Frauen - häufiger krank als Männer?

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Ein Forscherteam der Universität Tübingen hat im vergangenen Jahr 576 Untersuchungen aus Deutschland und anderen Industrienationen zur Verschreibung von Antibiotika ins Visier genommen. Die WissenschaftlerInnen werteten die Daten von mehr als 44 Millionen PatientInnen aus. Und siehe da: ÄrztInnen verschreiben weiblichen Patien­ten 27 Prozent mehr Antibiotika als männlichen. Der Befund deckt sich mit sämtlichen Arzneiverordnungsstatistiken für Deutschland: Frauen bekommen grundsätzlich mehr Medikamente verschrieben als Männer.

Sind Frauen also medizinisch überversorgt? Oder lässt das höhere Volumen an verordneten Medikamenten darauf schließen, dass Frauen häufiger krank sind als Männer? Dem widerspricht allerdings das „Geschlechterparadox“: Das Phänomen, dass Frauen in westlichen Industrienationen durchschnittlich länger leben als Männer.

In mittleren Jahren leiden Frauen seltener an schweren chronischen Erkrankungen und sind somit objektiv betrachtet gesünder. Erstaunlicherweise bewerten sie selbst ihre Gesundheit aber eher schlechter. Was könnten die Gründe dafür sein? Der Stress der Doppelbelastung gerade in dieser Lebensphase? Eine größere Sensibilität gegenüber ihrem Körper? Der Wunsch nach Aufmerksamkeit? Frauen nehmen Krankheitssymptome früher wahr und gehen häufiger zu ÄrztInnen. Offenbar sind sie tatsächlich aufmerksamer und verantwortungsbewusster gegenüber dem eigenen Wohlergehen. „Frauen gehen anders mit Krankheit um als Männer“, konstatiert die Pharmakologin Karen Nieber von der Universität Leipzig.

Das macht weibliche Patienten aber auch anfälliger für die Offerten der Gesundheitsindustrie. Frauen sind eine besonders lohnende Zielgruppe auf dem Gesundheitsmarkt. Zahlreiche Untersuchungs- und Behandlungsangebote sind speziell auf Frauen zugeschnitten, das heißt: Sie sprechen ihr Sicherheitsbedürfnis an, ihre Ängste und Sorgen – oder zielen auf weibliche Schönheitsideale.

Normale Befindlichkeiten in weiblichen Umbruchsphasen bekommen immer öfter den Stempel „Krankheit“ und werden medizinisch behandelt. Kein Lebensabschnitt ohne dazu passende ärztliche Begleitung: Pubertät, Phase der Fruchtbarkeit und Verhütung, Schwangerschaft, Geburt, Wechseljahre oder Alter. Jede Etappe wird ausufernd pathologisiert und medikalisiert. Viele so zu „Patientinnen“ gemachte Frauen nehmen das aber gar nicht mehr wahr, sondern hin – weil es so selbstverständlich geworden ist.

Doch woher rührt dieser Impuls, uns ins allen Lebenslagen vertrauensvoll in die Hände von ÄrztInnen zu begeben? Offenbar spiegelt sich hier auch im Gebiet der Gesundheit die traditionelle Abhängigkeit von Frauen. „Wenn eine Frau in eine andere Stadt umzieht, ist oft das erste, wonach sie sucht, ein Frauenarzt. Fast so, als wäre sie ohne ihn nicht mehr lebensfähig“, hat die Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg festgestellt. Was nicht unbedingt der Frau nutzt, aber dem Arzt: In Gesprächen mit ÄrztInnen hat Mühlhauser die Erfahrung gemacht: „Auch Gynäkologinnen, die ich durchaus als fortschrittlich und aufgeklärt bezeichnen würde, befürchten, dass man sie eines Tages nicht mehr braucht und bemühen sich darum intensiv um Kundschaft.“

Weit über die klassische medizinische Behandlung hinaus bieten heute viele GynäkologInnen Anti-Aging-Produkte oder Hormon-Kosmetik an. Oder Individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGeL. Aus ÄrztInnen werden so VerkäuferInnen und aus den Patientinnen Kundinnen.

„Potenzierte Medikalisierung“ nennt Gesundheitswissenschaftlerin Petra Kolip das – getarnt als ärztliche Fürsorge. Ihre Kollegin Mühlhauser bestätigt das: „Es ist schon skandalös, was in den Frauenarztpraxen abläuft. Da wird keine Gelegenheit verpasst, um mit Frauen irgendwelche IGeLeien zu machen. Und ihnen etwas aufzuschwatzen!“

Doch viel hilft nicht viel – im Gegenteil. Im besten Fall bezahlen die Frauen und tragen keinen Schaden davon. Doch meist birgt ein Zuviel an ÄrztInnen, Untersuchungen und Behandlungen massive Gefahren für die Gesundheit, zumal potenzielle Risiken oft verschwiegen werden. Hier einige Beispiele.

Nicht ohne Risiko: Die „Pille mit Schönheitseffekt“. Im November 2000 kam die erste Antibabypille mit dem neuen Gestagen Drospirenon auf den Markt. Das war sogar den TV-Nachrichten zur Hauptsendezeit eine Meldung wert. Die neue Pille sei eine bahnbrechende Neuentwicklung, die keine unangenehmen Begleiterscheinungen mehr habe, tönten die Marketingleute der Pharmaindustrie. Im Gegenteil: Sie führe sogar zu Gewichtsverlust, mache das Haar voller, die Haut reiner und beschwerliche zu beschwerdefreien Tagen. Was verschwiegen wurde: Die modernen Pillen – so genannte Präparate der dritten und vierten Pillengeneration – haben auch Nachteile!

Gemessen an den nach wie vor erhältlichen Pillen der zweiten Generation geht von den neuen Produkten ein fast doppelt so hohes Thromboserisiko aus. Und bei manchen der modernen Präparate sind die Risiken sogar noch immer unbekannt. Nichtsdestotrotz sind die Pillen mit „Schönheitseffekt“ in kürzester Zeit zu Kassenschlagern geworden: 2014 haben sie hierzulande mehr als die Hälfte der Plätze der meistverkauften Pillenpräparaten belegt.

Gesunden Mädchen und Frauen werden bei gleicher Wirksamkeit Pillen mit deutlich höherem Gefahrenpotenzial verordnet. Den Anwenderinnen ist das erhöhte Risiko der „Pillen mit Beauty-Effekt“ in der Regel nicht bekannt – und oft genug noch nicht einmal den verschreibenden ÄrztInnen. Dabei sollten GynäkologInnen ihre Patientinnen gezielt über die unterschiedlichen Pillenpräparate und ihr jeweiliges Thromboserisiko aufklären – und ebenso über alternative Verhütungsmethoden.

Um umfassende und ausgewogene Informationen zu erhalten, empfiehlt die Pharmakologin Petra Thürmann, Direktorin des Philipp Klee-Instituts für klinische Pharmakologie am Helios-Klinikum Wuppertal, daher den Frauen, auch andere Informationsquellen zu nutzen: „Heutzutage liest jeder, der sich ein neues Smartphone kauft, die Untersuchungen der Stiftung Warentest oder andere Erfahrungsberichte. Das sollten junge Mädchen und Frauen bei der Pille ebenfalls tun.“

In Deutschland bekommen Frauen wieder häufiger Kinder: 738.000 im Jahr 2015 – der höchste Wert seit mehr als 30 Jahren. Obwohl Schwangere meist gesund sind, geht es bei der medizinischen Betreuung von Anfang an um mögliche Probleme. Der Mutterpass listet 52 Befunde auf, die ein Risiko bedeuten könnten. Entsprechend kursieren unter werdenden Müttern, ihren ÄrztInnen und in den Medien falsche Vorstellungen und Zahlen zur Schwangerschaft und ihren Risiken. Fakt ist jedoch: Zwei von drei Schwangerschaften in Deutschland verlaufen problemlos. Die Überbewertung von Schwangerschaftsrisiken ziehen jedoch engmaschigere Kontrollen und mehr Einsatz an Technik nach sich – was das Risiko oft erhöht. Wie Studien belegen, verunsichert und verängstigt dieses Überangebot viele werdende Mütter. Dabei sollte zuerst informiert und aufgeklärt – und dann untersucht werden. Erfahrungsgemäß kommt diese Aufgabe im Praxisalltag leider zu kurz“, weiß Christiane Woopen, Leiterin der Forschungsstelle Ethik an der Universitätsklinik Köln. Zum einen aus Zeitmangel, zum anderen, weil diese zentrale ärztliche Leistung kaum vergütet wird. Stattdessen werden enorm viele Untersuchungen gemacht, beispielsweise per Ultraschall. Viele Schwangere erhalten mehr als vier dieser Untersuchungen, der Spitzenwert liegt bei 29! Drei sieht der Gesetzgeber vor.

Ein profitables Geschäftsmodell mit bescheidenen Ergebnissen. Denn: Eine niedergelassene GynäkologIn erkennt mit rund 41 Prozent deutlich seltener vorgeburtliche Fehlbildungen, als das mit 85 Prozent unter Studienbedingungen der Fall ist, wie Wissenschaftlerin Katharina Rost aufzeigt. Weiß das die Schwangere?

Und auch das gibt es: In einer Studie, die 360 Schwangere begleitete, erhielten zwei Drittel der Frauen einen auffälligen Befund. Aber in vier von fünf Verdachtsfällen auf Fehlbildung oder Wachstumsverzögerung kamen die Kinder gesund zur Welt! Die meisten verdächtigen ­Befunde erwiesen sich also nachträglich als falsch. Damit schwangeren Frauen diese überflüssigen Belastungen erspart bleiben und sie sich wirklich informiert entscheiden können, ob und welche Untersuchungen sie wollen, muss die Information und Beratung über nichtinvasive Pränataltests verbessert werden.

Gebärmutter – das überflüssige Organ? So hieß ein Buch vor mehr als 20 Jahren, in dem Ärztinnen scharf kritisierten, dass Frauen häufig gedrängt werden, ihre Gebärmutter entfernen zu lassen, sobald ihre körperliche Fruchtbarkeit nachlässt.

Bis heute passiert das noch viel zu oft, obwohl es Alternativen gibt: Über 124.300 Frauen wurde 2014 in Deutschland das Organ entnommen – etwas mehr als Wolfsburg Einwohner hat. „Wir wissen, dass dieser Eingriff sehr oft nicht nötig wäre“, sagt Barbara Ehret, langjährige Gynäkologin in Bad Salzuflen. „Jede nicht notwendige Operation ist aber eine Form der Körperverletzung.“

In knapp 90 Prozent der Fälle ist der Grund für die Hysterektomie eine gutartige Erkrankung, allen voran ein Myom. Eine australische Studie schätzt, dass 40 bis 80 Prozent aller Frauen bis 50 Jahre solche Knoten in ihrer Gebärmutter haben. Ein normaler Zustand also.

Wissenschaftlerin Franziska Prütz vom Robert Koch-Institut stellte in einer Studie fest: Weniger privilegierte Frauen haben ein höheres Risiko, ihre Gebärmutter zu verlieren. Je höher der soziale Status und je besser gebildet eine Frau ist, desto eher wird sie ihr Organ behalten. Gewisse Behandlungsmethoden werden nur bestimmten Frauen angeboten, anderen nicht.

Auch die Region, in der die Frau lebt, spielt eine Rolle: In Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen liegen die OP-Zahlen weitaus höher als etwa im Süden Bayerns und in Großstädten. Und nur wenige Frauen wissen, dass sich nach dem Eingriff unter anderem ihr Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle, Knochenbrüche, Parkinson und Demenz erhöht, wie Studien belegen.

Von wegen Krankheit! Das Bild der Wechseljahre als freudlose und beschwerdevolle Zeit, die den Übergang ins Alter markiert, ist im Wandel. Umfragen bestätigen: Frauen fühlen sich heute sichtlich wohler in ihrer Lebensmitte und stehen der Übergangsphase weitaus gelassener gegenüber. Wenig verändert hat sich indes die medizinische Sicht auf die Wechseljahre. Demnach erwartet Frauen zwischen 45 und 60 das „klimakterische Syndrom“ – ein durch den sinkenden Hormonspiegel verursachtes diffuses Krankheitsbild mit einer langen Liste an möglichen physischen und psychischen Problemen.

Dagegen verschreiben viele MedizinerInnen Hormonpräparate, Schlaf- und Beruhigungsmittel oder Antidepressiva. Andere raten zu pflanzlichen oder homöopathischen Mitteln, Vitaminen, Mineralstoffen oder zu einer psychotherapeutischen Behandlung. „Es wird viel herumgedoktert an den Frauen – mit ganz verschiedenen Therapien“, bestätigt Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser. „Doch in jedem Fall sind Ärztinnen und Ärzte bestrebt, die Frauen als Patientinnen zu behalten. Gesunde Frauen sind für sie kein Geschäft.“

Dabei spricht vieles dafür, dass es die Wechseljahre, im Sinne einer gesundheitlichen Störung, gar nicht gibt, also nicht medikamentös behandelt werden müsste. Die meisten Beschwerden, die etwa ab dem fünften Lebensjahrzehnt auftreten, hängen mit normalen Prozessen des Alterns zusammen. Das belegt auch eine vor wenigen Jahren veröffentlichte Studie unter der Leitung von ­Kerstin Weidner. Die Direktorin der Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik in Dresden hat darin gezeigt, dass nur Hitzewallungen und Schweißausbrüche auf einen sinkenden Hormonspiegel zurückzuführen sind. Und selbst hier ist eine Hormontherapie nur dann zu empfehlen, wenn Frauen sehr stark darunter leiden. Denn wie eine großangelegte Studie bereits 2002 zeigte, birgt die Hormontherapie ernstzunehmende Risiken. 

Gleichwohl debattieren medizinische Fachkreise nach wie vor kontrovers und hitzig über Nutzen und Risiken der Hormonbehandlung. Und bis heute nimmt in Deutschland etwa jede zehnte Frau im Klimakterium Hormone ein. Zwar ist die frühere Euphorie gegenüber der Behandlung mittlerweile eher in Skepsis umgeschlagen.

Doch allein die Entscheidung, solche Präparate zu nehmen oder nicht, setzt viele Frauen enorm unter Druck und beeinträchtigt ihr Lebensgefühl. Frauen, die sich dafür entscheiden, sorgen sich wegen der Nebenwirkungen und Langzeitfolgen. Und jene, die auf die Behandlung verzichten, sind oft verunsichert wegen der Gesundheitsrisiken, die viele Mediziner bei einem sinkenden Hormonspiegel unterstellen.

„Frauen muss klar werden, für was sie sich entscheiden“, fordert Mühlhauser. Allerdings setzen selbstbestimmte Entscheidungen in Gesundheitsfragen fachlich fundierte, ausgewogene und verständliche Informationen voraus. Doch bei zu vielen Untersuchungs- und Behandlungsangeboten gibt es heutzutage kaum neutrale Nutzen- und Schaden-­Abwägungen.

Zudem vernebelt die Informationsflut aus dem Internet den Zugang zu verlässlichen Daten. Selbst ÄrztInnen haben Schwierigkeiten, seriöse Quellen im Internet als solche zu erkennen. Das stellte unlängst die Bertelsmann-Stiftung in einer Untersuchung fest. Ein Problem, das immer offenkundiger wird. Nicht zufällig forderte kürzlich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe ein „deutsches Gesundheitsportal, auf dem alle wichtigen Informationen rund um das Gesundheitswesen zu finden sind – mit hoher Qualität und zugleich verständlich und leicht zu erfassen.“ Wünschenswert, aber kein Allheilmittel.

Denn mit reiner Informationsbeschaffung ist es nicht getan. Frauen und Männer brauchen dringend mehr Kompetenz im Gesundheitsbereich, um beispielsweise statistische Ergebnisse richtig interpretieren oder Werbung von neutraler Information unterscheiden zu können.

Und vielleicht sollten besonders Frauen weniger gutgläubig sein und keinen falschen Trost, keine trügerische Nähe bei ÄrztInnen suchen, die im Zweifel eher ihren Umsatz als das Wohlergehen ihrer Patientin im Auge haben.

Christine Wolfrum und Luitgard Marschall

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