Befreiung von der Rolle!

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Natürlich schafft das Rollendiktat es nie, Menschen, die ja eigentlich individuell jeweils die ganze Palette von „männlich“ und „weiblich“ zur Verfügung haben könnten, so ganz festzuschreiben auf das eine oder das andere. Doch es gelingt weitgehend. Und wenn nicht, lassen die inneren und äußeren Konflikte nicht lange auf sich warten. Denn: Der Geschlechterdrill ist nicht nur äußerlich, er steckt auch in uns, dringt uns unter die Haut, bis tief ins Mark hinein.

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Wir Feministinnen haben eben diesen Zustand als Einengung, als Verstümmlung erkannt. Unser Ziel ist, in aller Schlichtheit und Vermessenheit: die Menschwerdung von Frauen und Männern. Endlich männlich und weiblich sein können und dürfen! Dafür kämpfe ich.

Endlich Mensch werden. Endlich männlich und weiblich sein können und dürfen! Dafür kämpfe ich.

Nun gibt es aber Lebensläufe, in denen ein sehr früher, sehr tiefer Zweifel in Bezug auf die diktierte Geschlechtsidentität gepflanzt wurde. Irgendeine Weiche ist „falsch“ gestellt worden. Resultat: ein biologisch „männliches“ Wesen mit einer „weiblichen“ Seele. Oder ein biologisch „weibliches“ Wesen mit einer „männlichen“ Seele.

Diese Transsexuellen, von denen heute in der Bundesrepublik etwa 3.000 leben, wollen nur eines: endlich ihren Körper in Einklang bringen mit ihrer Seele. In unserer Gesellschaft gibt es eine Schublade „Frau“ und eine Schublade „Mann“, dazwischen nichts. Darunter leiden nicht nur die Transsexuellen. Darunter leiden die meisten Frauen (und einige Männer). Für Transsexuelle aber eskaliert der Konflikt: Sie wenden sich selbstzerstörerisch gegen den eigenen Körper.

Die Existenz des Transsexualismus beweist: Die Seele kann stärker sein als der Körper – sie bestimmt die Geschlechtsidentität. Der Körper ist nur Vorwand für diese Zuweisung. Und Lebensläufe von Transsexuellen sind Schicksale: Heimlichkeit, Demütigung, Verzweiflung. Erst seit 1981 ist es in der Bundesrepublik für eine/n Transsexuelle/n rechtlich möglich, die Identität zu ändern.

Dass den meisten Transsexuellen der neue Ausweis nicht genügt, sondern dass sie auch einen „neuen“ Körper wollen, ja ihnen das Voraussetzung zum Weiterlebenkönnen scheint, ist dramatisch. Doch in einer vom Terror der Geschlechtsrollen befreiten Gesellschaft wäre Transsexualismus eben nicht denkbar.

In einer vom Terror der Geschlechtsrollen befreiten Gesellschaft wäre Transsexualismus nicht denkbar.

In diesem Konflikt haben Transsexuelle selbst keine Wahlmöglichkeit mehr: ihr Hass auf den „falschen“ Körper ist weder durch Argumente noch durch Therapien zu lösen. Transsexuelle sind zwischen die Räder des Rollenzwangs geraten. Einziger Ausweg scheint ihnen die Angleichung von Seele und Körper. Preis: die Verstümmlung des Körpers. Und: die Zerschlagung aller sozialen Zusammenhänge.

Seit Ende der 70er-Jahre nun sind Transsexuelle in Frauenzentren aufgetaucht, genauer: Frauen, die einst einen Männer-Körper und eine Männer-Realität hatten. Oft sind sie engagierte Feministinnen. In den Frauenzentren, vor allem in den Lesbengruppen, reagierten viele abwehrend auf die Transsexuellen. Nein, „solche“ hätten in der Frauenbewegung nichts zu suchen, das wären ja gar keine richtigen Frauen, die hätten schließlich Jahrzehnte männlicher Sozialisation hinter sich. Ich war nie einverstanden mit der abweisenden Reaktion mancher Feministinnen. Mehr noch: Ich war und bin darüber empört!

Alice Schwarzer

Der Text ist eine gekürzte Fassung des Editorials vom Januar 1984.

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Editorial von Alice Schwarzer aus dem Jahr 2020: Anpassung an die Rolle?

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Schwarzer über Transsexualität

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Genie hat kein Geschlecht. Kreativität hat kein Geschlecht. Intelligenz hat kein Geschlecht. – Das sind so die Sätze, die Feministinnen seit Jahrzehnten, ja Jahrhunderten verkünden. Und: Die sexuelle Aktivität definiert nicht den Menschen. Sex ist nicht gleich Gender, biologisches nicht gleich soziales Geschlecht. Ziel ist: Die Befreiung von der Geschlechterrolle – und die Befreiung der Sexualität.

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Es ist für Feministinnen also eine Binse, dass das biologische Geschlecht nur einer von vielen Faktoren/Identitäten ist, die den Menschen ausmachen. Unabhängig vom Geschlecht sollte der Mensch die Freiheit haben zu fühlen und zu tun, wie er es kann bzw. will: nach traditionellem Verständnis so genannt „weiblich“ oder/und „männlich“, am besten schlicht menschlich.

Die Geschlechterrolle wurde nicht etwa abgeschafft, sie wurde vervielfacht. Wie konnte das passieren?

Wie also konnte es passieren, dass ausgerechnet im Namen des Feminismus die Geschlechterrolle nicht etwa endlich abgeschafft wird, sondern vervielfacht? Der so genannte intersektionelle Feminismus (Noch so eine Kapriole, denn der Feminismus war von Anbeginn an gleichzeitig klassen- und rassenbewusst) und die Queerszene leugnen heute die Existenz von „Frauen“ und „Männern“ und spalten sie auf in X Identitäten. Frau oder Mann soll sich entscheiden, was sie oder er nun ist: „cis-sexuell, transsexuell, transgender, agender, demigender, non-binary, pan­sexuell, endogeschlechtlich (= nicht intersexuell), genderfluid, intergender oder pangender“.

Ich scherze? Keineswegs. Diese „geschlecht­lichen Identitäten“ sind im „Queerlexikon“ online im Angebot. Und das ist noch längst nicht alles. Auch das „sexuelle Verhalten“ wird klassi­fiziert in: „ace-fluid“ oder „gynosexuell“, „cupiosexuell“ etc. etc.

Wer nun glaubt, diese so sektiererischen Absurditäten seien das Freizeitvergnügen einer Minderheit, hat recht, aber: Dieser Geist ist – zusammen mit Unterstrichen, Sternchen und LGBTTIQA – längst Mainstream geworden, er steht in Amtsrichtlinien und Feuilletons. Auch das Phänomen der Transsexualität wird nicht länger als drama­tischer Konflikt zwischen Seele und Körper verstanden, sondern ist Trend. Wie konnte das passieren?

Die Seele ist bei Transsexu­ellen stärker als der Körper – entgegen alle biologistischen Ideologien

Als ich Mitte der 70er-Jahre erstmals mit dem Problem der Transsexualität konfrontiert war – durch einen Mann, der eine Frau werden wollte –, fand ich das frappant: Die Seele ist bei Transsexu­ellen stärker als der Körper – was alle biologistischen Ideologien zu widerlegen scheint. Ich plante ein Buch über Transsexualismus, aber die EMMA kam dazwischen. 1984 schrieb ich zum ersten Mal über Transsexuelle (nebenstehend ein Auszug).

In EMMA begleiteten wir die Transsexuellen dann ab den 80er-Jahren; ließen Männer, die Frauen wurden, oder Frauen, die Männer wurden, zu Wort kommen und forderten – oft gegen den Widerstand der Mehrheit der Feministinnen – die Akzeptanz und Legalisierung der Transsexualität. Das ist nahezu erreicht.

Doch es ist gekippt: vom Verständnis in Propaganda. Es ist heute wie im Märchen vom Aschenputtel, deren Schwestern sich die Zehen abgehackt haben, um in den richtigen Schuh, die Rolle der Braut zu passen. Statt der steigenden Zahl der Neo-Transsexuellen, zunehmend Frauen, zu sagen, dass sie auch ohne Hormone und Opera­tionen aus der Geschlechterrolle ausbrechen können, passt man ihren Körper der gewünschten Rolle an.

Und die Minderheit der echten Transsexuellen, deren tiefer Konflikt nur durch Anpassung zu heilen ist? Bei ihnen vergisst man das Aufregendste: Nämlich, dass Transsexuelle Menschen sind, deren gelebte Erfahrung zwei Geschlechter umfasst – und sie uns viel erzählen könnten.

Alice Schwarzer

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Editorial von Alice Schwarzer aus dem Jahr 1984: Befreiung von der Rolle!

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