen sie das aus, was viele Menschen denken: Leihmutterschaft ist menschenverachtend. Eine Schwangere baut während der Schwangerschaft ein Verhältnis zum Kind auf. Sie ist ein Mensch, keine Maschine. Und Kinder sind keine Ware. Niemand hat das Recht auf ein Kind.

Neoliberale und auch so manche Feministin argumentieren hingegen gern mit der „Wahlfreiheit“ der Frau – genau wie im Prostitu­tions­gewerbe. „Ist es deine freie Wahl, wenn dein Ehemann dich zur Leihmutterschaft zwingt, weil dein Jahresgehalt als Näherin in einer indischen Kleidungsfabrik nur ein Bruchteil von dem ist, was du als Mietmutter in neun Monaten verdienen kannst?“, fragt dagegen Renate Klein. Die schweiz-australische Biologin und Frauengesund­heitsaktivistin hat gerade eine umfassende Studie zu dem Thema „Mietmutterschaft“ herausgegeben, in der die Abgründe des Baby-Marktes deutlich werden.

Auch die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim betonte kürzlich auf einer Tagung in Heidelberg: „Eine Leihmutter erbringt eine Dienstleistung, die prekärer und intimer nicht sein könnte.“ Eine Dienstleistung, die sich über einen mit zahlreichen Vorschriften zur Lebensführung gespickten Zeitraum erstrecke und die Weggabe des eigens geborenen Kindes beinhalte. Kein Wunder, dass Leihmutterschaft ein Armutsphänomen sei, so Beck-Gernsheim.

Von alledem erfahren die KinderkäuferInnen, die beseelt vom zukünftigen Kindsglück über eine „Kinderwunschmesse“ schlendern, natürlich nichts. Die Leihmütter werden in den Verkaufs­katalogen als „Lebensspenderinnen“ bezeichnet.

Anfang 2020 will sich die Den Haager Sachverständigengruppe erneut treffen und über das verhandeln, was eigentlich nicht verhandelbar sein sollte.

Im Netz: www. stopsurrogacynow.com, www.collectif-corp.com, www.eggsploitation.com

Weiterlesen: Renate Klein: Mietmutterschaft – Eine Menschenrechtsverletzung, (Marta Press, 26 €), Dein Bauch gehört mir (EMMA 5/14)

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