Nähen für den Ausstieg

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Orit näht gerade ein Kleid: rot mit schwarzem Futter. Der Stoff, den Orit in diesem Studio in Tel Aviv verarbeitet, ist der Stoff ihres Lebens: ihre von sexuellem Missbrauch zerstörte Kindheit und die zehn Jahre in der Prostitution. Heute ist sie sowohl Schneiderin als auch Aktivistin gegen die Sexindustrie.

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Orit ist eine von 75 Frauen, die an dem Projekt von „Turning the Tables“ teilnehmen. Die israelische Non-profit-Organisation bietet Ex-Prostituierten eine Ausbildung in Design und Schneidern und stellt sie sodann in einem ihrer Studios in Haifa und Tel Aviv an, wo die Frauen Kleidung, Kissenbezüge und Taschen für immer mehr KundInnen fertigen.

Lilach Tzur Ben-Moshe, ehemalige Life­style-Journalistin sowie Gründerin von „Turning the Tables“, erklärt: „Wir bieten den Frauen soziale Unterstützung und Therapien, aber es ist der Prozess des Schaffens, der ihnen ihren eigenen Wert und ihre Möglichkeiten außerhalb der Prostitution klarmacht: Sie kommen hierher und entdecken ihre eigene Stärke, ihre Fähigkeiten, ihre Stimme.“

Das Programm habe ihr geholfen, endlich den Kreislauf von Schmerz und Ablehnung zu durchbrechen, der sie in die Prostitution getrieben hat, erzählt Orit. „Ich komme nicht hierher, um zu sagen: Ich bin bedauernswert. Sondern um zu sagen: Ich bin stark“, erklärt sie, während sie im Studio näht, inmitten von großen Fenstern und Regalen voller Stoff und Garn.

„Turning the Ta­bles“ wurde 2011 gegründet und ist Teil einer wachsenden Menge Initiativen, die daran ­arbeiten, die florierende Prostitutions-Indus­trie in Israel zu bekämpfen.
Eine Regierungsstudie hat herausgefunden, dass 2014 rund 12.000 Prostituierte in Israel tätig waren – 95 Prozent davon Frauen. Jede Frau bediente etwa 660 Kunden im Jahr. Das macht für die Menschenhändler, Zuhälter und Bordellbetreiber mindestens 300 Millionen Dollar Profit. Bei den Frauen selbst bleibt nur ein kleiner Anteil.

Frauen beim Ausstieg zu helfen, sei entscheidend, sagt Yael Goor, der Direktor der staatlich finanzierten Levinsky Klinik in Tel Aviv, die etwa 4.000 Prostituierte im Jahr ­behandelt. Viele Überlebende, die es schaffen, physisch zu entkommen, könnten sich dennoch nicht mehr integrieren, weil sie unter psychischen Krankheiten, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit und Verschuldung leiden.

Vor zehn Jahren betraf die Prostitution in Israel hauptsächlich verschleppte Frauen aus Osteuropa, Russland und Asien. Ein Gesetz gegen Menschenhandel von 2006 sowie eine 2013 errichtete Mauer an der Grenze zu Ägypten haben diesen Strom beinahe zum Versiegen gebracht. Doch eine Lockerung der Visum-Voraussetzungen hat dazu geführt, dass heute eine steigende Zahl von Frauen als Touristinnen aus Osteuropa nach Israel kommen, aber in der Prostitution enden.

Fast alle Frauen in der Prostitution haben ein sexuelles Trauma erlitten oder kommen aus armen oder verwahrlosten Haushalten, sagt die Anwältin Michal Leibel, frühere ­Direktorin der „Task Force on Human Trafficking and Prostitution“.

Wie Orit. Als sie 18 war, zog sie von Ramle, wo sie mit acht Jahren aus Äthiopien ankam, in den Ferienort Eilat am Roten Meer. Sie sagt, sie wollte ihrer Familie entkommen, besonders ihrem Halbbruder, der sie mehrfach vergewaltigt hatte. In Eilat fand sie eine Stelle als Zimmermädchen. Sie merkte, dass eine ihrer Freundinnen weniger Stunden arbeitete als sie und trotzdem mehr Zeit und Geld hatte und fand heraus, dass ihre Freundin in einem „Massagesalon“ arbeitete.

Orit verdiente bald bis zu 800 Dollar am Tag, wovon sie das meiste für Kleidung ausgab oder an ihre Mutter in Äthiopien schickte. „Am Anfang war das Geld ein Trost“, sagt Orit. Und die Komplimente einiger Kunden halfen ihrem angeschlagenen Selbstwertgefühl. „Doch am Ende des Arbeitstages weinte ich. Jeden Tag.“

Drogen, Nervenzusammenbruch, psychiatrische Klinik. Nach ihrer Entlassung kehrte Orit vorübergehend in ihr altes Leben zurück. Bis ein Sozialarbeiter sie an „Turning the ­Tables“ vermittelte.

Heute spricht Orit offen über die Gefahren der Prostitution, auch mit den Kundinnen, die die von ihr genähten Kleider kaufen.

Initiatorin Tzur Ben-Moshe ist zufrieden. Sie sagt: „Jede Geschichte hier ist eine Seele, die Zuwendung braucht, die sie noch nie zuvor bekommen hat.“

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