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Die Stil-Ikone

Stil-Ikone Iris Apfel in ihrem Universum. - Foto: Luis Montero/Midas Collection
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Was habt ihr für Projekte in dieser Zeit des Eingeschlossenseins?“, fragte sie ihre über eine halbe Million Follower Anfang Mai auf Facebook (IrisTheCloset) und fordert auf: „Schickt mir Fotos!“ Und die liefern. Und wie. Ein kleines Mädchen mit großen Ketten, Armreifen, buntem Turban, haariger Weste und Riesenbrille. Zwei gestandene Männer mit Cowboyhut, Ketten und Riesenbrille. Ein Hund in einem prächtigen Paletot, mit Ketten und Riesenbrille. Die Riesenbrille ist ein Must. Sie ist ihr Markenzeichen. Die Rede ist von Iris Apfel, 98 Jahre alt. Gerade war sie in der Show von Oprah Winfrey und im letzten Jahr hat sie einen Vertrag bei der Modelagentur IGM unterzeichnet, bei der auch Kate Moss ist. Iris, eine der größten Stil-Ikonen Amerikas, um nicht zu sagen: die größte.

Angefangen hat alles im Jahr 2005, als der Kurator der Modeabteilung des Metropolitan Museum of Art (Met) bei ihr aufkreuzte, um eine kleine Kollektion ihres Modeschmucks für eine geplante Ausstellung auszusuchen. Aus den paar Stunden in Iris’ Apartment in Manhattan wurden ein paar Tage, aus der kleinen Schmuckausstellung eine Riesenshow mit 80 Outfits und hunderten von Accessoires: Ketten, Armbänder, Broschen, Gürtel, Schuhe, Brillen.

Es war die erste Modeausstellung im Met, die nicht einem/r toten ModedesignerIn gewidmet war – sondern einfach einer Frau, die ihr Leben lang ihren ganz eigenen Stil gehabt hatte und noch hat; eine Frau, die Labels mit Trouvaillen vom Flohmarkt kombiniert, Seide mit Plastik, alt mit neu – und das mit steigendem Alter freier denn je. Titel der Ausstellung: Rara Avis, Komischer Vogel.

Die Ausstellung wurde ein Blockbuster und zog durch ganz Amerika. Anfangs hatte Iris, die studierte Kunsthistorikerin und erfahrene Geschäftsfrau, ihre Sachen noch den Ausstellungsmachern überlassen. Nun kuratierte sie die  Ausstellung selber: auf Kleiderpuppen und mit lebenden Models.

Bald hundertster Geburtstag? „Ach was“, sagt sie. „Ich bin einfach der älteste Teenager der Welt.“ Interessante Persönlichkeit? „Um interessant zu sein, muss man interessiert sein“, sagt sie. Und: „Wenn du staunen kannst, Humor hast und neugierig bleibst – das ist nach meinem Geschmack. Das hält dich jung, fast wie ein Kind. Offen für neue Menschen und Dinge und bereit für das nächste Abenteuer.“

Iris feuert gerne eine schlaue Sentenz nach der andern raus. Zum Beispiel: „Es geht nicht darum, was Sie tragen, sondern darum, wie Sie es tragen. Wenn Sie sich zu sehr anstrengen, stilvoll zu sein, wirkt das wie eine Verkleidung, als beträten Ihre Fummel den Raum vor Ihnen. Wenn das so ist, lassen Sie es besser. Glücklich zu sein ist viel wichtiger, als gut gekleidet.“

Iris Apfel war offensichtlich ihr Leben lang überwiegend beides: glücklich und gut gekleidet. Ihre Mutter, eine gebürtige Russin, hatte eine Modeboutique und ihrer Tochter den Spaß an der Mode schon früh eingeimpft. Und auch die Großmutter ließ die kleine Iris in bunten Stoffen wühlen und sich die schönsten aussuchen.

Nach dem Kunststudium – Examensarbeit: Jazz, genauer: Duke Ellington – hatte sie eigentlich Journalistin werden wollen. Als das nicht gleich klappte, wurde Iris erstmal Innenarchitektin und richtete reichen New Yorkern ihre Apartments extravagant ein. 1947 begegnete sie Carl Apfel, ein halbes Jahr später heirateten die beiden. Er hatte spontan Spaß an seiner extravaganten Frau. Die beiden gründeten eine Stoff-Manufaktur und spezialisierten sich auf Wiederauflage alter Stoffe. Auf ihrer Suche nach Garnen und Mustern bereisten sie über Jahrzehnte die ganze Welt, streiften durch Museen und Bazare und arbeiteten für das Weiße Haus ebenso wie für den Vatikan. Bis 1992 haben die beiden ihr Geschäft gemeinsam betrieben. 2015 starb der sieben Jahre ältere Carl mit 100 Jahren.

„1940 war ich die erste Frau in Amerika, die Jeans trug“, erinnert Iris sich. Der Verkäufer wollte ihr die Cowboyhosen zunächst nicht verkaufen. „Junge Damen tragen keine Jeans, wissen Sie das nicht?“ Doch was sie will, das schafft sie. „Ich habe mir nie etwas nicht zugetraut, nur weil ich eine Frau bin“, sagt Iris rückblickend zufrieden. „Du scheiterst nur, wenn du etwas nicht versuchst.“ 66 Jahre lang waren Iris und Carl glücklich verheiratet. Und auch dafür hat sie selbst erprobte Weisheiten bereit, die lauten: Humor, Respekt, Freiheit. "Geben Sie Ihre Persönlichkeit nicht auf. Aber  respektieren Sie Ihren Partner. Sie sind vielleicht ein Paar, aber nicht eine Person.“

Auf ihr Alter angesprochen, zuckt Iris gelangweilt mit den Schultern. „Ich denke nie über mein Alter nach“, sagt sie. „Es ist nur eine Zahl.“ Doch sie wundert sich über die Modeindustrie, die ihre teuren Kleider in Mädchengröße 32 auf den Markt bringt und zu vergessen scheint, wer das Geld für die Kleider hat. Die Stil-Ikone: „Die Kollektionen sind auf 15-Jährige zugeschnitten. Aber die Frauen, die sich die Kleider leisten können, sind alle über 40. Das ist doch absurd!“

Da kann Iris Apfel nur den Kopf schütteln. Aber ihr Problem ist das nicht. Sie trägt, was sie will – und nicht, was das zu jeder Saison wechselnde Modediktat von ihr verlangt. Dazu gehören auch ihre Falten.“ „Wenn man älter ist, ist es dumm, jünger aussehen zu wollen. Denn das glaubt einem sowieso niemand“, sagt sie. „Auch wenn man mit 70 eine Schönheits-OP macht, hält einen trotzdem niemand für 30.“ Ganz zu schweigen davon, was dabei alles schiefgehen könne … „Die Leute bewundern Kim Kardashian. Aber das ist die letzte Person, die man bewundern sollte!“ Befragt von einer Journalistin nach einem Rat für alternde Frauen, antwortete die 98-Jährige: „Altern Sie würdevoll. Machen Sie Ihr eigenes Ding.“

 

 

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