Filmemacherinnen: Action!

Die französische Kamerafrau Sophie Maintigneux.
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„Wie haben Sie das gemacht?“ Diese Frage richtete einst der französische Regisseur Francois Truffaut an sein Vorbild Alfred Hitchcock. Und jetzt richten deutsche Filmemacherinnen sie an sich selbst: Wie haben wir das gemacht?

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Es antworten Regisseurinnen und Produzentinnen, Schauspielerinnen und Kamerafrauen; von der Aufbruch-Generation einer Margarete von Trotta oder Helke Sander bis hin zu den inzwischen schon zwei Folgegenerationen. Unter den Schauspielerinnen fallen vor allem die noch in der DDR Geborenen wie Fritzi Haberlandt durch selbstbewusstes Frauenbewusstsein auf.

Fakten und Zahlen nennt die in Köln lehrende französische Kamerafrau Sophie Maintigneux (Foto): 25 % aller Filme werden heute von einer Frau gemacht, aber nur 20 % der Filmförderungen gehen an Frauen. Filmemacherinnen sind leider spezialisiert auf Low-Budget-Produktionen, und das nicht freiwillig.

Darum forderten jetzt 230 Regisseurinnen eine ProQuoteRegie. Bei Filmproduktionen, die mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, sollen bis 2017 (statt 15 Prozent wie heute) 30 Prozent aller Regieaufträge an Frauen gehen, und bis 2014 50 Prozent.

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"Wie haben Sie das gemacht? - Aufzeichnungen zu Frauen und Filmen“, hrsg. von Claudia Lenssen und Bettina Schoeller-Boujo, 498 Seiten (Schüren-Verlag, 29.90 €), sowie 2 DVDS (absolut Medien, je 13.99 €).

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Margarethe von Trotta, Regisseurin

Die Regisseurin Margarethe von Trotta in ihrer Pariser Wohnung. - Foto Bettina Flitner
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Es ist ein sonniger Herbsttag. Sie öffnet strahlend die Türe und hat auch allen Grund zum Strahlen. In wenigen Wochen läuft ihr neuer Film an, „Hannah Arendt“, und schon jetzt bereitet sie den nächsten vor. Vor zwei Tagen ist sie aus New York zurück gekommen und auf dem Tisch liegen die Zeitungen, die sie heute Morgen am Kiosk auf dem Boulevard Pigalle geholt hat: Herald Tribune, Libération, Repubblica, Süddeutsche Zeitung – was das Universum dieser Frau signalisiert, die als Staatenlose in Düsseldorf aufwuchs, in Rom und New York gelebt hat und nun zwischen ihren Wohnungen in München und Paris pendelt.

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Ich sitze mit Margarethe von Trotta auf ihrem Art-Deco-Sofa und blicke über die Dächer von Paris. Wenn wir aufstehen und hinten aus dem Fenster im Esszimmer schauen, sehen wir die Spitzen von Sacré-Cœur, dieser bei Touristen so beliebten, wohl hässlichsten Kirche von Paris. „Die Wohnung habe ich noch mit Volker gekauft“, sagt sie. „Und als wir uns getrennt haben, habe ich sie genommen und er das Haus in der Toscana.“ Hätte ich auch so gemacht.

Die Ehe mit Volker Schlöndorff, mit dem sie als Schauspielerin und Co-Regisseurin gearbeitet hat, bevor sie sich selbstständig machte. Lange her. Seither ist viel passiert. Damals, 1982, habe ich Margarethe von Trotta erstmals für EMMA interviewt, in der ehelichen Wohnung in München. Wir erinnern uns beide genau: Sein Arbeitszimmer war im größten Raum der prächtigen Altbauwohnung, und sie hatte in einer

Jetzt also sitzen wir in ihrem eigenen Reich. Sie ist in diesem Jahr 70 geworden, hat etliche Filme als Schauspielerin, Co-Autorin bzw. -Regisseurin gemacht, sowie 25 Filme in alleiniger Verantwortung.

Und sie ist die berühmteste, aber auch die geschmähteste deutsche Filmemacherin. Letzteres vorwiegend in Deutschland. Im Ausland kassierte sie die höchsten Trophäen, bis hin zum „Goldenen Löwen“ in Vene­dig für „Die bleierne Zeit“ (1981). In ihrer Heimat aber gelten ihre Filme unter Kollegen und Kritikern gerne als „Frauenfilme“, was kein Kompliment sein soll. „Bei ‚Heller Wahn‘ hätten sie mich am liebsten gelyncht“, erinnert sich Trotta.

Diese Frau, die viermal ihr Leben mit einem Mann geteilt hat, mal mit mal ohne Trauring, interessiert sich als Filmemacherin vor allem für Frauen. „Die sind einfach spannender.“ Ganz besonders für Schwestern. Und das schon, bevor sie entdeckte, dass sie in der Tat eine bis dahin verleugnete, leibliche (Halb)Schwester hat. Ihre Mutter, Tochter baltischer Adeliger, die vor den Bolschewiki geflohen waren, hatte ihr erstes Kind in Stettin zurücklassen müssen. Die 1942 unehelich geborene Margarethe erfuhr davon erst sehr spät – als die verlorene Schwester sie vor einigen Jahren aufspürte.

Nein, bei Hannah Arendt spielt das Schwestern-Motiv keine Rolle. Aber auch hier gibt es durchaus biografische Gemeinsamkeiten: Auch Arendt war als Emigrantin staatenlos und bitterarm, ganz wie Trotta und deren Mutter. Auch sie hatte diese Leidenschaft für die Sache und gleichzeitig die Bereitschaft, ein traditionelles Frauenleben zu leben. „Wenn die Philosophin für Ehemann und Gäste in New York gekocht hat, konnte es passieren, dass sie mit umgebundener Schürze die Türe öffnete“, erzählt Trotta. Sie hat gründlich recherchiert bei Menschen, die die 1975 Verstorbene nicht nur als Autorin kennen, sondern auch noch als Mensch erlebt haben.

Und auch Arendt hat kollektive Häme und Ablehnung zu genüge kennengelernt: Als sie 1963 für The New Yorker über den Prozess gegen den inzwischen in Israel zum Tode verurteilten Adolf Eichmann berichtete und dabei die Mitverantwortung der so genannten „Judenräte“ nicht aussparte und auch wagte, die Entwicklung des Staates Israel auf Kosten der Palästinenser zu kritisieren. Eichmann hatte 1942 das Protokoll auf der Wannsee-Konferenz zur „Endlösung“ verfasst und die Abtransporte von Millionen in die Konzentrationslager organisiert. Das Tragische war, dass er sich dabei auch auf die organisatorischen Vorarbeiten der Judenräte in den Ghettos stützen konnte. Haben diese Judenräte, die oft selber ermordet wurden, durch ihre Kollaboration Schlimmeres verhindert? Oder haben sie, wie Arendt behauptet, im Gegen­teil dazu beigetragen, dass die Vernichtung nur reibungsloser laufen konnte?

Dieser Streitpunkt sowie die Tatsache, dass Arendt in ihrem Essay „Eichmann in Jerusalem“ den Täter nicht etwa dämonisierte, sondern ihn „erschreckend normal“ fand und für ihn den Begriff der „Banalität des Bösen“ prägte, wurde ihr zum Verhängnis. Nach Erscheinen des Buches bezichtigen jüdische Organisationen die deutsche Jüdin in New York des „Antisemitismus“ und „Selbsthasses“. Und von da an gab es kein Halten mehr. Auch Menschen, jüdische wie nicht jüdische, die Arendts Text beim Vorabdruck in The New Yorker noch gut gefunden hatten, gingen nun auf ­Abstand. Die Hexenjagd nahm ihren Lauf.

Aber Hannah Arendt ließ sich nicht einschüchtern. Sie bestand darauf, dass Eichmann keineswegs ein „Sadist“ gewesen sei, sondern eben ein ganz normaler Mensch. Ihm habe zwar die Empathie­fähigkeit gefehlt, wie vielen Menschen, ansonsten aber habe er „nur“ mit Eifer seine Pflicht erfüllt. Und gerade das sei ja das Unheimliche und Schockierende.

Die weltweit Attackierte nahm nichts zurück, sondern analysierte im Gegenteil nun anhand dieser Reaktionen auf sie dieselben Mechanismen, die in der Nazizeit gegriffen hatten: Die Menschen beteiligen sich an der Hatz, weil sie zum großen „Wir“ gehören wollen, sie verspüren wenig Lust, sich gegen Mehrheitsstimmungen zu stellen.

Exakt um diese Jahre, die Zeit des Eichmann-Prozesses und danach, geht es in Trottas Film über Arendt. Und das ist nicht nur spannend, sondern auch hochaktuell – in Zeiten, in denen wieder einmal der kollektive Wahn durch die Welt schwappt und die Anderen entmenschlicht werden.

Trottas Hannah ist Barbara Sukowa. Sie war auch ihre Rosa Luxemburg und ihre Hildegard von Bingen. Die deutsche Schauspielerin, die seit langem in New York lebt und mit einem Amerikaner verheiratet ist, musste Arendts „tierischen deutschen Akzent“ schon Monate vor Drehbeginn trainieren. Und sie hat auch nicht gezögert, an der Columbia University Philosophie-Unterricht zu nehmen, „um die Philosophin besser zu verstehen“.

Auch in Trottas nächstem Film, dessen Drehbuch bereits fertig ist, wird Sukowa eine der beiden Hauptrollen spielen. Die andere besetzt Katja Riemann, die für die Hauptrolle in Trottas „Rosenstraße“ 2003 die „Coppa Volpi“ auf den Filmfestspielen in Venedig kassiert hat. Die beiden sind Sängerinnen. Und Schwestern, was sie jedoch zunächst nicht wissen. Vertrautes Motiv.

Doch zurück zu Hannah Arendt. So ein Film stemmt sich nicht von heute auf morgen. Von der Idee im Jahr 2002 über das erste Drehbuch 2004 sind noch mal sieben Jahre bis zum Drehbeginn vergangen. In der Zeit drehte Trotta vier andere Filme, darunter einen „Tatort“. Dabei produziert die Autorenfilmerin noch nicht einmal selber, wie viele ihrer Kollegen („Ich kann nicht mit Geld umgehen“), sondern macht „nur“ den kreativen Teil: Drehbuch, Dreh und Schnitt-Konzeption.

Margarethe von Trotta, Mutter eines erwachsenen Sohnes aus erster Ehe, ist in diesem Jahr 70 geworden. „Das steht jetzt immer hinterm Komma. Früher stand da ‚Mutter‘ oder ‚Ehefrau von …‘“ Ein Problem scheint das für die so lebendig und gelassen Wirkende nicht zu sein. „Nein, das Problem ist nicht das Alter“, sagt sie, „sondern dass man jung ist.“ Und lächelt.

Nach den Stunden in ihrer Wohnung gehen wir noch einen Kaffee auf Montmartre trinken. Mit der Kirche im Rücken und einem Traumblick auf tout Paris.

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