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Nicola Sturgeon: Gestärkt aus der Krise

Nicola Sturgeon - Foto: Andrew Milligan/PA Wire/imago images
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Nicola Sturgeon wuchs in der Ära Thatcher in einer Sozialbausiedlung auf. Damals wuchs in ihr die Überzeugung, dass Schottland unabhängig sein sollte. Die bekennende Feministin verachtet „Macho-Schwafler“ wie Boris Johnson. Wie die Premierministerin den Weg aus Großbritannien und in die EU schaffen will. 

„Was wir Anfang nennen, ist oft das Ende. Und ein Ende zu machen bedeutet, etwas anzufangen“, schrieb der Dichter T. S. Eliot. Der zum Jahresende 2020 vollzogene Brexit, das Ende der britischen EU-Mitgliedschaft, ist für Nicola Sturgeon ein Anfang. In Hinsicht auf ihr großes Ziel sogar ein willkommener: für ein unabhängiges Schottland. Der ungewollte Abschied von Brüssel ist für die vielen europafreundlichen und Londons Macht verabscheuenden Schotten der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Weshalb 2021 das Jahr der Nicola Sturgeon werden könnte. Ihre Scottish National Party (SNP) wird allen Umfragen zufolge die für Mai geplante Regionalwahl haushoch gewinnen. Die erwartete absolute Mehrheit wird die 50-Jährige zum Mandat für ein weiteres Referendum über eine Abspaltung vom Vereinigten Königreich erklären. Nach mehr als 300 Jahren will sie das Band mit England zerschneiden und – trotz aller Risiken, die das auch für Schottland mit sich bringt – einen souveränen Staat Schottland in die Vereinten Nationen führen, und natürlich in die Europäische Union.

Noch nie standen die Chancen dafür so gut. Eine stabile Mehrheit der Menschen im britischen Norden will die Unabhängigkeit. In Umfragen bestätigen die Schotten „Nicola“, wie sie ihre Ministerpräsidentin schlicht nennen, das Zeug zum „Leader“ zu haben. Seit 2014 bekleidet die studierte Juristin als erste Frau das höchste Amt in Edinburgh. Wer sie einmal von Nahem erlebt hat, spürt sofort die Entschlossenheit, mit der die Regierungschefin an die Arbeit geht. Sie verachtet „Macho-Schwafler“ wie Premier Boris Johnson und kennt Dossiers bis ins Detail. Noch schwerer wiegt ihr politischer Instinkt.

Nicola Sturgeon mit Queen Elisabeth - Foto: Jane Barlow/WPA Pool/Getty Images
Nicola Sturgeon mit Queen Elisabeth - Foto: Jane Barlow/WPA Pool/Getty Images

Aufgewachsen in einer Sozialbausiedlung westlich von Glasgow, fiel ihre Jugend in die Regierungszeit von Margaret Thatcher. Die konservative Premierministerin verordnete den Briten in den 1980er Jahren eine radikale Privatisierungspolitik, die für viele traditionelle Industriezweige das Ende bedeutete. Sturgeon erlebte, wieFreunde und deren Familien in Arbeitslosigkeit und Armut stürzten. „Daraus entstand meine starke Überzeugung von sozialer Gerechtigkeit. Und dass es falsch war, dass Schottland von den Tories regiert wurde“, erklärt sie heute.

Sturgeon trat den schottischen Nationalisten bei, die von London unabhängig sein wollen und für eine Politik links der Mitte stehen. Sie stieg schnell in der Hierarchie auf, schaffte es nur ein Jahr nach ihrem Beitritt als 17-Jährige in den Vorstand der SNP-Jugendbewegung. Dort lernte sie ihren späteren Mann Peter Murrell kennen, der heute Generalsekretär der Partei ist. Das Power-Paar lebt abseits der politischen Bühne sehr zurückgezogen.

Schottlands WählerInnen schätzen, dass ihre Ministerpräsidentin Fehler zugeben kann, wie jetzt in der Corona-Krise. Schottland hat eine noch höhere Todesrate als England. Zu Beginn der Pandemie unterschätzte die Regierung die Gefahr für Menschen in Altenheimen, Hunderte starben. „Das ist eine Tragödie. Ich habe nie versucht, diese Fehler wegzureden“, sagt Sturgeon, die sich ausdrücklich als Feministin und Schottland als „feministischen Ort“ bezeichnet und ihr Kabinett paritätisch besetzt.

Die Politikerin, die Bücher und Schuhe liebt, vereint in ihrem Auftreten Härte mit „Weiblichkeit“. Nur 1,63 Meter groß, trägt sie in der Öffentlichkeit stets hohe Absätze und meist unifarbene Kostüme in Rot oder Pink. 2016 entschloss sich Sturgeon öffentlich zu machen, dass sie im Alter von 40 Jahren eine Fehlgeburt hatte. Sie verband diesen sehr intimen Einblick mit der Forderung, dass Frauen nicht zur Wahl zwischen Kind und Karriere gezwungen sein dürften. Bessere Kinderbetreuung und progressive Arbeitsmodelle seien der Weg.

Es mag von Nervosität zeugen, dass ihre Gegner in London mittlerweile vom „Sturgeon Paradox“ sprechen. Denn trotz miserabler Corona-Bilanz und einer stotternden Wirtschaft stehen die meisten Schotten fest zu „Nicola“ und wollen mit ihr die Unabhängigkeit, den neuen Anfang wagen. Ihrem Kontrahenten Boris Johnson wirft die Ministerpräsidentin vor, er habe „Angst vor Demokratie“. Wahrscheinlich hat er auch Angst vor Nicola.

STEFANIE BOLZEN

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