Sextourismus: Bad men in paradise

© Fotos Bettina Flitner
Artikel teilen

"Ich hab's", sagt Bettina, "du bist Lehrerin in Bielefeld, und ich studiere Fotografie in Köln." -"Lehrerin geht nicht. Es sind keine Ferien." - "Dann bist du eben Volkshochschuldozentin." Es ist der letzte Tag im Februar. Wir sitzen im Intercity von Köln nach Amsterdam und sind dabei, zwei Lebensläufe aus Halbwahrheiten zu schmieden. Von Amsterdam aus wird's im Flugzeug nach Bangkok gehen und von da aus weiter nach Pattaya: in das Zentrum des Sextourismus, in das "Bordell des Westens", wie das einstige Fischerdorf weltweit genannt wird. Zwei als Urlauberinnen getarnte EMMA-Frauen auf dem Weg in die Höhle des Löwen.

Anzeige

Wir fahren mit gemischten Gefühlen. "1989 wurden in Pattaya 150 Touristen umgebracht", lese ich Bettina bibbernd aus dem Reiseführer vor: "Zuhälter bedrohten ein Fernsehteam." Bettina guckt ironisch: "Kriegst du kalte Füße?"- "Ja." Der Zug hält in Duisburg. Gerade haben wir uns darauf geeinigt, dass unsere Lebensgefährten uns die Woche in Pattaya als Ausgleich für ihre ausgiebigen Segeltörns spendierten. Da geht die Abteiltür auf, und drei Männer schieben sich rein - mit großem Gepäck und einer Plastiktüte, in der die Bierdosen scheppern. Das Reiseziel auf den Kofferanhängern ist nicht zu übersehen: Pattaya. Wir machen uns auf Geprotze, Gegröhle und dreckige Witze gefasst. Doch die drei trinken mäßig und reden wenig. Mir sind sie ganz sympathisch. Ich habe eben eine Schwäche für Stahlarbeiter aus Duisburg. Vor allem, wenn sie streiken.

Die Jungs freuen sich auf Pattaya, denn da ist es "wie zu Hause".

Vor allem Walter ist lieb: ein Pummel mit rundlichem Hintern, prallen Backen und freundlichen Augen hinter dicken Brillengläsern. Bettina verpasst ihm den Spitznamen "das Hamsterchen". Wir fünf sind schnell beim "Du", Bierdosen und Flachmann kreisen. So nett haben wir's uns nicht vorgestellt mit den Sextouristen. Die Jungs freuen sich schon auf Pattaya, denn da ist es "wie zu Hause". Sie fahren zum achten Mal ins Sex-Paradies mit seinen 5.000 Prostituierten.

Nach über 24 Stunden im Zug, im Flugzeug und im Bus endlich Ankunft am Ziel. Es ist schon dunkel. Riesige weiße Männer mit zarten Thai-Frauen am Arm strömen aus dem Portal unseres Hotels, aber keine einzige weiße Frau. Bettina und ich knuffen uns begeistert in die Seite. Wir haben unsere Wahl gut getroffen. Laut Katalog ist "The Cottage" für "Familien nicht geeignet". Und wirklich: Diese Hütte ist ein Bumshotel. Wie wir denn ausrechnet auf dieses Haus gekommen sind, fragen unsere Duisburger Jungs. Wir tun unschuldig: "Eine Bungalow-Anlage in einem tropischen Garten mit zwei Swimmingpools. Was will man mehr?"

Die Hotelhalle ist nach drei Seiten offen, ein auf Säulen ruhendes Dach. Darunter im Kolonialherren-Stil: Rattan-Sitzgruppen, exotische Fische in plätschernden Brunnen, bunt schimmernde Flaschen in der Bar, freundlich lächelnde, dienstbare Geister. Und das alles für 30 Mark (450 Bäht) pro Übernachtung - egal wie viele Frauen die Herren mitnehmen.

Die Empfangsdame blickt kühl. Aber wir haben reserviert, für "B. Flitner und C. Filter", per Fax. Wir legen die Bestätigung auf die Theke - direkt neben das Schild, das "Frauen, die in den Zimmern der Gäste übernachten," befiehlt, "unaufgefordert die Identitätskarte vorzuzeigen". Hinter uns feixt es. Vier Kerle Hetzen sich breitbeinig in ihren Rattansesseln. Australier, die gar nicht so aussehen wie Sextouristen: ein distinguierter Fünfziger mit grauen Haaren; ein wortgewandter Mittvierziger und zwei schicke Endzwanziger mit Kurzhaarschnitt und Mozartzopf - als Doktoranden für jede Uni eine Zierde.

Unser Bungalow liegt im hinteren, ruhigeren Teil des tropischen Gartens, direkt am Zweiten Swimmingpool. Er hat wie jeder Bungalow hier zwei Zimmer mit eigenem Eingang. Die Räume sind spärlich möbliert: ein breites Bett, ein altersschwacher Kühlschrank von Toyota, eine ächzende Klimaanlage, ein Wandschrank aus Bambus, Dusche und WC. Vor dem Einschlafen relaxen wir auf unserer Terrasse.

Es ist viel besser gelaufen, als wir dachten. Wir sitzen wirklich mittenmang. Einfach so. Der Mond spiegelt sich im Wasser des Pools, Krötengeunke, das Zirpen von Grillen, Hibiskus und Orchideen duften. Im Garten des "Cottage" bleiben Lärm, Schmutz und Gestank der Second-Road draußen, auf der ein ewiger Strom von Motorrädern, Bussen, Lastwagen, Taxis und PKWs fließt.

Ihre Mietfrauen reichen ihnen frisches Obst oder feilen ihnen die Fußnägel.

Am nächsten Morgen beim Frühstück in der Hotelhalle flanieren sie an uns vorbei, die Männer, die sich hier wie zu Hause fühlen. Kein Typ, der nicht vertreten wäre: Der "Professor" sieht aus wie Walter Jens; er hält seiner Mietfrau, die weder Deutsch noch Englisch spricht, Vorträge zum Marmeladentoast. Die "Kröte" schleicht allein herum und glotzt, vermutlich ein Voyeur. Der "Opa" trägt diese rührenden Bügelfalten-Shorts in Hellblau zu seinen beigen Socken und den braunen Sandalen. Der "Beau" liest Max und könnte schwul sein, hat aber eine Thai-Frau im Schlepptau. Am Nachbartisch fragt ein in seinem Rührei stochernder Italiener seine Begleiterin: "Have you been in Italy?" - "No", antwortet sie und löffelt still ihre Reissuppe weiter. "Have you been in Germany?" - "No." -"Have you been in Europe?" - "No." - Am folgenden Morgen werden sich die beiden wortlos gegenüber sitzen.

Wie sollen wir uns ranmachen an unsere Mitbewohner? Sie bleiben unter sich, zumindest tagsüber. In Cliquen lagern sie um die Pools, trinken Sing-ha-Bier und Mekong-Whisky. Ihre Miet-Frauen reichen ihnen frisches Obst in mundgerecht zurechtgeschnitzten Häppchen und reiben ihnen die Bäuche mit Sonnenöl ein oder feilen ihnen Fuß- und Fingernägel.

Für 19 Uhr sind wir mit unseren Ruhrpottkumpels in der Hotel-Bar verabredet. "Und wenn sie uns versetzen?", keimt Hoffnung in mir auf. "Quatsch", sagt Bettina, "die sind absolut zuverlässig." - "Meinst du, dass sie wirklich Sextouristen sind, vielleicht machen sie ja nur Urlaub?" Bettina beginnt, an meinem Verstand zu zweifeln: "Natürlich sind die nur zum Bumsen in Pattaya. Was denn sonst?" Ja, was denn sonst... Um zwanzig vor acht betreten unsere Jungs die Hotelhalle - frisch gewaschen und nach Rasierwasser duftend. Siggi kommt allein. Aber Walter, unser Hamsterchen, wird von einer schicken Thailänderin begleitet. Günther hat ein sehr junges Mädchen dabei, sie sieht aus wie ein Kind.

Ich nehme einen kräftigen Schluck vom billigen Mekong-Whisky und verkünde tapfer und so laut wie möglich: "Da stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis." Solche Sprüche habe ich in meiner Eckkneipe zu Hause gelernt. Es klappt: Unsere Jungs lachen und revanchieren sich mit den "Kondomen", womit sie die Kühlbehälter meinen, in denen die Bierflaschen stecken. Das seien "die einzigen Präservative, die man hier benutzt". Stimmung kommt auf.

Wir schlagen den Duisburgern vor, zusammen essen zu gehen und dann "eine Sause" zu machen. Klar, wenn es uns nicht stört, dass die Thai-Frauen dabei sind. "Kein Problem", sage ich: "Ich bin für Freizügigkeit. Was Erwachsene miteinander tun wollen, sollen sie tun. Nur bei Kindern, da hört der Spaß auf..." Beifälliges Nicken von den Jungs. Wohlgefällig Blicke ringsumher. Das Eis ist gebrochen. Wir gehören ab jetzt dazu - oder immerhin fast.

Taek sagt kein Wort. Während des Essens greift sie unter dem Tisch nach unseren Händen.

Unser Hamsterchen verbringt nun schon den dritten Urlaub mit der 43-jährigen Kaet. Drei Ferienwochen lang lebt sie mit ihm in seinem Hotelzimmer. Sie organisiert alles für ihn und seine Freunde. Um nichts müssen sie sich selber kümmern. Kaet winkt das Taxi heran und handelt den Preis aus. Sie sucht das Restaurant aus. Sie bestellt. Sie füllt die Gläser. Sie zerlegt den Fisch. Sie verteilt die Speisen auf den Tellern. Vor und nach dem Essen reinigt sie ihrem Gatten auf Zeit mit einem heißen, feuchten Tuch Gesicht und Hände. Zum Schluss bezahlt sie aus seinem Geldbeutel. Hier ist die Männerwelt noch in Ordnung.

Die Ältere hat für Günther die Junge gebucht. Taek heißt die Kleine, 16 soll sie sein. Sie kommt aus dem Norden, vom Land. Bis vor kurzem hat sie angeblich in einer Näherei bei Bangkok gearbeitet. Die ist "ganz frisch", behauptet Kaet. Taek selbst sagt kein Wort. Während des Essens greift sie unter dem Tisch nach unseren Händen und drückt sie mit eiskalten Fingern. Immer wieder sucht sie unsere Nähe, hakt sich bei uns ein, fasst uns an. Will sie, dass wir sie in die Arme nehmen und fortschaffen von hier? Irgendwohin, nur weg von Günther aus Duisburg, der 40 Jahre älter ist als sie, doppelt so groß und zweieinhalb mal so schwer?

Das "Bordell des Westens" ist überall: in Eckkneipen, an Freilufttheken, in Bier- und A-Go-Go-Bars, in Night-Clubs und Massagesalons, auf der Straße und am Strand, in Absteigen und Luxushotels, in Imbissbuden und in Speiselokalen. Die ganze Stadt ein Puff, für eine Million Männer im Jahr.

Auch das "Sabailand-Center", wo wir nach dem Essen einkehren, ist einer: Dutzende von Hufeisen-Theken unter einem Dach, und jede schimpft sich "Bar". Die Zwei-Mann-Bands, die alle Wirte in den Konkurrenzkampf um die Kunden schicken, dröhnen gnadenlos. In jedem der Theken-Karrees warten - wie eingepfercht - fünf, sechs und mehr Frauen auf die Freier: junge und ältere, schüchterne und selbstbewusste, schöne und unscheinbare, schlichte und aufgedonnerte. Kurzum: ganz normale Frauen - wie zu Hause.
Zwischen den Theken wuseln Kinder herum, die bis zum frühen Morgen Kaugummis und Feuerzeuge anpreisen. Eine bettelnde Frau ohne Arme macht die Runde. Ein Mann ohne Beine rollt auf einem Brett mit Rädern an den Barhockern vorbei. Sofortbild-Fotografen, Blumen-, Zigaretten- und Brieftaschenverkäufer. Hände, die einen berühren, am Rücken, an den Schultern, an den Beinen.

Wir werden auch angefasst. Nicht nur von Bettlern und Händlern. Auch Prostituierte greifen zu. Es ist Anfang März. Die Saison klingt aus: Männermangel in Pattaya. Die Mädchen müssen Geld verdienen. Und so manch eine scheint lieber einer Frau zu Diensten zu sein als den weißen Herren.

Der Code der Sextouristen: ding-ding (trinken), Pussy und bumsing. Das genügt.

Ich bleibe mit Siggi im "Sabailand" hängen. Er erzählt mir seine Lebensgeschichte. 16 Jahre war er verheiratet mit einer Frau, die er schon im Sandkasten liebte. "Ich habe malocht, und sie hat studiert", jammert er. Seit zehn Jahren ist sie weg. Seit acht Jahren fährt er nach Pattaya. Zum ersten Mal seit der Scheidung hat Siggi sich wieder auf eine deutsche Freundin eingelassen und versprochen, dass er sich im Urlaub keine Thailänderinnen kauft. Er hält Wort. Um drei Uhr morgens fragt er mich, ob ich ihn in sein Hotel begleite.

Am nächsten Morgen sonnt "Papa" sich am Pool vor unserem Bungalow. Papa ist 60 und erinnert mich an meinen gutmütigen Vater. Papa hat sich für drei Wochen einen Jeep gemietet- und eine Thaifrau gleich dazu. Er freut sich, mich zu sehen, denn er langweilt sich mit seiner "Pussy". "Wieso Pussy?" - "So heißen alle Mädchen hier", erklärt mir der dreifache Großvater. Niemals hätte mein Vater eine Frau als "Pussy" bezeichnet... oder doch?

Papa ist schon zum zehnten Mal in Pattaya, aber Thailändisch kann er nicht und Englisch auch nicht. Er beherrscht lediglich ein paar Brocken jenes seltsamen Codes, den die Sextouristen für die Verständigung mit einheimischen Frauen erfunden haben: "ding-ding" (trinken), "Pussy" und "bumsing". Das genügt.

Papas Pool-Kumpel ist 39. Der trägt ein goldenes Kreuz auf der Brust und Tätowierungen auf den Oberarmen. Er reist heute ab. "Packt sie schon?" fragt Papa. "Bist du verrückt. Die lasse ich doch nicht an meine Seidenbettwäsche." Die hat er für umgerechnet 200 Mark in einer hiesigen Näherei anfertigen lassen und faltet sie lieber selbst zusammen: "James hin, James her." - "James?" - "Ich nenne meine Pussies immer James, weil alle Diener so heißen". Für 300 Bäht (20 Mark) am Tag massiert sie ihn, wäscht und putzt für ihn. "Das machen nicht die Zimmermädchen?"- Der Mann von Welt lacht über meine Provinzialität: "Die sind mir nicht gründlich genug. Wenn die durch sind, schicke ich meinen James noch mal mit einem Lappen hinterher."

Willi paddelt an den Beckenrand. Der 38-jährige, weißhäutige Bayer ist Frührentner und schwimmt mit T-Shirt: "Sonnenbrand. You understand?" Er ist viel herumgekommen in der Welt, denn: "Reis'n buildet." In Pattaya ist er zum zehnten Mal: "Hier is' am scheensten. Hier fühl' i mi wie dahoam. Bumsing all night long. You understand?"

Willi bleibt seinem "Viech" drei Wochen lang treu und vielleicht sogar länger.

Ich verstehe - schneller als mir lieb ist. Schon nach zwei Tagen scheint es uns nahezu normal zu sein, dass in Pattaya, hinter Heerscharen von großen, weißen Männern kleine, dunkle Frauen wie Schatten huschen. Nach zehn Tagen würden wir es vielleicht schon "völlig natürlich" finden. Willi verachtet die Männer im Hotel, die sich jede Nacht eine andere kaufen. Das sei "die reinste Prostitution". Er bleibt seinem "Viech" drei Wochen lang treu und vielleicht sogar länger, sagt er und krault ihr den Kopf. Gestern abend hat er bei seinen Eltern angerufen und gefragt, ob er eine Thailänderin heiraten darf. "Warum nicht?" hat seine Mutter gesagt: "Das sind doch auch Menschen."

Endlich kommt Bettina von Strand zurück. Sie schwärmt, wie einfach das Fotografieren für sie ist. Sie erzählt den Jungs, sie sei Fotostudentin und porträtiere Einheimische. Sofort rücken die Herren ihre Thai-Frauen ins Bild und sich selbst gleich dazu. Bettina hat interessante Typen am Strand getroffen: einen Zeitungskorrespondenten aus Russland, der angeblich auf Recherche hier ist und "Rudolf Augstein sehr verehrt". Und einen Kunststudenten aus Berlin, der sich zu fein ist, seine Thai-Frau, die er am Abend zuvor für zehn Mark aus einer Bar ausgelöst hat, zu bezahlen. Er glaubt, dass sie in ihn verliebt ist. Und überhaupt: "Ich kaufe keine Menschen."

Abends feiern wir "Geburtstag" im Sabailand-Center. Unsere Jungs aus Duisburg sind samt Begleiterinnen eingeladen, ein paar Männer aus dem Hotel gesellen sich dazu. Bettina, 31, erzählt, dass sie heute 28 wird. Alle versichern, dass sie wie 24 aussieht. "Das sind arme Mädchen hier", erklärt mir Siggi, "die kommen aus dem Norden. Die werden von ihren Eltern verkauft. Die müssen Geld für ihre Familien ranschaffen." - Siggi scheint Durchblick zu haben. - "Ja, aber du und deine Freunde, ihr profitiert doch davon." - "So ist das eben", seufzt Siggi.

"Die Jungs aus Duisburg bringen uns nicht weiter. Die hängen wir jetzt eiskalt ab", schlägt Bettina vor, als wir spät nachts vor unserem Bungalow sitzen. Die Terrasse ist der einzige Ort, wo wir einmal am Tag zwischen 3 und 4 Uhr wir selbst sein können. Aber wer sind wir eigentlich? Was wir sind, ist uns in dieser Nacht klar: ganz schön in der Bredouille. Hergekommen sind wir, um diese scheiß Sextouristen in die Pfanne zu. hauen. Getroffen haben wir den Mann von nebenan.

"In der ersten Woche ziehe ich sechs Stück durch. Danach hole ich mir eine feste."

Bettina ist bei der "Geburtstagsfeier" im Sabailand-Center von Volker und Reinhard für den anderen Tag an den Pool eingeladen worden. "Dich habe ich gestern abend beobachtet", begrüßt mich Reinhard. "Eine Stunde mit einem Typen quatschen", sagt Reinhard und greift energisch zur Singha-Bierflasche mit Kondom-Kühlung: "Ich hätte dich in dieser Zeit viermal vergewaltigt." Na dann Prost...

Volker, 44, ist zweimal geschieden und hat drei Kinder. Typ: moderner Manager, der auf Teamgeist setzt. Er klagt darüber, dass die "jungen Thai-Pussies" ihm "unten herum viel zu eng" sind: "Vier habe ich in einem Urlaub zerrissen." Seither kauft er sich nur noch ältere. Volker wird von Whisky zu Whisky mitteilsamer. Seine "Gebrauchsanweisung für Pattaya": "In der ersten Woche ziehe ich sechs Stück durch. In der zweiten und dritten hole ich mir eine feste." Bei den "festen Pussies" empfehle es sich - er senkt seine Stimme, weil seine derzeitige zwei Liegen weiter sitzt - "sie in der Hoffnung zu wiegen, dass sie irgendwann einmal geheiratet werden". Das wirkt "motivierend": "Man verspricht ihnen den Himmel, und sie glauben's. An irgendwas muss der Mensch ja glauben."

Klaus tritt auf, ein jungenhafter 50er. Er ist Volkers bester Freund, und wir finden es sympathisch, dass er seine Dauer-Mietfrau "gut" behandelt. Sie darf neben ihm auf der Liege sitzen, und er sorgt dafür, dass ihr Glas immer voll Orangensaft ist. Seine Kumpel halten ihm vor, dass sie "viel zu dunkel" ist und eine "viel zu breite Nase hat." - "Das ist mir egal", sagt Klaus und gibt ihr einen Kuss: "Ich habe sie trotzdem gern. Sie ist eben mein Kohlenkasten." Wirklich nett, der Klaus...

Jetzt wird's gemütlich. Reinhard zeigt Fotos von zu Hause: eine Fabrik in schöner Landschaft, sein Sohn vor einem roten Sportwagen, eine gepflegte Dame in einem eleganten Sommerkleid. "Meine Frau denkt", gesteht Reinhard, "dass ich auf einer Messe in Bangkok bin." Dreimal ist sie an Krebs operiert worden. "Mit der darf ich nicht mehr." Darum hat er sich eine neue Frau gebastelt, die der alten gleicht. Seine "Pussy" sah ihm anfangs "zu nuttig" aus: "ein richtiger Schminkkasten". Da sind die Freunde zusammen in die Stadt gegangen und haben sie eingekleidet. Jetzt hat Reinhard auch in Thailand eine Dame - "wie zu Hause".

"Die Frauen in Österreich wollen nicht waschen und putzen. Das ist hier ganz anders."

Wie zu Hause - dieses Lob kommt fünf Sternen gleich, es rangiert hoch oben auf der Komplimente-Hit-Liste von Sextouristen in Pattaya. Nur: Zu Hause hakt die Sache seit ein paar Jahren. "Die Frauen in Österreich", vertraut uns Konstantin, 36, aus Wien beim Frühstück an, "wollen einen Beruf und ein Auto. Kochen, waschen und putzen wollen sie nicht. Das ist hier ganz anders." Den Beweis dafür liefert er prompt. Er führt uns in seinen Bungalow und öffnet die Tür zum Bad: Da kniet auf dem Boden der Dusche eine Thailänderin und rubbelt auf einem Waschbrett seine dreckigen Unterhosen.

Verdammt, wir kommen nicht an die jungen Coolen ran. Sie neigen nicht zur Kumpanei mit Frauen. Tagsüber brausen sie in aufgemotzten Jeeps oder auf Motorrädern durch die Straßen, abends trifft man sie auf dem "Strip", wo die Mädchen fast nackt zu Rap-Rhythmen aus New York in den A-Go-Go-Bars tanzen: mit Nummern vorne auf den Tangas, damit der Freier ordern kann. Gern hängen die jungen Coolen auch schweigend an den Freilufttheken im Zentrum herum, da, wo Horrorvideos und Machofilme auf riesigen Bildschirmen laufen: "Der Terminator", "Rambo" und "Die Nacht der lebenden Leichen".

Am Pool vor unserem Bungalow lernen wir dann doch noch zwei Junge kennen: Thorsten und Sven. Beide sind 22, aber nicht cool. Beide werden wir nicht mehr los, wie kleine Hunde laufen sie hinter uns her und tönen uns die Ohren voll. Thorstens Vater weist die Sprösslinge in die "Geheimnisse der käuflichen Liebe" ein. Er selbst, so erzählt der Versicherungsvertreter stolz, war im Laufe von fünf Jahren schon 30 Mal in Pattaya.

Der Sohn leistet Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz. Seitdem er verlassen wurde, kann er sich eine Beziehung zu einer Deutschen überhaupt nicht mehr vorstellen. Sein Freund Sven ist Soldat und träumt nicht von der käuflichen, sondern von "der großen Liebe". Die allerdings möchte er in Deutschland finden. In der Zwischenzeit will er sich freiwillig zur UNO-Friedenstruppe in Kambodscha melden: "Dann kann ich in Pattaya meine Freizeit verbringen." Phnom Penh gilt seit neuestem als Geheimtip für Freier aus Deutschland und Japan. Doch das weiß Sven nicht. Noch nicht. Wo Soldaten auftauchen, beginnt die Prostitution.

Am Abend mieten sich die beiden netten Jungs eine Frau in der "Rosemarie-Bar". Da ist die Ablöse so günstig: nur 150 Bäht (zehn Mark). Die kassiert der Barbesitzer. Den Mädchen zahlen sie 300 Bäht (20 Mark) pro Nacht, Maniküre und Pediküre Inbegriffen. Die beiden müssen sparen: "Wir drücken nicht so viel wie die Alten ab, weil die Frauen's lieber mit den Jungen treiben." Weil sie "wie wild herumknipst", haben Sven und Thorsten Bettina den Spitznamen "die Reporterin" verpasst. Über diesen gelungenen Witz lacht sich die halbe Pool-Belegschaft tot. Auf die Idee, dass wir wirklich Journalistinnen sind, die verdeckt recherchieren, würde niemand hier kommen. Das trauen sie Frauen einfach nicht zu, unsere Jungs - weder hier noch zu Hause.

Der letzte Tag. Wo wir gehen und stehen, ruft es: "Kommt doch rüber!", "Setzt euch zu uns!" Endlich zwei deutsche Frauen, die mit sich reden lassen. Tolerante Mädchen, keine prüden Ehe-Tussies oder Schwanz-ab-Emanzen. Wir machen "das Zuhause" für die Jungs in Pattaya komplett.

Wir haben die Schnauze gestrichen voll von der Kumpanei mit den Freiern.

Wir aber haben heute keinen Bock auf Geplauder. Uns reicht's. Wir haben die Schnauze gestrichen voll von der Kumpanei mit den Freiern. Bettina verzieht sich an den Strand. Ich verkrieche mich im Bett. Doch auch da bin ich nicht sicher. Es klopft. Sven, der junge Soldat, steht vor der Tür: "Ich wollte mir nur mal ein Zimmer mit Klimaanlage anschauen..."

Die letzte Nacht. Wie immer hocken wir vor unserem Bungalow und erholen uns von den Freiern. Plötzlich lautes Türenknallen, ein Mann brüllt, eine Frau schreit. Heftiges Schluchzen von der anderen Seite des Pools. Wir holen das Mädchen auf unsere Terrasse.

Ihr Typ hat sie verprügelt und rausgeschmissen, weil sie von einem Besuch bei Verwandten später als angekündigt zurückgekehrt ist. "Dingding too much", sagt sie, und dass sie ihn liebt und dass er versprochen hat, sie nach Deutschland zu holen. Als Beweis dafür zeigt sie uns ein Foto von ihm, das er ihr schenkte: Ein blonder junger Mann mit blauen Augen lächelt uns freundlich entgegen. "Bad man", sagen wir. "Yes, bad man", heult sie: "Young men are bad men. Old men are good men. Young men are cruel."

Eine Tür wird leise geöffnet, ein Lichtstrahl fällt in den Garten: "bad man" hält Ausschau nach ihr. Sie lauscht einen kurzen Augenblick, und schon fliegt sie durch die Nacht, zurück zu ihm. Ganz wie zu Hause bei uns. Eine Woche kann eine Ewigkeit dauern.

Am anderen Morgen reisen wir endlich ab. Auch für "bad man" ist der Urlaub vorbei. Ein TUI-Bus holt ihn ab, um ihn zum Flughafen nach Bangkok zu bringen. Seine thailändische Freundin schaut traurig hinter ihm her. Sie weint und winkt. Sie will nicht zurück in das dunkle Loch, das sie sich mit vier anderen Mädchen teilt. Sie will nicht wieder von vorne anfangen, sich nicht an einen Neuen gewöhnen, nicht wieder bangen müssen, ob es "a bad man" oder "a good  man" ist. Sie will nicht mehr vertrieben werden - nach drei Stunden, drei Tagen oder drei Wochen. Sie träumt von einem Zuhause.

Dass er den Mädchen den Himmel verspricht, weil "der Mensch an etwas glauben muss", hat Volker vor ein paar Tagen gesagt. Diese Frau glaubt an nichts mehr. Wenigstens für den Augenblick. Langsam, wie eine Kranke, geht sie die Second-Road hinunter, noch zarter als sonst sieht sie aus, zerbrechlich und schutzlos. Die Plastiktüte in ihrer Hand enthält alles, was sie besitzt. Und auf dem Rücken ihres billigen T-Shirts leuchtet der Satz: "They call it paradise."

In den Tagen nach unserer Rückkehr findet mein Freund mich "kratzbürstig". Und von Bettina höre ich, dass die Jungs aus Pattaya plötzlich alle in Köln herumzulaufen scheinen...

Artikel der EMMA 3/1993 als pdf anschauen.

Mehr von Bettina Flitner: www.bettinaflitner.de

Artikel teilen

Was ist die DDR für dich?

"Aber es war trotzdem eine schöne Zeit." Ursula Hussel, 65, Arbeiter - © Bettina Flitner
Artikel teilen

Wo genau sitzt eigentlich die Erinnerung? Vorne? Hinten? Tief drinnen? Ich halte den Kopf in der Hand. Er ist in der Mitte durchgeschnitten und man kann das Gehirn sehen. Die roten Windungen laufen nach oben und unten, nach rechts und nach links. Wo aber sitzt die Erinnerung?

Anzeige

Ich bin nicht allein hier. Karl und Wladimir sind auch da. Und Erich schaut hinter dem Bücherstapel hervor. Und dann liegt da noch ein Auge, ein Ohr, eine Hand. Die verstreute Anatomie eines Menschen. Eines Menschen aus Plastik. Oder Plaste, wie man hier früher gesagt hat. Man kann den Kopf auseinandernehmen und nachsehen, wie er von innen aussieht. 

Der Raum ist voll. Schautafeln, Landkarten, Kartenständer, Schulbücher, rote und weiße Holzkugeln für den Chemie­unterricht und zerlegbare Körpermodelle, das alles liegt hier gestapelt bis zur Decke. „Wenigstens das konnten wir retten“, sagt Claudia Stauss vom Verein „Denkmal-Kultur-Mestlin e.V.“. Nur ein Bruchteil von dem, was gleich nach der Wende aus der Bibliothek des Kulturhauses und 2013 aus dem Schulspeicher auf die Straße flog. „Das kam einer Bücherverbrennung gleich“, sagt mir später ein ehemaliger Lehrer. Bänke, Tische, Bilder, Statuen, Bücher. Die flogen nur so durch die Fenster in den Container auf dem Marx-Engels-Platz. Der Denkmalverein brachte ein paar Dinge in Sicherheit. Und so steht nun das gerahmte Porträt von Erich Honecker hier, hinter Kinderbüchern und Schaubildern. Die Schrift „Die Sache Lenins siegt und lebt“ liegt zuoberst und „Mein Leben“ von Karl Marx liegt da auch. Ich stehe im Kulturhaus von Mestlin und staune über die staubige Schatzkammer. 

Das kam einer Bücherverbren-
nung gleich, sagt ein ehemaliger Lehrer.

Seit drei Tagen wohne ich jetzt hier, in diesem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Und ich werde noch ein paar Wochen bleiben. 25 Jahre nach dem Mauerfall will ich wissen, was von der DDR noch übriggeblieben ist. Und bin bei meiner Suche auf diesen Ort gestoßen.

Mestlin, das erste und einzige sozialistische Musterdorf der DDR. Zwischen 1952 und 1957 wurde hier ein sozialistischer Landtraum erbaut: Das gigantische Kulturhaus fürs Volk, am anderen Ende des riesigen Platzes der Konsum, nebenan der Industrie- und der Lebensmittel-HO, rechts die Schule, daneben der Kindergarten und der Kinderhort, auf der anderen Seite das „Landambulatorium“, das Krankenhaus mit Entbindungs- station, Augenarzt, Operationssaal, Physiotherapie. Ein Dorf mit allem Komfort der Stadt. 180 solcher Vorzeigedörfer sollten es werden. Aber allein der Bau von Mestlin verschlang drei Millionen Ostmark, und so ist es bei diesem einen Dorf geblieben. Die Kulisse steht noch, auch wenn sie bröckelt. Nur, wie sieht es innen aus, in den Menschen? 

Meine Adresse: Marx-Engels-Platz 6. Ein Zimmer in einem der 1953 gebauten Wohn- häuser für die Arbeiter und Bauern von Mestlin. Sechs Quadratmeter DDR, die Wände dünn wie Papier. Unter mir der Konsum, der dann „Quelle“ wurde und nun seit Jahren leer steht. Über mir Conny, Mutter von vier Kindern. Conny arbeitet bei der Arbeiter- wohlfahrt, Marx-Engels-Platz 4, gleich nebenan. Hinter den AWO-Räumen war früher die Gemeindeverwaltung, die Post, die Sparkasse. 

Das Früher liegt jetzt hinter einem roten Vorhang. Der ist ganz zugezogen. Ob ich mal dahinter gucken kann, frage ich Agnes, die Kollegin von Conny. Agnes erhebt sich und schiebt den roten Vorhang langsam beiseite, dahinter ist eine Tür. Als sich der Schlüssel endlich dreht und die Tür sich öffnet, wird es plötzlich ganz kühl und dämmrig. Ein modriger Geruch schlägt uns entgegen. Rechts, am Ende des Ganges, zeichnet sich ein Wandfresko ab. Wir gehen dichter ran. „Alles mit dem Volk, alles durch das Volk, alles für das Volk“ steht über dem Bild, auf dem ein Traktor, ein Bauarbeiter und zwei Schüler mit Spaten zu sehen sind. „Ist doch schön, oder?“ murmelt Agnes, mehr zu sich selbst als zu mir.

Eigenartigerweise flüstern wir, als wir den Gang weitergehen. Agnes bleibt drei Schritte hinter mir, als ich vorsichtig weitere Kammern öffne. „Hier saß Frau Kalkhorst“, flüstert Agnes, „die Lampen, die sind noch original“. Im Büro des Bürgermeisters hängen noch die alten orangefarbenen Gardinen. „Und der Geruch, der ist auch noch der gleiche“, wispert Agnes. Links und rechts vom Fenster stehen zwei große Tresorschränke, die Schlüssel stecken noch. Beide sind leer. Nur auf den Brettern pappen noch die mit der Schreibmaschine getippten Aufkleber von Frau Jörres, der Standesbeamtin. Aufkleber, die das Leben fein säuberlich eingeteilt haben nach „Aufgebote“, „Sachen Ehe- schließung“ und „Sachen Sterbefall“.

Herr Schulze,
bis zur Wende Schuldirektor, ist das Gedächtnis von Mestlin

Als ich wenig später in der gleißenden Sonne auf dem Marx-Engels-Platz stehe, treffe ich an der Bushaltestelle Alina, 14 Jahre alt. „Was weißt du eigentlich noch von der DDR“, frage ich sie. „DDR? Keine Ahnung“, antwortet Alina. Irgendwas? „Ohje … ok … Die haben in engen Räumen gewohnt … und … hmmm…die hatten nicht so viel zu essen wie wir“, sagt sie. „Und die mussten sich sogar ihre Haare selber schneiden“.

Herr Schulze winkt mich heran. Er war bis zur Wende Schuldirektor. Dann wurde der Parteigenosse entsorgt. Ein paar Jahre später ist er Bürgermeister von Mestlin. Seit die Gemeindeverwaltung ­geschlossen wurde, hat der Bürgermeister sein Büro in der Schule. Und so will es das Schicksal, dass Herr Schulze wieder genau da sitzt, wo er vorher auch war: in seinem alten Direktorenzimmer, auf seinem alten Platz. 

Die Schule steht neben dem Kulturhaus und ist ebenfalls ein sozialistischer Musterbau. Früher lernten hier 500 Schüler, jetzt sind es höchstens noch 50. Das Fresko an der Außenfassade zeigt einen Lehrer, der wissbegierigen Kindern einen Maiskolben erklärt. Darüber sind fleißige Schnitterinnen zu sehen. Als ich, dem Ruf des Bürgermeisters folgend, das Gebäude betrete, kommen mir ein Mädchen mit Lillifee-Ranzen und ein Junge mit Basecap entgegen. Sie laufen unter der Uhr her, die seit 50 Jahren weitertickt, und an den sozialistischen Wandfresken vorbei, die Kinder aus aller Welt zeigen. Sie laufen an dem Sinnspruch am Eingang entlang, auf dem heute in Schreibschrift steht: „Wissen ist ein Schatz, der den ­Besitzer überallhin begleitet.“ 

Bei Herrn Schulze treffe ich den ehemaligen Chemielehrer, Herrn Peters. Er ist 87 Jahre alt und das Gedächtnis von Mestlin. Herr Peters hat 1951 an der Schule angefangen und bis zur Pensionierung hier gelehrt. Er wohnt gleich neben der Schule, in einer der ersten Musterwohnungen in der Ernst-Thälmann-Straße. Er muss seinen Job gut gemacht haben, denn später komme ich mit vielen weißhaarigen Schülern um die siebzig ins Gespräch, die immer noch vom Lehrer Peters schwärmen.

Herr Peters hat jedes Ereignis, jedes Datum gespeichert. Er hat eine Chronik über Mestlin geschrieben. Wir sitzen in seinem Archiv in einem Raum der Schule und reden und reden. In den 70er Jahren habe er gemerkt, dass es nicht funktionieren kann. „Schade“, sagt Herr Peters, aber die Menschen legten den Egoismus eben nicht ab. Und dann diese Spitzelei. Da hätte man nicht froh werden können. Dieses ewige Umgucken, ob da nicht jemand mithört, der nicht mithören soll … Er hat Plakate, Fotos, Dokumente, Briefe gesammelt. Schrank um Schrank voll mit Schätzen aus vergangenen Zeiten. Da liegen die Veranstaltungspläne für das Kulturhaus von April 1975. Zum Jahrestag des Sieges der ruhmreichen Sowjetarmee! Bürger Mestlins! Schmückt eure Häuser mit Fahnen und Girlanden!

Ich klingle an den Türen der Bürger Mestlins. Ich will wissen, ob sie noch was haben aus der DDR. Irgendeinen Gegenstand, etwas von dem sie sich nicht trennen konnten. Nee, sagen die meisten. Alles weg. Weg. Alles weggeworfen. Wir haben doch alles neu. Ja. Oder? Warten Sie mal. Na, doch. Der Orden. Der könnte noch. Aber wo? Da muss man aber erstmal suchen. Kommen Sie doch morgen wieder.

Am nächsten Tag wieder klingeln. Jetzt gibt’s Kaffee und Kuchen, frisch­gebackene Kekse, Kassler mit selbstgezogenem Gemüse. Und es liegen fremde Dinge auf dem Tisch: Parteiausweis, NVA-Ausweis, Ausweise, auf denen quer ein „ungültig“ gestempelt ist, Pionierhalstücher, FDJ-Hemden, goldene Sportmedaillen, Briefe, die „mit sozialistischem Gruß“ unterschrieben sind, Fotos, Jugendweihe-Urkunden, Ehrenbanner der SED. Es liegen da Anstecknadeln von DKP, SDAJ, DTSB, DFD, FDJ. Und es fallen Worte, die ich noch nie gehört habe: Spartakiade, Aktivist, Sobotnik, Abschnittsbevollmächtigter, Volkssolidarität, Pionierleiter, Gruppenrat. Und mit diesen Worten steigen auch die verborgenen, die weggepackten Erinnerungen hoch. 

Es fällt ihr der Name einer DDR-Schauspielerin ein: Marylin Monrow.

Zum Beispiel bei Frau Frank und ihrem Mann. Da sitzen zwei am Küchentisch, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie war Lehrerin, für Deutsch, Geschichte und Staatsbürgerkunde. Und Parteisekretärin. „Eine rote Socke, wenn Sie so wollen“, sagt sie und lacht. Na, und er? „Mich wollten die immer haben, Intelligenz hatten die ja schon genug“, sagt der Elektriker mit einem schrägen Blick auf seine Frau. „Aber mir war das einfach zu viel Geschwafel.“ Wie jetzt? Nicht immer alle auf Linie in der Familie? Jetzt lachen beide. Mächtig gefetzt hätten sie sich.

An der Bushaltestelle auf dem Marx-Engels-Platz hängen Kevin und Liza ab. „Was wisst ihr eigentlich noch von der DDR?“ will ich wissen. „DDR?“ fragt der 17-jährige Kevin überrascht. „Ach du Scheiße. Das hatten wir doch in der Schule … Warte mal … Die hatten keine Autos, nur Pferde und Kutschen“. Und Liza, 16, stöhnt: „Alt. Alte Klamotten, alte Frisuren, alte Filme. Schwarz-weiß.“ Und dann fällt ihr noch der Name einer alten DDR-Schauspielerin ein: „Marylin Monrow hieß die.“ 

Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft war schon immer der größte Arbeitgeber in dem Dorf, das jetzt noch knapp 800 Einwohner hat. Und ist es bis heute. Früher waren es 300 Teilhaber, heute sind es noch 20. Aber sie funktioniert immer noch, und sogar gut. Auf dem Weg dahin begegnet mir der Mann, der früher „Scheiß Osten“ hieß. Er hat eine Tischlerei in den ehemaligen Räumen des „Kreisbetriebes für Landtechnik“. Die ist pleite gegangen. Ein überwuchertes Grundstück gleich neben der LPG. „Scheiß Osten“ hieß „Scheiß Osten“, weil er früher immer „Scheiß Osten“ gesagt hat. Jetzt heißt er „Scheiß Westen“.

Frau Nörenberg-Kolbow ist die Leiterin der LPG und eine resolute Frau. Sie hat Pflanzenproduktion in Rostock studiert, an der „Wilhelm-Pieck-Universität, aber die heißt ja heute anders“. Frau Nörenberg zeigt mir die LPG, da stehen die alten Traktoren, Marke „Aktivist“ und „Brockenhexe“ neben den hochmodernen zehn Mal so breiten Mähmaschinen. Aber die alten sind noch in Betrieb. „Unverwüstlich“, sagt die LPG-Leiterin. 

Ob hier noch was auf dem Speicher ist? frage ich wieder mal. Wir steigen die engen Holzstiegen hoch, Frau Nörenberg voran. An dem mit Girlanden dauergeschmückten Saal für Feiern vorbei, und noch eine höher. Dann wird’s dunkel und die Stiegen werden enger. „Hier war ich ja seit 20 Jahren nicht mehr“, murmelt Frau Nörenberg. Durch drei kleine Fenster an der Stirnseite des großen Speichers fällt etwas Licht. Es fällt auf die Fahrtenbücher von 1975. Es fällt auf eine Kiste Glühbirnen vom volkseigenen Betrieb Berliner Glühlampen-Werk. Es fällt auf große Holzstäbe, die mit einem Gürtel zusammengebunden sind, die sind aus dem Jahr 1945. Es sind die Stäbe, mit denen die Großbauern enteignet wurden, die Stäbe, mit denen zur Bodenreform das Land abgemessen wurde. Das alles ist halb mit dickem Staub bedeckt, die andere Hälfte wird von einer Deutschlandflagge zugedeckt. „Aber das ist, glaube ich, die Westfahne“, sagt Frau Nörenberg und hebt sie kurz an. Ja, ist es. „Och“, sagt Frau Nörenberg, als ich nach hinten ins Dunkel zeige. Da stehen noch weitere Fahnen, sorgfältig zusammengerollt: Die DDR Fahne und zwei rote Fahnen. 

An der Bushaltestelle auf dem Marx-Engels-Platz langweilt sich Michi mit seinen Kumpels. Sie sind 14 Jahre alt. Was wisst ihr eigentlich noch von der DDR? „Nichts!“ rufen alle unisono. Ich zeige auf das Straßenschild: „Und Marx und Engels, irgendeine Idee?“ Michi zuckt mit den Schultern „Keine Ahnung, den kenne ich nicht.“ Und er fügt entschuldigend hinzu: „Aber ich wohn’ ja auch noch nicht so lange hier.“

Was wisst ihr eigentlich noch von der DDR? 

Je länger ich da bin, desto stärker ich eintauche in den Mestliner Dorfalltag, desto mehr werde ich zur Dorffotografin. Die Theater-Gruppe, die im Kulturhaus probt, braucht ein Plakat. Und dann noch schnell für die Ankündigung Fotos für die Schweriner Volks- zeitung. Die Schule fängt an und Herr Bölsche, der Reporter des Dorfes, der früher mal VK Bölsche, Volkskorrespondent Bölsche hieß, ist ausgerechnet an diesem Samstag nicht da. Ob ich nicht? Ich kann. Einen Vormittag lang fotografiere ich Kinder in Sonntagskleidern mit viel zu großen Schultüten vor einem Blumengesteck.

Ich gehe mit den Jugendlichen im See schwimmen, mit den Anglern angeln und bei dem gastfreundlichen Ehepaar Biermann verbringe ich meine Nachmittage bei türkischem Tee und Geschichten von früher. Was war hier früher alles los! In unserem schönen Kulturhaus. Wer war nicht alles hier: Bärbel Wacholz, der Gert-Michaelis-Chor, das Polizei-Orchester aus Schwerin. Sogar Karat und die Puhdys. Unten im großen Saal wurde Theater gespielt, rauschende Feste wurden gefeiert. Man saß brigadeweise zusammen und sang: „Der Mais, der Mais, wie jeder weiß, das ist ein strammer Bengel, der Mais, der Mais, das ist die Wurst am Stengel“. Das war das Maisfest. Und dann der Pionier-Fasching, die Namensgebungen, die Jugendweihe-Feiern! Da platzte das Kulturhaus aus allen Nähten. Dafür wurden im Konsum von Rita Staats schon mal ein paar Extra-Portionen Negerküsse zur Seite gelegt. Und der Bäcker Melchert machte 70 Torten mehr und dazu Windbeutel, Schillerlocken, Liebesknochen und Hefeschnecken.  

Die Feiern zum 8. März fanden im kleinen Saal statt. Da wurden zum Frauentag die Nelken überreicht. Und die Frauen saßen an langen Tafeln zusammen und ließen sich von den Männern Kaffee und Kuchen servieren. Dann gab’s bulgarischen Rotwein und es wurde bis in die Puppen getanzt.

Was war früher alles los in unserem Kulturhaus!

Am Ende des kleinen Saales fällt, wie bei einer Kathedrale, Licht durch ein Glasbleifenster. Leuchtende Szenen eines heilen sozialistischen Alltags, Feldarbeiterinnen, Schlosser, Zimmermann, Krankenschwester. Alle Teil des großen Ganzen. Dem Fenster fehlt jetzt die untere Hälfte. 

Das gehört zur anderen Geschichte von Mestlin. Eine Art Kollektivtrauma, das ich immer wieder zu hören bekomme. Es fängt gleich mit der Wende an. Der Wessi kam und mit ihm die erste Großraumdisco in der Region, ausgerechnet ins Kulturhaus Mestlin. Ein vielleicht nicht so ganz naiver Bürgermeister machte es möglich. Der Wessi schüttete Sand auf das Parkett, er strich die Wände schwarz und übermalte ein Fresco mit Landarbeitern am Eingang. Er riss die Kronleuchter runter und ließ sie auf dem Steinboden zersplittern. Mestlin, das sozialistische Musterdorf, wurde am Wochenende Ziel von Tausenden von Disco-Besuchern aus Hamburg. Sie pinkelten auf den Marx-Engels-Platz und kotzten in die Ernst-Thälmann-Straße. Der Wessi machte sich irgendwann aus dem Staub, und nahm alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Die Mestliner saßen buchstäblich vor den Trümmern ihrer Geschichte. 

Die Zeit. Wie lange bin ich jetzt hier? Eine Woche? Zwei? Drei? Die Zeit scheint hier langsamer zu vergehen. Wieso? Weil mehr davon da ist? 

An der Bushaltestelle steht die 20-jährige Nicole mit Kinderwagen, darin ist ihre drei Monate alte Tochter. Sie wartet auf den Bus nach Schwerin. Auf Nicoles Hose ist ein schwarzer Aufnäher, auf dem eine Faust ein Hakenkreuz zerschlägt: „Gegen Nazis“ steht darunter. Was weiß Nicole eigentlich noch von der DDR? Sie stöhnt: „Meine Eltern erzählen so oft davon, ich kann’s nicht mehr hören. Das ist Vergangenheit. Und ich, ich lebe im Hier und Jetzt.“

Bettina Flitner

www.bettinaflitner.de

 

Weiterlesen
 
Zur Startseite