In der aktuellen EMMA

Der weibliche Körper ist Sünde

Foto: Christoph Boeckheler
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Wer das Büro von Professorin Susanne Schröter betreten möchte, wird im Vorzimmer von einer erstaunlichen Installation abgelenkt. In einer Nische links vor der Bürotür strahlt und blinkt es gewaltig. Da leuchten die elektrischen Kerzen einer jüdischen Menora, daneben ein Koran und zwei Voodoo-Puppen; indische Göttinnen in Neonfarben starren auf eine Marien-Statue, die wiederum auf eine goldene Winkekatze blickt. „Das ist unser interkultureller Schrein“, erklärt Schröter und lacht. Alles Geschenke von BesucherInnen des Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam. „Schon an dieser Nische sieht man doch“, ­konstatiert Schröter, „dass alle Religionen friedlich koexistieren könnten.“ Die Frau hat also Humor. Den braucht sie auch. Denn die Ethnologie-Professorin an der Frankfurter Goethe-Universität hat sich auf ein ernstes Thema spezialisiert: den islamischen Fundamentalismus. Als Expertin für Südostasien hat sie einst hautnah erlebt, wie sich das muslimische Indonesien vom liberalen weltlichen Staat in ein Land verwandelt hat, in dem heute Gottesstaatler den Ton angeben und Frauen zwangsverschleiert sind. Gerade hat sie ein ebenso kundiges wie beunruhigendes Buch über den Vormarsch der Islamisten mitten unter uns geschrieben: „Politischer Islam – Stresstest für Deutschland“. Als Schröter im Mai 2019 mit ihrem Institut eine Konferenz zur Funktion des Kopftuches organisierte (Referentinnen u. a. Necla Kelek und Alice Schwarzer), lancierte eine zwielichtige Initiative die Kampagne „#Schröter raus“ und forderte ihre Entlassung (EMMA 4/19). Schröter eckt an. Aber das ist ihr egal. „Ich bin zu alt, um mich konform zu verhalten“, sagt die 62-Jährige. „Ich möchte jetzt lieber noch ein bisschen was bewirken.“

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Kanzlerin Merkel sagt: Islamismus beginne da, wo Gewalt im Spiel sei. Sie sagen: Das ist falsch.
Ja, denn das noch größere Problem ist der so genannte legalistische Islamismus. Also der Islamismus, der nicht gewalttätig ist, weil er das für eine schlechte Strategie hält. Sein Ziel ist aber das gleiche wie das der islamistischen Attentäter: die Implementierung der islamischen Wertvorstellungen und des islamischen Rechtes, sprich: der ­Scharia, auch in unserer Gesellschaft. Und das mit all den Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, Gläubigen und Ungläubigen. Das Fatale ist, dass wir das nicht wirklich ernst nehmen, weil das die Leute sind, die mit uns am ­Runden Tisch sitzen, und an dem Tisch bestimmen sie oft die Agenda.

Was hat der legalistische Islamismus bisher in Deutschland erreicht?
Nehmen wir als Beispiel die Geschlechtertrennung. Das ist ja eines der wichtigsten Themen des Islamismus: die Sündigkeit des weiblichen Körpers. Schauen wir uns das an den Schulen an: Da werden von Eltern immer mehr Anträge gestellt für die Befreiung von Mädchen vom koedukativen Schwimm- und Sportunterricht oder von Klassenfahrten. Die großen Islam-Verbände stellen dazu Knowhow und Anwälte, um das per Klage durchzusetzen. Und inzwischen haben wir schon offizielle Handreichungen der Schulministerien, zum Beispiel in Rheinland-Pfalz oder Berlin, die eine Trennung von Mädchen und Jungen, also eine Geschlechter-Apartheid ab der Pubertät, befürworten. Da wird den Schulen vorgeschlagen, Klassen zusammenzulegen, damit Mädchen und Jungen in bestimmten Fächern getrennt unterrichtet werden können. Man hat also diese Forderungen der islamistischen Verbände schon in ein Regelwerk gegossen. Und dann geht es weiter: Es gibt Beschwerden über Weihnachtsfeiern, Sankt-Martins-Umzüge oder die Besichtigung einer Kirche beim Klassenausflug. Damit sind die Lehrer und Lehrerinnen einem enormen Druck ausgesetzt. Und häufig bekommen sie von den Schulämtern und den Ministerien keine Unterstützung. Stattdessen müsste der einzelne Lehrer oder die Schulleiterin doch sagen können: „Lieber Vater, du brauchst darüber mit mir gar nicht zu diskutieren. Hier ist die Verordnung vom Kultusministerium – es gibt keine Befreiung vom Sportunterricht!“

EMMA beklagt diese fatale Entwicklung ja schon seit Mitte der 1990er-Jahre, also seit über 20 Jahren. Wie konnte es soweit kommen?
Die Politik hat weggesehen, und damit der AfD überlassen, das Problem aufzugreifen. Und nun schaukelt sich das Ganze hoch: Die islamistischen Gruppen werden stärker – und das rechte Lager auch.

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