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Kässmann: Tanzen & Predigen!

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Wenn ich heute mit Anfang 60 auf meinen beruflichen Weg zurückschaue, wird mir klar, dass sich darin die Entwicklung der evangelischen Kirche spiegelt. Im Jahr meiner Geburt, 1958, wurde ganz offiziell als Pastorin mit Elisabeth Haseloff die erste Frau in Lübeck ordiniert. Als ich Abitur machte, wurde die verordnete Ehelosigkeit für Pastorinnen abgeschafft. Bis dahin meinte „man“, die Anforderungen als Ehefrau und Mutter seien mit der Verantwortung für eine Gemeinde nicht vereinbar. Als ich 1977 begann, Theologie zu studieren, war ich mir all dieser Einschränkungen gar nicht bewusst.

Dass ich Pfarrerin werden wollte, wurde mir erst im Studium selbst klar, ich hatte selbst niemals eine Frau in diesem Amt erlebt. Aber dass ich das werden, ja sein könnte, daran hatte ich überhaupt keinen Zweifel. Ich habe mich mit großem Enthusiasmus in das Theologiestudium gestürzt. Da waren so viele Fragen, ich habe Antworten gesucht.

Können wir nach Auschwitz noch an Gott glauben? Woher kommt all das Leid in der Welt? Muss die Kirche nicht radikal jede Form von Gewalt ablehnen?

Im Studium habe ich schnell begriffen, dass es „inner circles“ gibt. Da waren die Pfarrerssöhne mit klingenden Nachnamen, die von den Professoren sofort zugeordnet wurden. Oder: Wenn jemand Ansgar heißt, kommt er eher nicht aus dem Arbeitermilieu. Aber in mir gab es etwas Widerständiges, das uns unsere Mutter eingepflanzt hatte: Warum sollte eine Frau das nicht auch können?

Während des Studiums gab es ein Schreiben der Landeskirche, das nahelegte, unverheiratet zusammenzuleben sei nicht erwünscht. Okay, wir haben also geheiratet. Dann dachte ich: Warum dann nicht auch ein Kind? Die Tochter kam ein Jahr später und es war irgendwie machbar. Als das Vikariat bevorstand, hieß es: Mit Kind, wie soll das gehen? Das war nicht vorgesehen. Bis dahin hatten Männer Vikariate absolviert und Frauen währenddessen die Kinder gehütet. Wir haben es mit Ach und Krach, Kompromissen, der Hilfe von Großmutter und Freundinnen irgendwie hingebogen. Aber immer unter diesem Diktum der Landeskirche: Wünschenswert ist das doch eher nicht.

Zum Abschluss stand 1985 die Ordination an. Ich war wieder schwanger, dieses Mal mit Zwillingen. Es musste zu dritt vor den Bischof getreten werden. Die anderen haben gelästert: Margot kann auch allein gehen, sie ist ja schon zu dritt. Das war noch lustig. Aber dann hieß es: Pro Ehepaar nur eine Stelle, wir haben zu viele. Babyboomergeneration. Sehr eindrücklich wurde mir von der Pröpstin erläutert, es sei der Gemeinde nicht zuzumuten, mit drei kleinen Kindern eine halbe Pfarrstelle ausfüllen zu wollen. Jahre später schrieb sie mir, ihre Generation habe sich schließlich entscheiden müssen zwischen Beruf und Familie.

Meine Frauengeneration hat als erste die Freiheit erlebt, sich zu bewegen, zu tanzen und Sexualität auszutesten. Mir ist bewusst, in der Kirche ist das immer noch ein schwieriges Thema. Als wir für eine neue Amtsperiode des Rates der EKD Themen für potenzielle Denkschriften sammelten, habe ich eine Denkschrift zur Sexualität vorgeschlagen. Anlass war die Frage einer Mutter. Ihre 15-jährige Tochter wollte die Pille verschrieben bekommen. Was ist die Meinung unserer Kirche dazu? fragte sie.

Ich habe die offiziellen Texte gesichtet und fand eine Denkschrift aus dem Jahr 1971! Die war insofern Neuland, als erstmals formuliert wurde: „Sexualität ist eine gute Gabe Gottes.“ Das war ein mutiger Durchbruch. Sexualität wurde nicht an die Ehe oder den Willen zur Fortpflanzung gebunden, sondern schlicht als schöne, von Gott gegebene Freude am Leben definiert.

Mir ist wichtig, dass meine Kirche den Zugang von Frauen zu Verhütungsmitteln bejaht. Nur so ist sexuelle Selbstbestimmung möglich und auch bewusste Familienplanung. Aber ich finde gut, dass junge Frauen inzwischen der „Pille“ kritisch gegenüberstehen, weil die gesundheitlichen Auswirkungen klarer sind. Doch es fehlt noch immer eine Debatte über verantwortliche Sexualität in einer Gesellschaft, die Pornografie und Prostitution als Normalität akzeptiert zu haben scheint. Da könnte unsere Kirche eine wichtige Stimme sein mit Blick auf Wertehaltung und Maßstäbe.

Inzwischen bin ich eine Art elder church woman und gehöre zur Zwischengeneration. Gestartet, als Frauen noch die Ordinationsrechte bei Heirat abgeben mussten und dann bis an die Spitze der EKD. Dass die Synode der EKD mich als geschiedene Frau 2009 zur Ratsvorsitzenden gewählt hat, finde ich bis heute bewegend. Dabei war klar, dass das in manchen Partnerkirchen nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen werden würde. Prompt kündigte die russischorthodoxe Kirche ihre Beziehungen zur EKD auf, meine Wahl sei „Anpassung an westlichen Zeitgeist“. Nein, habe ich zurückgeschrieben, das ist Konsequenz lutherischer Tauftheologie!

Heute lebt ein verheiratetes lesbisches Paar in einem niedersächschen Pfarrhaus und hat gerade ein Kind bekommen. Eine junge alleinerziehende Pfarrerin hat tausende Follower bei Twitter. Antje Vollmer wurde noch die Ordination entzogen, als sie unehelich schwanger war. Das sind wahrhaftig rasante Entwicklungen für unsere Kirche!

Ich freue mich drüber. Aber mir ist wichtig: Es geht nicht um Anpassung an den Zeitgeist. Es geht um theologisches Amtsverständnis. Jeder Christ, jede Christin kann ein Amt wahrnehmen unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Status.

Begleitet haben mich auf meinem Weg immer Vorurteile. Wichtig war mir: Frauen in der evangelischen Kirche können zeigen, dass sie anders leiten. Partizipativ statt hierarchisch. Offen für Beratung statt allwissend. Ich habe oft gehört, unter Frauen gebe es „Zickenkrieg“. Das war nie meine Erfahrung. Als ich Leitungspositionen innehatte, waren meine Mitarbeiterinnen großartig, solidarisch, haben mich glasklar unterstützt. Und ich habe Männer in der Kirche erlebt, die sich bis aufs Messer bekämpft haben. Da hat keine Supervision mehr geholfen, jedes Coaching ist ins Leere gelaufen. Mir war immer wichtig, Teil eines Teams zu sein, statt sich als Ordinierte abzusetzen von Nichtordinierten.

Das evangelische Amtsverständnis ist auch ein anderes als das katholische, wir haben keinen Weihestatus. Deshalb habe ich auch Stolen etc. immer abgelehnt, sondern nur den Talar getragen, auch keine „clerical collar“ im Alltag. Warum sollten wir im Alltag anders sein als andere Frauen?

Nach dem Verständnis der römisch-katholischen Kirche sind Frauen von allen geweihten Ämtern kategorisch ausgeschlossen. Priester und Bischöfe haben einen Weihestatus, einen „Charakter indelebilis“, eine Veränderung des Wesens geradezu, die unantastbar macht. Wie furchtbar wirkt sich das aus, wenn Priester, die Kinder missbraucht haben, geschützt werden, weil „man“ meint, so die Kirche zu schützen! Die Opfer brauchen Schutz, nicht die Kirche!

Manchmal bin ich etwas verzagt dieser Tage. Corona zeigt, wie sehr die alten Rollen festsitzen. Meine älteste Tochter wird nächstes Jahr 40 und ringt mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die ist auch im Pfarrhaus bis heute nicht gegeben. Da hat sich in unserer Gesellschaft zu wenig geändert, auch in der Kirche. Das ist doch nicht zu fassen! Auch in der evangelischen Kirche hängen noch Bilder von alten Pfarrhausidealen fest. Und so mancher männliche Kollege würde, denke ich, die Frauenordination ganz gern für eine größere Gemeinschaft mit römisch-katholischer und orthodoxer Kirche preisgeben.

Ich freue mich an den jungen Frauen und ihrem Mut, ihren je eigenen Lebensentwurf zu finden und umzusetzen! Dazu wünsche ich ihnen auch in meiner Kirche von Herzen Kraft, Solidarität anderer, Liebe zum Leben und Gottes Segen.

MARGOT KÄSSMANN

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