In der aktuellen EMMA

Ich bin die Frau mit dem Loch

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Grüß Gott, hi, ich bin’s, die Frau, nämlich diese Person mit dem Loch, in das man Sachen reinstecken kann, wenn der Mann will, und über deren Integrität man öffentlich beraten kann (Schlampe, ja/nein), während man sich zu ihr herunterbeugt, ihre Schamlippen auseinanderzieht (ich schäme mich, schon immer) und gleichzeitig betont, hier gebe es kein Machtgefälle. Denn diese Frau da unten soll endlich damit aufhören, sich zum Opfer zu machen.

Okay, hallo noch mal, ich bin’s, die Frau, die diese erniedrigenden Worte aussprechen muss, schließlich bin ich es auch, die erniedrigt wird. Ich denke nämlich schon seit sechs Monaten über meine Schuld nach und möchte darüber nun öffentlich abstimmen lassen.

Bitte ziehen Sie sich also das hier kurz rein, werte Zuschauer und Richter, die ich nun darum bitte, in meinem Gehirn Platz zu nehmen. Setzen Sie sich, machen Sie es sich bequem, ich meine, Sie sind hier doch ohnehin zu Hause (genauso wie auf meinem Körper, auf dem Sie ständig herumturnen).

Es geht los:
Am 28.1. dieses Jahres gab die Agentur, bei der ich seit inzwischen eineinhalb Jahren arbeite, ein Fest. C. (ich werde aus Sicherheitsgründen C. schreiben, dabei stimmt nicht mal der Anfangsbuchstabe) – C. war anwesend.
C. leitet meine Abteilung. Er ist an sich ein netter Typ.

C. ist total für „Gleichberechtigung“ (hat er oft so gesagt, dieser Trottel, dabei gibt es ja von Gesetzes wegen längst „Gleichberechtigung“, aber fair ist deswegen noch lange nichts, meine Herren und Damen). C. findet Mansplaining und den Gender-Pay-Gap mega-scheiße. Aber die Sache ist: C. ist tatsächlich ein netter Typ. Sieht auch ganz gut aus, etwa halb so gut wie Don Draper, und deswegen läuft er auf Partys häufig mit einem Kristallglas und Whiskey darin umher, so auch am 28.1.

Den 28.1. habe ich mir gemerkt, denn seit dem 28.1. denke ich, wie gesagt, über meine Schuld nach. Denn mir, diesem Flittchen, mir hat es doch gefallen, wie er mich im Büro angeguckt hat. Ich habe mich doch täglich zurechtgemacht, um zu gefallen, ihm, den anderen Männern und immer wieder: ihm.

Und jetzt sagt die frauenbewegte Frau mit der klugen Brille ganz links hinten in meinem Gehirn: Schätzchen, das ist doch deine Sozialisation als Frau, das sind die Machtverhältnisse. Du hast gelernt, dass du als Frau Männern gefallen musst, wenn du etwas erreichen willst. Weibliche Komplizenschaft mit dem Patriarchat, you name it. Du hast gelernt, dass du das am besten schaffst, wenn du hübsch aussiehst. Und davon musst du dich jetzt befreien!

Der Typ mit der Alphajacke brüllt: Halt’s Maul, du Fotze. Du willst es doch auch.

Okay, ein bisschen habe ich es gewollt.

Habe ich das?

C. und ich gingen nach dem Agentur-Fest noch auf eine andere Party. Wir saßen im Taxi, es war schon nach eins. Wir waren beide angetrunken, bisher war es nett gewesen. Mir hatten C.s Komplimente gefallen und dass er meine Nähe gesucht hatte.

Zwischenfrage aus dem Publikum: Was heißt das konkret? Haben Sie auch seine Nähe gesucht? Was heißt: Es hat Ihnen gefallen? Würden Sie sagen, dass Sie ihn angemacht haben?

Ich war mit meinem Körper anwesend. Dieser Körper ist gepflegt, diesem Körper sieht man an, dass seine Eigentümerin sich um ihn kümmert, was eine Menge Arbeit bedeutet, also zeitintensiv ist (auch ich habe mich bei der Körperpflege, beim Schminken, Sportmachen und Rasieren schon häufiger mit schlechtem Gewissen gefragt, für wen ich das eigentlich tue, wenn nicht für die Männer beziehungsweise in diesem konkreten Fall C., und bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Wille und ihrer nicht mehr trennbar sind, das heißt: Sie würden mir das gleiche Kleid aussuchen wie ich). Mein Körper jedenfalls verfügt über zwei Brüste, Taille, Hüften und – Typ mit der Alphajacke: Eine Fotze!

Genau. Aus diesem Körper habe ich herausgelächelt, auf C. habe ich draufgelächelt, der mit so einem Glitzern in den Augen zurücklächelte und aussah wie auf der Jagd. Vielleicht hätte ich schon da gehen sollen. Als er ständig meinen Namen sagte, mich an Armen und Händen berührte, als er Blicke auf mir platzierte. Die Blicke waren wie ein Vertrag. Man unterschreibt ihn, wenn man zurückguckt.

Oder?

Ich guckte zurück. Es gibt Momente, da liebe ich es, von Männern angesehen zu werden, denn Männer haben Macht. Sie reden über Sachen, sie entscheiden Sachen, sie gehen mit Schritten durch die Welt, die zum Ziel führen. Ich will auch so sein, also will ich von ihnen, von interessanten, mächtigen Männern, interessant gefunden werden, und das Wissen darüber gibt es gratis, sozusagen mit der Muttermilch.

Einwurf der Frau mit der klugen Brille von links hinten: Wie unsolidarisch von Ihnen!

Gegenfrage: Wie solidarisch ist es von Ihnen, mir diesen Vorwurf zu machen? Egal. Der Wille zur Macht ist ein Tier, das in mir wohnt. Das Fell ist grau und verzottelt. Wundgeleckte Lefzen, kaum Fleisch am Körper, aber blitzschnell in seinen Reaktionen. Schneller als Sie (die Frau mit der klugen Brille) und Ihr berechtigter Einwand jedenfalls.

C. fragte also, ob wir zu dieser Party gehen wollten. Ich hatte keine Lust, ich wollte ins Bett. Aber der Vertrag, den ich mit meinen Blicken in sein Gesicht bestätigt hatte, lag auf dem Tisch. Und man darf nicht vertragsbrüchig werden. Ich kann das nicht. Ich mache, was man von mir will, auch wenn ich es nicht will. Denn die Zufriedenheit darüber, dass ich keine Probleme mache, ist, was es für mich als Belohnung zu essen gibt und schon immer zu essen gab. Das Bewusstsein darüber bringt mir nichts, oder nicht besonders viel, denn es ist anstrengend, das alte Tier mit den wunden Lefzen zu besiegen. Dieses Tier hat großen Hunger. Wenn ich gefalle, kriegt es zu fressen, also gefalle ich. Das Tier aber kann man nicht einfach so aus mir herauspräparieren und entsorgen. Es bewohnt mein System, das heißt, man müsste auch mich als Frau komplett entsorgen.

Ich sagte C., dass wir zu der Party fahren könnten, dass ich aber nicht lange bleiben würde, weil ich am nächsten Tag früh aufstehen müsse, Familienbesuch. Ich dachte, das versteht jeder, und hoffte, dass für C. damit alles klar sein würde. Ich hoffte, dass unser Vertrag somit modifiziert wäre, und zwar dahingehend, dass zwischen uns nichts mehr laufen würde.

C. lachte, C. hatte auch im Taxi sein Whiskey-Glas dabei.

Im Publikum steht jetzt jemand auf. Er sagt, dass ich mich echt nicht wundern müsse, und geht.

C. saß dicht neben mir. Unsere Beine berührten einander, ich drückte mich gegen die Taxitür und lachte über seine Witze, die wirklich gut waren. Es wäre so schön gewesen, weiterlachen zu können, weiter für ihn schön sein zu dürfen mit der Garantie, dass er mir zuhörte, weil ich in diesem Moment der Boss war. Auch wenn ich wusste, dass nichts umsonst ist, lachte ich mit ihm weiter. Weil es mir gefiel, neben ihm zu lachen. Aber ich lachte auch wie ein Hund, der vor Angst bellt, ich lachte, als könne ich durch mein Lachen einen Pflock in die Erde rammen, ohne dabei die Erdstruktur zu verändern, und wissen Sie, was mich jetzt gerade wirklich nervt?

Das Publikum raunt, einige der Anwesenden sind aufgestanden.

Mich nervt, dass ich diesen ganzen erniedrigenden Scheiß erzählen muss. Dass ich über meinen Körper reden muss und was mit ihm passiert ist.

Gegenfrage eines Hellmuth-Karasek-haften Mannes aus dem Publikum: Glauben Sie denn, Sie und Ihre Opfermentalität gehen uns nicht auf die Nerven? Können Sie außerdem langsam zum Punkt kommen? Herrje, es ist ja immer noch nichts Schlimmes passiert.

Klar, ich beeile mich. C. strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, beugte sich vor und küsste mich. Ich erwiderte seinen Kuss nicht, ich sah ihn regungslos und mit großen Augen an. Er küsste mich weiter und fasste an meine Brust. Mein Mund war von seinen Küssen zugedeckt, ich sagte ihm durch seine Mundhöhle direkt in seinen Kopf hinein, dass ich jetzt bald nach Hause müsse. Ich sagte, bald, nicht sofort, ich wollte irgendwie höflich bleiben und C. nicht beschämen. Er sollte nicht dastehen wie jemand, der gegen meinen Willen handelte, wie ein Vergewaltiger aus dem Fernsehen. Das kam mir übertrieben vor, das wäre doch ein Witz gewesen, einer, vor dem ich uns beide bewahren wollte. Es war nicht so, dass ich diese Situation eindeutig hätte einordnen können als etwas, gegen das man sich wehren sollte. Es war nicht so, dass ich einen Namen hatte für das, was passierte, und ich überlegte auch, ob es überhaupt okay wäre, C. zu sagen, dass ich nicht wollte, nachdem wir den Abend so verbracht hatten, wie wir ihn verbracht hatten. C.s Zunge steckte nun tief in meinem Hals, und ich wollte sie da wieder herausbekommen, aber ich dachte auch, dass es dafür nun endgültig zu spät sei. Seine Hand war in meiner Bluse an meiner Brust, sie war da schon seit etwa eineinhalb Minuten. Er knetete meine Brust. Mit welcher Begründung sollte ich ihn nun darum bitten, sie wegzunehmen? Er küsste mich weiter, ich sah ihm dabei zu, ohne eine Bewegung zu machen. Ich hoffte, dass das Taxi bald ankommen würde. Dann würde ich nach einer halben Stunde gehen und sagen, dass mir nicht gut sei. Darüber wäre er vielleicht enttäuscht, aber es wäre nicht offiziell peinlich für ihn. C. nahm meine Hand und legte sie zwischen seine Beine, auf seinen harten Penis, den ich durch die Jeans fühlte. Meine Haut wollte nicht, aber ich ließ die Hand liegen. Vielleicht war das nicht meine Hand. Das war irgendeine Situation. Eine Konfiguration aus Atomen, die in ihrer zufälligen Konstellation eben genau dieses Bild ergaben. Manchmal ist es besser, das nicht persönlich zu nehmen.

Frau mit der klugen Brille: Daran ist überhaupt nichts zufällig. Kapieren Sie das nicht?

Junge Frau aus dem Publikum mit Kind auf dem Arm und Telefon in der anderen Hand: Was Sie erzählen, kennen wir doch alle. Entschuldigung, aber ich weiß nicht, was daran neu oder besonders sein sollte.

Ich auch nicht. Auch deswegen kann ich niemandem davon erzählen.

C. stöhnte, er bewegte sich. Ich nutzte seine Bewegung, um auch eine Bewegung zu machen. Ich nahm meine Hand von seinem Penis und tat so, als müsste ich mir das Haar aus dem Gesicht streichen. C. tastete sich unter meinen Rock. Er legte die Hand auf die Innenseite meiner Oberschenkel, die ich geschlossen hielt. Ich drückte sie zusammen, er presste sie auseinander. Vielleicht fand er, dass das ein sexy Moment war, weil man in Pornos immer wieder sieht, wie die Frau zu ihrem Glück gezwungen werden muss. Er schob seine Hand an meiner Unterhose vorbei und blätterte in meinem Geschlecht. Es war trocken, es tat ein bisschen weh, und mir war inzwischen tatsächlich schlecht geworden. Ich hasste ihn dafür, dass er nicht merkte, dass ich nicht wollte, was er tat, und beschimpfte in Gedanken ihn und sein lächerliches Geschlecht, seine lächerliche Imitation von geilem Spontansex im Taxi, seine lächerliche Performance von einem Mann. Aber noch mehr hasste ich mich und dass ich nichts sagte.

Noch einmal: Ich wusste nicht, was das hier war, obwohl ich es gut kannte.

C. schob mir dann einen Finger in die Vagina. Es tat weh, aber ich dachte vor allem an all die Dinge, die er den Abend über mit dem Finger, der nun in meiner Vagina war, angefasst hatte, und begann ihn in meinem Kopf wieder zu beschimpfen. Weil er nicht merkte, dass ich nicht wollte, was er tat, weil er nicht wusste, dass ich noch nie etwas damit anfangen konnte, wenn man mir einen Finger in die Vagina steckt, weil er so inkompetent und vertrottelt in mir herumrührte und nicht wusste, wie lächerlich er war. Ich machte ihn richtig fertig, in Gedanken siegte ich über ihn. Dann nahm er noch einen zweiten Finger dazu. Er schob seine Finger rein und raus, das brannte. Unwillkürlich schrie ich auf und dachte im gleichen Moment, dass er den Ausdruck meines Schmerzes auch missverstehen könnte als Zustimmung.

Das Taxi hielt. Er lächelte mich an, stolz fast und mit einem Lächeln, das ich von ihm kannte und das ich eigentlich mochte. Ich war mir dankbar, als ich dann sagte: „C., es war ein toller Abend, aber sei mir nicht böse. Mir ist, seit wir im Taxi sind, irgendwie nicht gut, ich fahre nach Hause. Ich vertrage einfach keinen Alkohol.“

Ich lächelte ihn an, so niedlich von unten und um Verständnis bittend. Ich spekulierte auch darauf, dass ihm gefiel, dass ich keinen Alkohol vertrage (was nicht stimmt). Denn wann immer ich einem Mann gesagt hatte, dass ich keinen Alkohol vertrage, hatte ich den Eindruck gehabt, dass das gut ankam.

„Ich bringe dich nach Hause“, entgegnete C. Da klingelte glücklicherweise sein Telefon. Irgendjemand wollte wissen, wo er blieb. Der Taxifahrer drehte sich nach hinten zu uns um und nickte auffordernd.

„Geh ruhig und mach dir noch einen schönen Abend. Taxi zahle ich“, sagte ich sanft, aber bestimmt.

„Sicher?“, fragte C.

Ich nickte.

Und er verließ das Taxi, und ich strich meinen Rock glatt und fuhr nach Hause, beschwingt von dem Gedanken, dass es zwar ein wenig peinlich sein würde, ihn am Montag wieder im Büro zu sehen, dass ich ihn aber nicht bloßgestellt hatte. Wir würden weiter zusammenarbeiten können.

Das Publikum ist nun eine ganze Weile ganz still gewesen. Einige weitere Zuschauer sind gegangen. Der Hellmuth-Karasek-hafte Mann hat mehrere Menschen um sich gesammelt, mit denen gemeinsam er einen Wein trinkt und über meine hysterische Darstellung den Kopf schüttelt.

Denn ich bin’s, die Frau.

Nun, da ich mich einmal komplett ausgezogen habe, kann ich mich nackt und schwach zurücklehnen. Dagegen hat eigentlich niemand etwas, solange ich keine Forderungen stelle.

Ich lehne mich also zurück, ich warte auf Fotos und Interviews und hoffe, dass eine befriedigende Antwort auf die Frage meiner Schuld gefunden wird.

Eine Frau, die mein Alter hat und ein bisschen aussieht wie ich, erhebt sich: Sorry, aber warum fällt Ihnen das alles erst jetzt ein?

 

Den Text „Setzen Sie sich!“ entnahmen wir mit freundlicher Geneh­migung des Verlages dem Buch „Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht“, Hrsg. Lina Muzur (Hanser Berlin, 20 €).

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