Richterin aus Kabul gerettet!

Richterin Palwasha M. - endlich in Sicherheit! - Foto: Christa Zöchling/profil
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Ihr Vater war 1994 von den Taliban ermordet worden. Sie hatten den Richter in seinem Dienstwagen erschossen. Doch Tochter Palwasha ließ sich nicht einschüchtern. Sie wurde selbst Richterin und verurteilte im afghanischen Supreme Court so manchen Taliban und Taliban-Sympathisanten fur ihre Verbrechen. Dann schlug die Stunde der Rache.

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Schon im Februar 2021 waren zwei Freundinnen von Palwasha, ebenfalls Richterinnen, auf offener Straße erschossen worden. Am 15. August 2021 fielen die Taliban in Kabul ein. Die Richterin flüchtete, gemeinsam mit ihren vier Schwestern – einer Ärztin, zwei Lehrerinnen und einer angehenden Staatsanwältin - ihrem halb blind geschossenen Bruder und ihrer Mutter aus dem Haus in ein vorbereitetes Kellerversteck. Sieben Wochen lang mussten sie dort in Todesangst ausharren – dann endlich konnten sie in einer todesmutigen Aktion gerettet werden. Jetzt ist die ganze Familie in Luxemburg in Sicherheit.

Palwasha M. und ihre Familie verdanken ihre Befreiung einer ganzen Reihe Menschen, die sich für sie eingesetzt haben, jedeR auf seine oder ihre Weise. Am Tag der Machtübernahme der Taliban interviewt Christa Zöchling, Redakteurin bei dem Wiener Magazin Profil, den afghanischen Politikwissenschaftler Mirwais Wakil. Der erzählt von seiner Sorge um Richterin Palwasha M. Er kennt deren Bruder Omar, der seit einigen Jahren in Salzburg lebt. Einen Tag später besucht Christa Zöchling Omar in seiner Wohnung. Der stellt per WhatsApp den Kontakt zu der Familie im Keller her.  

Die Journalistin berichtet in profil über den Fall. Titel: „Ist da jemand?“ fragte sie, der helfen will und kann. Nein, zunächst ist da niemand, der hilft. Die österreichische Regierung hatte verkündet, „keine Flüchtlinge aus Afghanistan aufzunehmen“. Zöchling informiert Alice Schwarzer. Die informiert Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer (die weist kurz auf das Außenministerium hin) und Außenminister Maas (der reagiert überhaupt nicht). EMMA berichtet.

Daraufhin meldet sich Remko Leemhuis vom American Jewish Comittee. Er schafft es, eine amerikanische Juristinnen-Organisation und eine Kongress-Abgeordnete zu mobilisieren, die Palwasha auf eine „US-Evakuierungs-Priority-Liste“ setzen. So wird der Kreis der UnterstützerInnen immer größer.

Ausschlaggebend ist schließlich der Einsatz einer Richterin: Edith Zeller, österreichische Verwaltungsrichterin und Präsidentin der „Association of European Administrative Judges“. Sie  hatte schon einmal eine afghanische Kollegin vor dem sicheren Tod gerettet: Nilab Dian aus Mazar-i-Sharif. Auch die hatte u.a. Taliban zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt und stand auf deren Todesliste. Ein Kollege von Zeller hatte den luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn mobilisiert. Der Minister stellte Visa für Nilab und ihre Familie aus.

Genauso lief es nun wieder. Doch noch waren Palwasha und ihre Familie nicht in Sicherheit. Denn erst mussten sie noch unerkannt über die Grenze nach Pakistan gelangen. Wieder setzt die österreichische Journalistin Zöchling alle Hebel in Bewegung. Welche Botschaften können helfen? Wieder ging es bei der Überquerung der Grenze um Leben und Tod. Die siebenköpfige Familie schafft es tatsächlich nach Pakistan und via belgische Botschaft in Islamabad schließlich die Ausreise nach Europa.

Palwasha (ganz re) Richterin mit ihren vier Schwestern, ihrer Mutter, ihrer Nichte und ihrem Bruder. - Foto Christa Zöchlinng/Profil
Palwasha (ganz re) mit ihren vier Schwestern, ihrer Mutter und ihrem Bruder. - Foto Christa Zöchling/profil

Am 8. Oktober landen sie in Luxemburg. Dort werden sie von Außenminister Asselborn persönlich empfangen.

Palwasha M. aber ist noch halb in Afghanistan. Sie ist über eine WhatsApp-Gruppe mit anderen Richterinnen vernetzt. Einige haben es, wie sie, ins sichere Ausland geschafft. Viele jedoch sind noch in Kabul. „Es gäbe noch einige von uns zu retten, wenn ich das so sagen darf“, sagte Palwasha nach ihrer Ankunft.

Stimmt. Es ist die sehr bittere Wahrheit: Wir können nicht alle retten. Aber manchmal eben doch eine. Wir sind sehr glücklich, liebe Palwasha, Sie und Ihre Familie endlich in Sicherheit zu wissen.   

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