Die Saat der falschen Toleranz
Der 21-jährige Attentäter Abdul Ballout ist deutscher Staatsangehöriger und in Berlin geboren. Mitten in Berlin. In dem Viertel, in dem er mit einem Auto in fröhlich feiernde Menschen hineingefahren ist. Und anscheinend anschließend auch noch mit der Machete gegen sie gewütet hat. Diese Menschen waren zwar seine Nachbarn, für ihn aber Fremde, ja Feinde.
Die Straße, in der er mit seiner verschleierten Mutter und seinen verschleierten Schwestern wohnte, ist Muslimland. Dem Reporter der Bild-Zeitung antwortete eine Bewohnerin: „Hier sind alle radikal.“ Also orthodox bis fundamentalistisch. Das konnte Polizei, Ordnungskräften und Sozialarbeitern eigentlich nicht verborgen bleiben. Und auch den nicht-muslimischen Nachbarn nicht.
Abdul Ballout gehörte unter diesen Radikalen zu einer unter Amokläufern und Attentätern besonders auffälligen Gruppe: den Söhnen alleinerziehender Mütter. Seine Eltern sind geschieden. Der Vater war zum Zeitpunkt des Attentates im Libanon. Bei diesen Söhnen der alleinerziehenden Mütter scheint besonders häufig der Drang nach Demonstration von „Männlichkeit“ aufzutauchen. Und was wäre traditionell „männlicher“, als Herr über Leben und Tod zu sein? Und sein Volk, seine Gruppe zu „rächen“? Denn in dem Gefühl handelte der 21-Jährige zweifellos: Dass er seine Muslime vor den „Unreinen“ schützte.
Er hatte in den 21 Jahren seines Lebens außerhalb seiner Community mit zwei Sorten Mensch zu tun: Entweder mit der Minderheit von Rassisten, die es für unpassend befanden, sich groß mit einem muslimischen Jungen zu befassen. Oder mit der Mehrheit der Antirassisten, gerade unter den SozialarbeiterInnen und LehrerInnen, die nie gewagt haben, Abdul zu fragen, warum seine Schwestern sich verschleiern – und sich auf diese Weise demonstrativ von ihren deutschen Mitschülerinnen unterscheiden – und ihm beizubringen, dass in seiner Kultur, an die er sich so klammerte, so manches schief läuft. Dass aber in dem Land, in dem er geboren ist, Gewalt keine Option ist. Dass Frauen gleich viel wert sind wie Männer. Dass Schüler Respekt haben sollten vor Lehrerinnen und Lehrern. Zum Beispiel.
Und dann sind da noch die muslimischen Organisationen und Moscheen, deren Mehrheit konservativ bis fundamentalistisch ist. Man hat sie lange gewähren lassen, zu lange. Und es ist neu, dass im Islamkreis des Innenministeriums aufgeklärte Muslime und kompetente Islamismus-KritikerInnen sitzen.
Nein. Man pflegte stattdessen gerade in fortschrittlichen Kreisen stolz eine falsche Toleranz. Eine Toleranz, nach der der Fremde immer recht hat; einen Kulturrelativismus, der von den Zugezogenen keine Integration forderte.
Damit muss Schluss sein! Mit der falschen Toleranz.
Die Millionen Muslime unter uns sind keine Mitbürger, zu denen wir besonders nett sein müssen, sondern Bürger mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten. Sie haben die Demokratie und den Rechtsstaat zu achten und das auch unter Beweis zu stellen. Wir schützen damit nicht nur „uns“, sondern auch die vielen liberalen MuslimInnen, die die ersten sind, die unter den fundamentalistischen Muslimen leiden.
ALICE SCHWARZER
Weiterlesen
Alice Schwarzer (Hrsg.): Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz“ (KiWi 2002), „Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus“ (2010), „Der Schock – die Silvesternacht von Köln“ (KiWi, 2016).

