In der aktuellen EMMA

Angesagt: die Pussymode!

Die Vulva ist angesagt! Hier eine Performance von Sängerin Peaches. - Foto: Gary Miller/Getty Images
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Glänzende Schamlippen aus Satin, die am Hals schaukeln, aufgenähte Vulven an Ärmeln und Hosenbeinen und eine Perle als Klitoris am Reißverschluss einer Handtasche: Als das Berliner Label Namilia im Herbst 2017 auf der New York Fashion Week seine Kollektion „Labia of Love“ präsentierte, zwinkerten hunderte rosarote Pussys auf dem Laufsteg dem Publikum zu. Auf einem ausladenden Rokoko-Kleid prangten allein an der Vorderseite gleich 26 knallige Weiblichkeiten.

Die Vulva ist angekommen! Ihre Darstellung ist längst nicht mehr nur auf die Kunst beschränkt, irgendwo zwischen weiblichem Objekt und feministischer Kunst. Inzwischen taucht sie immer häufiger auch in der Mode und in der Popkultur auf, in Comics, Büchern, Musikvideos. Als spielerisches Element, als Zeichen der Stärke, als Gegenstück zum ewigen Penis.

Der US-Designer Thom Browne etwa näht seinen Kleidern sorgsam eingedrehte Blüten in den Schritt, der Südkoreaner Kaimin bedeckte den Vulvabereich seiner Models auf dem Laufsteg mit so genannten „vagina wigs“ (langhaarigen, buschigen Perücken) und die Firma Damnsel hat die „Pussy Pouch“ im Angebot. Handtaschen, die wie eine perfekt geformte Vulva aussehen – mit Glitzersteinchen als Klitoris. Es gibt Unterhosen, die wie in einem medizinischen Lehrbuch mit dem weiblichen Unterleib bedruckt sind. Das Modeunternehmen Monki feierte seinen zehnten Geburtstag damit, dass es Frauen vor einer Wand aus Papp-Schamlippen fotografieren ließ. Die isländische Sängerin Björk trägt auf dem Cover ihres Albums Utopia eine Vulva auf der Stirn, und die Sängerin Janelle Monáe verwandelte sich für das Video ihres Songs „Pynk“ in eine tanzende Vulva in Pussy-Pants (EMMA 4/2018).

Der wollene „Pussy Hat“, bekannt geworden als rosa Protestmütze gegen den „Pussy Grabber in Chief“ im Weißen Haus, wird inzwischen sogar im Victoria and Albert Museum in London ausgestellt. Ohne Vulva geht nichts mehr, scheint es. 

„Die Darstellung der Pussy sollte heute längst kein Tabu mehr sein“, erklärt Modedesigner Nan Li von Namilia. Doch nach der Präsentation ihrer Vulva-Kollektion in New York gab es für ihn und seine Kollegin Emilia Pfohl nicht nur positives Feedback. Ein Jahr zuvor, bei ihrer ersten Kollektion mit massenhaft Penis-Symbolen, seien die Reaktionen weit weniger kontrovers ausgefallen, so Nan Li. Damals tauchte das männliche Glied als Spitze verarbeitet an Hosen auf, wurde als krachiges Sym­bol um Jacken­ta­schen gestickt und zierte den so genannten „Dickini“: ein Bikini-Oberteil mit zwei dicken Schwänzen, die sich an die Brust seiner Trägerin schmiegen. „Der Penis gilt als ein Symbol für Stärke, deswegen wollten wir ihm mal die ganze Power nehmen und ihn verniedlichen“, erklärt Nan Li zwinkernd.

Mit ihrer Vulva-Kollektion zelebrieren die Berliner hingegen die Kraft des weiblichen Geschlechtsorgans. Motto: „Die Frau gehört nicht unter den Rock, sondern auf den Rock!“ Deswegen sei diese Kollektion als ein Zeichen der Gleichberechtigung zu verstehen – auch wenn man die Frau natürlich nicht nur auf ihren Unterleib reduzieren wolle. Nach „free the nipple“, wo die Brustwarzen BH-frei durch die Bluse schimmern, ist jetzt also „free the pussy“ dran.

Dabei geht es nicht nur um Provokation oder Protest. „Ich wünschte, ich hätte als junge Frau mehr über mich und meinen Körper gewusst“, sagt Liv Strömquist. Die Schwedin hat in ihrem Comic „Der Ursprung der Welt“ die Kulturgeschichte der Vulva gezeichnet und thematisiert darin die patriarchal geprägte Forschung rund um die Frau. Erst 1998 wurde die tatsäch­liche Größe der ­Klitoris erforscht. Von einer Forscherin wohlgemerkt (EMMA 4/2013). „Mit meinem Buch wollte ich meinen Teil beitragen, um Frauen aufzuklären,“ sagt die Comiczeich­ne­rin, und „Für den Penis haben wir so viele verschiedene Namen, aber für das weib­liche Geschlechts­organ gibt es einfach kein gutes Wort.“ In Schweden hat man vor einigen Jahren mal den Begriff „snippa“ erfunden. Gemeint ist damit aber nur das Genital von Mädchen. „Für erwachsene Frauen kann man es nicht verwenden“, sagt Liv Strömquist. „Wir sind irgendwo zwischen medizinisch und vulgär hängen geblieben.“

Für Simone de Beauvoir war die Vulva „der Frau selbst ein Geheimnis, mit bedrohlichem Eigenleben“ und Gloria Steinem beklagte die „Da-unten“-Generation. So ist in unserem Alltag auch fälschlicherweise ständig die Rede von der Vagina. Dabei bräuchte man einen Röntgenblick, um die von außen zu sehen, denn damit ist lediglich der schlauchförmige Eingang gemeint, während die Vulva hingegen alles Sichtbare umfasst. Nur wissen das die wenigsten. Dazu kommt, dass viele Frauen nach wie vor sowieso keine rechte Ahnung haben, wie es „untenrum“ bei ihnen eigentlich aussieht. Auch 2018 noch nicht.

Als der Künstler Jamie McCartney vor zehn Jahren seine „Great Wall of Vaginas“ enthüllte, eine neun Meter lange Wand mit 400 Gipsabdrücken von Vulven, wollte er zeigen, wie normal die Varianten seiner Modelle sind. Die Frauen waren zwischen 18 und 76 Jahre alt und ihre Vulven sind so unterschiedlich wie ihre ganzen Körper: klein oder groß, mit kurzen oder längeren inneren Schamlippen, wenig oder stark gewölbt. Mit seiner Wand wollte McCartney für etwas Aufklärung sorgen nach dem Motto „It’s not vulgar. It’s vulva.“

Getan hat sich in den vergangenen Jahren aber so einiges: Neben modernen Aufklärungsbücher („Viva La Vagina“) und Comics gibt es Webseiten wie OMGyes.com, auf denen Frauen sich in Videos gegenseitig zeigen, wie sie sich am besten selbst befriedigen, und den perfekten Orgasmus kann man in einer Art Computerspiel am Bildschirm üben.

Die französische Wissenschaftlerin Odile Fillod hat wiederum die Klitoris sichtbar gemacht und ein Modell in Originalgröße entwickelt, die man sich mit einem 3D-Drucker ausdrucken kann (EMMA 1/2017). Für Wirbel – und Aufklärung – sorgte die US-Fernsehserie „Orange is the new Black“ mit ihrer Folge „A Whole Other Hole“ (ein ganz anderes Loch). Die Sendung spielt in einem Frauengefängnis, dort wird eine Insassin von der Tatsache „überrascht“, dass sie noch eine dritte Öffnung zwischen ihren Beinen hat, die Harnröhre. Auf ihrer Entdeckungstour mit einem kleinen Spiegel hilft ihr übrigens eine transsexuelle Frau.

„Die Darstellung und Thematisierung der Vulva ist auch eine Geschichte der Wiederaneignung“, sagt Mithu Sanyal. Die Kulturwissenschaftlerin hat das Buch „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ geschrieben. Darin belegt sie, dass die Menschen von jeher ein tiefes Bedürfnis dafür gehabt hätten, ihre Genitalien darzustellen. „Kulturhistorisch wissen wir, dass schon die Rautenmuster auf den frühesten gewebten Stoffen explizit für die Vulva standen.“

Schon in den Homerischen Hymnen gibt es die Geschichte der Göttin Demeter, die nach dem Tod ihrer Tochter so in ihrer Trauer versinkt, dass sie nichts mehr isst und trinkt, und eine große Dürre folgt. Erst als die Göttin Iambe (auch Baubo) zu ihr kommt, ihren Rock hebt und ihre Vulva herzeigt, kann sie Demeter trösten. In jedem Kulturkreis gibt es ähnliche Geschichten. Im alten Ägypten war zum Beispiel die Tradition des kollektiven Rocklüftens unter Frauen kein Geheimnis, aber auch an mittelalterlichen Klöstern und Stadttoren in Europa, etwa an der Porta Tosa in Mailand oder an der Abteikirche Sainte-Radegonde im französischen Poitiers, kann man weibliche Figuren entdecken, die ihre Scham weit mit den Händen auseinanderziehen.

Eine gute Gelegenheit, um das Weibliche sichtbar zu machen, war für Comiczeichnerin Liv Strömquist die Einladung der Stadt Stockholm, ihre Bilder in einem U-Bahnhof auszustellen. Die Darstellung einer Eisläuferin, die mit ausgestrecktem Bein ihre Pirouette dreht, musste sie allerdings mehrfach restaurieren, nachdem es wieder und wieder zerstört worden war. Grund der Wut: Auf der Unterhose der Sportlerin war ein roter Fleck zu sehen. Eine rechtskonservative Partei nutzte die Abbildung, um darauf hinzuweisen, für „welche Abartigkeiten Geld zum Fenster rausgeschmissen wird“. Besonders im Gedächtnis geblieben ist der Zeichnerin ein Leserbrief in der Zeitung. Dort beschwerte sich eine ältere Frau darüber, was sie ihrer vierjährigen Enkelin denn erzählen solle beim Anblick des Blutflecks zwischen den Beinen. Strömquist: „Das wäre doch die perfekte Gelegenheit, einem Kind zu erklären, warum Frauen einmal im Monat ­bluten.“

Das erste Pussy-Kleid kam übrigens lange vor der New York Fashion Week auf den Markt. Bereits 1936 schuf die amerikanische Designerin Elizabeth Hawes ihr „Pandora Dress“. Die roten Einschübe an der großzügigen Robe aus weißer Seide erinnerten an Vulven. Ihr Leben lang hatte die Feministin mit ihren Ideen Schwung in die Modeszene dieser Zeit gebracht. Ihre Kleidung sollte vor allem praktisch, funktional und bequem sein – für Frauen wie Männer. Für eine große Überraschung sorgte Hawes sogar an ihrem Hochzeitstag: Sie heiratete in Jeans.

 

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Die perfekte Vulva

Sexualtherapeutin Bettina Kirchmann.
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In ihre Praxis kommen immer mehr Frauen, die ihre Schamlippen beschneiden lassen möchten. Warum?
Bisher habe ich sie glücklicherweise immer davon abbringen können (lacht). Ich mache mit jeder Klientin vor Beginn der eigentlichen Therapie eine Anamnese. Da geht es immer auch um die Frage: Wie geht es Ihnen mit Ihrem Körper? Fast alle Frauen erzählen dann natürlich erstmal, dass sie sich zu dick finden. Egal, wie sie aussehen. Die können auch eine Figur wie eine Barbiepuppe haben, sie finden sich trotzdem zu dick, nicht schön und irgendwie optimierbar. Das ist ja das große Thema in dieser Zeit. Dann komme ich ganz forsch auch zum Genitalbereich und bitte die Frau: „Erzählen Sie doch mal von Ihrer Vagina und Ihrer Vulva!“ Dann gucken sie mich mit großen Augen an, nach dem Motto: „Oh Gott, muss ich darauf antworten?“ Ja. Denn dann sagen viele, dass sie gar nicht genau wissen, wie ihre Vulva aussieht. Die bitte ich dann, sich einen kleinen Spiegel zu besorgen und sich dort mal anzuschauen. Das Resultat ist meist, dass sie sich dort nicht schön finden. Außerdem gibt es noch diejenigen, die schon von vornherein sagen: „Ich finde meine Vulva furchtbar! Bäh!“ Und wenn ich dann genauer nachfrage, kommt meist: „Ich finde meine Schamlippen zu lang!“ Einige haben sich auch schon erkundigt, wo man sie verkleinern lassen kann. Auf der Kö gibt es zum Beispiel zwei Kliniken, die das anbieten.

Reden wir zunächst über Begriffe.
Die Vulva ist das äußere Genital der Frau, zu dem eben auch die Schamlippen gehören. Die Vagina oder Scheide ist das innere Genital, also der Kanal zur Gebärmutter. In der Alltagssprache hat sich „Vagina“ oder „Scheide“ durchgesetzt. Aber wenn ich in der Therapie mit den Frauen spreche, dann achte ich immer sehr darauf, die einzelnen Teile genau zu benennen. Ich rate meinen Klientinnen immer, sich ein gutes und für sie passendes Wort zu überlegen. Für viele ist dieser Bereich nämlich immer noch „da unten“.

Eine Studie hat ergeben: Eltern, die ihren Kindern die Namen ihrer Körperteile erklären, erklären Jungen schon im Babyalter, dass sie einen „Pipimann“ haben. Die Geschlechtsteile eines Mädchens benennen sie hingegen nicht, schon gar nicht das erotische Zentrum, die Klitoris.
Unter anderem deshalb fremdeln Frauen auch so mit ihrem Geschlecht. Männer haben ein ganz anderes Verhältnis zu ihrem Penis. Die packen sich schon morgens da an und spielen damit rum. Auch Frauen müssten sich dort mehr anfassen. Ich rate meinen Klientinnen auch, öfter mal untenrum nackt zu schlafen, um sich dort mehr zu spüren.

Warum sind die Frauen eigentlich so unzufrieden mit ihren Genitalien?
Das spielt vor allem die Pornografie eine Rolle. Die zeigt ein falsches Bild der Vagina, beziehungsweise korrekt: der Vulva. In den USA gibt es keine Pornodarstellerin mehr ohne beschnittene Schamlippen. Es sei denn, sie hat sowieso sehr kleine innere Schamlippen. Ansonsten müssen die Darstellerinnen sie sich beschneiden lassen, sie werden sonst gar nicht mehr genommen. Hinzu kommt, dass die heute ja alle rasiert sind. Die Vagina im Porno muss also einer Klein-Mädchen-Vagina entsprechen. In den Fällen, wo sie das nicht tut, läuft das unter Fetisch.

Und was sagen Sie als Therapeutin der Frau?
Ich frage die Frauen, ob sie wüssten, dass die Schamlippen bei jeder Frau unterschiedlich aussehen und dass es kleine und große gibt. Dann sagen sie, das hätten sie zwar schon mal gehört, aber sie seien sicher, dass ihre Schamlippen wirklich nicht normal seien. Ich habe ein Buch „The Big Book of Pussys“. Darin sind Frauen mit ganz unterschiedlichen Vulven abgebildet. Es ist leider fast ein bisschen pornografisch, die Frauen liegen dort mit gespreizten Beinen, aber man sieht so eben den Intimbereich der Frauen sehr genau. Und die Frauen sehen, wie verschieden Vulven aussehen. Das erleichtert sie ungemein. Ich habe hier intelligente, gebildete Frauen sitzen, die sagen: „Sie sind die Erste, mit der ich über dieses Thema rede! Ich habe immer geglaubt, dass ich da unten nicht normal bin. Ich habe mich immer geschämt, bei der Frauenärztin und vor den Männern.“

Was sagen denn die Männer?
Immer mehr Männer sagen mir, dass sie diese Art von Einheits-Vulva langweilt. Und sie merken ja auch, dass die Frauen in der Realität überhaupt nicht so aussehen. Kürzlich erklärte mir ein junger Mann: „Komisch, ich hatte ja schon mit vielen Frauen Sex. Aber so eine Vagina wie die in den Pornos habe ich noch nie gesehen!“ Allerdings berichtete kürzlich auf einem Kongress eine Frauenärztin, dass immer mehr ihrer Patientinnen von den ganz jungen Männern zu hören kriegen: „Du siehst da nicht normal aus, lass dich mal operieren!“

Aber auch die Frauen müssten doch einen Realitäts-Check vornehmen. Zum Beispiel in der Umkleide vom Fitnessstudio oder in der Sauna.
Na ja, so genau guckt man da unter der Dusche bei einer anderen Frau ja nun doch nicht hin. Außerdem beschäftigen sich Frauen nicht so sehr mit realistischen Bildern von ihren Körpern, sondern eher mit den Idealbildern. Übrigens sind ja auch die Bikini-Werbungen per Photo­shop bearbeitet. Ein Bikini-Höschen hat ja eigentlich so eine Wölbung, denn da sind Venushügel und Schamlippen. Aber die werden wegretuschiert, diese Stelle wird am Computer komplett glattgemacht.

Was hat das alles für Konsequenzen für die Sexualität der Frauen?
Tja, das ist das große Thema. Die Frauen werden permanent mit Bildern davon konfrontiert, wie frau sein soll. Die laufen rum mit dem Gefühl, sie müssten sich immer weiter optimieren. Selbst die Frauen, die sowieso schon aussehen wie ein Model, sagen mir dann: „Aber letztes Jahr hatte ich ein Sixpack! Deshalb muss ich jetzt noch öfter ins Fitness-Studio und abends noch weniger essen!“ Das heißt, die Frauen gehen in dem Gefühl mit einem Mann ins Bett, nicht richtig zu sein. Und das vorherrschende Gefühl ist dann Scham.

Die Scham darüber, „falsch“ zu sein?
Ja, das ist bei den Frauen ein ganz großes Thema. Diese Scham ist in den letzten Jahren immer größer geworden, weil die Diskrepanz zwischen dem eigenen Körper und den optimierten Bildern, die ja immer bekloppter werden, permanent wächst. Und wenn ich mich schäme, kann ich mich in der Sexualität natürlich überhaupt nicht wirklich fallenlassen. Ich bin dann permanent mit der Frage beschäftigt: Wie sehe ich gerade aus? Wie wirke ich? Und es ist völlig egal, wie die Frauen aussehen, die zu mir kommen – sie haben alle dieses Thema. Es ist so selten, dass hier mal eine Frau sitzt, die sagt: „Ich finde mich toll, ich finde mich lecker!“ Das macht mich richtig traurig. Ich gehe manchmal abends nach Hause und denke: Was ist das eigentlich für eine Scheißwelt, in der ich den ganzen Tag mit Frauen darüber sprechen muss, dass sie sich nicht lecker finden?

Ihre Aufgabe besteht also hauptsächlich darin, den Frauen zu vermitteln, dass ihr Körper und insbesondere ihre Genitalien normal sind?
Ja. Die Arbeit von Sexualtherapeuten besteht zum größten Teil darin, Sachen geradezurücken, die in der Werbung und in der Gesellschaft falsch dargestellt werden. Vulva und Vagina zum Beispiel gelten als unhygienisch. Dabei sind die Frauen da oft viel sauberer als zum Beispiel in ihrem Mund. Ich sage immer: „Ein Kuss ist das Unhygienischste, was Sie machen können. Die Vagina hingegen wird permanent gesäubert. Wenn Sie ganz normal gewaschen sind, ist das kein Ding!“ Aber die Vagina gilt eben als „da unten“. Wie viele Männer waschen sich viel seltener und ziehen ihre Vorhaut dabei nicht zurück. Aber bei Frauen gilt dieses Versteckte, Faltige als „Bah“. Auch der Geruch der Vagina ist für die Frauen ein Problem. Ich sage ihnen dann: „Das sind doch Sie! Das ist ein organischer Geruch, der nichts mit Pipi oder Dreck zu tun hat. Der kommt aus Ihren Drüsen, von denen haben Sie da nämlich ganz viele.“ Und wenn es gut läuft, sagen sie dann irgendwann: „Ich nehme mich jetzt anders wahr, ich mag mich viel lieber und schäme mich viel weniger.“ Und ich denke: Gott sei Dank!

Haben Frauen, die Frauen lieben, eigentlich die gleichen Probleme?
Ich hatte in den zwölf Jahren, in denen ich als Sexualtherapeutin arbeite, erst zwei Frauenpaare in meiner Praxis. Bei dem einen Paar waren beide Frauen vorher in hetero­sexuellen Beziehungen. Deren Verhältnis zu ihrem Körper und ihrer Vagina war auch nicht so der Kracher, das war ganz ähnlich wie bei heterosexuellen Frauen. Das andere Paar war in dieser Hinsicht viel lockerer und hatte weniger Hemmungen, sich anzuschauen. In beiden Fällen ging es um die Lustlosigkeit jeweils einer der beiden Frauen.

Was sagen denn die Männer der heterosexuellen Frauen dazu?
Die bestätigen in der Paarsitzung ganz oft, dass sie ihre Frau schön finden, wie sie ist. Darüber sind die Frauen dann ganz erstaunt. Aber es gibt natürlich auch Männer, die fordern, dass eine Frau tiptop aussehen muss. Die wollen sich aber meist nicht richtig einlassen und bauen dann Hürden auf, über die die Frau gar nicht drüber kann. Ich habe gerade noch einem Klienten erklärt: „Sie haben dieses Barbiepuppen-­Schema, weil Sie sich vor wirklicher Bindung schützen wollen!“ Das fand er hart, aber er meinte, da wäre wohl was dran.

Hadern Männer denn auch damit, wie ihr Penis aussieht?
Ja. Früher war es ja sogar so, dass nur die Männer dieses Thema hatten. Allerdings geht es bei denen nur um Groß oder Klein. Sie können einen Mann da sitzen haben, der sieht scheiße aus und benimmt sich wie der letzte Depp. Und man fragt sich: Warum ist der trotzdem so selbstbewusst? Und wenn man dann auf das Thema „Penis“ kommt, stellt sich raus: Der hat einen Riesenpenis. Und dann haben Sie da einen, da denkt man: Was für ein netter Kerl, den möchte ich vom Fleck weg einer Freundin empfehlen! Und der ist ganz verschüchtert. Und man fragt sich: Was hat der bloß? Und dann stellt sich raus, dass er einen sehr kleinen Penis hat. Ich habe aber noch nie von einem Mann gehört, dass er seinen Penis zu schrumpelig oder faltig findet. Schön oder hässlich ist bei Männern nicht die Kategorie, es geht um die Größe. Wenn der Penis groß ist, ist alles super. Wenn er klein ist, sind manche der Ansicht, dass ihr Leben quasi keinen Sinn hat. Manchmal komme ich dann abends nach Hause und sage zu meinem Mann: „Ihr Männer habt echt nen Sockenschuss!“

Diese Vorstellungen saugen sie ja mit der Muttermilch ein.  
Mein Bild ist folgendes: Männer und Frauen kriegen bei der Geburt ein Haus geschenkt. Das steht symbolisch für Sexua­lität und Sinnlichkeit. Und Männer bekommen es in dieser Gesellschaft viel leichter gemacht, ihr Haus einzurichten. Die bekommen von vornherein die Legitimation dazu, also die Botschaft: Richtet euch das Haus mal richtig schön ein! Deshalb wissen sie ziemlich schnell, was sie wollen. Die fahren also quasi mit dem LKW zu Ikea und kaufen sich da ganz schnell und praktisch, was sie brauchen. Die Frauen kriegen ihr Haus und denken: „Hm, ich weiß gar nicht so richtig, was ich damit machen soll ...“ Und dann kommen irgendwann die Männer und sagen: „Pass mal auf, ich zeig dir mal, wie du das einrichtest!“ Und dann stellen sie ihnen einen Tisch da rein und eine Küche und sonstwas. Und die Frau sagt: „Tja, jetzt hab ich hier diesen Tisch. Den finde ich zwar eigentlich nicht so schön, aber die Männer sagen, der wäre schön, also muss ich den wohl hier in meinem Haus haben.“ Und dann kommen die Frauen zu mir und ich sage denen: „Wissen Sie was, das schmeißen wir jetzt erst mal alles raus! Das mögen Sie doch gar nicht, das sind doch gar nicht Ihre Sachen! Was wollen Sie denn eigentlich in Ihrem Haus haben? Wie sollen die Wände aussehen und wie die Fußleisten?“ Wir gucken da also nochmal von Grund auf hin.

Aber wenn man die Pornografie betrachtet, muss man ja sagen: Die Bauanleitungen für die Männer sind nicht die komplexesten. „Schöner wohnen“ geht anders.
Das stimmt, die Einrichtung des Hauses verläuft bei Männern eher schnell und pragmatisch. Frauen gehen eher auf drei Trödelmärkte, bevor sie die passenden ­Möbel gefunden haben. Es gibt allerdings auch Männer, die sehr sinnlich sind, und Frauen, die es gern praktisch und schnell haben. Ich habe immer mal wieder ein Paar hier sitzen, wo sie sagt: „Nie hat der Lust und alles Versaute will der nicht!“ Und er sagt: „Wenn du mit mir keine Gespräche führst und mich zu wenig streichelst, dann kann ich auch nicht in meine Lust kommen!“ Dann sagt sie: „Weißt du, wie viele Männer sich freuen würden, dass ich so bin?“ Dann sagt er: „Und weißt du, wie viele Frauen sich freuen würden, dass ich so bin?“ (lacht)

Stichwort Klitoris. Man sollte ja meinen, dass inzwischen alle Frauen wissen, dass sie eine haben und wie entscheidend sie für die weibliche Lust ist.
Das sollte man meinen, es ist aber leider nicht so. Zu mir kommen immer noch Frauen, die darüber klagen, dass sie keinen vaginalen Orgasmus haben. Da denke ich manchmal, wir leben noch im 19. Jahrhundert. Ich erkläre dann, dass nur 15 bis 20 Prozent der Frauen beim reinen Geschlechtsverkehr einen Orgasmus haben. Und das auch nur deshalb, weil der ­Abstand zwischen Klitoris und Vagina bei ihnen sehr klein ist und die Klitoris dabei stimuliert wird. Es gibt auch viele Männer, die das nicht wissen. Ich habe hier immer wieder Paare, denen ich das erkläre und die anschließend sagen: „Das wussten wir nicht.“ Es wäre im übrigen auch gut, wenn Frauen wüssten, dass die Klitoris auch große Schwellkörper im Körperinnern hat. Aber davon hat vielleicht eine von hundert Frauen schon mal gehört.

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