Schriftstellerin mit Wucht

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Sie ist eine Chronistin des politischen und privaten Terrors. In ihrer jüngsten Veröffentlichung reflektiert Herta Müller ihr Leben, ihre Arbeit – und die Reaktionen darauf.

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Es muss 1994 gewesen sein. Da sah ich sie zum ersten Mal im Fernsehen. Eine der üblichen Talkshows, zur Buchmesse in Leipzig. Sie saß auf einem Sofa, neben ihr der plaudernde Moderator. Das heißt, er versuchte zu plaudern. Mit ihr. Aber sie plauderte nicht zurück. An ihrem durchdringenden Blick prallte alles Legere ab. Vor ihrer Ernsthaftigkeit zerbröselte der Wortmüll.
Herta Müller, damals Anfang vierzig und seit sechs Jahren in Deutschland, war vor dem Terror der Ceauscescu-Diktatur geflüchtet. Einige Jahre zuvor hatte ich erstmals ein Buch von ihr in der Hand gehalten, doch nach den ersten Seiten wieder weggelegt. Ich hielt die Wucht ihrer Wahrheiten und Worte einfach nicht aus. Jetzt griff ich wieder zu ihr – und entdeckte ihren Roman "Herztier". Die so verstörend bildhafte und gehetzt analytische Sprache zwang mich diesmal mitten rein in ihre Mitteilungen aus dem Zentrum des privaten und staatlichen Terrors.
Herztier. Das Wort hatte das kleine Mädchen in dem schwäbischstämmigen Dorf in der Enklave des Bannats aus dem Mund der Großmutter aufgefangen. Die Wucht von Herta Müllers Sprache steht einsam da im deutschsprachigen Raum. Und ist eine Mischung aus dem überkommenden Deutsch der versinkenden Welt des Bannats und dem sinnlichen Rumänisch, das auch die Diktatur nicht zerstören konnte. Die Tochter und Enkelin von Deutsch-Rumänen musste es sich aneignen wie eine Fremdsprache, als sie mit 15 in die Stadt ging. "Mundhimmel" heißt auf Rumänisch der Gaumen – wir ahnen, wieviel Weite für Wörter in so einem Mundhimmel sein kann.
In ihrer neuesten Essay-Sammlung, "Der König verneigt sich und tötet", beschwört Herta Müller, 51, erneut die Schrecken der privaten und politischen Gewalt und das Fremdsein der Opfer. Was die amerikanische Psychiaterin Judith Herman in "Narben der Gewalt" so brillant mit dem soziologisch-psychologisch-medizinischen Instrumentarium analysiert, dafür findet die europäische Schriftstellerin literarisch Worte.
Herta Müller sieht mehr als die meisten, dank ihres "fremden Blickes". Den hat sie nicht nur, weil sie das Deutschen-Kind in Temeswar und die Rumänin in Deutschland ist; den hat sie auch, weil sie Opfer ist: Als Kind beschädigt von einer Mutter, die die Deportation in ein Stalin-Lager nur knapp überlebte und verstummte, und einem Vater, der SS-Mann war und blieb; als Erwachsene beschädigt von einem Diktator und seinem Staat, der alles und alle unterwarf und kontrolliert. Zurück blieb der "fremde Blick" – für den es eine Überlebensfrage ist, sich und die so bedrohliche Welt ohne Unterlass im Blick zu behalten.
Da ist es nicht überraschend, dass Herta Müller über gewisse Scherze so gar nicht lachen kann. Zum Beispiel über den: "Zur Zeit gibt es an den Bushaltestellen in Berlin ein Plakat mit einem Frauenhals, in dem zwei frische Schusslöcher sind. Aus dem unteren Loch quillt ein Blutstropfen. Es ist Werbung fürs Internet. Auf einem anderen Plakat tritt ein Stöckelschuh auf eine Männerhand. Ich kann nicht anders, ich nehme die Bilder ernst, sie sind unnötige und daher gemeinste Verletzung, grundloser Übergriff. Ein schnippisches Spiel mit Folter und Mord." Sie weiß: "Ausdenken kann sich diese Werbung nur, wer sich keinen Augenblick klar macht, dass Gewalt weh tut und Menschen verstümmelt."
Herta Müller nimmt alle Bilder und Worte und Zeichen ernst. Denn sie weiß, wie ernst sie gemeint sein können. Und auch sie meint es ernst. In der jetzt vorgelegten Essaysammlung, die zwischen Nitzkydorf und Berlin spielt, geht Müller das Wagnis ein, sich explizit zu erklären. "Ich sehnte mich nach ‚normalem Umgang‘ und versperrte mir ihn, weil ich nichts auf sich beruhen ließ", schreibt sie über die Zeit in der Diktatur. "Ich glaube, nach außen war mir nichts anzumerken. Darüber zu reden, kam mir gar nicht in den Sinn. (…) Ich hatte für mich selbst keine Worte dafür. Ich habe bis heute keine."
So erfahren wir nie alles, aber doch sehr viel von dem kleinen Mädchen auf der Kuhweide, das sehnsüchtig den Zügen hinterherschaut; von der jahrelang in Verhören bedrohten und willkürlich tyrannisierten Studentin und Übersetzerin in Temeswar; von der Zugereisten, die "bei uns in Deutschland" immer ein Stück fremd ist und bleiben wird.
Dass dieser so teuer bezahlte "fremde Blick" die Quelle ihrer Erkenntnis sei, bemerkte auch die Literaturkritik rasch. Aber sie griff, wie Herta Müller selbst mitteilt, zu kurz. Mein "fremder Blick" ist weniger der der Rumänien-Deutschen und mehr der der aus der Welt Geworfenen, sagt sie: als einsames Kind in Nitzkydorf, als gehetzte Oppositionelle in Temeswar und als verletzte Frau in der Welt.
Kein Zweifel, mit Herta Müller wird auch in Zukunft nicht gut Kirschen essen sein in den Talkshows dieser Welt.

Alice Schwarzer, EMMA 3/2004

Zum Weiterlesen:
Herta Müller "Der König verneigt sich und tötet", Essays (Hanser, 17.90 Euro).

 

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