In der aktuellen EMMA

Nein heißt Nein. Auch auf Arabisch

Foto: Patrick Baz/AFP Photo/Getty Images
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Sie war auf dem Weg zum Supermarkt, erzählt Nora Labib, als ein Gemüsehändler sie ansprach. Er wolle „mit ihren Brüsten ficken“, sagte der Mann. Nora hielt an, machte kehrt und baute sich vor ihm auf. „Dann lass mal deine Hose runter und zeig mir, womit du das tun würdest“, forderte sie ihn auf. Der Mann, plötzlich sprachlos, wand sich vor Scham. „Diese Männer sind wie Hunde“, sagt Nora im Rückblick. „Sie laufen weg, wenn man sie anschreit.“

Die junge Ägypterin ist die Protagonistin des Kurzfilms „His Cucumber“ (Seine Gurke). SchauspielerInnen stellen die wahre Begegnung nach, während Nora Labib sie beschreibt. Der Drei-­Minuten-Clip, 2016 im Internet veröffentlicht, verbreitete sich rasant: Eine halbe Million Menschen sahen ihn, Tausende teilten und kommentierten ihn – viele begeistert, andere empört. Was die Menschen bewegte, war weniger die Begegnung an sich, schließlich ist sexuelle Belästigung in Ägypten eine verbreitete Plage: Laut einer UN-Studie aus dem Jahr 2013 haben 99 Prozent aller ägyptischen Frauen bereits verbale oder körperliche Belästigung erlebt. Die wahre Überraschung war Nora Labibs Reaktion: Dass Frauen sich wehren, so robust zumal, kommt in Ägypten selten vor. Viele schämen sich, suchen gar den Fehler bei sich. „Das Opfer zu beschuldigen, ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet“, sagt Abdelfattah ElSharkawy, der als „Berater zu geschlechterspezifischer Gewalt“ für UN Women, die Frauen­organisation der Vereinten Nationen, arbeitet.

Wie weit diese Haltung in der ägyptischen Gesellschaft verbreitet sind, lässt sich an einer Umfrage ablesen, die UN Women und die brasilianische Frauenrechtsorganisation Pro Mundo 2017 durchführten. „Provokativ gekleidete Frauen verdienen es, belästigt zu werden“, erklären darin 74 Prozent der befragten ägyptischen Männer – und sogar 84 Prozent der Frauen. Dahinter stehen ultrakonservative Geschlechterbilder: 87 Prozent der Männer gaben an, die wichtigste Aufgabe der Frau sei es, sich um den Haushalt zu kümmern; 90 Prozent fanden, eine Frau sollte häusliche Gewalt tolerieren, „um die Familie zusammenzuhalten“.

Gewiss gibt es Unterschiede. Den 95-Millionen-Staat Ägypten durchzieht eine tiefe Stadt-Land-Kluft: In den armen Provinzen Südägyptens sind die Sitten strenger und die Moralvorstellungen archaischer als in den urbanen Zentren des Landes. In Kairo und Alexandria lebt eine soziokulturelle Elite, in deren Kreisen Frauen selbstbestimmt leben und arbeiten, ausgehen und lieben – und Männer, die all das von Herzen begrüßen. Doch eine Garantie für progressive Haltungen ist auch der gehobene Status nicht. „Eine Frau kann einem Mann nie auf Augenhöhe begegnen“, befand der populäre Musiker und Schauspieler Ahmed Fahmy unlängst in einem Fernsehinterview – gegenüber einer Moderatorin. Ein Psychologe namens Ahmed Harun, der regelmäßig im ägyptischen Fernsehen auftritt, vertritt die These, Frauen hätten eine „Idiotendrüse“ im Hirn, die sie in Anwesenheit begehrenswerter Männer in unzurechnungsfähige, schamlose Wesen verwandele.

Immerhin: Seit einigen Jah­ren müssen Männer wie Harun und Fahmy mit Gegen­wind rechnen. Fahmys Bemer­kungen lösten einen virtu­ellen Empörungssturm aus, der den Schauspieler zwang, seine Äußerungen in einem zweiten Interview zu relativieren. Das YouTube-Video, in dem „Doktor“ Harun seine Drüsentheorie zum Besten gibt, wurde von der ägyptischen Filmemacherin Ale­xandra Kinias entdeckt, die dazu einen scharfen Kommentar in ihrem Online-­Magazin „Women of Egypt“ schrieb: „Ich will deutlich machen, dass so etwas inakzeptabel ist!“

Auch über sexuelle Belästigung wird in dem Land am Nil seit einigen Jahren in zuvor ungekannter Offenheit diskutiert. Den Anstoß dazu gab der Aufstand, der 2011 den scheinbar ewigen Präsidenten Hosni Mubarak stürzte. Im Zuge der Proteste auf dem Kairoer Tahrir-Platz wurden Frauen massenhaft belästigt, manche gar vergewaltigt, darunter auch westliche Reporterinnen. Internationale Medien berichteten, erstmals fiel ein grelles Schlaglicht auf ein lange verschwiegenes Phänomen. Zugleich gründeten sich lokale Initiativen, um Frauen zu helfen: Junge Männer und Frauen begannen, in Gruppen über den Tahrir-Platz zu patrouillieren, um Übergriffe zu verhindern; AktivistInnen gründeten Organisationen; KünstlerInnen verarbeiteten das einstige Tabuthema in ihren Werken.

„Es war eine inspirierende Zeit“, erinnert sich Sharine Atif, die Regisseurin von „His Cucumber“, die in jenem Jahr die Idee zu dem Kurzfilm entwickelte. „Früher hätten die meisten Menschen nicht gewagt, über solche Dinge zu sprechen. Nach der Revolution wurde der Diskurs offener und radikaler.“

Und noch etwas änderte sich: Nicht nur Frauen begannen sich zu engagieren, sondern auch Männer. Zu ihnen gehört Abdelfattah ElSharkawy, heute 29 Jahre alt. Erschüttert von Berichten über sexuelle Belästigung während der Proteste auf dem ­Tahrir-Platz, trommelte er ein paar junge Männer zusammen und patrouillierte mit ihnen über den Platz, tagelang. Dabei wurde er Zeuge etlicher Übergriffe. „Manchmal standen die Leute so dicht, dass ich mich nicht bewegen konnte und zuschauen musste“, erinnert er sich. „Das war ­extrem traumatisch, auch für mich.“

Die Erfahrung prägte ihn – und gab seinem Leben eine neue Richtung: Er engagierte sich in Frauenrechtsorganisationen, arbeitet inzwischen als Berater für UN Women und entwickelt zusammen mit einem Partner eine App namens StreetPal, die Frauen vor Belästigung schützen soll. Bei einer akuten Bedrohung sollen Frauen einen Notruf absetzen können, in der Hoffnung, dass ­HelferInnen im Umkreis rechtzeitig einschreiten können. Dafür baut Abdelfattah derzeit ein Netzwerk freiwilliger HelferInnen auf. Auch weist die App den Weg zur nächsten Polizeistation und bietet rechtliche und psychologische Hilfe. Abdelfattah ElSharkawy weiß, dass das Problem nicht auf der Straße endet: „Es wurzelt in den Geschlechterrollen.“ Doch er hofft, dass die App Frauen ermutigen wird, sich zu wehren, statt sich selbst die Schuld zu geben.

Auch das ist typisch für den neuen Aktivismus in Ägypten: ElSharkawy und andere nutzen die neuen Medien, um Debatten anzustoßen, aufzuklären und zu helfen. Auf der „Harassmap“ beispielsweise, einem Online-Portal, können Frauen melden, wann und wo sie belästigt wurden. Mit einer App namens „Rescue“, konzipiert von einer jungen Medizinstudentin, können Frauen in Bedrängnis Notrufe aussenden, ähnlich wie bei „StreetPal“. Und in Alexandra Kinias’ Online-Magazin „Women of Egypt“ schreiben Frauen über ­Themen wie sexuelle Gewalt, Polygamie und ­Kinderehen.

Und es gibt Anzeichen dafür, dass sie gehört werden. Zwar regiert Ägyptens Präsident Abdel-­Fattah Al-Sisi mit weit härterer Hand als der geschasste Mubarak. Zugleich jedoch zeigt er eine gewisse Offenheit für frauenrelevante Anliegen: Er „Frauenstrategie 2030“ an, um den rechtlichen Status und die ökonomische Teilhabe von Frauen zu verbessern. 2014 stellte die Regierung sexuelle Belästigung, verbal wie physisch, erstmals unter Strafe. Im August 2018 verurteilten Theologen der Al-Azhar-Universität, einer der einflussreichsten Lehrstätten des sunnitischen Islams weltweit, Belästigung erstmals als „haram“, also vom Islam verboten. Und dem Kabinett, im Amt seit Juni 2018, gehören acht Ministerinnen an – ein Rekord für Ägypten.

Man mag all das als Symbolpolitik abtun, darauf zugeschnitten, westlichen Investoren und Touristen das Bild eines modernen Landes zu präsentieren. Doch diese Maßnahmen senden auch ein Zeichen an die eigene Gesellschaft. Touristinnen wie Einheimische berichten, die Belästigung auf Kairos Straßen habe in den letzten Jahren abgenommen. Zugleich steigt allerdings die Zahl der Frauen, die Übergriffe zur Anzeige bringen.

„Ich bin optimistisch“, sagt Alexandria Kinias, die die Lage der Frauen in Ägypten seit Jahrzehnten beobachtet. „Es sind kleine Veränderungen, die geschehen. Aber aus kleinen Veränderungen werden irgendwann große.“

MAREIKE ENGHUISEN
Die Autorin ist freie Journalistin, seit 2014 mit Schwerpunkt Nahost. Sie lebt überwiegend in Tel Aviv und verbrachte kürzlich vier Monate in Kairo.

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