Alice Schwarzer schreibt

50 Jahre nach der Befreiung

Sinaida Shidko, Krankenschwester der Roten Armee und Ex-KZ-Häftling, 50 Jahre danach. © Bettina Flitner
Artikel teilen

Es herrscht sommerliche Hitze. Der Himmel über dem Mecklenburger Luftkurort Fürstenberg ist blau und der vor uns liegende See nicht minder. Es ist das erste schöne Wochenende im Jahr, und die Fürstenberger grillen im Garten. Auch die Familie, in deren Haus wir ein Zimmer genommen haben, grillt, Selbstgeräuchertes. Von meinem Balkon aus habe ich Blick auf den Garten, den vorbeiplätschernden Bach – und auf das Lager. So müssen schon die Eltern unserer gastlichen Vermieter rübergeguckt haben: rüber ins Frauen-KZ Ravensbrück, wo über 100.000 Frauen und ein paar tausend Männer verhungert, zu Tode gequält, erschlagen, erschossen, vergast worden sind.

Anzeige

Das ehemalige Lager liegt nur ein paar hundert Meter entfernt, am Ende des Sees. Genau hier, an diesem Haus, müssen sie immer vorbeigegangen sein: die verhungerten, zerlumpten, entmenschlichten Kolonnen, wenn sie frühmorgens vom Hauptlager zur Zwangsarbeit zogen und abends zurück. Für die Firma Siemens zum Beispiel. „Vernichtung durch Arbeit“, lautete die Devise. Und als das nicht schnell genug ging, kamen noch drei Gasöfen dazu.

Wenn sie darüber spricht, ist sie sofort wieder Häftling

Ein paar Tausend haben die Hölle überlebt, ein paar Hundert leben noch, und 180 sind in diesen Apriltagen 1995 gekommen, um den 50. Befreiungstag des Konzentrationslagers Ravensbrück zu begehen, befreit am 30. April 1945 durch die Rote Armee. Die 180 kommen aus allen Teilen der Welt, aus Berlin oder Moskau, Paris oder New York. Die meisten Deutschen und Osteuropäerinnen kehren nicht zum ersten Mal zurück an die Stätte, die bis zur Wiedervereinigung in der DDR lag. Aber die Französinnen und die Frauen aus dem amerikanischen Exil oder aus Israel sehen ihn meist zum ersten Mal wieder, den Ort des Grauens.

Wir, die Fotografin Bettina Flitner und ich, sind am Abend zuvor angereist. Wir wollen bei der für Samstag 11 Uhr von den Ex-Häftlingen angekündigten Pressekonferenz pünktlich sein. Die große Gedenkfeier – zu der auch Ignatz Bubis, Rita Süssmuth und Manfred Stolpe angesagt sind – ist erst für Sonntagvormittag geplant.

Samstagfrüh machen wir uns zu Fuß auf den Weg Richtung Lager. Wir gehen über die Straße, die von den weiblichen Häftlingen mit bloßen Händen gebaut und gepflastert wurde, und auf der SS-Männer auch schon mal eine Gefangene einfach plattfahren ließen von der Straßenwalze, je nach Laune. Links säumen die ehemaligen SS-Unterkünfte den Weg: freundlich aussehende Zweifamilienhäuser, die von den Häftlingen unter primitivsten Bedingungen gebaut wurden. Die Vorgärten sind mit Asche aus dem Krematorium gedüngt.

An diesem Samstagmorgen, an dem „nur“ die „Ravensbrückerinnen“ da sind – so nennen die Ex-Häftlinge sich selbst – ist alles ruhig. Die große Hysterie mit Absperrungen und Kontrollen wird erst morgen ausbrechen, wenn die PolitikerInnen, die Medien und Tausende von Besuchern kommen. Der Raum, in dem die Ravensbrückerinnen heute ihre Pressekonferenz anberaumt haben, ist karg und klein. Rund 200 Leute passen rein und viel mehr sind auch nicht da: vor allem Ex-Häftlinge in Begleitung und ein halbes Dutzend Medien-VertreterInnen (hoch gerechnet).

Die Frauen sind aufgeregt. Auf dem Podium sitzen rechts und links von der Diskussionsleiterin (einer Tochter eines Ex-Häftlings) vier Frauen. Edith Sparmann gesteht beklommen: „Wenn ich darüber spreche, bin ich sofort wieder Häftling. Ich habe das gleiche Gefühl.“ Gertrud Müller, 79, liest ihren Beitrag angespannt von einem handgeschriebenen Zettel ab und berichtet, daß eine ehemalige KZ-Inhaftierte 900 DM Entschädigung erhielt und eine ehemalige Wärterin 64.000 DM. Empörtes Gemurmel im Saal. Käthe Katzenmeier, heute Schwester Theodolinde, ballt zornig die Faust: „Verzeihen und Versöhnen kenne ich in diesem Zusammenhang nicht! Eine gerechte Strafe ist auch was Gutes. Warum ich noch lebe? Um Ihnen das hier zu sagen!“ Ganz rechts außen Elisabeth Jäger, mit 14 die Jüngste im Lager. Sie wirkt am gefaßtesten, schwer vorstellbar, daß sie offen Trauer oder gar Schmerz zeigen würde. Und doch...

Es geht den Frauen auf dem Podium darum, daß nicht vergessen wird, was passieren konnte. Und daß es nie wieder passiert! Und daß das ehemalige Frauen-Konzentrationslager als würdige, eindringliche Gedenkstätte gestaltet und erhalten wird! Und es geht den Frauen im Saal darum, endlich einmal reden zu können.

Trotz der harschen Verwaltung der Veranstaltung wagt Judith Sherman, eine in die USA emigrierte deutsche Jüdin, das Wort zu ergreifen. Sie steht einfach auf und redet. Sagt, daß sie seit 50 Jahren immer daran denkt, Tag für Tag. Sagt, daß sie unter keine Dusche gehen kann, ohne daran zu denken. Sagt, daß sie nichts Gestreiftes mehr anziehen kann. Sagt, daß sie ihren Enkelkindern kein Glas Wasser reichen kann, ohne daran zu denken, wie ihr damals das Wasser in die Waggons gereicht wurde... „Wie soll ich das nur meinen Kindern vermitteln?“, fragt Judith und sieht verzweifelt in die Runde.

Sie kann unter keine Dusche gehen, ohne daran zu denken.

Da erfaßt es auch die beherrschte Elisabeth Jäger (von der mir meine Nachbarin voller Respekt zugeraunt hatte, die Wienerin sei nie mehr nach Österreich zurückgegangen, sondern habe „den sozialistischen Staat in der DDR mit aufgebaut“.) Diesmal spricht Elisabeth Jäger nicht routiniert ins Mikrophon, sondern fast tonlos daran vorbei: „Meine Kinder haben mich nie gefragt“, sagt sie. „Meine Tochter hat immer gesagt: Ich will gar nicht wissen, was du erlebt hast –  es drückt mir das Herz ab.“ Und dann, nach einer viel zu langen Pause, sagt sie noch diesen Satz: „Man kann nicht miteinander reden – man kann nur miteinander weinen.“

Geweint wurde am Sonntag wenig, geredet dafür umso mehr. Unter noch immer strahlend blauem Himmel erklärte Brandenburgs Ministerpräsident Stolpe, gerade dieses Frauen-KZ sei „in erhöhtem Maße unmenschlich“ gewesen (weil Frauen höher stehen als Männer?), aber dennoch habe nichts „das Mütterliche in den Frauen hier töten“ können (weil Frauen besser sind als Männer?). Bundestagspräsidentin Süss­muth setzte ihm höflich ihr Wissen um „das Böse an sich im Menschen“ entgegen, „egal ob männlich oder weiblich“, und nutzte die Gelegenheit, ein öffentliches Nein zu sagen: „Nein zu einem spaltenden Vergessen.“ Und Schwester Theodolinde, die am Tag zuvor noch so überzeugend zornig gewesen war, las ein Lagergebet – und hatte nicht einmal die Gelegenheit zu sagen, daß sie vor 50 Jahren eine von denen gewesen war.

Doch das war am Sonntag. Noch ist Samstag. Auch die so stramm selbstverwaltete Pressekonferenz der Frauen ließ die Frauen kaum zu Wort kommen („Darum geht es jetzt hier nicht“). Bei Diskussionsbeginn schickte sich die Diskussionsleiterin sogar an, Nummern zu verteilen – was nur durch ein Aufstöhnen aus dem Publikum vereitelt wurde: „Nicht schon wieder Nummern!“ Umso größer war das Redebedürfnis der Ravensbrückerinnen nach der Veranstaltung, im Begegnungszelt mit Imbißtheke, Infostand und Suchtafel: Ich suche. Je cherche. I am looking for. Und immer wieder fallen sich zwei in die Arme. Wiedersehen nach 50 Jahren... Dazwischen Töchter und Söhne und „Betreuerinnen“, meist junge Studentinnen, die sich anscheinend auch an der Universität mit dieser Zeit beschäftigen.

Jetzt und hier aber ist „diese Zeit“ Gegenwart. Sie sind nicht tot. Sie leben. 180 Ex-Häftlinge, 180 suchende Augenpaare, 180 Schicksale. Und 180 mal das Bedürfnis, es endlich hinauszuschreien! Die Jüngsten sind um 70, die Ältesten über 80. Und ausnahmslos alle wirken viel, viel jünger. Sie sind lebendig. Intensiv. Mitreißend.

Da ist Irmgard Konrad, 79, einst interniert als Kommunistin und „Halbjüdin“, jetzt angereist mit Sohn und Tochter aus Dresden, Bruder und Schwägerin aus Frankreich. Sie sagt: „Auschwitz und Ravensbrück haben mich nicht soviel gekostet wie das Stern-Tragen zuvor.“ Und: „Ohne meinen Fritz hätte ich das gar nicht durchgehalten.“ Ihren Fritz hat sie danach geheiratet. Er war „Arier“ und hat zu ihr gehalten.

Man kann nicht miteinander reden – nur miteinander weinen

Da ist Käthe Katzenmeier, heute Benediktinerschwester Theodolinde, die als junge Lehrerin von ihrem Direktor denunziert und wegen „defätistischer Äußerungen“ und „Zersetzung weiter Teile der Bevölkerung“ zum Tode verurteilt und nach Ravensbrück verschleppt wurde. „Ich war froh, im KZ zu sein – da gehörte ich hin!“, sagt die resolute Schwester. Die Zwangsarbeiterin im Siemens-Block ist noch heute stolz auf ihren Widerstand: „Wir haben sabotiert, das ist doch klar. Elftes Gebot: Du sollst dich nicht erwischen lassen.“ Doch unter dem forschen Ton ist ein abgründiger Schmerz zu spüren. „Neben mir ist eine Elfjährige vor Erschöpfung mit dem Kopf auf die Stanzplatte gefallen – durchgestanzt. Auch ich habe viele Schläge gekriegt, bin gedemütigt und kaputtgemacht worden. Aber ich habe mir gesagt: Die kriegen mich nicht!“

Da ist Nina Lastewskaja, die Journalistin aus Moskau, die als 15jährige im Haushalt einer SS-Familie zwangsarbeiten mußte. „Eine kultivierte Familie, die spielten sogar Klavier. Aber ich habe immer nur geweint, ich wollte nach Hause. Da haben sie mich abholen lassen...“

Da ist Johanna Krause aus Dresden, einst interniert als Jüdin und heute liebevoll begleitet von zwei studentischen Betreuerinnen. Die extravagant gekleidete Johanna sieht aus wie eine Schwester von Else Lasker-Schüler, doch ihre Augen... Über Ravensbrück mag Johanna kaum reden... Die Mutter wurde in Theresienstadt ermordet.

Da ist Schoschanna Platschek aus Stuttgart, gekommen mit ihrer Mutter aus Ungarn, die als Jüdin in Ravensbrück interniert war. Die Mutter wirkt ruhig, die Tochter ist außer sich. „In Stuttgart schicken sie mir anonyme Seifenstücke zu und legen Zettel bei mit der Aufschrift: Das ist deine Zukunft.“

Da ist Ilse Stephan, weder Jüdin noch im Widerstand. Die Frau aus Löningen, die in jedem Supermarkt nebenan in der Schlange stehen könnte, hat sich 1944 ganz einfach geweigert, in einer Munitionsfabrik zu arbeiten. Ab nach Ravensbrück.

Da ist Jacqueline Pery, die in der Resistance gekämpft hat. Die Pariserin trägt ein elegantes Seidenkleid und dezenten Schmuck, darunter zeichnet sich ein Körper ab, der heute so ausgemergelt ist wie einst. Für Bettina Flitner, die sie nach einem längeren Gespräch auf dem Lagergelände porträtiert, posiert sie würdevoll – und währenddessen strömen ihr plötzlich die Tränen übers Gesicht. Tonlos.

Und da ist Sinaida Shidko, die Rotarmistin. Wir unterhalten uns lange und herzlich, in welcher Sprache auch immer. Sinaida trägt ein offenes, selbstbewußtes Lächeln, weißes Haar, ein schwarzes Kostüm, und die Brust über und über mit Orden bedeckt. Die russische Krankenschwester war ab März 1943 der Häftling Nummer 18593. Sie gehörte zu denen, die wenige Wochen vor der Befreiung auf den berüchtigten Todesmarsch geschickt wurden, den nur wenige überlebten. Sinaida legt den Arm um mich und besteht darauf, daß wir zusammen fotografiert werden. Dann tauschen wir Adressen aus. Es werden überhaupt viele Adressen ausgetauscht in diesen Tagen.

Viele der Frauen kennen sich. Bei der Begrüßung sagen sie sich als erstes ihre Nummer – die auf den Arm tätowierte Erkennungsmarke der Nazis, bei vielen auch heute sichtbar. „Wir Ravensbrückerinnen“ sagen sie, als seien seither nur ein paar Tage vergangen und nicht 50 Jahre. Ravensbrück überschattet alles, was vorher war – und was danach kam.

Nach intensiven Stunden im Begegnungszelt schwirrt uns der Kopf. Wir gehen raus, Richtung Lager. Denn alle Orte, an denen wir uns bisher aufgehalten hatten, lagen noch vor der Mauer. Das eigentliche Lager steht nicht mehr. Das Tor ist weg, die Baracken sind eingerissen. Aber der Todesgang, in dem die Menschen erschossen wurden, ist noch da. Auch der Appellplatz. Und die staubige Erde, auf die so viele Tränen und so viel Blut geflossen sind.

Es wird immer heißer. Unter ein paar schiefen Bäumen am Rand des alten Appellplatzes sitzt eine Gruppe von Polinnen, erkennbar an den polnischen Farben ihrer Halstücher. Sie hocken auf Klappstühlen und schwatzen. Als wir dazutreten, stocken sie – aber dann beginnen sie zu erzählen: Wir sind nicht zum ersten mal da. Am Anfang haben wir nur geweint, aber jetzt... Am schlimmsten waren die Winter, nichts zu essen und nur Frost. „Ich“, sagt Sofia Jagielska, „ich habe erst gepflastert und dann pelzgefütterte Uniformen für die SS genäht. Selbst bin ich fast erfroren.“ Die Frau neben Sofia sagt lange nichts. Sie läßt den Blick über das Gelände schweifen. Und dann spricht sie wie in Trance: „Ihr seid keine Menschen... Ihr seid Mistviecher...“ In Polen treffen sich die Frauen regelmäßig im „Club Ravensbrück“.

Wir gehen weiter und treffen zwei Frauen aus Israel. Die eine schweigt. Die andere redet ohne Unterlaß: „Ich sehe das alles vor meinen Augen... Da war unsere Baracke. Und hier der Appellplatz. Und da...“ Wir hören zu. Irgendwann öffnet auch die eine zögernd die Lippen: „Sie redet und redet“, sagt sie, mehr vor sich hin als zu uns. „Aber ich will nicht reden. Sonst kommen wieder die Träume, die ganze Nacht.“

Das Gelände ist leer. Nur vereinzelt gehen Frauen durch den Staub, meist Arm in Arm. Zwei Ravensbrückerinnen. Mutter und Tochter. Ein Ex-Häftling mit Betreuerin. Oder auch eine Frau allein, unerträglich allein.

Das Tor ist weg. Aber der Todesgang ist noch da.

Am nächsten Tag drängen sich Tausende auf dem Gelände (darunter wohl Gabriele Goettle, von der noch die Rede sein wird). Eine Tribüne ist aufgebaut, Hunderte Stühle sind aufgestellt, Fotoapparate klicken, Kameras surren. Ich sitze neben der Moskauer Journalistin von gestern, hinter mir eine Gruppe Französinnen. Auf der Tribüne wird Deutsch gesprochen. Meine gewisperten Übersetzungen werden durch ein harsches „Ruhe!“ gemaßregelt.

Auch 50 Jahre danach herrschen im Lager und um das Lager herum deutsche Ruhe und deutsche Ordnung. Alles ist abgesperrt. Polizisten mit Wachhunden. Kreisende Hubschrauber. Eine Frauen-Soli-Gruppe, angereist aus Wuppertal, wird gar nicht erst reingelassen.

Beim Verlassen des Lagergeländes spricht mich ein älterer Mann an. Er stellt sich vor: Werner Köpke aus Fürstenberg. Fürstenberg? Ich zucke zusammen. Aber nein – auch er war im Lager. Zunächst als Lehrling, der mit Zwangsarbeitern arbeiten mußte. Dann als Häftling. Grund: der damals 17jährige hatte Mitleid gehabt. Er hatte den Zwangsarbeitern schon mal was zu Essen zugesteckt oder einen Brief rausgeschmuggelt. Seither ist Werner Köpke zu 80 % Invalide und hat ein Loch in der Lunge. Über die Zeit im Lager will er nicht sprechen. „Das Schlimmste waren die Verhöre...“ Und die anderen Fürstenberger? „Naja...“, sagt Werner Köpke. Doch immerhin: Inzwischen gibt es einen „Fürstenberger Förderverein“, der sich für die noch Lebenden und den Erhalt der Gedenkstätte einsetzt.

Die Lokalpresse hatte bereits im Vorfeld der Gedenktage breit berichtet, der „Oranienburger Generalanzeiger“ sogar eine Sonderausgabe gemacht. Da sind die überregionalen Medien zurückhaltender. Den Abend-TV-Nachrichten ist die Gedenkfeier in dem einzigen Frauen-KZ gerade mal einen Halbsatz wert. Immerhin die taz bringt zwei volle Seiten, aber was für Seiten... Titel: „Begangenheitsverwältigung“ – und ähnlich schnieke ist auch der Text. taz-Reporterin Gabriele Goettle hatte offensichtlich am Sonntag ein paar selektive Blicke aufs Geschehen geworfen. Gesehen hatte sie dabei vor allem spießig Deutschtümelndes sowie ein paar „wohlsituiert erscheinende Französinnen“ neben „bitterarm, gebrechlich wirkenden Ukrainerinnen“ (Die SS machte diese Klassenunterschiede nicht: für sie waren alle Untermenschen). Gesprochen hatte die Berichterstatterin nicht mit einer einzigen der 180 Ex-Häftlinge – dafür aber mit interessanten Männern in Begleitung von Romani Rose (dem Vorsitzenden des Zentralrates der Sinti und Roma). Über Spalten notierte Gabriele Goettle eifrig, was die Herren im Frauen-KZ zu sagen hatten, zum Beispiel dies: „Wir als Minderheit, wir haben keine mächtigen Männer, so wie die Juden, keinen Reichtum. Und einen Staat haben wir auch nicht, der für uns verhandelt.“

„Mächtige Männer“, „Reichtum“ und „einen Staat“ haben auch nicht alle Juden, auch wenn das antisemitische Klischee es gerne so darstellt. Und Frauen haben all das schon gar nicht. Dafür haben sie einen zusätzlichen Makel: ihr Frausein. Frauen sind eben nicht ernst zu nehmen, schon gar nicht als Opfer, noch nicht einmal als KZ-Opfer. Wenn überhaupt, sind Frauen höchstens als Täterinnen erwähnenswert, bzw. als „Mittäterinnen“, wie es im Szene-Diskurs so schön heißt. Und in der Tat fällt in den zwölf taz-Spalten über das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück ganz am Schluß nur ein einziger Frauenname: der der Ravensbrücker KZ-Aufseherin Margot Kunz, die 1947 zu 25 Jahren Haft verurteilt und 1956 begnadigt worden war.

Es ist einfach zuviel. Zuviel für uns beide.

Nach der so wortgewandten Gedächtnis-Veranstaltung gehen die Ravensbrückerinnen an den See, meist wortlos. Es ist zur Tradition geworden, daß sie Blumen für die Toten ins Wasser werfen. Ganz vorne, auf einer kleinen Landzunge, singt eine Gruppe israelischer Frauen und Männer hebräische Siegeslieder, angefeuert von einem die israelische Fahne schwenkenden jungen Mann (wenig später sehe ich denselben jungen Mann allein am See und mit abgewandtem Gesicht still weinen). Am Ufer sitzt mit derselben würdigen Schönheit wie gestern Sinaida Shidko und schaut ins Wasser. Und Irmgard Konrad gestikuliert am Denkmal mit Tochter und Sohn. Am Fuße des Mahnmals türmen sich Kränze aus aller Welt. Einer sticht mit seinen zarten weiß-lila Blüten besonders hervor: Er ist „Den lesbischen Opfern des Nationalsozialismus“ gewidmet, niedergelegt von einem aus Berlin angereisten „Bündnis lesbischer Frauen“. Homosexuelle Frauen waren in Ravensbrück nicht als solche interniert, sondern als „Kriminelle“, wegen angeblicher „Nötigung zur Unzucht“ oder „Prostitution“. Sie waren als „Asoziale“ besonders geächtet – gleichzeitig aber „verbreitete sich die lesbische Liebe wie eine Epidemie“, wie es in einer der Erinnerungen heißt. An diesem Tag aber löst die Hommage an die lesbischen Frauen kein Befremden, sondern nur zustimmendes Kopfnicken aus, vor allem bei den Ex-Häftlingen.

In dem Moment kommt aufgeregt Fotografin Flitner auf mich zugelaufen. Sie hat sich mit einem deutschen Kollegen gestritten, der sie bei seinem Kampf um die beste „Schußposition“ von hinten gestoßen und gerempelt hat. Ganz plötzlich fängt auch sie an zu weinen. Es ist einfach zuviel. Zuviel für uns beide.

Langsam gehen wir Richtung Ausgang. Von weitem winkt uns Sinaida zu. Und Irmgard ruft: „Meldet euch wieder. Und – vergeßt uns nicht!“ Wie sollten wir.

Artikel teilen
 
Zur Startseite