Jane Goodall: Ihr sinnvolles Leben
Am 1. Oktober 2025 starb Jane Goodall im Alter von 91 Jahren. Die weltbekannte Affenforscherin und Tierrechtlerin war unterwegs auf einer Vortragsreise in Kalifornien, als ihr Herz aufhörte zu schlagen. Die Britin war der erste Mensch, der mit einer Gruppe freilebender Schimpansen lebte. Sie war Autodidaktin, deren außerordentliche Beobachtungsgabe früh vom Anthropologen Louis Leakey erkannt wurde, der sie zur Erforschung der Schimpansen nach Gombe in Tansania schickte. Goodall beschrieb die frappante Ähnlichkeit zwischen Menschen und Schimpansen (die 98,7 Prozent der DNA mit uns teilen). Und sie
fand heraus, dass auch Affen Werkzeuge benutzen, etwas, das zuvor nur dem Menschen als „Krone der Schöpfung“ zugeschrieben wurde. Ihre bahnbrechenden Beobachtungen veränderten die Wissenschaft und unser Verständnis von Grund auf: Der Graben, der menschliche und nichtmensch-liche Tiere trennt, wird kleiner, ja, verschwindet zusehends. Jane Goodall schrieb viele Bücher, darunter 1971 „In the Shadow of Men“ (deutsch: „Wilde Schimpansen: Verhaltensforschung am Gombe-Strom“). 1977 gründete sie das Jane Goodall Institute, das mit dem Programm „Roots and Shoots“ inzwischen weltweit über 10.000 Gruppen junger Menschen in mehr als 70 Ländern zusammengebracht hat. Seit 2024 reiste sie rund um die Welt, um all diese Gruppen zu besuchen. Das nachfolgende Gespräch führten die Philosophen Kasia de Lazari-Radek und Peter Singer kurz nach Goodalls 90. Geburtstag – also ein Jahr vor ihrem Tod – mit der Unermüdlichen in ihrem Elternhaus in Bournemouth, wo sie mit ihrer Schwester, ihrer Nichte und zwei Hunden lebte.
Kasia de Lazari-Radek: Wir sind in deinem Elternhaus. Deine Mutter hatte einen großen Einfluss auf dein Leben und deine Arbeit.
Jane Goodall: Ja, einmal, ich war anderthalb Jahre alt, kam sie in mein Zimmer und entdeckte, dass ich eine ganze Hand voll Regenwürmer mit ins Bett genommen hatte. Und natürlich auch jede Menge Erde drumherum. Viele Mütter hätten da geschimpft: „Wie kannst du nur!“ Sie aber sagte zu mir: „Jane, du hast sie so aufmerksam angeschaut. Ich glaube, du hast dich gefragt, wie sie sich ohne Beine bewegen können, oder?“ Und dann erklärte sie mir, dass sie sterben würden, wenn sie in meinem Bett blieben. Und so brachten wir sie zurück in den Garten. Als ich vier Jahre alt war, nahm sie mich mit in den Urlaub auf einen Bauernhof, einen von der altmodischen Art. Es gab vier oder fünf Hühnerställe, in denen die Hühner nachts schliefen. Ich hatte die Aufgabe bekommen, die Eier einzusammeln. Ich löcherte alle, weil ich unbedingt wissen wollte, wo die Eier herauskommen: Wo war an den Hennen das Loch, das groß genug dafür war? Niemand sagte es mir. Ich wollte unbedingt sehen, wie eine Henne ein Ei legt, wollte es selbst herausfinden! Also wartete ich in einem leeren Hühnerstall. Ich war vier Stunden lang weg – eine lange Zeit für ein vierjähriges Kind. Meine Familie wusste nicht, wo ich war. Mom war kurz davor, die Polizei zu rufen. Und dann kam dieses aufgeregte kleine Mädchen zum Haus gerannt, über und über mit Stroh bedeckt. Doch anstatt mir vorzuwerfen „Wie konntest du nur weggehen, ohne uns Bescheid zu sagen! Tu das nie wieder!“, setzte sie sich hin, und hörte sich die wunderbare Geschichte an, wie eine Henne ein Ei legt. – Wenn du darüber nachdenkst: So entsteht eine kleine Wissenschaftlerin! Neugier, Fragen stellen, nicht die richtige Antwort bekommen, sich entschließen, es selbst herauszufinden, Geduld lernen. Eine andere Mutter hätte diese frühe Neugier vielleicht zerstört. Und ich hätte nicht das getan, was ich getan habe.
Kasia: Und wie ging es dann weiter?
Jane: Meine Mom fand Bücher für mich über Tiere. Sie unterstützte mich auch, als ich mit zehn beschloss, dass ich einmal nach Afrika gehen, mit wilden Tieren leben und Bücher über sie schreiben würde. Ich verliebte mich natürlich in Tarzan. Nicht in die Filme, die hatten wir nicht, sondern in die Bücher. Und alle lachten mich aus und sagten: „Jane, warum träumst du nicht von etwas, das du auch erreichen kannst? Nach Afrika gehen … du hast doch gar kein Geld!“ Was stimmte. Und ich bekam zu hören: „Mädchen machen so etwas nicht.“ Aber Mom sagte: „Wenn du das wirklich willst, wirst du sehr hart dafür arbeiten müssen. Jede Gelegenheit nutzen. Aber wenn du nicht aufgibst, wirst du hoffentlich eines Tages einen Weg finden.“
Peter Singer: Doch gab es noch einige Hürden zu überwinden. Du bist mit einer Freundin nach Kenia gegangen und hast dort gelebt. Aber du warst zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht qualifiziert, Wissenschaftlerin zu sein, richtig?
Jane: Ich wollte ja gar keine Wissenschaftlerin sein! Ich wollte mit Tieren leben und Bücher schreiben. Denn Mädchen waren damals keine Wissenschaftlerinnen. Nicht auf diese Weise. Ich hatte nur einen Sekretärinnen-Kurs gemacht, denn ich brauchte ja einen Job und wir hatten kein Geld für die Universität. Ich hatte das Glück, von Leakey zu hören. Ich kam dort an – und schwupps, ergab eins das andere.
Peter: Der Paläontologe Louis Leakey befand also, dass du geeignet sein könntest, um Schimpansen zu beobachten. Um von ihnen zu lernen?
Jane: Damals fuhren Louis und Mary Leakey jeden Sommer für drei Monate in die Olduvai-Schlucht. Noch bevor man dort menschliche Überreste fand. Die meisten Leute glaubten, dass diese alten Geröllwerkzeuge, die sie dort fanden, gar keine Werkzeuge seien. Aber die Leakeys gaben nie auf. Und er und seine Frau nahmen mich und eine andere junge Frau mit. Am Abend durften wir zwei hinausgehen, und all die Tiere waren dort. Es war wie der Garten Eden – mit Giraffen und Zebras. Eines Abends begegneten wir einem Rhinozeros, so nah wie … nun, nicht weiter entfernt als die Länge dieses Raumes, vielleicht sogar näher.
Peter: Das klingt ganz schön beängstigend!
Jane: Zum Glück wehte der Wind von ihm zu uns. Schließlich trabte er davon. An einem anderen Abend spürte ich plötzlich etwas, drehte mich um, und da war ein junger männlicher Löwe – ausgewachsen, mit einer Mähne, die auf seinen Schultern hervorsprießte. Ich glaube, er war einfach neugierig. Ich habe die Vorstellung, dass Tiere dich nicht verletzen, wenn du ihnen nichts tust und sie zuvor nicht von Menschen verletzt wurden. Er folgte uns ziemlich lange, und ja, es war etwas unheimlich, aber auch sehr aufregend. Und das war der Abend, an dem Leakey entschied, dass ich die Person sei, um für ihn Schimpansen zu studieren.
Peter: Weil es dir nichts ausmachte, von einem Löwen bis zum Camp verfolgt zu werden?
Jane: Ja. Meine Freundin wollte sich im Unterholz verstecken. Aber ich sagte nein, denn der Löwe würde wissen, wo wir sind – wir aber hätten keine Ahnung, wo er ist. Ich entschied: ‚Wir müssen auf das Plateau hinaufklettern.‘ Und Leakey fand, das sei genau die richtige Entscheidung gewesen. Also dachte er, dass ich der Aufgabe gewachsen wäre. Leakey vermutete schon damals – was heute wissenschaftlich akzeptiert ist –, dass Schimpansen und Menschen einen gemeinsamen Vorfahren haben. Und er dachte: Wenn Jane Verhalten beobachtet, das bei heutigen Schimpansen und heutigen Menschen ähnlich oder gleich ist, dann wäre das vielleicht ein Erbe dieser gemeinsamen Vorfahren. Und er hoffte, dass ihm das helfen würde zu verstehen, wie frühe Menschen gelebt und sich verhalten haben.
Kasia: Wie verhalten sich denn Schimpansenmütter?
Jane: Es gibt gute Schimpansenmütter und nicht so gute. Ich habe nur zwei schlechte Mütter kennengelernt. Normalerweise sind sie sehr unterstützend, sehr beschützend. Die Kindheit ist lang – fünf Jahre, bevor das nächste Kind geboren wird – und es besteht eine starke Abhängigkeit von der Mutter. Das Junge säugt fünf Jahre lang, reitet auf dem Rücken mit, schläft im Nest, bis das nächste Kind geboren wird. Und selbst dann bleibt das ältere Kind emotional noch mindestens weitere fünf Jahre von der Mutter abhängig. Die Bindungen zwischen Nachwuchs und Mutter werden also immer stärker, ebenso wie zwischen Brüdern und Schwestern. Und selbst nachdem das neue Baby geboren ist, kehrt das ältere immer wieder zurück und verbringt viel Zeit bei der Familie.
Peter: Hattest du, als du deine Beobachtungen begonnen hast, das Gefühl, dass zwischen Menschen und Tieren im Allgemeinen vielleicht nicht dieser riesige Abgrund ist, den die meisten Menschen vermuten?
Jane: Nun, Peter, zunächst einmal hatte noch nie zuvor jemand Schimpansen in freier Wildbahn studiert. Ich war etwa zwei Jahre bei ihnen und lernte all diese Ähnlichkeiten kennen: Kommunikation, Küssen, Umarmen, Händchenhalten, sich gegenseitig kraulen, um Nahrung betteln; Männchen, die um Dominanz kämpfen, aufrecht stehen, herumstolzieren, mit der Faust drohen – ganz wie so mancher menschliche Politiker … Ich will hier mal keine Namen nennen. (lacht) Aber ich entdeckte zu meinem Entsetzen, dass sie auch eine dunkle und brutale Seite haben. Sie sind fähig zu töten, fähig zu einer Art primitiven Krieges, was mich schockierte. Ich dachte, sie wären wie wir, nur netter. Aber sie können auch liebevoll und mitfühlend sein. Leakey brachte mich dann dazu, an die Universität Cambridge zu gehen, weil er sagte, ich müsse einen akademischen Abschluss machen. Er wollte, dass Wissenschaftler mich ernst nehmen. Es war keine Zeit für ein normales Grundstudium, sondern ich sollte gleich einen PhD in Ethologie machen. Ich hatte große Angst davor, ich wusste ja nicht einmal, was „Ethologie“ eigentlich bedeutete. Ich war ja nie auf dem College gewesen! Stell dir vor, wie ich mich fühlte – mit all diesen hochgelehrten Professoren. Und nicht alle, aber die meisten sagten mir, ich hätte alles falsch gemacht: Ich hätte den Schimpansen keine Namen geben dürfen. Sie hätten stattdessen nummeriert werden müssen – nur das sei wissenschaftlich. Ich dürfe nicht sagen, dass sie Persönlichkeiten hätten, gar einen Verstand, der Probleme lösen könne. Schon gar nicht Gefühle. Das seien Dinge, die einzigartig für Menschen wären, hieß es. Ernsthaft! Damals, 1961, glaubten Wissenschaftler wirklich, dass es eine klare Linie gäbe, mit uns auf der einen Seite und allen Tieren auf der anderen. Aber wegen meiner detaillierten Beschreibungen – und weil Hugo (Anm: Kameramann Hugo van Lawick, Goodalls erster Ehemann) kam und filmte – begann sich die Wissenschaft allmählich zu ändern.
Peter: Was ich wirklich bemerkenswert finde, ist, dass du – ohne diese wissenschaftliche Ausbildung und als Frau zwischen all den männlichen Professoren – bereit warst, zu dem zu stehen, was du getan hast. Du hast nicht gesagt: „Oh, ich will Wissenschaftlerin sein, also muss ich ihnen Nummern statt Namen geben.“ Oder: „Ich muss leugnen, dass sie Emotionen haben“. Du hast dich dagegen gewehrt, und damit einen fantastischen Beitrag zu unserem Verständnis von Tieren geleistet!
Jane: Das stimmt. Aber vergiss nicht, ich wollte ja gar keine Wissenschaftlerin sein! Leakey fand, ich müsse den PhD machen. Und außerdem hatte ich als Kind diesen wunderbaren Lehrer, der mir beigebracht hat, dass all diese Professoren unrecht hatten: meinen Hund.
Kasia & Peter (zustimmendes Lachen): Aber gab es denn irgendjemanden in der akademischen Welt, der dich unterstützt hat? Irgendetwas, das dir geholfen hat, weiterzumachen?
Jane: Nicht sofort. Aber ich hatte wahrscheinlich den allerbesten Mentor, den ich hätte haben können, wenn ich ihn mir aus einem der vier führenden Ethologen der Welt hätte aussuchen dürfen: Das waren Konrad Lorenz, Nico Tinbergen, Robert Hinde und auch Bill Thorpe. Robert war mein strengster Kritiker. Er kam nach Gombe und zwei Wochen später schrieb er mir: „Ich habe in diesen zwei Wochen mehr über Tierverhalten gelernt als vorher in meinem ganzen Leben …“ Und dann tat er etwas Fantastisches: Er half mir, meine ungeordneten Gedanken so auszudrücken, dass andere Wissenschaftler mich nicht angreifen konnten. Zum Beispiel hatte ich in meiner naiven Art gesagt, dass Flo ein neues Baby bekommen hatte, und das ältere Kind, Fifi, sehr eifersüchtig war. Denn sie wollte in der Nähe ihres Babybruders sein, der nur ein paar Wochen alt war, und wenn andere Jungtiere herankamen, jagte Fifi sie weg und schrie sie an. Und ich schrieb: „Sie war eifersüchtig.“ Robert erhob Einspruch: „So kannst du das nicht sagen, denn du kannst es nicht beweisen. Ich schlage vor, du sagst: Wenn Fifi ein menschliches Kind wäre, würden wir sagen, sie sei eifersüchtig.“ Das war so klug! Denn das war genau richtig, mich zu lehren, diese Art von Sprache zu verwenden.
Peter: Ich habe „In the Shadow of Men“ ziemlich bald nach Erscheinen 1971 gelesen. Im Jahr zuvor erst hatte ich begonnen, meine Einstellung zu Tieren infrage zu stellen. Ich war 24 Jahre alt und aß Fleisch. Und ich hatte mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht, dass es eine ethische Frage ist, wie wir Tiere behandeln. Aber durch einige Mitstudierende in Oxford fing ich an, meine Ansichten zu hinterfragen. Und natürlich stößt man genau auf das, was du gerade geschildert hast: Diese Idee, dass Tiere ganz anders sind als wir, dass sie keine Emotionen und keine Gefühle haben. Und dann habe ich dein Buch gelesen und erkannt, dass das offensichtlich falsch ist. Also habe ich im ersten Kapitel von „Animal Liberation“ auf „Im Schatten des Menschen“ Bezug genommen, um all die Skeptiker zu widerlegen, die behaupteten, Tiere seien völlig anders als wir. Und das war wirklich wichtig für mich beim Schreiben dieses Buches, und ich möchte dir dafür danken.
Jane: Nun, für mich war es wirklich wichtig, dein Buch „Animal Liberation“ zu lesen. Es muss so um 1975 herum gewesen sein. Damals, als ich Afrika verließ, gab es noch keine industrielle Massentierhaltung. Es gab einen einzigen Ort in England, wo ein Landwirt die Idee erprobte, sehr viele Hennen zusammen zu halten. Aber er spielte Musik für sie und ließ sie einmal am Tag hinaus, damit sie herumpicken konnten.
Peter: Was natürlich heute niemand mehr tun würde.
Kasia: Was hast du von Schimpansen oder Bonobos über Menschen gelernt? Was, glaubst du, ist die stärkste Verbindung zwischen uns und unseren nächsten Verwandten?
Jane: Nun, es gibt so viel, das gleich ist, dass man eigentlich nur nach dem Hauptunterschied fragen kann. Und das ist meiner Meinung nach die explosive Entwicklung unseres Gehirns. Wahrscheinlich deshalb, weil wir irgendwann in unserer Evolution die gesprochene Sprache entwickelt haben. Das bedeutete, dass wir zum ersten Mal unseren Kindern Dinge beibringen konnten, die nicht greifbar waren. Wir konnten Pläne für eine ferne Zukunft machen und – vielleicht am wichtigsten – wir konnten Menschen zusammenbringen, um über Probleme oder Ideen zu sprechen. Ich habe das starke Gefühl, dass Schimpansen, wenn sie miteinander diskutieren könnten, sich ganz anders entwickelt hätten.
Peter: Lass uns zurückkommen auf das, was du über die Entwicklung der industriellen Massentierhaltung gesagt hast – die ja kaum begonnen hatte, als du Afrika verlassen hast, heute aber die vorherrschende Form ist, Nahrungsmittel von Tieren zu produzieren. Ich kämpfe jetzt seit rund 50 Jahren dagegen an. Wir haben einige Fortschritte gemacht – hier in Großbritannien, in der EU und in ein paar US-Bundesstaaten gibt es etwas mehr Platz für Tiere, aber sie sind immer noch ständig eingesperrt. Was sagst du Menschen, die wissen wollen, was sie tun können, um diesen enormen Missbrauch von Tieren zu bekämpfen?
Jane: Ich zeige nie mit dem Finger auf jemanden. Niemals. Ich sage einfach, was ich fühle – Angst, Schmerz, Tod – und spreche darüber. Fleisch zu essen ist nicht nur unsagbar grausam, es hat auch verheerende Auswirkungen auf die Umwelt, verursacht Klimawandel, den Verlust der Biodiversität. Das hängt ja alles zusammen. Und wenn man es schafft, das Herz zu erreichen, müssen die Menschen sich ändern, von innen heraus. Es ist entsetzlich! Und wir sind auch untereinander genauso grausam – nicht nur zu Tieren. Ich wurde sofort Vegetarierin, nachdem ich dein Buch gelesen hatte. Und als ich von der grauenhaften Behandlung von Milchkühen und Legehennen erfuhr, wurde ich Veganerin. Inzwischen gibt es erstens viel mehr Bewusstsein, dank all der mutigen Menschen, die Undercover-Aufnahmen machen, um zu zeigen, was in den Fabrikfarmen tatsächlich passiert. Und zweitens gibt es einen deutlichen Trend hin zu vegetarischer und veganer Ernährung. Es gibt heute zum Beispiel in China viele vegane Restaurants. Man muss irgendwie das Herz erreichen. Und erst kürzlich hat die britische Regierung angekündigt, den Export lebender Tiere zu stoppen. Großbritannien wird also keine Tiere mehr lebend exportieren, um sie anderswo zu schlachten oder zu mästen – etwas, wofür Tierschutzorganisationen in diesem Land seit 50 Jahren arbeiten. Das ist definitiv ein Zeichen der Hoffnung.
Kasia: Was würdest du jungen Menschen raten, um die Welt zu verändern?
Jane: Den jungen Menschen sage ich: Engagiert euch! Dann habt ihr eine Familie von Menschen um euch, die genau so denken wie ihr. Es geht ums Handeln. Jede einzelne Person auf diesem Planeten kann jeden Tag etwas bewirken – und die meisten von uns können wählen, welche Art von Einfluss wir ausüben! Ich möchte jeden Tag aufstehen und arbeiten. Ich möchte die Dinge tun, die etwas bewegen. Ich fühle mich glücklich, in der Lage zu sein, zu handeln. Wir brauchen einen Sinn im Leben!
Kasia: Denkst du, dass Zoos eine Rechtfertigung haben?
Jane: Ich komme gerade von einem Zoo, den ich für einen der besten halte. Aber sie sollten niemals Delfine, Wale, Elefanten und manche anderen große Tiere halten. In diesem Zoo gab es eine Gruppe Schimpansen. Es war gegen Abend, sie saßen einfach da, putzten einander. Es gab zwei Männchen, drei Mütter, und Kinder, die in der Abendsonne spielten. Dann machten sie sich auf, um eine richtig gute Mahlzeit zu bekommen. In diesem Zoo gab es viel Beschäftigung für die Tiere. Dann dachte ich an Afrika: Dort hört man die Kettensägen näherkommen, es gibt Wilderei, viele Schimpansen verlieren Hände oder Füße durch Drahtfallen. Und ich dachte: Nun ja, aus Sicht des Schimpansen – ganz abgesehen von unserer Ethik – wüsste ich, wo ich lieber wäre. Und ich glaube, Schimpansen gut genug zu kennen, um das einschätzen zu können.
Kasia: Und wenn man einen Zoo im Stil eines Parks hat, mit sogar ausreichend Platz für Elefanten?
Jane: Ja, wie ein Sanctuary. Es gibt einen Zoo, der riesig ist, und die Elefanten leben dort tatsächlich in zwei Herden. Und in Disneys Animal Kingdom haben sie einen Pool, der so groß ist, dass vier Elefantenbullen darin baden und untertauchen können. Wenn man so etwas bieten kann – großartig. Aber die meisten Zoos können sich das nicht leisten.
Peter: Mir wurde als Ethiker manchmal die Frage gestellt, ob man Wilderer erschießen dürfe, um die Tiere zu schützen. Viele Wilderer sind relativ arme Menschen, für die es um viel Geld geht, wenn sie einen Elefanten oder ein anderes Tier erlegen. Was ist deine Meinung dazu? Du hast viel mehr Erfahrung in Afrika als ich.
Jane: Es stimmt, dass viele Wilderer einfach nur überleben wollen. Es ist wie beim Abholzen von Bäumen, um Platz zum Anbau von Nahrung zu schaffen oder um Geld für Holzkohle oder Holz zu bekommen. Sie töten Tiere, um sie als Buschfleisch zu verkaufen. Oder verkaufen ein Schuppentier für den Wildtierhandel. Aber wenn man diesen Menschen einen Job anbietet, werden manche von ihnen fantastische Ranger. Sie schützen dann die Tiere, die sie zuvor getötet haben. Die Bösen sind aber meist gar nicht die lokalen Wilderer. Die Bösen, das sind die ausländischen Syndikate, die mit dem Wildtierhandel 20 Milliarden Dollar pro Jahr verdienen!
Peter: Also, das ist wirklich organisierte Kriminalität.
Jane: Ja, genau. Wie der Schmuggel von Drogen und Waffen oder Menschenhandel.
Kasia: Letztes Jahr habe ich einen Monat in Namibia verbracht, eine erstaunliche Erfahrung. Das ist ein Land, das sich wirklich um Tiere, um Nationalparks und um die Wiederaufzucht von Tierherden kümmert. Ich habe viele Menschen getroffen, die vom Tourismus und davon leben, sich um Tiere zu kümmern und sie zu schützen.
Jane: Viele Leute scheinen zu denken: Die Afrikaner kümmern sich nicht um Tiere. Aber das tun sie! Viele dieser Ranger riskieren ihr Leben, wenn es um kommerzielle Wilderei von außen geht! Wir sind alle gleich! Es hängt von unserer Erziehung und Kultur ab.
Kasia: Zurück zu deinem Hund, Jane. Was hast du von ihm gelernt? Du hast gesagt, er war dein bester Lehrer?
Jane: Ich habe von ihm gelernt, dass Tiere auch Persönlichkeiten haben, dass sie intelligent sind und definitiv Gefühle besitzen. Ich wusste also, dass all diese Professoren falsch lagen, als sie behaupteten, nur Menschen hätten diese Eigenschaften.
Peter: Wir sind hier in dem Haus, in dem du aufgewachsen bist. Deine Schwester hat uns die Tür aufgemacht. Auch ein geretteter Greyhound wohnt hier.
Jane: Wir haben immer Hunde hier! Es gibt noch einen kleinen Hund, im ersten Stock.
Peter: Gegen Ende jedes Interviews fragen wir unsere Gäste normalerweise, ob sie denken, ihr Leben gut gelebt zu haben. Ich möchte dir diese Frage nicht stellen, Jane, denn es ist offensichtlich: Du hast dein Leben extrem gut gelebt. Was war dabei das Wichtigste für dich?
Jane: Zwei Dinge. Erstens, die Schimpansenstudie. Ich habe die Art und Weise, wie Menschen über Schimpansen denken, verändert, Das hat auch die Tür für alle anderen Tiere geöffnet. Heute entdeckt man Intelligenz auch bei Oktopussen und Hummeln. Stell dir vor: Hummeln können so trainiert werden, dass sie einen kleinen Ball in ein Loch rollen – ganz erstaunlich! Und andere Hummeln können dasselbe allein durch Beobachtung der trainierten Hummeln lernen. Wer hätte das vor zehn Jahren gedacht?
Peter: Das wusste ich noch gar nicht, das über die Hummeln!
Jane: Mehr noch. Wir lernen jetzt auch, dass Bäume unterirdisch kommunizieren und Pheromone aussenden können, um andere Bäume zu warnen, Toxine in ihre Blätter zu produzieren, weil Raupen sie angreifen werden. Es gibt so viel zu lernen. Und die Schimpansen haben dafür die Tür geöffnet. Und darf ich dich daran erinnern, dass Darwin schon vor hundert Jahren dasselbe gesagt hat, in seinem Buch The Expression of the Emotions in Man and Animals. Doch er wurde dafür nur belächelt.
Peter: Dieses Werk wurde als nicht so wichtig angesehen wie The Origin of Species oder The Descent of Man.
Jane: Aber dennoch war es der Beginn einer Veränderung hin zum Verständnis dessen, wer Tiere wirklich sind. Es ist ein harter Kampf. Ich habe meinen ersten Sieg errungen, als ich einen Artikel für Nature geschrieben habe. Ich schickte ihn ein, und er kam zurück mit roten Markierungen überall, wo ich „er“ oder „sie“ geschrieben hatte, strichen sie das durch und ersetzten es mit „es“. Wo ich „wer“ geschrieben hatte, setzten sie „was“. Ich war stinksauer! Ich strich die „it’s“ und „which’s“ durch und setzte wieder „he“ und „she“ ein – und sie ließen es so. Das war mein erster echter Sieg. Die zweite Sache, auf die ich stolz bin, ist das Initiieren von Roots and Shoots, das Projekt, das jungen Menschen Hoffnung auf Aktivismus gibt – in 70 Ländern. Eine Gruppe besteht aus indigenen Kindern mitten im brasilianischen Amazonas, eine andere ist mitten in der Mongolei, bei einem Mann, der verrückt nach Pferden ist und Roots and Shoots in die Dörfer bringt.
Peter: Vielen Dank, Jane, es war wunderbar, mit dir zu sprechen!
Peter Singer gilt als einer der bedeutendsten Philosophen unserer Zeit. Der Sohn von Wiener Juden ist im Exil in Australien geboren, hat lange in Amerika gelebt und lebt heute, zusammen mit seiner Frau, wieder in Australien. Sein 1975 erschienenes Werk „Animal Liberation“ ist die Bibel der TierrechtlerInnen. In Deutschland war ausgerechnet er in den 1980er Jahren scharf angegriffen worden wegen seiner Befürwortung des Rechts auf Abtreibung und seiner Auffassung, dass menschliches Leben erst nach der Geburt beginnt. Kasia de Lazari-Radek ist eine polnische Philosophin und Ethikerin und forscht schwerpunktmäßig zu Fragen von Glück und Lust. Sie lehrt als Professorin am Institut für Philosophie der Universität Łódź. Zusammen machen sie den Gesprächs-Podcast „Lives well lived“ (u. a. auf Spotify & Apple).
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