Saoirse Ronan: Wildes Mädchen

Foto: Armando Gallo/Zuma/imago images
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Klären wir als erstes die Frage, die jeder stellt, dem man von Saoirse Ronan vorschwärmt. Wie, in Gottes Namen, spricht man diesen Namen aus? Die Antwort lautet: Sörscha. Wie Saoirse Ronan selbst in der Ellen DeGeneres-Show zugab, „macht das überhaupt keinen Sinn“. Aber das ist ja bei quasi allen irischen Namen der Fall. Also auch bei Sörscha, die zwar in New York geboren wurde, aber 1997 im Alter von drei Jahren mit ihren irischen Eltern in die Grafschaft Carlowe zog, knapp 100 km von Dublin entfernt.

Die Zeiten, in denen Talkshow-Moderatoren ihren Gast Saoirse als erstes nach der Aussprache dieses seltsamen gälischen Namens fragten oder sie versehentlich „Shisha“ nannten, sind allerdings vorbei. Denn Saoirse Ronan ist inzwischen im Hollywood-Olymp angekommen, spätestens seit sie im letzten Winter in „Little Women“ die Jo(sephine) spielte.

Davor war sie in der zarten Coming-of-age-Geschichte „Lady Bird“, bei der wie in „Little Women“ ihre Lieblingsregisseurin Greta Gerwig Regie führte, irrlichternd über den Bildschirm getobt. „Lady Bird“ gewann einen Golden Globe als „Bester Film“, Saoirse Ronan wurde als „Beste Hauptdarstellerin“ ausgezeichnet.

Spätestens von da an war klar, dass für Saoirse in „Little Women“ nur die rebellischste der vier March-Schwestern in Frage käme, die Louisa May Alcott in ihrem berühmten Roman anno 1869 auf die Reise in die Emanzipation geschickt hatte. Nur Jo kam am Ziel an. Sie wurde, wie ihre Schöpferin, Schriftstellerin und verdiente ihr eigenes Geld. „Ich glaube, wir versuchen bis in die Gegenwart, mit Jo March mitzuhalten“, sagt Saoirse Ronan. „Denn wir sind immer noch nicht auf ihrem Level.“

Aber die bekennende Feministin weiß auch, dass Jo für ihre Unabhängigkeit einen Preis bezahlte: Sie blieb ohne Beziehung. „Ich möchte mehr dieser Charaktere auf der Leinwand sehen,“ sagt Saoirse Ronan. „Seit Feminismus wieder so ein wichtiges Thema geworden ist, werden viele Drehbücher geschrieben, die einfache Lösungen anbieten und nur oberflächlich feministisch sind. Ich wünsche mir, dass Filme nicht nur produziert werden, um diesen Markt abzugreifen. Starke Frauenfiguren reichen nicht. Wir müssen besondere, wahrhaftige Geschichten erzählen.“

Zur Feministin wurde Saoirse Ronan in ihrer „sehr kleinen Schule auf dem Land“. Dort wurden mehrere Klassen gemeinsam unterrichtet, auch im Sport. „Und dabei haben sich die Mädchen mit den Jungen gemessen. Ich habe beide Geschlechter als völlig gleichberechtigt erlebt.“ Es scheint so, als ob der Grundstein für die wirbelwindartige Präsenz von Saoirse Ronan in diesen Sportstunden gelegt wurde.

Vater Paul, selbst Schauspieler, nahm seine Tochter schon früh zu Dreharbeiten mit. Saoirse ist neun, als sie für die preisgekrönte irische TVSerie „The Clinic“ zum ersten Mal vor der Kamera steht. Sie ist 14, als sie zum ersten Mal für den Oscar nominiert wird: für ihre Rolle der 13-jährigen Briony in der Literaturverfilmung „Abbitte“. Seither hat die heute 26-Jährige 27 Filme gedreht.

Dass die sehr junge Schauspielerin in der Welt der Weinsteins nicht auch zum MeToo-Fall wurde, hat Saoirse ihrer Mutter Monica zu verdanken: „Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sie nicht gewesen wäre. Sie hat mich vor all dem geschützt. Dafür bin ich ihr sehr, sehr dankbar.“

In ihrem aktuellen Film „Ammonite“ spielt Saoirse Ronan die Geliebte von Kate Winslet. Die verkörpert die Fossilien-Forscherin Mary Anning, die es tatsächlich gab: Mitte des 19. Jahrhunderts machte sie an der südenglischen Küste spektakuläre Funde und gilt heute als eine der ersten Paläontologinnen. Saoirse Ronan hat sich als Zwölfjährige „jeden Tag Titanic angeschaut. Jetzt bin ich der neue Jack, der neue Leo!“ jubelt sie.

Saoirse bedeutet übrigens „Freiheit“. Und das macht dann wohl doch irgendwie Sinn.

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