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Serpil Temiz Unvar: Sie kämpft weiter

Foto: Dîlan Yekda Karacadağ
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Ein paar Mal hatte ich sie im Fernsehen gesehen und war beeindruckt. Seither habe ich, wenn ich an das Attentat von Hanau denke, ihr Bild vor Augen und mich gefragt: Wer ist diese Frau?

Serpil Temiz Unvar ist zur Stimme der Opfer von Hanau geworden. Ihr ältester Sohn, Ferhat Unvar, war einer der neun Menschen, die Tobias Rathjen, ein Rassist im Verfolgungswahn, am 19. Februar 2020 ermordete. Dann erschoss er seine Mutter und schließlich sich selbst. Weil er tot ist, wird es keinen Prozess geben. Fragen, die gibt es trotzdem.

Serpils Tochter bekommt an diesem Abend per WhatsApp die Nachricht, dass Ferhat angeschossen wurde. Die Mutter eilt zum Tatort, einem Kiosk in der Hanauer Innenstadt, er ist nur 70 Meter von ihrem Wohnhaus entfernt. Die Polizei lässt sie nicht durch. Sie telefoniert die Krankenhäuser ab, kann ihren Sohn nicht finden. In den frühen Morgenstunden versammeln sich die Angehörigen in einer Halle, in der die Polizei die Namen der Getöteten verliest. Der letzte Name ist der von Ferhat.

„Nicht nur unsere Kinder sind gestorben. Ich kann nicht sterben und ich kann nicht leben. Ich bin irgendwo dazwischen“, sagt die 45-jährige Serpil Temiz heute. Und sie hat noch immer Fragen.

*Saytheirnames heißen die Demos, auf denen Serpil Temiz (hier mit ihrem jüngsten Sohn) gegen das Vergessen kämpft. Foto: Initiative 19. Februar.
*Saytheirnames heißen die Demos, auf denen Serpil Temiz (hier mit ihrem jüngsten Sohn) gegen das Vergessen kämpft. Foto: Initiative 19. Februar.

Warum besaß der Attentäter trotz aktenkundiger psychischer Erkrankung einen Waffenschein? Warum wurde dieser Mann, der wirre Briefe über Geheimdienste und „ständige Ausländerkriminalität“ an Behörden schrieb, nie überprüft? Warum war die Notrufzentrale der Hanauer Polizei unterbesetzt? Warum wurden die Verstorbenen ohne Zustimmung der Angehörigen obduziert? Welche Rolle spielt der Vater des Attentäters, der die kruden Theorien seines Sohnes noch immer offen in Hanau vertritt? Und die schwerste Frage: Wäre dieses Attentat zu verhindern gewesen?

Serpil Temiz und die Angehörigen der Ermordeten haben sich inzwischen in der „Initiative 19.  Februar“ zusammengeschlossen und eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die hessische Polizei eingelegt. Gemeinsam suchen sie nach Antworten, die ihnen auch ein Jahr nach einem der größten rechtsextremen Anschläge der deutschen Nachkriegsgeschichte keiner gibt. Sie kämpfen um Aufklärung. Um Respekt. Um Opferhilfe.

Manche der Verwandten und engen FreundInnen sind bis heute wie gelähmt, können nicht mehr arbeiten, auch Serpil Temiz nicht.

Sie schrieb einen Brief an die Bundeskanzlerin, darin forderte sie die vollständige Aufklärung der Tat. Es dürften nicht die gleichen Fehler wie nach der NSU-Mordserie gemacht werden. Bis zum Tod ihres Sohnes hatte die Deutsch-Türkin die Diskriminierung resigniert hingenommen. Das ist vorbei. Am 14. November, Ferhats Geburtstag, gründete die Kurdin eine „antirassistische Bildungsinitiative“. Auch Ferhat war in der Schule immer „der Ausländer“ gewesen. „Du musst dich eben mehr anstrengen als die deutschen Kinder,“ hatte die Mutter gesagt. Heute gibt sie Antidiskriminierungs-Workshops, sensibilisiert LehrerInnen und vernetzt Mütter. Und dann sind da noch ihre drei jüngeren Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, die die Mutter alleine erzieht und für die Ferhat, der Älteste, wie ein Vater war.

Serpil stammt aus Nordkurdistan, nahe der syrischen Grenze. Als Jugendliche ging sie mit ihren Eltern für drei Jahre nach Frankreich, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Irgendwann entschieden die Eltern, dass die Tochter heiraten soll. Ihr künftiger Ehemann lebte in Hanau. So kam sie her, vor 25 Jahren. Mit dem Mann von damals ist sie nicht mehr zusammen. Sie sagt, dass sie mal eine Frau war, die gern joggen ging, russische Klassiker las und ihren Job liebte: Artikel schreiben für eine in Deutschland erscheinende kurdische Zeitung. All das ist vorbei. Ihr zweitältester Sohn wollte aus Hanau wegziehen. Serpil will bleiben und darum kämpfen, dass Hanau auch ihre Stadt bleibt – und so etwas nie wieder passiert.

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