Über witzige Weiber und komische Kerle

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Das ‚Gelächter der Geschlechter' hat sich in den letzten 20, 25 Jahren geändert. Das hat Prof. Dr. Helga Kotthoff erforscht, eine der wenigen Gender-Humorforscherinnen auf der Welt.
Mitte der 80er Jahre habe ich zum ersten Mal über das ‚Gelächter der Geschlechter' nachgedacht. Worüber lachen wir? Was kennzeichnet Unterschiede in dem, was Menschen witzig finden? Wie zeigen wir an, dass das, was wir sagen, als witzig oder komisch aufgefasst werden soll? Haben Frauen einen anderen Humor als Männer? Wenn ja, warum? Spielt es beim Scherzen eine Rolle, von wem der Scherz gemacht wird?
Bescheidene psychologische Experimente überraschten mich damals ebenso wie eigene Beobachtungen. Amerikanische ForscherInnen hatten Männern und Frauen die gleichen Witze in zwei Versionen erzählt. Einmal triumphierte ein Mann über eine Frau, das andere Mal die Frau über den Mann.
Ein Beispiel in zwei Varianten: Ein Schauspieler (eine Schauspielerin) wurde auf einer Party von einer Schauspielerin (einem Schauspieler), deren/dessen Autobiografie gerade erschienen war, mit den folgenden Worten angesprochen: "Ich habe Ihr neues Buch gelesen. Wer hat es für Sie geschrieben?" Antwort: "Ich freue mich, dass es Ihnen gefallen hat. Wer hat es Ihnen vorgelesen?"
Männer fanden, wie nicht anders zu erwarten war, den Witz komischer, wenn der Schauspieler das letzte Wort hatte. Und Frauen? Sie fanden es ebenfalls lustiger, wenn der Witz auf Kosten der Frau ging. Sie hatten also eine positivere Disposition für das andere Geschlecht als für ihr eigenes. Was auch immer das genau bedeuten mag: Es zeigte sich in diesen und ähnlichen Experimenten, dass Weiblein wie Männlein es lustiger fanden, wenn eine Frau eins auf den Deckel kriegte. Den weiblichen Triumph aber fanden weder Männer noch Frauen komisch.
Bemerkenswert ist, dass dieser Trend sich innerhalb der letzten zehn, zwanzig Jahre gewandelt hat. Seit den späten 80er Jahren schlagen lachende Frauen sich nachweislich nicht mehr mehrheitlich auf die Seite der Männer. Humor hat mit Intellekt und Gefühl zu tun. Die Gefühle der Humor-Konsumentinnen scheinen sich verändert zu haben. Sie lachen heute nicht mehr nur mit ihm, sondern auch über ihn. Was allerdings nicht heißt, dass das Geschlecht im Humor keine Rolle mehr spielt.
Denn die Humor-Produzenten sind weiterhin überwiegend männlich. In den Redaktionen von Satire-Magazinen wie Titanic und Comedy-Brutstätten wie Brainpool sitzen fast nur Männer. Und es gibt weiterhin wesentlich mehr Komiker als Komikerinnen. Schon in den Cartoons für Kinder tauchen mehr männliche Figuren auf als weibliche. Die witzige Heldin hat hier Seltenheitswert - aber es gibt sie.
Auftritte mit Witzen, Gags, Clownerien oder Ironie und Sarkasmus, kurzum alle Formen des Humors waren bis vor kurzem ein Terrain, auf dem sich männliche Wesen deutlicher in Szene setzten als weibliche. Sexwitze waren selbstverständlich Herrenwitze, Ulknummern gingen schon in der Schule mehr auf das Konto der Jungen und in Humoranthologien kamen Schriftstellerinnen erst gleich gar nicht vor. Der Mann schien den Humor gepachtet zu haben.
Frauen hingegen stilisierten ihren Humor in der Öffentlichkeit eher als unfreiwillige Komik (Typ Marilyn Monroe oder Ingrid Steeger) oder Reaktionen (Lachen) auf männliche Scherze, oder witzelten über sich selbst. Je harmloser der Humor, umso erlaubter für Frauen, denn das fordert andere nicht heraus. Souveräner Humor jedoch war nicht Frauensache. Etikettefibeln wiesen eigens darauf hin, dass die Dame bei Tisch nicht mit der Darbietung von Witzen hervorzutreten habe. Frauen spezialisierten sich also auf die freundlichen Arten der Komik, denn das Eis zwischen Mitlachen und Auslachen ist dünn. Frau lernte, ihre Scherze nett zu verpacken.
Sicher, viele von uns hatten schon witzige Großmütter und umwerfend komische Tanten, aber in der Öffentlichkeit ist der Mann der Herr der Pointe. Weder in der künstlerischen Hochkomik, noch in den Niederungen der alltäglichen Witzelei oder der massenmedialen Komik wurde der Humor von weiblichen Wesen angemessen repräsentiert oder gar mit angemessenen Kategorien erforscht. Waren Frauen dennoch komisch, wurden sie schlicht übersehen oder abgewertet.
Dabei hat es immer Komikerinnen gegeben; wie Liesl Karlstadt, die in den Feuilletons neben Karl Valentin bestenfalls etwas schulterklopfende Anerkennung abbekam, schlechtestenfalls als eine Art Wand gesehen wurde, an der Valentins Querschläger aufprallen konnten. Und Komikerinnen wie Helga Feddersen oder Ingrid Steeger; sie luden allerdings nur zum Lachen über die von ihnen inszenierten Frauentypen ein, nicht auch zum Lachen über die Welt.
Oder sie waren so nett albern wie Lieselotte Pulver im ‚Wirtshaus im Spessart'.
In den vergangenen Jahren aber ist ein öffentlicher Resonanz- und Entfaltungsboden entstanden, auf dem auch eine aus weiblichen Alltagszusammenhängen stammende, weibliche Komik gedeiht.
Clowninnen wie Gardi Hutter präsentieren sich als Boxkämpferin im Ring (nebenbei kurz den Säugling fütternd). Witze auf Kosten von Männern sind in Umlauf (wie der ‚Männerwitz des Monats' in EMMA). Karikaturistinnen nehmen den Alltag aufs Korn (wie Marie Marcks und Franziska Becker). Im Fernsehen tauchen sogar Komikerinnen auf, die den Männlichkeits- wie Weiblichkeitswahn bewitzeln (wie die Missfits oder Maren Kroymanns ‚Nachtschwester Kroymann'). Ältere Damen genießen als ‚Golden Girls' ihr WG-Leben und riskieren eine dicke Lippe. Überlastete Unterschichtmütter wie ‚Roseanne' haben die Lacher auf ihrer Seite. Und Comedians verfangen sich in den Widersprüchen der Frauenrollen von heute (wie Ally McBeal).
Sicher, Frauen sind in unserer Gesellschaft noch immer unterrepräsentiert an den Schalthebeln der Macht, aber ihr Handlungsradius hat sich erweitert. Ja, sie dürfen sogar öffentlich komisch sein. In Maßen.
Anke Engelke war die erste Frau, die das prestigeträchtige Genre der Late Night Show moderieren durfte. Wenn ihr diese Show auch schnell wieder entzogen wurde - auch, weil sich unsere erste Pionierin selbst zu sehr auf einen harmlosen Fröhlichkeitshumor verlegt hatte - ist doch jetzt klar, dass Frauen die Szene nicht wieder verlassen werden. Auch wenn es dabei vermutlich nicht immer lustig zugehen wird.
Selbstverständlich haben humoristische Vorlieben nichts mit dem biologischen Geschlecht von Mann und Frau zu tun, sondern mit ihrem unterschiedlichen Leben und dem, womit sie in der Gesellschaft auf Anerkennung stoßen bzw. Ablehnung. Um das zu erfahren, will Humor praktiziert werden. Das ist der erste Schritt. Die Gesellschaft begegnet Kindern zunächst in Gestalt von Eltern, Lehrern, anderen Kindern und in den Medien. Frühzeitig fangen die Kids an, Komisches zu entdecken und auch selbst zu produzieren. Sie spielen mit Worten, erlauben sich Ungehöriges wie Pupsen, äffen LehrerInnen nach, geben einander Rätsel-Witze auf, schneiden Grimassen etc.
Groß angelegte Studien des amerikanischen Verhaltenspsychologen Paul McGhee zeigten in den 70er Jahren, wie sich der Humor von Jungen und Mädchen zwischen Kindergartenzeit und Schuleintritt in unterschiedliche Richtung entwickelte. Jungen waren die aktiven Scherzkekse und Mädchen kicherten über sie. Je aggressiver der Humor, umso weniger taten Mädchen sich selber mit Scherzen hervor.
McGhee interpretierte die Befunde so, dass beide Geschlechter ab der Kindergartenzeit zunehmend stärker mit den Anforderungen an gesellschaftliche Geschlechterrollen konfrontiert werden. Witzbolde kamen mit ihren Späßen besser an (es wurde mehr gelacht und mitgewitzelt) als Witzboldinnen.
Also baute der kleine Witzbold in unterschiedlichen Situationen sein Talent weiter aus, probierte neue und schärfere Gangarten - und die Witzboldin gibt sich nur im kleinen Kreis als solche zu erkennen. Sie spezialisierte sich auf die Humorarten, die wohlwollende Rezeption wahrscheinlicher machen. Allerdings hatte McGhee sich den Humor nur in gemischten Gruppen angeschaut, nicht bei Mädchen unter sich. Subtilere und dialogische Scherzarten sind ihm deshalb entgangen.
Eine kürzlich publizierte Studie der deutschen Psychologin Marion Bönsch-Kauke zeigt, dass die geschlechtsspezifischen Differenzen im Humor bei heutigen Kindern weniger krass sind. Sie dokumentiert Kichererbsen, weibliche Irrwische, QuatschmacherInnen, männliche Spötter und Stänkerfritzen, Klassenclowns beiderlei Geschlechts, Zuständige für gute Laune, schrille Nudeln und Nervensägen, die sogar Kannibalenwitze produzieren.
Im Humor wird Unerwartetes zusammengebracht, es wird mit ‚Sinn im Unsinn' (Sigmund Freud) gespielt. Das kann harmlos sein, herausfordernd und auch bedrohlich. Nonsens ist meist harmlos, Frotzeln schon weniger und Verarschen geht deutlich auf Kosten von jemandem. Beim Verarschen wird jemand vorgeführt, seine Arglosigkeit wird ausgenutzt. Im Fernsehen repräsentiert Stefan Raab den Verarsch-Humor. Ist Humor, wenn man bzw. Frau trotzdem lacht? Wer Humor hat, kann sich auf eine Metaebene schwingen und von dort oben auch über sich selbst lachen. Er oder sie ist in der Lage, auch Bedrückendes mal auf Distanz zu sehen, und sei es nur für einen Moment.

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Aus Studien über das Scherzen in Cliquen unter guten Bekannten wissen wir, dass unter Freundinnen das Bewitzeln eigener Schwächen eine große Rolle spielt. Das entspannt. Es erlaubt einen Blick auf das imperfekte Selbst und es tut gut, wenn andere ähnliche Blicke auf sich erlauben. Es entsteht Verbundenheit. Mit der Selbstbewitzelung nimmt man Defizite so auf die leichte Schulter, dass sie keine mehr sind. Männer hingegen scherzen untereinander weniger auf eigene Kosten, in gemischter Gesellschaft schon eher. Denn das kommt bei Frauen gut an.
Wir alle zeigen, je nach Situation, unterschiedliche Arten von Humor. Soziale Unterstützung, Verbundenheit, Herstellung von Intimität und kooperative Gesprächsstile gehören traditionell zur ‚echten' Frau. Das zeigt sich auch im Humor vieler Frauen. Doch dieser tut nicht weh - außer sich selbst. Seine Stärke liegt in der Selbstwahrnehmung. Dieser Humor auf eigene Kosten ist charakteristisch für marginalisierte Gruppen. Vor allem im jüdischen Humor hat er eine starke Tradition.
Humor ist situationsspezifisch. Wir lachen in der Regel in Gesellschaft und nicht allein im Keller. Das heißt, dass die Mitlachenden die Gefühle und die Perspektive der HumoristInnen teilen müssen. Wem Anerkennung sicher ist, kann sich also eher eine witzige Bemerkung, einen Frotzel-Scherz oder eine Anekdote erlauben. Humor-Versuche, die kein Lachen oder Mitwitzeln ernten, sind eine peinliche Angelegenheit. Anerkennung kann auf Macht fußen, aber auch auf Sympathie und Wertschätzung. Mächtige Männer können sich leichter erlauben, zu scherzen.
Die amerikanische Soziologin Rose Coser hat in den späten 60ern große Unterschiede zwischen dem öffentlichen und privaten Humor von Frauen belegt, indem sie Mitarbeiterbesprechungen in einer Uni-Klinik aufzeichnete. Amerikanische Chefärztinnen (die es immerhin schon gab) hielten sich in größeren Teambesprechungen unter KollegInnen deutlich stärker mit ihrem Humor zurück als beim intimeren Kaffeeplausch. Die Frauen waren, wie Coser beobachtet hatte, eigentlich ziemlich humorvoll, zeigten ihren Witz aber nur dort, wo sie nicht Gefahr liefen, zu überlegen oder zu unterlegen zu wirken.
Die Herren Kollegen hingegen witzelten in offizieller Runde hauptsächlich über die Patienten und die unter ihnen stehenden Assistenzärzte. Das hätte man aus dem Mund der Frauen wohl kaum gebilligt. Selbstironie konnten die Professorinnen sich aber auch nicht erlauben, denn der wirkt statusabbauend. Und ihr Status war dafür nicht stabil genug.
Sarkastischer Humor macht das Gegenüber oder die Sache eher klein, selbstironischer macht sich selbst klein. Beides hat im Alltag prinzipiell seine Berechtigung. Aber im Berufsalltag war beides für Frauen bisher gefährlich. Mit Sarkasmus machten sie sich unbeliebt und mit Selbstironie hätten sie ihre wacklige Autorität abgebaut. Wir sehen, dass mit dem Spaßen nicht zu spaßen ist.
Noch in den 80er Jahren zeigten mehrere Studien ein ähnliches Bild. Im deutschen Bundestag erlaubten sich vor allem Herren aus der CDU witzig gemeinte Zwischenrufe, wenn eine Sozialdemokratin oder eine Grüne ans Rednerpult traten. Sie riefen dann: "Sie hat sich extra die Jeans angezogen!" oder ähnliche Knaller, wobei sie immer mit dem Unterstützungsgelächter ihrer Fraktionskollegen rechnen konnten. Apropos: Die Übergänge zur sexuellen Belästigung sind beim Scherzen fließend. Die Soziologin Alberts meint, sexuelle Belästigung würde meist in Scherzform gekleidet. Der Belästiger kann sich dann immer darauf zurückziehen, es ja nicht ‚so' gemeint zu haben. Humor als Waffe.
Aktuelle Studien aus der Arbeitswelt zeigen insgesamt mehr Vielfalt. In manchen Firmen, Redaktionen oder Instituten geht es so informell zu, dass Raum für viele Arten von Witzelei ist. Doch es trifft durchaus in vielen Kontexten noch zu, dass die in der Hierarchie am höchsten Stehenden sich gegenüber unter ihnen Stehenden bestimmte Formen von Scherz stärker herausnehmen. In der Studie des deutschen Kommunikationswissenschaftlers Wilfried Schütte zur ‚Scherzkommunikation unter Orchestermusikern' zum Beispiel wird sichtbar, dass sich nur der Dirigent das Recht nimmt, die MusikerInnen mit sarkastischen Bemerkungen zu bewerten.
Sarkasmus ist eine aggressive Form der Ironie und unterstreicht ein bestehendes Machtgefälle. Für den Dirigenten ist Sarkasmus aber trotzdem ein Verfahren der Vermeidung eines offenen Konfliktes und der Sicherung der Kooperation. Schließlich gibt es schärfere Formen von Kritik als sarkastische. Die wenigen Musikerinnen im Orchester hielten sich übrigens mit allen Arten von Witz ganz zurück.
Die neuseeländische Linguistin Janet Holmes weist auf einen Wandel im Scherzverhalten der Geschlechter in der Arbeitswelt hin. Sie leitet das ‚New Zealand Humor in the Workplace'-Projekt, eine großangelegte Untersuchung zu Kommunikation am Arbeitsplatz. Auch ihre Untersuchungen deuten daraufhin, dass sich die noch vor 20, 30 Jahren oft belegte Zurückhaltung der Frauen im Bezug auf Scherzrede geringer geworden ist. Holmes sieht die primäre Funktion von Humor in der Arbeitswelt darin, positive Beziehungen zu konstruieren und aufrechtzuerhalten, also Kollegialität auszudrücken, geschlechterübergreifend. Doch stellt auch sie unter Frauen insgesamt freundlichere Formen des Scherzens fest. Und weiterhin existieren in der Arbeitswelt die ganz platten sexistischen Witzformen.
Männer in der Arbeitswelt liefern sich untereinander härtere, witzige Schlagabtäusche. Sie zollen dem Gegner, der witzig kontert, Anerkennung. Auch unter Frauen findet sich witzige Anmache, aber vor allem bei den Unterschichtsfrauen, seltener unter Mittelschichtsfrauen.
Geschlechterdifferenzen sind selbstverständlich nicht die einzigen Unterschiede, die im Humor zum Tragen kommen. Für die Ausformung eines Scherzstils spielen auch Alter, Religion, Kultur, Temperament und das soziale Milieu eine Rolle. Wir alle wissen, dass Berlinerinnen gerne eine kessere Lippe riskieren als Sauerländerinnen. Arbeiterinnen sind schlagfertiger als Gattinnen; sie erzählen sich Sexwitze, über die Lehrerinnen die Nase rümpfen.
Indem Humor Normen bricht (und seien es nur sprachliche), beeinflusst er sie, kreiert neue Perspektiven auf den Gegenstand und kommuniziert damit Souveränität, Kreativität und einen eigenen Zugriff auf die Welt. All das war historisch Frauen weniger erlaubt. Sie hatten Normen zu erfüllen und sich nicht witzelnd über diese zu erheben.
Erst seit der Neuen Frauenbewegung gibt es im öffentlichen Raum eine Komik, in der Frauen die Welt aus ihrer Perspektive bewitzeln. Denn Komik und Humor wurden immer auch zur Karikierung herrschender Normen genutzt - und damit auch zur Karikierung von Geschlechterverhältnissen und Männlichkeit wie Weiblichkeit. So riet Maren Kroymann als Verkäuferin in ‚Nachtschwester Kroymann' der Kundin forsch vom Kauf sämtlicher Cremes und Wässerchen ab, die sie im Angebot hatte.
Und Hella von Sinnen spielte in ‚Weiber von Sinnen' eine bigotte, blonde Hausfrau und Mutter, die nebenbei im Telefonsex-Gewerbe jobbt und dabei hausfrauliche und sexuelle Bezüge gleichsetzt (indem sie beim Teigschlagen einen Sadomaso-Kunden bedient etc.). Die Heldin des Sketches zeigt, wie alles zusammenhängt, indem sie alles gleichzeitig ist: fleißige Ehefrau, liebende Mutter und perverse Domina im Werkzeugkeller.
Komikerinnen bewitzeln die Frauenrollen und schauen dabei sehr genau hin. Es wird zum Lachen über Klischees eingeladen, die dadurch überwindbar erscheinen oder zumindest als solche ins Blickfeld rücken. Das ist ein kritischer Humor, der aber ohne Zeigefinger operiert. Denn Humor verträgt keine durchscheinende Pädagogik. Nonsens und Blödeln sind nicht in der Gefahr, Moral zu transportieren; aber Parodie und Satire leben von der treffenden Überzeichnung der Charaktere und Situationen. Ihre Schlüsse müssen die ZuschauerInnen selber ziehen. Wollen sie nur lachen, ist es auch recht.
Auch Anke Engelke hat ein vielfältiges Repertoire an Figuren, das von der Inszenierung der Blondine aus dem Blondinenwitz bis zur Dame der gehobenen Gesellschaft reicht. Mit der dummen Blonden lässt sie eine Fiktion aufleben, die Feministinnen eigentlich nervt. Aber Frauen haben sich auch untereinander Blondinenwitze erzählt, als die in waren. Warum? Das mag damit zu tun haben, dass auch bei Frauen das Bedürfnis vorhanden ist, sich durch Witze von dieser Sorte Frau abzugrenzen. Im Herrenclub jedoch funktionieren diese Witze anders: nämlich von oben nach unten - und mit der doofen Blondine sind eher alle Frauen gemeint.
Anthropologen, die große internationale Witzsammlungen angelegt haben, sagen, dass der sexuelle Witz kulturübergreifend eine wichtige Rolle spielt und die meisten dieser Witze auf Kosten von Frauen gehen. Feministische Studien zum Witz bestätigten diesen Befund. Und inzwischen schlagen die Feministinnen zurück: In allen Industrieländern kursieren heute Witze von Frauen auf Kosten von Männern.
Schauen wir uns zwei der Witze genauer an, die beide die klassischen Gynäkologenwitze verdrehen: Er ist sehr aufgeregt, denn er musste zum Urologen. Er kommt nach Hause zurück und sagt zu seiner Frau: "Es ist wirklich schrecklich. Du kannst dir nicht vorstellen, was der alles von mir will. Ich soll beim nächsten Mal eine Urinprobe mitbringen, eine Kotprobe und eine Spermaprobe. "Och", sagt sie gelassen, "das ist doch kein Problem. Nimmst einfach deine braune Cordhose mit."
Der Witz schlägt mehrere Fliegen mit einer Klappe. Erstens ist es ein Umkehrwitz. In den Gynäkologenwitzen wurde der weibliche Körper verbal entblößt und meist als defizitär verlacht. Im obigen ist er der Betretene und sie gibt einen coolen Ratschlag. Zweitens spielt der Witz mit gesellschaftlich eingespielten Ekelgrenzen. Kinder sind in dieser Art von Komik noch sehr frei. Sie bohren sich in der Nase oder im Mund herum, pupsen, gurgeln mit Spucke und benehmen sich beim Essen daneben. Rowan Atkinson spielt als Mr. Bean diese bei Kindern sehr beliebten Formen von Komik aus. Mir ist keine einzige Komikerin bekannt, die auch nur im kleinen Kreis mit dergleichen Anstandsverletzungen Furore gemacht hätte.
Der zweite Witz: Sie war bei der neuen Gynäkologin und kommt erleichtert nach Hause. "Du", sagt sie zu ihrem Mann, "das ist eine sehr tüchtige Frau und sie ist auch sehr nett. Sie hat zu mir gesagt, ich hätte ja eine Haut wie eine 30-Jährige und ich hätte ja überhaupt keinen Bauch." Er: "Und was hat sie zu deinem 50-jährigen Arsch gesagt?" Sie: "Über dich haben wir nicht gesprochen."
Vor uns entsteht das Bild einer durchschnittlich emanzipierten Frau, die zur Gynäkologin geht und sich über das Kompliment freut. Die gehässige Bemerkung des Ehemanns führt schlagartig aus den Freundlichkeiten von Frau zu Frau heraus. Und der Rückschlag sitzt dann umso präziser. Die Doppeldeutigkeit von ‚Arsch' macht es möglich.
Beide Witze drehen sich um Körperkontrolle und Körpernormen, die für Frauen besonders stark sind. Es galt für sie lange als nicht sittsam und erst recht nicht als damenhaft, den Clown zu spielen und herumzualbern. Hofnärrinnen sind unbekannte Wesen. Denn Komik spielt mit der Verformung des Körpers, die Grimasse entstellt das Gesicht. All das war nicht vereinbar mit den gesellschaftlichen Anforderungen des Schönseins und der Zurückhaltung an Frauen, und es strengt auch heute noch an.
Das Trara um Anke Engelke und ihre ‚Late Night Show' hat uns mal wieder gezeigt, wo die heutigen Grenzen in diesem Bereich entlanglaufen. Engelke entspricht dem herrschenden Attraktivitätsideal und ist trotzdem komisch. Sie hat mit diesem Spannungsverhältnis immer schon gespielt, wie vor einigen Jahren bei einem Auftritt in Harald Schmidts ‚Late Night Show'. Da kam Engelke supersexy auf hohen Hacken und mit bauchfreiem Top hereinstolziert, fläzte sich dann aber so ungehörig in einen Sessel, dass sie fast rausrutschte. Die ganze Performance hatte einen Überraschungseffekt. Engelke hat das Bild der sehr auf ihr Äußeres bedachten Schönheit oft überraschend brechen können - ist aber auch genau an dieser Spannung zwischen diesen beiden scheinbar unvereinbaren Rollen gescheitert: Wer komisch sein will, darf nicht auf Schönheit setzen.
Und auch Engelke war oft zu verbindlich, nicht aggressiv genug. Traditionell verlangte man von weiblichen Wesen, nett zu sein - und Nettigkeit steht besonders mit den bissigen Arten von Witz auf Kriegsfuß. Aggression lernten die Frauen gegen sich selbst zu wenden. Die Fähigkeit zum verbalen (und physischen) Kämpfen und Zurückschlagen galten als männlich. Die Psychoanalyse meint, in jeder Witzigkeit stecke ein Quäntchen Aggression. Die Ausrichtung der Frauen nach männlichen Wünschen und Rollenkonformität aber stehen der Ausbildung von aktiver Witzigkeit bis heute im Weg.
Der amerikanische Kommunikationssoziologe Gary Fine hat bei der Erforschung der Scherzkommunikation von männlichen Jugendlichen in Sportvereinen festgestellt, dass sich die Jungen der unteren Mittelschicht tagtäglich in obszönem und aggressivem Humor üben. Ihre Scherze verlaufen anhand der Hierarchie der Gruppe. Die Mittleren amüsierten sich rüde auf Kosten der Schlusslichter, worüber wiederum das Fußvolk johlt.
Durch das Erzählen von Sexwitzen und das Äußern von provokativen sexuellen Bemerkungen streichen die Jungen außerdem permanent ihr Wissen auf diesem Gebiet heraus und kontrollieren gegenseitig ihr Verhalten im Bereich des Kontaktes zu Mädchen. Mädchen sind oft Gegenstand des Amüsements der Jungen. So werden Jungen verlacht, die eine Beziehung zu einem Mädchen anbahnen, das die Gruppenführer nicht ‚schön' finden. Im Humor der Jungen werden auf diese Weise patriarchale Normen gesetzt. Das Implizite ist ja einer
der großen Vorteile scherzhaften Redens gegenüber dem ernsthaften.
Die obszöne Scherzkommunikation erfüllt in den Cliquen der 12 bis 16-jährigen Knaben verschiedene Funktionen.
Sie grenzen sich so von der Erwachsenenwelt ab und festigen unter sich Hierarchien, die auch mit der traditionellen Definition von Männlichkeit zu tun haben. Gleichzeitig signalisieren sie sich auch in der Aggressivität noch Vertrautheit und ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl gegen Out-Groups.
Neuere Studien machen deutlich, dass vor allem beim Necken, Frotzeln und Aufziehen der Angriff und die Verbundenheit eine interessante Mischung eingehen.
Diese Humor-Formen erfreuen sich bei beiden Geschlechtern großer Beliebtheit, solange die aggressive Komponente verdaulich bleibt. Sie haben mit Freundschaft zu tun und kommunizieren, dass dieses Band stabil genug ist, um kleine Angriffe auszuhalten. Was sich liebt, das neckt sich, sagt der Volksmund - und genau das können wir GesprächsforscherInnen bestätigen.
Treffende witzige Bemerkungen setzen präzise Beobachtung voraus. Kleine Schwächen und Unzulänglichkeiten werden aufs Korn genommen. Es hat wenig mit dem ‚bitching' zu tun, was uns manchmal in Serien vom Typ ‚Dallas' und ‚Denver Clan' begegnet. Dort ist die gemeine Sorte vertreten und es wird an das Vorurteil angeknüpft, Frauen würden dauernd miteinander konkurrieren. Manche Feministinnen reagierten mit dem gegenteiligen Vorurteil: Frauen würden gar nicht konkurrieren und wären immer kooperativ. Da ist sie wieder, die Nettsein-Falle.
Wenn wir Frauen weiter dem Ideal der Nettigkeit huldigen, kommen von den verschiedenen Spielarten des Humors leider nur drei in Frage: Nonsens, Blödeln und harmlose Witze. Auch in der Jugendkultur sind Jungs eher oft schockiert darüber, wie schnell manche Mädchen beleidigt sind und wie wenig Frotzeln sie vertragen. Nette Mädchen sind mit ihrem Witz vorsichtig. Stil: Ich habe das nicht ernst gemeint, es war bloß ein Scherz. Die weniger netten müssen dafür mit Gegenschlägen rechnen. Klar ist: Ein Schlagabtausch hat witzig zu sein.
Das wirklich witzige Weib überspringt äußere und innere Hürden. Zum Beispiel Shazia Mirza, die Londoner Muslimin, die schon im Oktober 2001 auf der Bühne sagte: "Ich heiße Shazia Mirza. Das ist zumindest das, was auf meinem Pilotenschein steht." Ihr Humor lebt von den Widersprüchen in ihrer Welt. Shazia Mirza sagt: "Ich erzähle ganz einfach aus meinem Leben." Mirzas Eltern gefällt es bis heute nicht, dass die Tochter in England eine gefeierte Komikerin ist.

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