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Eine brisante Umfrage

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In den 60er und 70er Jahren lebten in Deutschland schon rund eine Million Türken. Sie unterschieden sich von den Deutschen darin, dass sie als „Gastarbeiter“ im Prinzip ärmer waren, anders kochten (mit frischem Gemüse und Knoblauch), ihre Frauen vorwiegend im Haus blieben bzw. dort eingesperrt waren (wie auch der Film des Deutschtürken Tevfik Başer, „40 qm Deutschland“, 1986 so eindrücklich gezeigt hat) und ihre Töchter nicht in die Disco durften. Aber hätte zum Beispiel der Dieter den Jürgen bei Ford am Band gefragt: Was glaubt eigentlich der Yilmaz?, hätte Jürgen vermutlich geantwortet: Das weiß ich auch nicht – frag ihn doch einfach. Denn die Religion spielte damals keine Rolle. Sie war Privatsache. Und das Kopftuch trug höchstens mal lose umgeschlungen eine Bäuerin aus Anatolien, sowie die Bäuerin in Bayern.

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Seither hat sich vieles verändert. Inzwischen leben über fünf Millionen Menschen muslimischer Herkunft in Deutschland und bei vielen spielt ihre Herkunft kaum noch eine Rolle. Sie sind integriert, gläubig oder auch nicht. Jede und jeder zweite Nicht-Muslim in Deutschland ist heute mit Muslimen bekannt, befreundet oder gar verheiratet. Wobei die Integration steigt: Bei den über 60-Jährigen hat nur jeder Dritte einen Muslimstämmigen in seinem Bekannten- bzw. Freundeskreis, bei den unter 30-Jährigen sind es schon zwei von drei.

In Deutschland leben über fünf Millionen Menschen muslimischer Herkunft

Gleichzeitig aber ist da eine wachsende muslimische Community, für die heute die Religion ein zentraler Faktor zu sein scheint, der ihren Alltag bestimmt und ihr Verhältnis zu den Nicht-Muslimen definiert. Die sind jetzt für diese Muslime „Ungläubige“. Inzwischen trägt auch jede dritte Muslimin das islamische Kopftuch: ein Tuch, das das Haar vollständig bedeckt und den Körper möglichst verhüllt, weil Haar und Körper einer Frau als „sündig“ gelten.

So wird es jetzt in den meisten Moscheen gepredigt und auch von vielen islamischen Verbänden verkündet – wie dem „Zentralrat der Muslime in Deutschland“, von dem es lange hieß, er stehe den ägyptischen Muslimbrüdern nahe, der Keimzelle des radikalen Islams. Der Zentralrat unterstützt, ja initiiert anscheinend sogar seit den 90er Jahren Klagen von Musliminnen, nicht selten Konvertitinnen, auf das „Recht“ auf das Kopftuch von Lehrerinnen in öffentlichen Schulen, oder das „Recht“, muslimische Mädchen nicht am Schwimmunterricht bzw. dem Sexualkundeunterricht teilnehmen zu lassen.

Das ist neu. Und es ist nicht der Islam, der das predigt, sondern der Islamismus, der politische Islam. Der startete mit der islamischen Revolution von Khomeini 1979 im Iran und agitiert seit den 90er Jahren auch im Westen, bis mitten in die muslimischen Communitys der westlichen Metropolen hinein.

Politik & Medien: meist keinen Unterschied gemacht zwischen Islam und Islamismus

Der islamische Terror, vor dem der Westen sich zu recht so fürchtet – der allerdings in erster Linie und tausendfach die Muslime selbst in den islamischen Ländern trifft – ist dabei nur die Spitze des Eisberges. Die fast noch größere Gefahr geht vom legalistischen Islamismus aus, für den der Gottesstaat über der Demokratie steht und der mit der Scharia die Sitten und den Rechtsstaat westlicher Demokratien unterwandert. Für diese Kräfte ist die Gleichberechtigung der Geschlechter ein Hohn und Homosexualität eine Sünde, auf die in ihren Herkunftsländern nicht selten die Todesstrafe steht.

Leichtfertigerweise haben im Westen viele JournalistInnen und fast alle PolitikerInnen lange keinen Unterschied gemacht zwischen „dem Islam“ und dem Islamismus. Für sie galt – und gilt oft noch immer – eine falsche Toleranz und „Religionsfreiheit“ auch in Bezug auf den legalistischen Islamismus. So geriet auch in den Augen vieler in der nicht-muslimischen Bevölkerung allmählich der ganze Islam in Verdacht.

Dem will diese Umfrage entgegenhalten. Sie erfragt den Unterschied aus Sicht der Bevölkerung zwischen dem Islam und seiner politisierten Variante, der Ideologie des Islamismus. Es ist international eine der ersten, wenn nicht die erste Umfrage, die diese Unterscheidung macht – in der Hoffnung beitragen zu können zur Aufklärung über den Unterschied zwischen Islam und Islamismus.

ALICE SCHWARZER

Die Umfrage wurde beim „Institut für Demoskopie Allensbach“ in Auftrag gegeben: von der Alice Schwarzer Stiftung, der Giordano-Bruno-Stiftung und dem „Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung“. Mehr über die Umfrage in der aktuellen Juli/August-Ausgabe und auf der Website der alice-schwarzer-stiftung.de.

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