Alice Schwarzer schreibt

Meine 30 Jahre mit Merkel

Merkel und Schwarzer debattieren, auf Einladung der weiblichen CDU/CSU-Abgeordneten. Foto: Thomas Imo/Getty Images
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Begegnet sind wir uns zum ersten Mal im Jahr 1991. Seither haben wir Kontakt gehalten. Kein deutscher Kanzler hatte so viele existenzielle Krisen zu bewältigen wie sie. Die Frau, über die ihr Vorgänger in der Wahlnacht gegrölt hatte:

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„Die kann das nicht!“ Sie hat fast immer alles richtig gemacht. Und galt über Jahre als „die mächtigste Frau der Welt“. Aus meiner Sicht hat sie nur in zwei Punkten versagt: Durch ihren permanenten Affront gegen Russland und in Bezug auf die Offensive des politischen Islam. Den setzt sie bis heute stupende gleich mit dem Islam als Glauben („Religionsfreiheit“). Bis zuletzt hat sie nicht verstehen wollen, dass die größte Gefahr nicht der islamische Terrorismus, sondern der legalistische Islamismus ist, propagiert allen voran von gewissen Islamverbänden. Doch dann kam Corona. Da hatte die gelernte Physikerin eigentlich immer recht, doch waren ihr so manches Mal die Hände gebunden in diesem föderalen Staat, in dem die Länderchefs mitreden. Nun geht sie also wirklich. Nach 16 Jahren. Schon lange kursiert der Witz: Fragt ein kleiner Junge seine Mutter: „Mama, können eigentlich auch Männer Kanzlerin werden?“ Ein fast nostalgischer Blick zurück.

13. März 2000. Ich bin für acht Uhr mit Angela Merkel im Café Einstein Unter den Linden zum Frühstück verabredet. Wir setzen uns an den ersten Tisch hinten, der, auf den man zuläuft, um in den zweiten, abgeschirmten Teil zu gelangen, der gerne von PolitikerInnen und „Prominenten“ frequentiert wird. Ich sitze mit dem Gesicht zum Gang, Merkel mit dem Rücken.

1991: Angela Merkel wird Ministerin auf doppeltem Quoten-Ticket: Ossi und weiblich

Der Kaffee ist kaum serviert, da geht es los. Der Erste, der auf uns zukommt, ist Günther Oettinger. Kurz darauf folgen Christian Wulff und Volker Bouffier, zuletzt taucht Peter Müller auf. Einer nach dem anderen nickt uns mit geweitetem Blick zu, murmelt „Guten Morgen“, biegt nach rechts ab und setzt sich drei Tische weiter. Der ganze Andenpakt! Ich sage: „Tut mir leid, Frau Merkel. Ihr Ruf ist jetzt ruiniert.“ Sie antwortet: „Das ist er schon lange. Da können Sie nichts dafür.“

Zwei Jahre später wird dieser „Andenpakt“, ein in der CDU nach Macht strebender (damals noch) Jungmännerbund, es schaffen zu verhindern, dass Merkel 2002 Kanzlerkandidatin wird. Stattdessen wird es Edmund Stoiber sein, der Gerhard Schröder um 6.027 Stimmen bei der Bundestagswahl unterliegt. Die SPD bleibt an der Macht.

Zu dem Zeitpunkt hatte die Frau aus dem Osten, die einst auf einer (informellen) Doppelquote ins Kabinett gekommen war – Ossi und Frau –, es als Einzige gewagt, den durch die Spenden-Affäre belasteten Kanzler Kohl öffentlich zu kritisieren (in der FAZ). Das war gerade mal zwölf Wochen her. In vier Wochen würde sie zur Parteivorsitzenden gewählt werden. Doch noch hatte sie ihre Bereitschaft, für den Posten zu kandidieren, nicht öffentlich gemacht. Wird sie – oder wird sie nicht? Das ist in Berlin die Frage der Stunde. Bei unserem Frühstück sagt sie zu mir: Ich werde. Ein überraschendes Zeichen des Vertrauens.

Angela Merkel und Alice Schwarzer 2000. Foto: Nicole Maskus/imago images
Angela Merkel und Alice Schwarzer 2000. Foto: Nicole Maskus/imago images

6. September 1991. Wir treffen uns zum Mittagessen bei Tullio, einem Italiener am Rhein in Köln. Angela Merkel kommt aus Bonn, ich komme aus der zwei Kilometer entfernten EMMA-Redaktion. Selbstverständlich hatte ich ihr angeboten, nach Bonn zu fahren – doch sie schlug Köln vor („Ich habe ja einen Dienstwagen“). Zu der Zeit ist „Kohls Mädchen“ seit neun Monaten Frauenministerin. Und gerade macht sie sich kräftig unbeliebt. Die Häme in den Medien will gar nicht aufhören. Das hat mich aufhorchen lassen, denn für diesen gewissen Ton bin ich seit Langem sensibilisiert.

Für EMMA hatte eine Kollegin die öffentlich heftig vorgeführte Ministerin bereits interviewt. Der Auslöser war für uns ein Satz in Bild am Sonntag gewesen. „Würden Sie diese Frau einstellen?“, fragte das Boulevardblatt und stellte seitengroß ein Foto daneben. Es war gehässig gemeint, aber eigentlich sah Merkel da nett aus: Ein etwas sprödes Mädchen, mit Perlenkette und wadenlangem, roten Reformkleid.

Stein des Anstoßes war für die Medien das von der Ministerin geplante „Gleichstellungsgesetz“. Darin ging es um – die „sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“. Ja, doch, im Jahr 1991! Es sollte bis zu MeToo noch 26 Jahre dauern, aber das Problem war damals schon Gegenstand eines Gesetzesentwurfes (aus dem sehr lange nichts wurde).

Die Emanzipation ist eben eine Schnecke. Inzwischen hatte sich Angela Merkel, die lange unverheiratete Physikerin aus der DDR, die sich beim „Demokratischen Aufbruch“ engagiert hatte und erst 1990 in die CDU eingetreten war, den West-Feminismus draufgeschaufelt. Sie hatte an der UN-Frauenkonferenz in New York teilgenommen und schnell gelernt. Mit dem „Gleichstellungsgesetz“ wollte sie u. a. „Frauen im öffentlichen Dienst vor sexueller Belästigung schützen“ und „den Frauenbeauftragten den Rücken stärken“. Im EMMA-Interview erklärte sie: „Das Wichtigste ist doch, dass Frauen mit dem Problem ernst genommen werden. Wir denken durchaus auch an Sanktionen, Versetzung, Abmahnung, bis hin zur Kündigung. Und dann gibt es ja auch noch das Strafrecht.“

Na, da ging es aber rund! In den Medien wie in der Politik. Der Ton gegen die ursprünglich als „naiv“ geltende Frau aus dem Osten verschärfte sich schlagartig. „Das ist schon wieder eine Ehre“, hatte Merkel im EMMA-Interview 1992 erklärt. „Wenn Sonntagsreden gefragt sind, sind wir Frauen recht. Aber wenn es um unsere Rechte geht, schlägt die Stimmung um.“

Und sodann schwärmte Merkel mir von einem neuen Buch vor, das sie gerade auf Englisch gelesen hatte: Susan Faludis „Backlash. Der Krieg ohne Kriegserklärung gegen amerikanische Frauen“ (es erschien wenige Monate später auf Deutsch). Ich hatte schon davon gehört und schlug der Ministerin vor, das Buch für EMMA zu besprechen. Zur Erinnerung: Zu dem Zeitpunkt war in Deutschland die Vergewaltigung in der Ehe noch das Recht des Ehemannes. Erst über sechs Jahre später wurde sie strafbar – und das auch nur, weil Politikerinnen aller Parteien sich zusammengeschlossen hatten.

1993: Angela Merkel auf dem Marsch durch die Institutionen - hinauf zur Macht

An diesem Tag 1991 haben wir rund zwei Stunden bei Tullio gesessen. Als ich in die Redaktion zurückfuhr (sie hat mich mit ihrem Dienstwagen absetzen lassen), hatte ich zwar nicht unbedingt das zwingende Gefühl, gerade mit der zukünftigen Kanzlerin gegessen zu haben. Aber ich hatte schon den Eindruck, dass diese Angela Merkel eine besonders intelligente, humorvolle und integre Person und Politikerin sei. Ich war gespannt, wie es wohl weitergehen würde mit ihr.

Mai 1993. In EMMA erscheint die Rezension des feministischen Klassikers: Merkel, 38, schreibt über Faludi, 33. „Die Töchter schlagen zurück!“, titeln wir. Merkel beginnt mit den Worten: „Susan Faludi beschreibt die 80er Jahre als eine Dekade der Stagnation in der Frauenpolitik und Reaktion der Männer auf den Feminismus. Sieht es in Deutschland anders aus?“ Merkel kommt zu dem Schluss: „Ich sehe das in Deutschland genauso.“ Auch hierzulande hätten Frauen – „bis auf ein paar Alibifrauen“ – keine gleichberechtigte Teilnahme an der Macht, wären Männer die Meinungsmacher und Trendsetter, die die Rollenbilder vorgeben.

Die Rezensentin warnt vor den Gefahren, auf die gerade die ahnungslosen Ostfrauen im wiedervereinigten Deutschland stoßen würden. Und sie durchschaut die Funktion des „schlechten Gewissens“, das man den Frauen macht, und die der „Trendstorys“ der Medien, die die guten alten Verhältnisse beschwören und die Frauen vor den Folgen der Emanzipation warnen (nicht begehrt, keinen Mann, keine Kinder etc.). Merkel kommt zu dem Schluss: „Wir Frauen müssen weitergehen auf dem Marsch durch die Institutionen und teilhaben an der öffentlichen Macht.“

Die junge Politikerin wird diese Erkenntnis selbst beherzigen und in den darauffolgenden Jahrzehnten einen unglaublichen Durchmarsch bis an die Spitze hinlegen. „Kohls Mädchen“ wird die „mächtigste Frau der Welt“ (Times) werden. Doch auf diesem Weg werden Angela Merkel irgendwann die Frauen verloren gehen.

In der Zwischenzeit halten wir Kontakt. Ich lade sie am 12. Februar 1993 in meine Talkshow im hessischen Fernsehen ein, „Zeil um Zehn“. Sie wird Umweltministerin. Sie wird Parteisekretärin. Wir begegnen uns zufällig im Flugzeug. Wir gehen mal wieder zusammen essen. In Jahresabständen.

20. April 2000. Angela Merkel wird mit 96 Prozent und großem Jubel zur CDU-Parteivorsitzenden gewählt. Die Frauen sind begeistert. Forsa meldet: 18 Prozent der traditionellen SPD-Wählerinnen würden bei einer Kanzlerwahl ihre Stimme jetzt der CDU-Kandidatin geben – und 100 Prozent der CDU-Wählerinnen sowieso. Es hatte sich nämlich eine gewisse Schröder-Ermattung breitgemacht. Die würde sich in den kommenden Jahren noch mächtig steigern. Die Zeit schien reif für eine Frau.

Die erste Frau auf dem Posten einer Parteivorsitzenden war ein echter Durchbruch. Doch was war der Preis? Auf ihrer 26-Seiten-Antrittsrede als Parteivorsitzende streift Merkel nur in drei Zeilen den Beginn des „Durchbruchs“ auf Heiner Geißlers „Frauenparteitag 1985“ (da lebte sie noch in der DDR). Und sie definiert ihre Sicht auf die Frauen in den dürftigen Worten: „Es stellt sich die Frage, ob die Gleichberechtigung der Frau wirklich nur über die Erwerbstätigkeit erreicht werden kann.“

Das sagt die Physikerin aus der DDR zehn Jahre, nachdem so viele Ostfrauen bei der Wiedervereinigung ihre oft qualifizierten Jobs verloren hatten! Und sie versäumt es auch nicht, den „Schutz des Lebens“ zu betonen, der „mit dem Embryo beginnt“.

2004: Nichts wird unversucht gelassen, sie als Kandidatin zu verhindern

Nie aufgeklärte Genossin gewesen? Nie verhöhnte Frauenministerin? Nie über das Buch der Feministin Faludi gejubelt? Oh doch. Denn genau darum redet die aufsteigende Merkel den konservativen Männern jetzt nach dem Mund. Sie weiß nur zu genau, wie gefährlich es ist, das nicht zu tun. Sie hat ihre Lektion gelernt.
Nehme ich ihr das übel? Nun ja. Ich bin enttäuscht und schreibe das auch in einem Editorial von Mai 2000. Doch gleichzeitig verstehe ich ihr Problem. Es ist schon Provokation genug, dass „Kohls Mädchen“ nun Kohls Erbin geworden ist. Nicht nur Friedrich Merz knirscht mit den Zähnen. Also will Merkel jetzt, auf halbem Wege, nicht auch noch die Frau raushängen lassen – so wenig wie den Ossi.

Denn auch den hat Merkel auf ihrem Weg nach oben liegen lassen (und die Ossis nehmen ihr das bis heute übel). Ich verstehe dennoch – und bin gespannt, wie es weitergehen wird mit Angela Merkel. Wir bleiben in Kontakt.

September 2004. Ich komme aus dem Urlaub zurück und Margitta Hösel, meine „rechte Hand“, empfängt mich mit gesträubten Haaren: „Alice, Gott sei Dank, dass du wieder da bist. Hier ist die Hölle los. Das Telefon steht nicht still!“ Warum? „Wegen deines Kommentars in der aktuellen EMMA!“ Wegen meines Kommentars? Ich kann kaum folgen. In der aktuellen EMMA hatte ich nämlich nur apropos des Coming-outs von Guido Westerwelle über die schwelende Homophobie in unserer Gesellschaft räsoniert und darauf hingewiesen, wie unzeitgemäß es sei, einen Menschen nach seinen sexuellen Präferenzen zu definieren. Eine solche Sichtweise sei nicht nur deterministisch, sondern auch biologistisch.

In diesem Zusammenhang wies ich auf die aufgeklärten Sexualwissenschaften und verwandte Disziplinen hin, die seit Langem belegen, dass sexuelle Prägungen vorrangig das Resultat kultureller Prägungen sind. Hinzu kam: Neuere Studien hatten ergeben, dass Männer eher in jüngeren Jahren, Frauen eher in älteren Jahren zur Homosexualität neigen. Deshalb lautete der letzte, ironische Absatz meines Textes:

„Im Gegensatz dazu (zu der Lehrmeinung der katholischen Kirche) unterscheidet die moderne (Sexual-)Wissenschaft zwischen ‚sex‘ (dem biologischen Geschlecht) und ‚gender‘ (der Geschlechterrolle), und spricht von ‚fluktuierenden‘ sexuellen Präferenzen. Fluktuierend auch nach Lebensalter. So beweisen Studien, dass Männer stärker in der Jugend zu homosexuellen Kontakten neigen – und Frauen stärker im Alter (dreimal dürfen wir raten, warum). Will sagen: Ende offen für Guido Westerwelle (41) und Angela Merkel (50).“

Ein unernster Scherz am Ende eines durchaus ernsten Textes. Doch was nur hatte ich damit ausgelöst? Die Hoffnung, Merkel sei lesbisch – was das Ende ihrer Kanzlerkandidatur bedeutet hätte. Und den Glauben, ich wisse mehr.

Eines der vielen Medien, die mich in diesen Tagen bedrängten, war der Spiegel. Der erste Anruf kam von einer Spiegel-Kollegin. „Hallo Frau Schwarzer, wir sind uns schon mal im Kreis des von Ihnen und Sabine Christiansen veranstalteten Journalistinnentreffs begegnet. „Ja, hm. Ich erinnere mich nicht, aber … „Also, was ich Sie fragen wollte: Sie haben da doch über Frau Merkel geschrieben …“

Der zweite Anruf kam von einem Spiegel-Kollegen: „Guten Tag, Frau Schwarzer. Wir haben doch noch jüngst nach der Sendung bei Illner ein Glas zusammen getrunken." „Ja, hm. Ich erinnere mich, aber..." „Also, was ich Sie fragen wollte …“ Dritter Anruf: mein alter Weggefährte Stefan Aust. „Hallo Alice. Wie geht es dir?“ Danke. Und dir? „Ich fasse mich kurz. Du hast da doch über die Merkel …“ Jetzt war das Maß voll! „Aber Stefan, hast du den Text denn nicht gelesen?“ – „Ja, doch, doch, klar. Aber sag mal …“

Nun erkläre ich ihm, das alles sei völlig absurd. Das sei doch nur ein kleiner ironischer Schlenker gewesen. Merkel wäre vermutlich so lesbisch wie seine Frau. Ich jedenfalls hätte noch nie etwas in der Richtung gehört. Jetzt holt Stefan ganz tief Luft – er ist ein Journalist, der nicht leicht lockerlässt! – und sagt: „Hör mal, Alice, mir kannst du es doch sagen.“

Nachdem ich aufgelegt hatte, habe ich Merkel angerufen und ihr gesagt, wie sehr ich es bedauere, dass meine flapsige Bemerkung solche Reaktionen ausgelöst und ich es nicht so gemeint hätte. „Nein, ist doch klar“, antwortete sie. „Sie können nichts dafür. Das sind die Anderen.“

Klar war uns beiden spätestens jetzt eines: „Die Anderen“ würden alles versuchen.

Einfach alles! Diese „Übergangs-Vorsitzende“ durfte auf gar keinen Fall nun auch noch Kanzlerkandidatin werden! Leichen im Keller? Korruption? Steuer? Liebhaber? Nichts zu holen bei der braven Frau Merkel. Aber lesbisch? Das wär’s doch! Denn: Das wär’s gewesen.

6. Februar 2005. Schröder kündigt Neuwahlen an. Er reagiert damit auf die Niederlage der SPD bei den NRW-Wahlen und die Kritik der GenossInnen auf seine Agenda 2010. Schröder scheint davon auszugehen, dass er nichts zu verlieren hat gegen eine Kandidatin Merkel – denn die ist nun, so kurzfristig, auch von ihren eigenen Leuten nicht mehr zu verhindern. Die hatten geglaubt, sie hätten noch Zeit bis Herbst 2006, um die ungeliebte Fremde vom Platz zu putzen. Jetzt aber ist klar: Es wird noch mal ganz schön hart werden für Merkel in den sechs Monaten bis zur Wahl. Dass es in Wahrheit erst nach der Wahl so richtig losgehen würde, das konnte man da noch nicht ahnen.

22. November 2005. Ein historischer Tag für alle Frauen. 87 Jahre nach der Erringung des Frauenwahlrechts – erkämpft von Frauenrechtlerinnen! – wird zum ersten Mal in Deutschland eine Frau Regierungschef. Da steht sie und hebt die rechte Hand zum Schwur: „So wahr mir Gott helfe.“ Es ist vollbracht. Wir haben eine Bundeskanzlerin! Ich sitze oben auf dem Rang im Bundestag, eingeladen vom ZDF als Kommentatorin. Schräg vor mir Merkels Eltern und Geschwister. Ich gestehe: Mir werden in dem Moment die Augen feucht.

Und ihre Familie? Die scheint ungerührt. Anschließend soll es Kartoffelsalat und Bier gegeben haben. Ich hätte die Champagnerkorken knallen lassen. Aber ich bin ja auch Rheinländerin.

2005: Sie wurde gewählt - aber soll sie nun wirklich Kanzler werden?

Danach werde ich draußen in die Kamera des ZDF sagen: „Endlich können auch die kleinen Mädchen in Deutschland träumen! Werde ich nun Friseurin – oder doch Kanzlerin …?“ Denn das ist ja klar: Diese Kanzlerin schreibt Geschichte, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit und ihrer Politik, ganz einfach qua Geschlecht. Weil sie die Erste ist! Doch genau das hatten vor der Wahl weder Angela Merkel selber noch ihre GegnerInnen begriffen.

Bis zur Wahl schien Merkel die Ungeheuerlichkeit ihres Unterfangens einfach selber nicht klar gewesen zu sein, genau gesagt: bis zur Wahlnacht. Diese Frau aus dem Osten, aufgewachsen in einem linken, regimekritischen Pfarrershaushalt und reüssiert als Physikerin, hatte offensichtlich allen Ernstes geglaubt, es käme nur auf ihre Leistung an, unabhängig vom Geschlecht. Dabei ist es keineswegs ein Zufall, dass die erste Kanzlerin aus dem Osten kommt. Einer Politikerin aus dem Westen, leidgeprüft im Geschlechterkampf, wären schon lange vorher die Knie weich geworden. Merkel hingegen war relativ unbefangen, den Schrecken vom Anfang der 1990er Jahre hatte sie anscheinend vergessen. Sie wagte den Ritt über den Bodensee – und erreichte das andere Ufer.

Foto: P.S.I.BONN/Ullstein
Foto: P.S.I.BONN/Ullstein

Ihre GegnerInnen in der Opposition wie auch innerhalb der eigenen Partei waren sich bis zuletzt sicher gewesen, dass sie es nicht schaffen würde. In vielen Medien war es vor der Wahl vor allem um Merkels Frisur („Topfschnitt“) und um ihren Kleidungsstil („Trampel aus dem Osten“) gegangen. Doch in der Tat hatte Merkel selber in ihrem Wahlkampf zwei große Fehler gemacht. Erstens führte sie einen überraschend bürokratischen Wahlkampf mit einer kalten neoliberalen Wirtschaftspolitik, was sogar die Geißlers und Blüms in ihrer eigenen Partei entsetzte. Und zweitens mied sie das Wort „Frauen“ wie der Teufel das Weihwasser.

Es kam zum Schwur. Und Merkel siegte. Sie hatte 436.384 Stimmen mehr als Schröder. Das reichte zwar satt (Schröder hatte bei der Wahl 2002 ganze 6.027 Stimmen mehr als Stoiber gehabt), aber es war doch weniger als erwartet. Den bei Umfragen vorausgesagten „Geschlechterbonus“ von plus zehn Prozent für eine Kandidatin hatte Merkel mit ihrem offensiv frauenfreien Wahlkampf verschenkt (drei Jahre zuvor waren es sogar noch plus 20 Prozent gewesen). In Relation zu der Stoiber-Wahl verlor sie sogar ein Prozent der Wählerinnen (Gedöns-Schröder verlor allerdings sechs Prozent).

Worüber sich so manche zur Linken gehörende bzw. tendierende Frau offen freute. So erklärte eine Genderforscherin (Jahrgang 1957) im Spiegel die Tatsache, dass ich den Faktor „Geschlecht“ im Wahlkampf thematisiert hatte, schlicht zu „einer Position der 70er Jahre“ (ja, so lange geht das schon mit der Alt-Feministin). Aber dann kam die Wahlnacht. Und die machte alles wieder klar.

18. September 2005. Die „Elefantenrunde“ am Wahlabend. Ich sehe mich noch auf dem Sofa sitzen, in Gesellschaft von drei Freundinnen mit unterschiedlichen Parteipräferenzen. Gefühlt habe ich über die ganzen 45 Minuten der Sendung nicht ein Mal Luft geholt, und wir haben auch kein Wort gewechselt. Wir haben nur gebannt auf den Bildschirm gestarrt. So etwas hatten wir noch nie gesehen – das hatte noch niemand je gesehen. Die Siegerin saß geknickt und bedrückt auf ihrem Stuhl, der Verlierer platzte vor Testosteron und grölte: „Niemand außer mir ist in der Lage, eine stabile Regierung zu stellen."

"Niemand außer mir!“ Alle zogen den Schwanz ein. Nur Westerwelle schüttelte ab und an in stummem Entsetzen den Kopf.

Ich erwartete am Tag nach der Elefantenrunde peinlich berührte Kommentare allerseits und die Frage: Was hatte Schröder genommen? Alkohol? Drogen? Aber nein. Niemand erklärte den Abend zum Totalausfall eines einzelnen Mannes, sondern fast alle diskutierten wochenlang ernsthaft dessen halluzinanten Optionen. Die lauteten: 1. Ich, Schröder, komme mit meiner Dreistigkeit irgendwie durch, weil in einer Mediendemokratie Inszenierungen stärker sind als die Realität. 2. Ich, Schröder, werde mich schon noch einigen mit den echten Männern in der FDP (zu denen ich Westerwelle nicht zähle). 3. Ich, Schröder, regiere erst mal zwei Jahre weiter – und dann kann ja die da (die dann aber sicherlich längst von der Bildfläche verschwunden ist) …

2010: Sie wird jetzt "die Mächtigste Frau der Welt" - aber sie bleibt eine Fremde

Unwidersprochen kursierte auch folgender Vorschlag in den Medien: Die „beiden Kandidaten“ (zur Erinnerung, wir reden vom Wahlverlierer und der Wahlgewinnerin) sollten es doch „untereinander austragen“. Und Bild steuerte flugs folgende nette Idee bei: „Beide ziehen sich zurück. Mit der Lösung könnte Schröder gesichtswahrend abtreten. Motto: Wenigstens habe ich Angela Merkel verhindert.“ Hauptsache, die Männerehre wird gewahrt. Nur wenige Jahre später werden wir über das Verständnis von „Männerehre“ in der muslimischen Kultur klagen.

In den Tagen danach hielt es mich nicht mehr. Ich schrieb einen Kommentar für die FAS, Titel: „Ein Mann sieht rot!“ Darin verglich ich den Auftritt des Cohiba-Kanzlers mit dem eines Familientyrannen. „Es gibt da nur einen kleinen Unterschied“, schrieb ich: „Beim privaten Familiendrama (auf Türkisch: Ehrenmord) bringt er sie um, weil sie geht. Bei diesem politischen Familiendrama will er sie umbringen, weil sie kommt.“ Und weiter: „Also bedrängt der Tyrann den Sieger und grölt: Gebt sie raus!“ Der machtbesoffene Ex-Kanzler hatte es einfach nicht fassen können, dass er nach sieben Jahren Männerbündelei den Stab an „die da“ übergeben sollte.

In der EMMA-Redaktion kam ich in diesen drei Wochen nicht zum Arbeiten. Die internationalen Medien gaben sich die Klinke von einer Hand zur nächsten: Le Monde, The Guardian, Repubblica, Times … alle, alle wollten von „der Feministin“ wissen, was denn da los sei in Deutschland. Angela Merkel sei doch demokratisch gewählt worden. Wieso sie dann jetzt nicht Kanzlerin werden sollte?!

Genau das fragte ich mich auch. Dass so ein Spektakel überhaupt möglich war, konnte ich kaum fassen. Zum ersten Mal in meinem Leben zweifelte ich ernsthaft daran, dass Deutschland eine Demokratie sei. Ich rief Freundinnen an, auch in der SPD, darunter Ministerinnen, und sagte: „Das könnt ihr doch nicht durchgehen lassen. Ihr müsst das stoppen!“ Doch die Parteiräson wog schwerer als die Vernunft.

Verschärfend kam wohl hinzu, dass die von dem rot-grünen Gespann Schröder/Fischer sieben Jahre lang hart gedemütigten Spitzenpolitikerinnen gar nicht mehr gewohnt waren, zu widersprechen. Der starke Mann machte über seinen Sturz hinaus das Gesetz. Und linksfeministische Intellektuelle applaudierten dazu. Dass die bisher so unbefangen scheinende Merkel nun endlich schwächelte, machte das Ganze nicht besser. Auch aus Feministinnenmund kursierte nun das Verdikt: „Die kann das nicht.“

In diesen Wochen habe ich zwei, dreimal mit Angela Merkel telefoniert. Sie war verzweifelt. Und ratlos. Auch sie schien alles für möglich zu halten, selbst die absurde Variante einer Teilung des Mandats in „zwei Jahre Schröder und zwei Jahre Merkel“. Als ich herzhaft darüber lachte, sagte sie: „Doch, doch, Frau Schwarzer, die meinen das ganz ernst.“

Eine Woche bevor die Entscheidung, dass die Gewählte auch Kanzlerin werden darf, endlich fiel, veröffentlichte ich einen empörten Kommentar im Spiegel. Ich kritisierte die „Verachtung der Demokratie“ und schloss mit den Worten: „Doch es ist Zeit, dass auch wir Deutschen ankommen im 21. Jahrhundert und begreifen: Einer demokratisch gewählten Kanzlerin steht dieselbe Fairness und derselbe Respekt zu wie einem Kanzler. Über Inhalte kann dann immer noch gestritten werden. Aber jenseits von Geschlecht und Männlichkeitswahn.“ – Mir scheint, die SPD hat mir diese Kritik bis heute nicht verziehen. Was auch bedeutet: Sie hat ihr beschämendes Verhalten vom Herbst 2005 bis heute nicht aufgearbeitet.

Merkel prägt einen neuen Stil: Kameradschaftlich und Mädchenhaft

Der Stern nannte mich damals „die Kanzlermacherin“. Zu viel der Ehre. Aber der Schulterschluss zwischen der Feministin und der ersten zum Kanzler gewählten Frau in Deutschland hat Merkel sicherlich nicht geschadet. Auch das Gelästere in den Medien hörte nach der Wahl abrupt auf. Kaum einer interessierte sich nun noch für Merkels Frisur oder Outfit, jetzt ging es um Politik. Macht macht eben selbst Frauen zu Persönlichkeiten.

In den folgenden zehn Jahren herrschte eine gewisse Ruhe um Merkel, feministisch gesehen. Zwar beneideten die Frauen dieser Welt uns zunehmend um unsere Kanzlerin, aber aus der Nähe gesehen gerieten wir deutschen Frauen nicht so richtig ins Träumen. Sicher, da war die feministisch inspirierte Familienpolitik von Merkels Ministerin von der Leyen. Die setzte endlich das um, was bei der unter der Schröder-Arroganz leidenden Ministerin Renate Schmidt in der Schublade hatte verschimmeln müssen: eine familienorientierte Elternzeit, die auch die Väter in die Pflicht nimmt. Zumindest ein bisschen. Mit zwei Monaten Väterzeit, freiwillig. Was in einem Land, in dem Mütter, die ihre Kinder in eine Kita gaben, als „Rabenmütter“ gelten, schon zu viel war. Wir erinnern uns an das Theater, das bei der Einführung der zwei (!) freiwilligen (!) Vätermonate abging.

Es ist vor allem Merkels Stil, der überzeugt. Eine reine Wohltat nach den narzisstischen, breitbeinigen Macho-Exzessen der Cohiba-Paffer. Die Kanzlerin hingegen: bescheiden, sachorientiert, respektvoll. Und auf angenehme Weise unweiblich.

„Sie spielt das Spiel einfach nicht mit, das von Frauen auf dieser Ebene erwartet wird“, schrieb die englische Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie. „Und sie ist sogar sehr resolut darin, nicht zu lächeln. Für mich verkörpert sie all das, wofür der Feminismus gekämpft hat.“ Wohl wahr. Merkels Berufslook ist schlicht, ihr Freizeitlook sympathisch unisex. Im Urlaub in den Bergen trägt Angela dieselbe Schirmkappe wie ihr Mann, ähnliche Blousons, Hosen und feste Wanderschuhe sowie über Jahre die immergleiche rotweiß-karierte Bluse. Praktisch und bequem. Diese Frau hat keine Zeit zum Shoppen, sie muss regieren.

Im Umgang mit Männern ist die Wissenschaftlerin eher kameradschaftlich, ihr Charme ist eher mädchenhaft. Merkel ist weder eine Mutter der Nation (wie einst Golda Meir in Israel) noch eine Domina (wie Margaret Thatcher in Großbritannien) und auch keine im Feminismus-Verdacht stehende Emanze, die permanent die Frisur wechselt und demonstrativ Kuchen backt (wie Hillary Clinton in den USA, aber die war ja auch nur eine First Lady, wenn auch unter dem Wahlmotto: Zwei für einen!). Nur bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth, die auch der sonst so zurückhaltende Prof. Sauer schätzt, greift seine Frau noch zum Taftkleid mit Stola, Ton in Ton.

Anfang 2007. Ich lade Angela Merkel in Berlin zu einem Essen ein. Anlass ist ein Fotobuch, das Bettina Flitner über „Frauen mit Visionen“ gemacht hat und zu dem ich die Texte beigesteuert habe: 48 Europäerinnen, die den Kontinent geprägt haben. Kanzlerin Merkel ist eine von ihnen. Mit ihr zusammen laden wir noch mehrere der porträtierten Frauen aus den deutschsprachigen Ländern ein. Es gibt, klar, mehrere Gänge, und ich mache eine Lammkeule – zu Merkels großer Freude.

Wir platzieren die Physikerin und Kanzlerin neben die Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. Das passt. Merkel nutzt die Gelegenheit, die EMMA-Cartoonistin Franziska Becker, die mit von der Partie ist, darauf hinzuweisen, dass ihre Jacketts vier Knöpfe haben und nicht drei – wie Becker fälschlicherweise in ihrem Cartoon „Drei Knöpfe gehen ihren Weg“ suggeriert hatte. Angelangt beim Käse, fragt Merkel: „Woher kommt denn der?“ Ich: „Von dem Franzosen in der Emserstraße.“ Darauf sie: „Hm. Schmeckt man gleich. Westkäse!“

Auch die Sterne-Köchin Lea Linster ist eine „Frau mit Visionen“. Die Luxemburgerin hatte die gute Idee, zum Essen gleich eine ganze Kiste von ihrem Haus-Champagner mitzubringen. Wir bemühen uns alle nach Kräften … Die Wogen schlagen hoch und höher. Und Merkel plaudert zu unser aller Vergnügen aus, wie sie manchmal diese lästigen Bodyguards austrickst. Feiern kann man mit ihr!

12. November 2018. Hundert Jahre Frauenwahlrecht. Es findet eine offizielle Feier im Lichthof des Deutschen Historischen Museums in Berlin statt. Rund 350 „Entscheiderinnen“ aus allen gesellschaftlichen Bereichen, die sich um die Emanzipation verdient machen, sind eingeladen. Sekt, Schnittchen, Reden. Die Kanzlerin ist Ehrengast und sitzt in der ersten Reihe. Ich sitze direkt hinter ihr, neben einem ihrer Bodyguards. Sie dreht sich kurz um und schickt mir ein kleines Komplizenlächeln. Dann geht die erste deutsche Kanzlerin nach vorne, schwarze Hose, lila Jackett, hinter ihr ein Transparent „100 Jahre Frauenwahlrecht“.

Und jetzt, nach 13 Jahren im Amt, hält sie ihre erste durch und durch feministische Rede. Sie fordert „Parität“ in der Politik, also weit über die Quote hinaus schlicht halbe-halbe. Sie deutet an, wie das gehen könnte: im Reißverschlussverfahren. Und sie wünscht sich, dass „Frauen und Männer Erwerbs-, Erziehungs- und Hausarbeit gleichberechtigt teilen und niemand aufgrund seines Geschlechts in eine bestimmte Rolle gedrängt wird“. Mehr geht nicht. Doch zu diesem Zeitpunkt sind nur noch 20 Prozent der CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten weiblich, vor Merkel waren es 30 Prozent.

Merkel wird in der ganzen Welt zum Rolemodel für Mädchen und Frauen.

Am Tag darauf redet sie wieder. Diesmal nicht in Berlin, sondern in Straßburg über „Die Zukunft der EU“; doppelt so lange, sie kann also viel sagen. Vor ihr sitzen ein paar Hundert EU-Abgeordnete. Die deutsche Kanzlerin spricht von Jugendarbeitslosigkeit, Pressefreiheit und Solidarität. Alles wichtige Themen. Und die Frauen? Die erwähnt sie hier mit keinem Wort. Obwohl „die Frauen“ mindestens so viele gruppenspezifische Probleme und eine ebenso große gesellschaftliche Relevanz haben wie „die Jugend“. Die Frauen sind eben doch ein Spartenthema für diese Kanzlerin. Dabei könnte sie es sich jetzt doch eigentlich leisten: Auch Frau sein. Auch Ossi sein. Wurzeln haben. Doch sie bleibt für die einen die Entwurzelte – und für die Anderen die Fremde.

Würde ich heute gefragt, was ich nach 16 Jahren Kanzlerinnenschaft für Merkels größte politische Tat halte, würde ich antworten: Dass sie vielleicht einen Weltkrieg verhindert hat. Sie ganz alleine! Das war zwischen dem 8. und 12. Februar 2015. Da ist sie nach ihrem Trip zu Obama in Washington gleich am darauffolgenden Tag nach Minsk gejettet für einen 24-Stunden-Dialog mit Putin, und danach weiter nach Brüssel, um auch die EU einzunorden auf Deeskalation und Diplomatie, auf Frieden. So hat Angela Merkel die bereits geplante Waffenlieferung Obamas an die Ukraine verhindert – was eine direkte Konfrontation mit Russland bedeutet hätte. Aus dem von EMMA einst verspotteten „Cowboy“ bei Bush war neun Jahre später eine strikte Gegnerin der so verheerenden und selbstgerechten Interventionskriege und Einmischungen des Westens geworden.

17. Dezember 2005. Wie über Jahrzehnte an jedem Samstag vor Weihnachten haben wir auch heute alle kleinen Kinder des Dorfes, in dem ich seit 1980 mein geliebtes altes Fachwerkhaus habe, für einen langen Tag eingeladen – zur Entlastung der Eltern und zur Freude der Kinder, die einen Tag lang (fast) alles machen dürfen. Wir haben Glück. Es schneit. „Wollt ihr nicht rausgehen und einen Schneemann bauen?“, schlage ich den etwa 25 kleinen Mädchen und Jungen zuckersüß vor – in der Hoffnung auf eine Verschnaufpause zwischen Kakao und Fritten. Doch die währt nicht lange. Da hämmert es schon aufgeregt an der Haustür. Davor steht ein Trupp aufgeregter kleiner Mädchen. „Alice, Alice, komm schnell! Die Jungen machen unsere Schnee-Merkel kaputt.“ Drei Wochen nach ihrer Ernennung als Kanzlerin.

Ob Angela Merkel nun will oder nicht: Sie entkommt dem Frausein nicht, weder für ihre GegnerInnen noch für ihre AnhängerInnen. Für die Mädchen und Frauen dieser Welt ist sie in den 16 Jahren ihrer Kanzlerschaft eine Ikone geworden.

ALICE SCHWARZER

WEITERLESEN: Der Text ist ein gekürzter Auszug aus: Alice Schwarzer „Lebenswerk“, 2020 (Kiepenheuer & Witsch, 25 €).

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