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„Ich will eine coole Alte werden!“

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Birgit, schon Ihre Autobiografie 2016 war ja ein richtiges Mutmacherinnen-Buch. Jetzt auch noch die grauen Haare. Sie hatten schon lange damit geliebäugelt, nicht mehr zu färben.
Sehr lange. Ich habe immer zu meinen grauen Haaren gestanden. Ich hatte schon mit 30 eine richtige graue Strähne. Und dann sagte mein damaliger Chefredakteur, ein Wiener: „Naa, des is a Lifestyle-­Magazin, da brauch mer die jungen Zuschauer. Des geht sich nimmer aus. Da musst dir bittschön die Hoar färben!“ Da hab ich gedacht: So lange der von mir nicht verlangt, mir die Lippen aufzuspritzen, kann ich damit leben. Ich habe mir also fast 25 Jahre lang die Haare gefärbt, aber dann hab ich gedacht: Ich möchte eigentlich mal wissen, wie ich wirklich aussehe. (...)

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Sie hatten in diesem Jahr eine Perücke getragen.
Ja, und dieses Jahr mit der Perücke war sehr anstrengend. Das war ein ganz geheimes Projekt, das wussten nur eine Handvoll Leute. Mein Chef wusste es, meine Maskenbildnerin und natürlich mein Sohn. (...)

In diesem Jahr haben Sie ja auch Ihren neuen Lebensgefährten Frank kennengelernt – mit Perücke.
Ja. Und ich hatte totale Angst, dass das mit den grauen Haaren schwierig für ihn wird.

Obwohl er ja selbst graue Haare hat … Aber wenn wir diese indiskrete Frage stellen dürfen: Hat der Mann denn vorher nichts gemerkt?
Ich habe es ihm schon beim dritten Date gesagt. Man kann das ja ab einem gewissen Punkt nicht mehr verbergen.

Sie mussten es ihm quasi sagen …
Ja, genau. Und er hat etwas ganz Tolles geantwortet, nämlich: „Du strahlst so, das wird schon gut aussehen.“ Er war allerdings schon etwas skeptisch, weil er eine Tante mit grauen Haaren hat, die eher etwas ökomäßig aussieht. Eine Woche später konnte ich dann die Perücke absetzen – und er fand es super. Übrigens finden ja viele jüngere Männer Frauen mit grauen Haaren super. Es ist ja ein Vorurteil, dass sie das alle blöd finden. (...)

Das Gespräch führten Chantal Louis und Alice Schwarzer. Das ganze Interview in der März/April EMMA 2019 lesen. Ausgabe bestellen

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Birgit Schrowange: Es darf gern ein bisschen mehr sein (Herder, 12.99 €)

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Brenda färbt nicht mehr

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Es ist wohl keine gute Idee, spontan bei einem Friseur in der Nähe einer Suizidklippe einzukehren. Aber ich ging nun mal an einer berüchtigten Steilküste in Sydney spazieren, als ich diesen hübschen Laden entdeckte. Schon saß ich drin, Hubschraubergeräusche über mir. „Ein Selbstmörder“, sagte die Friseurin, Typ Morticia (die aus der Addams Family) mit gelangweilter Stimme. „Gleich kommt noch der Krankenwagen.” Dann, viel aufgeregter, widmete sie sich meinem Bob, am Ansatz teilweise grau, an den Spitzen künstlich braun. „Ehrlich? Du willst das Grau rauswachsen lassen? Wäre hier sozialer Selbstmord.“ Tatütata.

Vier Jahre ist das her, ich lebe noch, inzwischen mit Silberfäden und -Strähnen im Braun. Und ich verfolge behaglich, wie gerade rund um den Globus Grau als „heißeste Haarfarbe der Gegenwart“ (Wall Street Journal) gepriesen wird und Frauen angeblich plötzlich „glücklich grau“ sind (Guardian). Das Beste: Laut Grazia heißt mein grau-brauner Haarton „warm gray“ – und sei „Trendhaarfarbe 2019”. Nimm das, Killer-­Friseuse!

Wann gab’s so was schon mal? Da liegt man schlicht durch Unterlassung im Trend, statt einem Ideal hinterher zu hetzen. Wer hätte das vor 15 Jahren gedacht? Ich nicht. Damals entdeckte ich die ersten weißen Haare – und begann sofort zu färben. So selbstverständlich wie ich als Teenager Achsel- und Beinbewuchs wegrasierte, sobald er sprießte. Grau war keine Option. Ich färbte, weil es alle taten. Weil ich fürchtete, alt auszusehen. Und alt aussehen war etwas, das man sich damals wie so vieles bis zur Rente aufsparen sollte.

Doch je länger ich färbte, desto mehr hasste ich diese müffelnde Sauerei. Irgendwas verfleckte ich jedes Mal, den weißen Silikonstreifen am Waschbecken, den Badezimmerteppich. Dann ließen immer mehr Prominente auf ihre alten Tage das Grau raus. Doch zunächst dachte ich ja nicht daran, es ihnen nachzutun, auch, weil ich mich als Brünette vor dem Typwandel zu einer Hellhaarigen fürchtete.

2013 erschien das Buch „Grau ist great“, so etwas wie „Endlich Nichtraucher“ für Koloristinnen. Die Verfasserin Sabine Reichel, selbst lang- und weißhaarig und apart, feuert darin Argument um Argument fürs Nicht-Färben ab, angefangen mit dem Autorinnenfoto bis hin zu all dem Geld und der Zeit, die man sich so spare.

Ich beschloss, zu einer Herauswachsenden zu werden, vorsichtshalber im fernen Australien, wo ich für ein paar Monate arbeitete. Gerade rechtzeitig, weil der Übergang noch nicht so krass war. Danach war ich tatsächlich immer noch die Alte, naja Mittelalte. Nur, dass ich meine Haare seither mit neuer Freude bürste. Und ich ihre Veränderungen so fasziniert verfolge wie beim Laub im Herbst.

Außerdem bin ich öfter mit rotem Lippenstift sowie knalliger Kleidung unterwegs, mein Grau und ich wollen leuchten. Ist schließlich ein Statement. Dafür, dass man das Alter nicht mit einem gigantischen Anti-Aging-Programm beballern muss. Dafür, dass graue Schläfen auch bei Frauen gut aussehen können.

Von wegen „Fade to grey“ und sozialer Selbstmord: Ab und zu krittelt jemand an meiner Frisur herum, zuletzt riet mir eine Kroatin zu blonden Locken. Aber zumindest in Berlin höre ich oft: „Du siehst immer eleganter aus.“ Sogar begehrt fühlen darf ich mich. Nur eins wundert mich zunehmend: Warum färben Menschen überhaupt noch? Und sogar immer mehr Männer? Just don’t do it!

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