Beauvoir und die Frauen

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Etwa ein Jahr vor ihrem überraschenden Tod 1986 fragte ich Beauvoir, ob es etwas gäbe, was sie als Autorin heute anders machen würde. Beauvoir, die via Memoiren und Romane die Welt hatte teilnehmen lassen an diesem unerhörten Experiment, das ihr Leben war, antwortete rasch: "Ja, ich wäre ehrlicher. Ich habe über Sexualität nicht alles gesagt. Ohne eine weitere Frage abzuwarten, erzählte sie von der Heftigkeit ihres Begehrens: Wie sie schon als ganz kleines Mädchen onaniert, und dass sie ihre ersten sexuellen Kontakte mit ihrer Schwester Helene gehabt hatte. Dass auch ihre erste leidenschaftliche Jugendliebe eine Frau war, nämlich die beste Freundin Zaza, hat Beauvoir selbst in ihren Memoiren mitgeteilt.

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Doch - sie sagte auch in diesem und anderen Gesprächen mit mir immer doch nur die halbe Wahrheit. Das weiß ich spätestens seit dem Erscheinen ihrer 'Lettres à Sartres' und ihres 'Kriegstagebuch' 1990 in Frankreich (das Tagebuch ist inzwischen auf Deutsch erschienen, die Briefe lassen auf sich warten). Und in diesen Wochen erscheint ein Buch über Beauvoir, das ebenfalls keinen Zweifel mehr lässt: Simone deBeauvoir hat auch Frauen geliebt. Und manchmal hat sie sie auch verletzt - so wie die jetzt öffentlich redende Bianca Lamblin.

Die neuen Feministinnen, für die Beauvoir rasch zur engagierten Weggefährtin wurde, erklärten Liebe und Sexualität sehr rasch zum politischen Thema (und setzten damit unter anderem die Analyse in Beauvoirs 'Anderem Geschlecht' fort). Und die selbstbewussten Französinnen attackierten damals provokant die große Schwester wegen ihrer persönlichen Zurückhaltung in dem Bereich und dem alles verdeckenden Mythos Beauvoir/Sartre. Doch ich selbst habe es erst bei unserem letzten offiziellen Interview 1982 gewagt, sie ganz direkt zu fragen:

Frage Wenn Sie von Ihrer Sexualität sprechen, sprechen Sie immer nur von Männern. Haben Sie niemals Sexualität mit einer Frau gelebt?
Beauvoir Nein. Ich hatte immer zwar wichtige Freundschaften mit Frauen, sehr zärtliche, manchmal auch körperlich zärtlich. Aber daraus ist nie eine erotische Leidenschaft geworden.

Frage Und warum nicht?
Beauvoir Das hat sicherlich mit meiner Konditionierung durch die Erziehung zu tun. Ich meine damit die gesamte Erziehung, nicht nur die häusliche, all die Lektüren und Einflusse, die mich als Kind prägten und die mich in die Heterosexualität gestoßen haben

Frage Wollen Sie damit sagen, dass Sie die Homosexualität konkret nie gelebt haben, sie aber theoretisch voll akzeptieren, auch für sich selbst?
Beauvoir Ja, ganz und gar. Frauen sollten sich nicht länger ausschließlich auf das Begehren der Männer hin konditionieren lassen. Und überhaupt denke ich, dass schon heute jede Frau ein bisschen ... ein bißchen homosexuell ist. Ganz einfach, weil Frauen begehrenswerter sind als Männer.

Frage Wie das?
Beauvoir Weil sie schöner sind, weicher, ihre Haut ist angenehmer. Und sie haben gemeinhin auch mehr Charme. So ist es bei einem ganz normalen Ehepaar sehr häufig der Fall, dass die Frau angenehmer ist, lebendiger, anziehender, amüsanter, selbst intellektuell.
Ich ließ ihre Antwort so stehen, sprach aber am Schluss desselben Gesprächs ganz direkt die Frau an ihrer Seite an:

Frage Wir haben in diesem Gespräch so viel über Männer geredet, dass ich zum Abschluss an die Frau erinnern möchte, die seit über zehn Jahren in Ihrem Leben ist und heute, nach dem Tod Sartres, wohl auch der wichtigste Mensch für Sie ist: Sylvie le Bon, 39 Jahre alt, Studienrätin. So große Freundschaften zwischen Frauen sind selten.
Beauvoir Da bin ich nicht so sicher. So manche Frauenfreundschaft besteht, während Lieben vergehen ... Wirkliche Freundschaften zwischen Männern sind dagegen sehr, sehr selten. Zumal Frauen sich untereinander soviel mehr sagen.

Beauvoir sprach also noch 1982 in bezug auf Sylvie selbst von einer "Frauenfreundschaft". Sie kannte die junge Frau an ihrer Seite seit Anfang der Sechziger, und seit Mitte/Ende der Sechziger verband die beiden so viel mehr als nur eine Freundschaft. Warum sagt sie das nicht? Die Rücksicht auf Sartre - die sie auch in ihren Memoiren so oft hatte schweigen oder verharmlosen lassen - kann es jetzt nicht mehr sein. Sartre ist seit 1980 tot.

Warum also sprach Simone de Beauvoir zu Lebzeiten nie offen über ihre Frauenlieben, ihre durchaus gelebte Bisexualität? War es die Art, wie sie - nach ihren eigenen Worten - die Sexualität mit Frauen lebte: nämlich "körperlich zärtlich" aber "nie erotisch leidenschaftlich"? Schätzte sie darum die Sexualität mit Frauen geringer ein als die mit Männern? Oder war es die Randständigkeit der weiblichen Homosexualität in einer Männergesellschaft, die Beauvoir abschreckte? Fürchtete sie die bedrohliche Kombination von Lesbischsein und feministisch, deren beinahe vernichtende Wirkung sie bei dem - von Sartre angeregten! - 'Anderen Geschlecht' kennengelernt hatte?

Beauvoir erinnerte sich in einem Gespräch mit mir sehr genau: "Mir ging ein saftiger Ruf als Lesbe voraus." Ganz Paris tratschte über sie, und einige intellektuelle Weggefährten waren über die feministische Analyse so erbost, dass sie, wie Camus, das Buch vor Wut auf den Boden schleuderten. "Camus, der damals ein Freund war, tönte: ‚Sie haben den französischen Mann lächerlich gemacht!'" Wie auch immer: Beauvoir selbst hat mit dem Hinterlassen ihrer - angeblich verlorenen aber im tiefsten Wandschrank ganz hinten wiedergefundenen - Briefe an Sartre und Tagebücher offensichtlich entschieden, wenigstens nach dem Tod die Wahrheit zu sagen.

Sie adoptierte nach Sartres Tod Sylvie le Bon, nicht nur, damit die in schwierigen Situationen wie Krankheit nicht länger rechtlos war, sondern auch als Verwalterin ihres literarischen Erbes. Sylvie hatte also ihr Vertrauen und handelt heute wohl im Sinne von "Castor" (so lautete Simones lebenslanger Spitzname: Castor, der Biber).

In den - immer noch nicht auf deutsch erschienenen - Briefen an Sartre und dem 'Kriegstagebuch' sagt Beauvoir (fast) alles - und für manche eben zuviel. So für Bianca Lamblin, geborene Bienenfeld, die in den Schriften Beauvoirs als "Louise Vendrine" auftaucht. Bianca war in den Jahren 1939 und 1940 die dritte im Bunde in einem Dreiecksverhältnis mit Beauvoir und Sartre und ist über die Wahrheit auch nach 50 Jahren noch so verletzt, dass sie jetzt ihrerseits ein Buch schrieb: Mit ihren 'Memoires d'une jeune fille derangee' (Memoiren eines getäuschten Mädchens) spielt sie auf Beauvoirs 'Memoires d'une jeune fille rangee' an (Memoiren eines Mädchens aus gutem Hause).

Aus gutem Hause war Bianca Bienenfeld eigentlich auch, aber als Polin und Jüdin war sie in dieser Zeit existentiellen Bedrohungen ausgesetzt und vielleicht besonders bereit, sich in eine Passion zu flüchten. Doch Bianca war nur eine von vielen jungen Frauen, die sich leidenschaftlich in ihre Philosophielehrerin verliebten, diese "unerhört schöne und intelligente junge Frau", die so ganz anders war als die alten Professoren. Bianca wurde, wie zuvor Olga und später Natascha, erhört. Aber - Beauvoir war ohne Sartre nicht zu haben (daran scheiterte selbst ihre große Leidenschaft, der amerikanische Schriftsteller Nelson Algren).
Beauvoir teilte alles mit Sartre, vor allem das Leben. Und Sartre teilte (fast?) alles mit Beauvoir, vor allem das Schreiben. Die beiden hatten einen Pakt geschlossen, waren wie diabolische Geschwister: Dritte hatten keine Chance.

Noch im hohen Alter spricht Sartre von dem "Bund" zwischen ihnen und ihrer "notwendigen Liebe". Sein Verhältnis zu Beauvoir nennt er, der ein Leben lang von einem wahren Harem umgeben war, das einzige "absolut gleichberechtigte". Und auch Beauvoir stellt diese Priorität trotz anderer Leidenschaften nie wirklich infrage. Auch Sylvie le Bon erhielt ihren "besonderen, hohen Stellenwert" in Beauvoirs Leben erst nach Sartres Tod. Erst dann verglich Beauvoir den Stellenwert ihrer Lebensgefährtin "mit dem von Sartre".

Es ist Mode geworden, "die Wahrheit" über Beauvoir und Sartre zu schreiben - vor allem über Beauvoir. Und diese Wahrheit entspricht, wen wundert's, nicht der Legende. Doch Beauvoir und Sartre selbst waren die letzten, die an der Legendenbildung interessiert waren - sie taten alles zu ihrer Entmystifizierung, waren entwaffnend bescheiden. Dass man sie dennoch zu Denkmälern erstarren ließ und nun deswegen das Bedürfnis hat, sie vom selbst errichteten Sockel zu stoßen - das ist weniger das Problem der beiden und mehr das der anderen, die Widersprüche nicht ertragen und glatte Heldinnen brauchen.

Simone de Beauvoir selbst hat sich ein Leben lang weder als Heilige noch als Sünderin stilisiert. Die einstige Tochter aus gutem Hause hat einfach versucht, ihr Leben in die Hand zu nehmen und so konsequent, so bewusst und so glücklich wie möglich zu leben (La volonté du bonheur - Der Wille zum Glück! war einer ihrer Schlüsselsätze). Das scheinen gerade ihre Biographen und Biographinnen nicht akzeptieren zu wollen.
Selbst die Amerikanerin Deidre Bair, mit der Beauvoir sich in den letzten Jahren auf Gespräche eingelassen hatte (was sie noch vor ihrem Tod bereute, weil sie ahnte, welche Wendung es nehmen würde) nähert sich in ihrer Beauvoir-Biographie nicht neugierig, sondern nörgelnd ihrem Sujet. So beklagt Bair allen Ernstes das Fehlen von "stimmigen und daher befriedigenden Antworten" in Beauvoirs Werk (als schriebe sie Rezeptbücher!) und wiederholt sattsam bekannte Plattitüden wie diese: "In den letzten Lebensjahren fielen Beauvoirs Erklärungen immer radikaler aus, und kategorisch lehnte sie Mutterschaft und Hausarbeit ab."
Bair bezieht sich dabei auf meine Interviews mit Beauvoir, und dass sie Unsinn redet, ist nachzulesen. Und was für eine Ebene: Würde je ein Sartre-Biograph einem Sartre unterstellen, er sei gegen das Kinderkriegen, nur weil er selbst nicht Vater ist? Und ist die bedeutendste feministische Theoretikerin dieses Jahrhunderts denkbar ohne eine Kritik an der "Frauenarbeit" und den Bedingungen von Mutterschaft heute?

Zu ihren Lebzeiten hat Beauvoir versucht, vertrauten Menschen mit der veröffentlichten Verarbeitung ihres Lebens nicht weh zu tun - sie hat vieles verschwiegen oder verharmlost. Ihre Erbin hat bei der Edition der Briefe und Tagebücher diese Rücksicht nicht mehr genommen. Und genau darauf reagiert Bianca Lamblin jetzt mit ihrer kleinherzigen Abrechnung - aber: Sie hat als direkt Betroffene das Recht, verletzt zu sein. Die kleinkarierten Richterinnen Beauvoirs jedoch, denen das Wagnis dieses so generösen und wagemutigen Frauenlebens spürbar Angst macht, die haben dieses Recht nicht!

Die "freie Liebe" zwischen Beauvoir und Sartre, Vorbild für eine ganze Nachkriegsgeneration, hatte ihre ganz eigenen Bedingungen und ist deshalb auch nicht imitierbar. So spielte die Sexualität - oft Dynamit in Liebesbeziehungen - zwischen den beiden nie eine große Rolle. Sartre war ein miserabler Liebhaber und machte auch keinen Hehl daraus (Beauvoir nannte ihn einmal öffentlich "frigide"). Aber intellektuell, literarisch und politisch hatten die beiden einen Herzschlag: Zwei Menschen waren sich begegnet, deren Werk und Leben ohne den anderen nie diese Dimension erreicht hätte.

Beauvoir und Sartre sind nicht nur das berühmteste öffentliche Intellektuellenpaar unserer Zeit, sondern auch das gleichberechtigtste. Dass genau das im Nachhinein infrage gestellt werden soll, ist aufschlussreich ... Sicher gab es Komplikationen und tat es manchmal weh, nicht nur den Dritten. Aber so ist das Leben. Und die vielbemitleideten Dritten hatten ja auch die Wahl - niemand zwang sie, auf das Karussell der beiden zu steigen. Jetzt, wo Simone de Beauvoirs ganze (?) Wahrheit auf dem Tisch zu liegen scheint, gäbe es noch viele Fragen ... Die meisten Antworten werden, wie gehabt, in ihren Texten zu finden sein.

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