Lieben statt Töten

Jane Goodall
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Der Mond spiegelt sich noch im Tanganjikasee. Die mädchenhafte Frau mit den langen blonden Haaren ist wie immer früh aufgestanden. Sie sitzt vor ihrer Hütte, isst ein Stück trockenes Brot und trinkt Kaffee aus der Thermoskanne. Dann packt sie Fernglas, Block und Bleistift in ihren Rucksack und macht sich auf den Weg zu den wilden Schimpansen von Gombe, die in den Baumwipfeln des tropischen Regenwalds schlummern. Unter den Schlafnestern hockt sie sich auf den Boden und wartet darauf, dass die Affen aufwachen.

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Die "berümteste Primatologin aller Zeiten" (nature) ist es gewöhnt, geduldig auszuharren. Tage-, manchmal wochenlang hält Jane Goodall sich in der Nähe der intelligenten Tiere auf. Immer aber wahrt sie respektvolle Distanz, wenn sie ihnen auf ihren Wanderungen folgt. Die Affenforscherin überlässt es den Schimpansen, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Hier im Regenwald, den seit Jahrtausenden nichtmenschliche Arten bevölkern, ist ein Mensch nur Gast.

Jane Goodall kennt ihre GastgeberInnen gut. Sie hat gesehen, wie Gremlin und Galahad geboren wurden. Sie weiß alles über Flint, Fifi und Pom. Sie hat den Aufstieg Figans zum Alpha-Männchen verfolgt. Und sie hat Flo beweint. "Es war ein strahlend heller Morgen, als mich die Nachricht von ihrem Tod erreichte", erinnert sie sich: "Ihre Leiche war gefunden worden. Obwohl ich seit langer Zeit gewusst hatte, dass das Ende nahe war, linderte das meine Trauer nicht, als ich da stand und auf Flos Überreste hinuntersah. Ich hatte sie elf Jahre gekannt und geliebt."

Primaten zu respektieren, ja sogar zu lieben, war verpönt, als die Verhaltensforschung noch eine Männerbastion war. Und ihnen Namen zu geben, statt Nummern wie üblich, war ein Skandal. Ihr erstes Manuskript, das Jane Goodall 1960 zur Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift einreichte, wurde ihr zurückgeschickt. Jedes "er", "sie" oder "der" war durch "es" oder "welches" ersetzt worden. Es war ihr erster Kampf gegen die etablierte Wissenschaft, und sie gewann: Sie machte alle Änderungen rückgängig. Noch mehr schockierte Goodall die Verhaltensforscher, als sie die Fähigkeit der Schimpansen zu logischem Denken beschrieb und – schlimmer – ihre Gefühle.

Dass die Ethologie sich zu einer Frauendomäne entwickelt hat, ist einem Mann zu verdanken: dem Paläontologen und Anthropologen Louis Leakey, langjähriger Direktor des Nationalmuseums in Nairobi. Leakey hat Jane Goodall den Aufbau ihrer Schimpansen-Forschungsstation in Tan sania ermöglicht. Er war es, der Dian Fossey zu den letzten Berggorillas in Ruanda schickte. Und er hat Birute Galdikas ermutigt, für die aussterbenden Orang Utans auf Sumatra und Borneo in Indonesien zu kämpfen.

Louis Leakey, 1903 als Sohn britischer Missionare in Kenia geboren, wuchs bei den Kikuyu auf. Sie nannten ihn "den schwarzen Mann mit dem weißen Gesicht". Schon als er 1924 in Cambridge studierte, war er davon überzeugt, dass Menschen und Menschenaffen Vettern sind. Er war besessen davon herauszufinden, was sie verbindet. Und wirklich, nach 28 Jahren mühsamer Ausgrabungen, entdeckten er und seine Frau Mary 1953 einen gemeinsamen Vorfahren: das Schädeldach eines robusten Hominiden, das rund zwei Millionen Jahre alt war. Seit damals gilt Louis Leakey als "Darwin der Evolution des Menschen".

Nach seiner Entdeckung entschloss er sich zur Beobachtung der letzten frei lebenden Menschenaffen. Leakey bezweifelte, dass seine männlichen Zunftkollegen dazu in der Lage sein würden. Er kannte die Leidenschaft seiner Geschlechtsgenossen fürs Töten und Sezieren nur zu gut. Und er wusste um die weibliche Bereitschaft zum Ein- und Mitfühlen. Deshalb förderte er Frauen wie Fossey und Goodall, die nicht wissenschaftlich vorgebildet und darum nicht verbildet waren.

Jane, Tochter einer alleinerziehenden Mutter ohne Budget für teure Studiengebühren, war nach dem Abitur Sekretärin geworden. Nebenbei jobbte sie als Kellnerin, um eine Schiffspassage zum Schwarzen Kontinent zu finanzieren. Denn seit frühster Kindheit träumte sie davon, eines Tages nach Afrika zu gehen und dort mit Tieren zu leben.

Schon mit vier Jahren hatte die 1934 geborene Britin das Zeug zu einer echten Naturkundlerin. Als sie zusammen mit ihrer bewunderten Mutter Vanne Ferien auf dem Bauernhof ihrer Großeltern machte, wurde sie mit der Aufgabe betraut, die Eier einzusammeln. Im Laufe der Zeit wurde das kleine Mädchen immer nachdenklicher: "Wo war bei einer Henne eine Öffnung, die groß genug gewesen wäre, um ein Ei herauszulassen?"

Jane folgte einer Henne in einen der kleinen Hühnerställe. Doch der Vogel kreischte entsetzt und floh: "Daraufhin dachte ich in meinem vierjährigen Sinn, dass ich wohl vor dem Huhn im Stall sein müsste." Also kroch sie in den nächsten und wartete, still in eine Ecke geduckt, mit etwas Stroh getarnt. Nach Stunden kam eine Henne und setzte sich aufs Nest: "Plötzlich erhob sie sich ein wenig, und ich sah, wie etwas rundes Weißes langsam aus den Federn zwischen ihren Beinen fiel."

Als Jane wieder auftauchte, war es Nacht, und auf dem Bauernhof herrschte helle Aufregung. Die ganze Familie, Freunde und Nachbarn suchten das Kind, auch die Polizei war alarmiert worden: "Trotz der Sorgen, die sich meine Mutter gemacht hatte, schalt sie mich nicht. Sie sah, dass meine Augen leuchteten, und hörte sich an, wie ein Huhn ein Ei legt und was für ein Wunder das ist."

Am meisten von allen Tieren liebte Jane von Anfang an die Affen, seit sie an ihrem zweiten Geburtstag von ihrem Vater einen Plüschschimpansen geschenkt bekommen hatte. 20 Jahre später war es dann endlich so weit – Jane hatte das Geld, um in die Heimat der Schimpansen zu reisen. Mit einem Schiff fuhr sie nach Kenia, wo sie von Louis Leakey hörte. Bei einem Treffen konnte sie ihn so mit ihrer Faszination für Afrika und Tiere überzeugen, dass er sie als Assistentin anstellte.

Bereits in ihrem ersten Jahr in Gombe, als sie noch ganz allein ohne Team unterwegs war, bewies Goodall, dass Schimpansen Werkzeug benutzen. Eine Fähigkeit, die der Mensch bis dahin für einzigartig hielt, Legitimation für seinen Rang als Krone der Schöpfung. Jane hatten einen Schimpansen beobachtet, der, um Termiten aus einem Bau mit winzigen Eingängen zu holen, Fanginstrumente aus Zweigen und Halmen herstellte. Louis Leakey war begeistert: "Entweder müssen wir Werkzeug neu definieren, den Menschen neu definieren oder die Schimpansen zu den Menschen zählen." Dieser Satz ging rund um die Welt und löste in der Wissenschaft Empörung aus.

Heute kann niemand mehr leugnen, dass Tiere Werkzeug benutzen. Nicht nur Schimpansen. Aber sie verwenden es für eine größere Vielfalt verschiedenster Zwecke als jedes andere Tier – mit Ausnahme des Menschen. Auch sind im Laufe der Zeit die Beweise dafür immer zahlreicher geworden, dass Menschenaffen ihre unmittelbare Zukunft vorausplanen können, verallgemeinern, abstrahieren und mit Gebärdensprache kommunizieren. So wie das berühmte Tieflandgorilla-Weibchen Koko, das – wissenschaftlich bewiesen – einen Wortschatz von mehr als 1000 Wörtern hat. "Diese Erkenntnisse zwingen uns", sagt Jane Goodall, "unsere Beziehung zum Rest des Tierreichs, besonders aber zu den Großen Menschenaffen, neu zu bewerten."

Jane Goodall, heute 68 Jahre alt, ist nur noch selten bei den wilden Schimpansen in Gombe. Meist reist sie um die Welt, um für den Erhalt der letzten Reservate zu kämpfen, in denen freie Menschenaffen leben. Und sie setzt sich unermüdlich für die Primaten in Versuchslaboren ein. Auslöser war eine Begegnung mit dem Schimpansenmann JoJo, 1988, im "Laboratorium für experimentelle Medizin und Chirurgie an Primaten" (LEMSIP) der Universität von New York. Er hauste seit mehr als zehn Jahren allein in einem Käfig von 1,50 mal 1,50 Meter Grundfläche und einer Höhe von 2,10 Meter. Jane bitter: "JoJo hatte kein Verbrechen begangen, und dennoch war er zu lebenslänglicher Einzelhaft verurteilt worden. Ich schämte mich, ein Mensch zu sein."

In den letzten 16 Jahren ist die einst in Gombe so geduldig Ausharrende nie länger als drei Wochen an einem Ort gewesen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie auch just in diesem Augenblick wieder in einem Flugzeug sitzt. Woher nimmt sie die Kraft für ihren Kampfgeist und ihren Optimismus? Janes Antwort: "Ich hatte eine Mutter, die meine Leidenschaft für Tiere nicht nur tolerierte, sondern mich darin unterstützte. Und die mich, was noch wichtiger war, lehrte, an mich selbst zu glauben." Nur logisch, dass die Tochter ihre Autobiographie "Grund zur Hoffnung" ihrer Mutter Vanne gewidmet hat.

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Jane Goodall: "Grund zur Hoffnung" (dtv)

www.janegoodall.de

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