In der aktuellen EMMA

"Freiheit ist universell!"

Die Exil-Iranerin Chahla Chafiq in Paris. - Foto: Bettina Flitner
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Manchmal weckt ein Lied ein anderes in uns, die Texte scheinen zu verschmelzen. In diesen Tagen geht es mir so mit dem Slogan, der Tag und Nacht durch die Straßen in Iran hallt: „Frau! Leben! Freiheit!“ Ich höre über die Stimmen der Frauen hinweg donnern: „Die Freiheit ist weder westlich noch östlich, sie ist universell!" Das war vor 43 Jahren. Nur zwei Wochen nach dem Sturz des Schah-Regimes, kurz vor dem 8. März 1979. Khomeini wählte nicht zufällig diesen Zeitpunkt, um Frauen aufzufordern, am Arbeitsplatz und an der Universität einen Schleier zu tragen. „In den islamischen Ministerien dürfen Frauen nicht nackt sein“, erklärte der Ayatollah und fügte hinzu: „Es ist kein Problem, wenn sie arbeiten, aber mit Schleier!“

Ich erinnere mich noch an die Witze, die wir damals über den Begriff „nackt“ für Frauen ohne Schleier gemacht haben. Erst später begriff ich die tragische Dimension: Indem Khomeini Nichtverschleierung mit Nacktheit gleichsetzte, stellte er die unverschleierte Frau als schamlos, lasterhaft und unrein dar. Die Würde, die er den Frauen in seinen Reden während der Revolution versprochen hatte, gipfelte in der Verhüllung ihres Körpers, dem „Ort der Sünde“. Die Frauen sollten pflichtbewusste Ehefrauen und Mütter sein und so die patriarchalische Familie, den Grundpfeiler der Scharia (des religiösen Gesetzes), festigen

Der Aufruf an die Frauen, sich zu verschleiern, zielte schlichtweg darauf ab, ihnen ihre Autonomie und Freiheit zu entziehen und das heilig zu sprechen. Die Frauen, die bald darauf die Straßen von Teheran und einer Reihe anderer iranischer Großstädte besetzten, um Nein! zur Verschleierung zu sagen und ihre Freiheit zu fordern, hatten ie Absicht des islamistischen Führers gut verstanden.

Leider blieben die damals aktiven und einflussreichen nicht-islamistischen politischen Gruppen, von der Linken über die Liberalen bis hin zu den Zentristen, größtenteils taub für die Warnungen der Frauen. Die Rechte der Frauen und ihre Freiheit waren nicht Teil ihrer revolutionären Anliegen. Und ich, eine Studentin, die der radikalen Linken angehörte und nie ein Kopftuch getragen hatte, auch ich betrachtete das Kopftuch nicht als politische Frage.

Es folgte der Schock. Nach ihrer Machtübernahme begannen die Khomeini-Anhänger die Jagd auf alle nicht-islamistische Gruppen. Sie erfanden ein ideologisches Vokabular und von religiösen Codes geprägte Methoden, um das „ungläubige“ Volk zu unterdrücken, das heißt jede Gruppe oder Person, die nicht ihren Befehlen gehorchte. Der Schleier, der sehr bald im öffentlichen Raum Pflicht wurde, wurde zum Banner ihrer diskriminierenden und repressiven Ordnung. Die Patrouillen der moralischen Ordnung, die berühmte „Sittenpolizei“, übte unter dem Vorwand, den Schleier der Frauen zu kontrollieren, eine repressive Überwachung der gesamten Bevölkerung aus.

Ich wurde 1982 ins Exil getrieben, weil ich von der politischen Polizei gesucht wurde, und nahm die traumatischen Erfahrungen mit, die ich beim Übergang von einem revolutionären Traum in eine alptraumhafte Realität erlebt hatte. Seither beschäftigt mich eine Frage, die ich mir bis heute stelle: Was war der Grund für unsere Blindheit gegenüber dem Islamismus? Im Zuge meiner Recherchen stieß ich auf die Reise westlicher Feministinnen in den Iran, zur Unterstützung des Kampfes der Iranerinnen gegen den Kopftuchzwang, einer Gruppe namens „Comité Simone de Beauvoir“, der auch Alice Schwarzer angehörte. Als ich ihren Bericht und die Schriften dieser Feministinnen las, begriff ich, dass ich ein historisches Treffen mit Simone de Beauvoir und ihren Gefährtinnen verpasst hatte. Vor allen, die den protestierenden Frauen in der Auseinandersetzung zwischen den iranischen Frauen und islamistischen Führern eine „verwestlichte“ Position vorwarfen, verteidigten diese Feministinnen klar die Universalität der Frauenrechte und die Freiheit der Frauen!

Die folgende Entwicklung der iranischen Gesellschaft bewies die Richtigkeit ihrer Sichtweise. Seit der Einführung der Kopftuchpflicht forderte das Phänomen des „schlecht sitzenden Schleiers“, unter dem Haare hervorlugten, die herrschende Ordnung heraus und wurde im Laufe der Zeit immer wichtiger. In den 2000er Jahren wurden die universalistischen Forderungen junger iranischer Feministinnen sichtbar. Und in den letzten Jahren führte die Mobilisierung von Frauen in Kampagnen gegen den Schleierzwang zu verstärkten Konfrontationen zwischen der Bevölkerung und den Patrouillen der „moralischen Ordnung“. Die Armut und sozialen Missstände sowie Drogenmissbrauch und Prostitution nehmen zu. Die sozialen Forderungen kommen aus allen Schichten und die städtischen Unruhen zielen direkt auf die Machthaber und ihr System ab.

Die breite Revolte, die durch den gewaltsamen Tod der jungen Mahsa Amini ausgelöst wurde, die wegen eines „falsch sitzenden Schleiers“ in Polizeigewahrsam war, brachte all diese Proteste gegen die islamistischen Ordnungshüter zum Vorschein – die mit Hass und Gewalt antworten. Dass der zentrale Slogan der Revolte „Frau! Leben! Freiheit!“ lautet, ist kein Zufall, denn die Unterdrückung der Frauen ist der Kern des islamistischen Totalitarismus. Die revolutionäre Bewegung, die heute den Iran erschüttert, vereint Frauen und Männer, die ihr Leben gegen eine freiheitsberaubende und todbringende Macht verteidigen. Sie mobilisiert die kreativen Energien der Jugend und belebt bestehende Zeichen und Symbole neu.

So wird das Abschneiden der Haare als Zeichen der Trauer zum Symbol des Widerstands und verwandelt Traurigkeit in Hoffnung. Die weltweite Nachahmung dieser Geste wird zu einem starken Akt des Protests und der Solidarität. Die Bilder französischer Schauspielerinnen, die als erste das Abschneiden ihrer Haare im Netz verbreiteten, zeigen uns das Ausmaß der internationalen Solidarität mit den revolutionären Protesten im Iran.

Hoffentlich inspiriert dieser große Impuls die westlichen Mächte zu einer starken und konkreten Unterstützung des iranischen Volkes, das mit bloßen Händen für die Freiheit kämpft.

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