Frauenprojekte: Weg mit dem § 218!

Artikel teilen

Gisela war damals noch nicht politisch engagiert und legte mit der Aktion „Ich habe abgetrieben – und fordere das Recht für jede Frau dazu!“ erst los. Silvia war schon vorher aktiv im Weiberrat und stieß im Frankfurter Frauenzentrum zum Kampf gegen den Paragrafen 218. Heute ist Gisela Lehrerin im Ruhestand und Silvia emeritierte Professorin für Soziologie an der Fachhochschule Wiesbaden. Beide sind schockiert über das, was sich gerade weltpolitisch tut, und überzeugt: Das von uns so hart erkämpfte Recht auf Abtreibung ist wieder in Gefahr.

Gisela Schneider Ich hatte damals neben meiner Arbeit beim WDR auch für Günther Wallraff gearbeitet. Und der drückte mir eines Tages einen Brief von Alice aus Paris in die Hand. Die Französinnen hatten ja mit dem Nouvel Observateur eine Selbstbezichtigungs-Kampagne gemacht und Alice schrieb, dass sie diese Kampag­ne auch in Deutschland machen wollte. Ich war mit einer studentischen Hilfskraft in der Redaktion befreundet, der Barbara Meifort, und wir waren sowieso gerade auf der Suche nach einer Möglichkeit, uns politisch zu engagieren. Und dann sind wir am nächsten Samstag mit einem Tapeziertisch auf die Schildergasse gegangen. Wir hatten die von Alice aufgesetzte Selbstbezichtigung vervielfältigt und uns ein Schild gemalt. Und dann sind wir überrannt worden. Es war ein Ansturm von allen Seiten. Die Leute haben mit uns und miteinander wild diskutiert. Es gab viel Zustimmung, aber auch heftige Attacken. Viele Frauen fragten auch, ob wir nicht ein Treffen organisieren könnten. Das haben wir gemacht – und so die Aktion § 218 gestartet.

Silvia Kontos Bei mir war der Zugang zum Thema anders: Ich habe in meinem ersten Semester eine grauenhafte Abtreibungsgeschichte gehabt. Ich wollte Kinder, aber nicht im ersten Semester und mir war völlig klar, dass ich das Kind nicht kriegen wollte. Wir sind in die Schweiz gefahren und sind da von dem Arzt, der uns als Adresse genannt worden war, abgewiesen worden. Der guckte mich kühl an und sagte: „Natürlich mache ich so etwas nicht.“ Es war unsäglich, eine totale Demütigung. Ich bin dann schließlich auf dem Küchentisch einer Engelmacherin gelandet. Die hat eine Seifenspülung gemacht. Ich habe mir später mal die Sterbestatistik anschaut, da ist mir ganz schlecht geworden. Die Frau hat natürlich ordentlich die Hand aufgehalten und mich anschließend zu einem niedergelassenen Gynäkologen geschickt, der auch nochmal die Hand aufgehalten hat. Man kam sich vor wie der letzte Dreck. Diese Abhängigkeit von Leuten bei einer Entscheidung, die mein Leben betroffen hat. Ich fand das alles so furchtbar, dass mir klar war: Das darf nicht so bleiben! Und als dann die Frauenbewegung losging und der Frankfurter Weiberrat einstieg, war vollkommen klar: Das ist unser Thema!

Gisela Ich selbst hatte nie abgetrieben, aber ich habe die Katastrophe meiner Schwester miterlebt. Sie wurde mit 18 ungewollt schwanger und hat sich mir anvertraut. Und wir wussten einfach nicht, was wir tun sollten. Wir wohnten auf dem Land und eine Schwangerschaft oder gar ein uneheliches Kind war ein unheimliches Stigma, wirklich eine soziale Katastrophe. Meine Schwester musste diesen Mann dann heiraten. Nach außen war die Situation so gerettet. Aber das Kind war nicht gewollt und es ist kein glücklicher Mensch geworden. Aber wir haben damals einfach nicht gewusst, an wen wir uns hätten wenden können. Und ich habe gedacht: Es kann nicht sein, dass Frauen so im Stich gelassen werden!
   
Silvia Man sprach untereinander natürlich auch darüber und jede Frau hatte entweder selbst eine solche Erfahrung gemacht oder kannte eine andere. Und das war der Startpunkt: Dass wir wussten, wir sind mit dieser Erfahrung nicht allein, sondern alle um einen herum haben – mehr der weniger – das gleiche erlebt. Und das hat der Prominenten-Aktion dann ja auch den Schub gegeben. Wir haben im Frankfurter Frauenzentrum dann später angefangen, Frauen, die abtreiben wollten, ganz konkret zu helfen. Zumindest in der Großstadt kannte man entsprechende Adressen. Es gab die klassischen Abtreiber, an die ich geraten war. Es wurden aber auch schon illegale Abtreibungen organisiert, zusammen mit Medizinstudenten und Ärzten, die das mitmachten.

Gisela Ich war ja 1965 aus dem Westerwald nach Köln gekommen und bei solchen Themen eher schüchtern. Aber ich hatte mich natürlich innerlich ständig mit dem Thema beschäftigt, denn die Pille kriegte man als unverheiratete Frau ja damals noch nicht. Das Damoklesschwert einer ungewollten Schwangerschaft schwebte immer über einem. Deshalb war es für mich gar keine Frage, diese Selbstbezichtigung zu unterschreiben. Damals stand ja auf Abtreibung bis zu fünf Jahre Gefängnis. Aber das war mir egal. Es war für mich eine politische, solidarische Aktion. Tatsächlich bekamen wir dann Briefe von der Staatsanwaltschaft, aber es hatte sich ein Rechtsanwalt bei uns gemeldet, der uns seine Unterstützung anbot und uns erklärte, wie wir reagieren sollten. Wir wurden dann nicht vorgeladen, es gab also keine große Bedrängnis.

Silvia Der Schutz bestand darin, dass es so viele Unterzeichnerinnen waren. Und auch darin, dass alle wussten, dass das alles eine große Heuchelei ist: Dass es alle machten, es aber nicht gesagt werden durfte. Als wir im Frankfurter Frauenzentrum dann später unsere Hollandfahrten organisierten, bestand ein Teil der Botschaft und der Provokation genau darin, diese Heuchelei aufzudecken.

Gisela Richter und Ärzte maßten sich das Recht an, über das Leben der Frauen zu entscheiden. Im September 1971 haben wir bei einem Ärztekongress ein Go-In im Kölner Gürzenich gemacht und da unser Transparent entrollt. Manche Teilnehmer wollten uns mit der Polizei rausschaffen lassen, aber es gab auch andere, die gesagt haben: „Wir finden es gut, dass die Frauen mit uns reden wollen!“ Der Kongress wurde dann geteilt in eine Gruppe, die mit dem Programm weitermachte und die andere, die sich mit uns zusammengesetzt und unsere Argumente angehört hat.

Silvia Das ist ja wunderbar. In Frankfurt war das wieder anders: Wir haben mal ein Go-In beim Hartmannbund gemacht, der konservativen Standesvertretung der Ärzte. Ich habe noch nie in einem solchen Tempo seriöse Herren ausfallend werden sehen. Wir sind da reinmarschiert bis zum Mikro und haben unsere Parolen gerufen. Und gesungen haben wir auch: Kinderlieder. Und nachdem wir die Bühne und das Mikro erobert hatten, kamen die Anzugträger aber angestürmt. Die waren in Nullkommanichts von null auf hundert und fingen an, handgreiflich zu werden und richtig zu prügeln. Sie waren einfach fassungslos, was wir Frauen uns da gegenüber der Ärzteschaft herausnahmen. Wir hatten im Frauenzentrum auch eine Gynäkologen-Kartei angelegt. Alle Frauen, die ins Frankfurter Frauenzentrum kamen, wurden gebeten, einen Fragebogen auszufüllen und zu beschreiben, wie sie sich von dem jeweiligen Frauenarzt behandelt fühlten. Dazu gehörte zum Beispiel auch die Frage, ob er die Pille verschreibt. Ob er gut berät, auch über andere Verhütungsmittel. Was haben wir alles ausprobiert! Spiralen und völlig überdosierte Pillen. Und dann gab es sofort eine Polizeiaktion im Frauenzentrum, bei der diese Ärztekartei beschlagnahmt wurde. Wir hatten einen Nerv getroffen, bei dem es nicht nur um Abtreibung ging, sondern generell um die Frage: Wie geht die Medizin, insbesondere die Gynäkologie, mit den Frauen um? Wir wurden ja immer denunziert als wilde Weiber, die nur ihre wilde Sexualität ausleben und deshalb abtreiben wollten. Als wären wir für Abtreibung! Das ist doch eine völlig demagogische Verdrehung. Wir sind für das Recht auf Abtreibung, das ist was ganz Anderes.   

Gisela Aber es hieß immer: Die wollen durch alle Betten huschen und ihren Spaß haben und keine Verantwortung übernehmen.

Silvia Dabei haben wir Verantwortung übernommen. Aus den § 218-Aktionen ist schließlich die Frauengesundheitsbewegung entstanden. Aber zunächst ging es um unmittelbare Hilfen. Sobald wir erfahren hatten, dass es in Holland die Möglichkeit gab, legal abzutreiben, haben wir in unseren § 218-Beratungen zunächst einzelne Frauen an die entsprechenden Kliniken vermittelt. Aber wir wollten natürlich auch ein politisches Signal setzen. Die Busfahrten nach Holland waren eine ähnliche kalkulierte Provokation wie die Aktion „Ich habe abgetrieben“. Nämlich bekannt werden zu lassen: Wir fahren einmal in der Woche mit diesem Bus nach Holland, und im Bus sind einige Frauen, die dort eine Abtreibung machen lassen wollen. Einmal haben wir daraus eine medienwirksame Aktion gemacht, indem wir öffentlich angekündigt haben, dass an einem bestimmten Tag mehrere Busse nach Holland fahren würden. Die Polizei kam dann auch und hat uns im Streifenwagen bis zur Grenze eskortiert. Wir hatten schon Angst, dass sie in die Busse reingehen und die Frauen rausholen. Aber dadurch, dass im Bus auch immer viele Frauen saßen, die nicht abtreiben wollten, war das schwierig und ist auch nie passiert. Sie hätten die Frauen ja untersuchen müssen und das hat sich dann doch keiner mehr getraut. Das Ganze funktionierte auch deshalb, weil erstens so viele Frauen mitmachten und es zweitens eine große gesellschaftliche Akzeptanz gab. Die Medienresonanz auf die Aktion war riesig, bundesweit, auch Panorama hat eine Sendung darüber gemacht.

Gisela Panorama hat ja 1974 auch einen Film über eine Abtreibung mit der Absaugmethode gemacht. Die wurde in einer Berliner Wohnung gemacht, das hatte auch die Alice organisiert. Die wollten damit zeigen, dass das eine schonende und unblutige Methode ist.

Silvia Eine Geschichte werde ich nie vergessen: Es war im Juli und ich war allein in unserer Frauen-WG. Es klingelte und vor der Tür stand ein älteres, eher bäuerliches Ehepaar. Die beiden sagten, sie hätten am Frauenzentrum einen Aushang gesehen, auf dem unsere Adresse stand. Sie kämen aus Franken und wüssten keine andere Möglichkeit, als mit unserem Bus nach Holland zu fahren. Ob ich ihnen nicht helfen könnte. Die nächste Hollandfahrt war aber erst in einer Woche. Geld für ein Hotel hatten sie nicht. Und weil bei uns gerade Sommerferien und genug Platz war, habe ich sie in sie in unserer WG untergebracht. Die Frau ist dann tatsächlich mit dem nächsten Bus nach Holland gefahren. Es stellte sich jedoch heraus, dass der Fötus schon abgestorben war. Die Frau hätte also von jedem deutschen Arzt betreut werden müssen. Man kann sich ungefähr die Not und die Hilflosigkeit vorstellen, in denen dieses ältere Ehepaar in ihrem bayrischen Dorf steckte, dass es sich zu den wildgewordenen Feministinnen nach Frankfurt traute.

Gisela Und dafür, dass wir das ändern wollten, hat die katholische Kirche uns als „Mörderinnen“ tituliert! Als dann später herauskam, wie viele von denen zur gleichen Zeit Kinder missbraucht haben, und dass die Kirche nichts dagegen unternommen hat, war ich nochmal ziemlich geschockt.

Silvia Wir haben in Frankfurt als Reak­tion darauf öffentlich kollektive Kirchenaustritte organisiert.

Gisela Wir sind nach Bonn gefahren und haben vor dem Gesundheitsministerium eine Belagerung organisiert. Wir wollten mit Justizminister Jahn sprechen und unsere Unterschriften überreichen, aber der hat sich gedrückt. Die Frauen aus den Parteien waren aber sehr froh, dass wir ihnen von der Straße aus den Rücken gestärkt haben. Anke Brunn, die damals SPD-Landtagsabgeordnete war, kam zufällig vorbei, als Barbara und ich das erste Mal den Stand auf der Schildergasse hatten. Wir waren umzingelt von aufgeregten Menschen, und da hat sie sich mit uns an den Stand gestellt, mit den Leuten diskutiert und uns unterstützt. Auch zu Ingrid Matthäus-Maier, die damals noch Vorsitzende der Jungdemokraten war, hatten wir Kontakt. Die hat auf unseren Demos immer mal wieder eine Rede gehalten.

Silvia Wir hatten auch einen guten Kontakt zu den Parteifrauen. Es war ja klar, dass wir zwar von außen Druck machen können, dass es aber auch in die Parteien getragen werden muss, wenn es um die Abtreibungsgesetzgebung ging. Es war eine Art Arbeitsteilung.

Gisela Und schließlich hatten wir Erfolg. 1974 hat die Koalition aus SPD und FDP die Fristenlösung verabschiedet. Dann wurde aber das Gesetz nach einer Klage des Landes Bayern vom Verfassungsgericht wieder gekippt. Das war ein Schock!

Silvia Das war ein Schlag ins Gesicht! Vor allem, weil wir so viel Zustimmung in der Bevölkerung hatten.
   
Gisela Ich dachte: Soll das jetzt alles umsonst gewesen sein? Da ging wirklich die Welt für mich unter.

Silvia Und dann ging die ganze Debatte um die Indikationslösung los. Und damit wurde die Entscheidung wieder in die Hände von Ärzten gelegt.

Gisela Dabei war ja schon die Fristenlösung ein Kompromiss für uns gewesen. Wir wollten ja die komplette Streichung des §218, damit die Schwangerschafts­abbrüche aus dem Strafrecht rauskommen. Wir wollten, dass die Frauen nicht mehr kriminalisiert werden.  

Silvia Der Kampf gegen den § 218 war am Anfang die entscheidende Schubkraft für die Frauenbewegung gewesen. Wir hatten im Frauenzentrum sehr viel Zulauf. Es kamen viele Frauen, die aufgrund der §218-Debatten sagten: Wir wollen jetzt hier mitmachen! Und dann ging es langsam los, dass wir im Frauenzentrum Gruppen zu verschiedenen Themen bildeten, von „Hausarbeit“ über „Kinder“ bis „Arbeitslosigkeit“.

Gisela Wir haben uns in Köln dann umbenannt, von „Aktion § 218“ in „Frauenbefreiungsaktion“. Wenn man mit dem einen Thema erst mal loslegt, merkt man ja schnell: Oh, da gibt’s ja noch viel mehr Themen! Wir haben dann auch verschiedene Arbeitsgruppen gegründet. Und wir hatten so viele neue Interessentinnen, dass wir Frauen bestimmten, die die Neuen einführten, damit wir nicht bei jedem Treffen wieder von vorne anfangen mussten. Mir selbst hat das Ganze auch persönlich zu einem Aufbruch verholfen. Ich habe dann die Abendschule besucht, mein Abitur nachgemacht und bin Lehrerin geworden. Das führte allerdings auch dazu, dass ich nachts lernen musste und nicht mehr so viel Zeit für politisches Engagement hatte.  

Silvia Der § 218 hat eben eine große Symbolik in der Geschlechterfrage: Darf eine Frau allein über eine Schwangerschaft und über ihr weiteres Leben entscheiden?

Gisela Diese Frage stellt sich ja bis heute!

Silvia Genau. Wir sehen ja den Rückschritt in den USA. Die Abtreibungsfrage ist ein Dauerthema, weil es genau darum geht.

Das Gespräch führte Chantal Louis.

Ausgabe bestellen
Anzeige
'
 
Zur Startseite