Bertha von Suttner: Rüstungsstopp!

Artikel teilen

So lange das gegenseitige Misstrauen besteht“, heißt es, „muss doch die Rüstung beibehalten werden.“

Zugegeben: darum wird auch von den Rüstungsfreunden das Misstrauen genährt, geschürt, künstlich geschaffen. Den drohenden Krieg am Horizonte braucht der Militarismus wie ein Stückchen Brot. Er wird nicht nur als drohend, sondern als unvermeidlich hingestellt. (…)

Welche Anzeichen werden aber angeführt, um die bösen Absichten des Nachbarn zu beweisen? „Er vermehrt seine Rüstungen. Er konzentriert Gruppen an der Grenze, er baut Forts, er legt Minen.“ Ja, das ist allerdings gefährlich. Er tut es zwar angeblich, um sich gegen unsere Forts und gegen unsere Minen zu schützen, der Bösewicht, aber wer
wird ihm trauen?

Also überbieten wir ihn und beweisen so unsere Friedensliebe. Und jetzt sind wir wieder die Gefährlicheren. Alle die Heere und Flotten haben ja doch nur eines zu bekämpfen und abzuwehren: nämlich wieder Heere und Flotten. Gefahren und Schutz sind identisch. Es ist so, als wären unsere Feuerwehren zugleich Brandstifter, unsere Gendarmen
zugleich Räuber und unsere Ärzte zugleich Giftmischer. Es gibt ein sehr stolzes, patriotisches Wort, mit welchem ausländische Vorschläge über Vereinbarung zu Rüstungsverminderungen abgelehnt werden: „Jedes Land weiß selbst am besten, was es zu seiner Verteidigung braucht; das ist eine eminent innere Angelegenheit, die ganz  selbständig behandelt werden muss, in die man keine fremde Einmischung dulden kann.“

Das ist einfach falsch! Es gibt gar keine Angelegenheit, in der man vom Auslande abhängiger wäre als gerade diese. Denn der eine richtet ja seine Wehrmacht nur nach derjenigen des andern; es kann nirgends eine Vermehrung der Kontingente, nirgends eine neue Waffe eingeführt werden, ohne dass dies – bei dem jetzt waltenden Systeme – dieselben Maßregeln bei den anderen zur zwingenden Folge hätte. In gar nichts anderem ist die gegenseitige Abhängigkeit – folglich die Unselbständigkeit – so groß wie in der Rüstungsfrage, die ja eine Rivalitätsfrage ist. Allein kann man nicht rivalisieren.

Die Notwendigkeit des Weiterrüstens wird immer nur durch Hinweis auf Gegenwärtiges und Vergangenes begründet: auf den jeweiligen Stand der Heeresmacht der anderen und auf die Erfahrungen, die „Lehren“ des letzten Feldzuges. Niemals wird die Zukunft mit ihren Möglichkeiten in Betracht gezogen. Doch ist ja nur das Vorausdenken das Merkmal nicht nur des wissenschaftlichen Geistes, sondern auch der praktischen Vernunft.

Alle Errungenschaften der Gegenwart müssen für den Krieg benützt werden, das steht für die Militaristen fest und sie erlauben nur dem Finanzminister zu berechnen, wie viele Steuern heute zu diesem Zwecke aufgewendet werden müssen; aber wer berechnet – wenn nicht rechtzeitig stillgestanden wird – was die neuen Errungenschaften in ihrer Kriegsanwendung kosten und wie sie die gänzliche Umwandlung aller Kriegsbedingungen herbeiführen werden? Ach, wer wird so weit schauen wollen? ... Davon haben die Experten noch nichts gelernt; das wird Sache der Erfahrungen des nächsten Krieges sein. Jetzt heißt es vorsorgen für das, was ist, und nicht für das, was wird. Im Rückstand sind wir Kriegsverwaltungen nie. (…)

Die Vorbereitungen zum Kriege sind nie in solchen Dimensionen, nie in so unaufhaltsam steigenden Progressionen betrieben worden wie eben jetzt. Ziffern will ich gar nicht anführen – wenn die Zahlen in die Milliarden gehen, so versagt gewöhnlich die zur Auffassung nötige Einbildungskraft. (…)

Welches sind die Faktoren, die die Rüstungsschraube in Bewegung setzen? Sind es die Völker, die danach verlangen? Mitnichten! Der Anstoß, die Förderung kommt immer aus dem Kriegsministerium mit der bekannten Begründung: Dass andere Kriegsministerien vorangegangen sind, und der zweiten Begründung, dass man von Gefahr und Feinden umgeben ist. Das schafft eine Atmosphäre von Angst, aus der heraus die Bewilligungen erwachsen sollen. Und wer ist tätig, diese Angst zu verbreiten? Wieder die militärischen Kreise. Die haben immer einen „unvermeidlichen“ Krieg auf Lager, besonders einen solchen, „der im nächsten Frühjahr losgehen wird“.

Kriegsparteien gibt es in jedem Lande; was diese äußern, wird von den Kriegsparteien der anderen Länder als die Willensmeinung der ganzen betreffenden Nation ausgegeben. Und die gegenseitigen Furcht- und Hassgefühle treiben die gemeinsame Schraube. (…)

Hinter den militärischen Kreisen stehen zwei mächtige Hilfskolonnen: die ganze Kriegsmetallurgie und die Presse. Was die „Jingo“-Presse oder „nationalistische“ oder „gelbe“ Presse in Verhetzung, in Arroganz, in Grobheit und gefährlicher Aufreizung leistet, das ist bekannt; das ist schon vielfach, auch von den Ministerbänken herab, verklagt worden, und davon will ich hier nicht reden. Aber auch die sogenannte gemäßigte, liberale Presse begünstigt das militaristische System auf eine mehr passive, aber darum nicht unwirksamere Weise. Sie ist es, die jene politischen Generals-Artikel veröffentlicht, sie berichtet von allen Mehrforderungen ohne ein Wort der Einwendung. (…) Kurz, diese Gattung Presse vermeidet es zwar, direkt zum Kriege zu hetzen und direkt für Rüstungsvermehrung einzutreten, sie behandelt aber das ganze herrschende System des bewaffneten Friedens als etwas Unverrückbares, Selbstverständliches. Es ist die Luft, die man atmet, der Boden, auf dem man steht, und alles, was dagegen gesprochen, geschrieben, getan wird, ist entweder Träumerei, Utopie oder Intrige. Sie nennen das Realpolitik.

Der Text der Friedensnobelpreisträgerin ist ein Auszug aus "Rüstungsstopp" (1909)

Ausgabe bestellen
Anzeige
'

Anzeigen

 
Zur Startseite