Despentes & Haenel: Jungs, es reicht!

Virginie Despentes und Adèle Haenel. Fotos: Agencia EFE/imago images, Ena/AP Photo/dpa
Artikel teilen

Ich beginne so: Seid beruhigt, ihr Mächtigen, ihr Bosse, ihr hohen Tiere. Und ich sage: Es tut weh. Egal, wie genau wir es wissen, egal, wie gut wir euch kennen, egal, wie oft wir eure große Macht zur Kenntnis genommen haben: Es tut immer noch weh. Das ganze Wochenende lang hören wir euch heulen und klagen, euer Gejammer, dass man euch nicht in Ruhe Polanski feiern lässt, dass wir euch die Party verderben. Doch seid versichert: Hinter euren Klagen scheint eure Freude darüber auf, dass ihr die wahren Chefs seid, die hohen Tiere. Wir hören euch, laut und deutlich: Ihr habt eure eigene Vorstellung vom Einverständnis, und die wollt ihr euch nicht nehmen lassen. Wo bliebe der Spaß an der Zugehörigkeit zum Clan der Herrschenden, müsstet ihr die Zustimmung der Beherrschten in Betracht ziehen?

Es ist nicht überraschend, dass die Académie des Césars Roman Polanski zum besten Regisseur des Jahres 2020 kürt. Nein, es ist grotesk, es ist beleidi­gend, es ist erbärmlich – doch eine Überraschung ist es nicht. Wenn jemand über 25 Millionen Euro für einen Film ausgeben darf, dann ist schon das Budget die Botschaft. Es wäre uns nicht verborgen geblieben, wenn es dem französischen Kino darum ginge, den wachsenden Antisemitismus zu bekämpfen. Ihr habt von diesem subtilen Vergleich gehört zwischen einem Filmemacher, der von hunderten Feministinnen vor drei Kinos in die Zange genommen wurde, und Dreyfus, einem Opfer des französischen Antisemitismus Ende des letzten Jahrhunderts, und ihr habt die Gelegenheit genutzt. 25 Millionen für diese Parallele! Großartig.

Ein Applaus den Investoren, denn um ein solches Budget aufzubringen, mussten alle mitspielen: Gaumont Dis­tribution, France 2, France 3, OCS, Canal+ und RAI griffen tief in die Tasche und waren großzügig, ausnahmsweise. Steuergeschenke gab es auch.

Ihr seid zusammengerückt, habt einen der Euren verteidigt. Die Mäch­tigen wissen, ihre Privilegien zu wah­ren: Darin gründet eure Eleganz, und Vergewaltigung ist die Grundlage eures Stils. Das Gesetz deckt euer Handeln, die Gerichte sind eure Domäne, die Medien gehören euch.

Die Macht eures großen Reichtums setzt ihr für die Herrschaft über die für subaltern Erklärten ein. Sie sollen schweigen, sollen die Geschichte nicht aus ihrer Sicht erzählen. Denn die Rei­chen wollen eine andere, eine schöne Botschaft vermitteln: Der Respekt, der ihnen gebührt, muss sich endlich auch auf ihre Schwänze erstrecken, die mit dem Blut und der Scheiße der Kinder befleckt sind, die sie vergewaltigen.

Ob in der Nationalversammlung oder in der Kultur – ihr seid es leid, euch zu verstecken, ihr seid es leid, so zu tun, als würdet ihr euch schämen. Ihr verlangt totalen Respekt. Permanent. Gleichgültig ob es um Vergewaltigung, die Brutalität eurer Polizei oder die Césars geht. Eure Politik besagt: Die Opfer sollen schweigen.

Das gehört zu unserem Land, wie euer morbides Vergnügen, und ihr seht kein Problem darin, uns diese Bot­schaft mit Gewalt zu übermitteln. Um euch duldet ihr allein die gehorsams­ten Knechte. Es überrascht nicht, dass ihr Polanski ehrt: Bei Zeremonien wie dieser wird das Geld gefeiert. Der Film interessiert nicht. Das Publikum ist egal. Es ist eure Finanzkraft, die ihr anbetet. Ihr offeriert das große Budget als symbolische Unterstützung, und mit dem Geld einher geht die Macht, die es zu respektieren gilt.

Es wäre sinnlos und unangemessen, in einem Kommentar zu dieser Preis­verleihung einen Unterschied zwi­schen Cis­Männern und Cis­Frauen zu machen. Sie verhalten sich gleich. Die wichtigen Preise bleiben den Männern vorbehalten, denn nichts soll sich ändern: Alles bleibt, wie es ist. Die Dinge sind gut, so wie sie sind. Wenn Foresti (die Schauspielerin Florence Foresti moderierte die Césars, Anm. d. Red.) sich erlaubt, das Fest zu verlassen und erklärt, sie sei „angewidert“, dann handelt sie nicht als Frau, sondern als Person, die das Risiko eingeht, es sich mit der ganzen Branche zu verderben. Sie handelt als Person, die sich nicht völlig unterwerfen will, wissend, dass die Branche es nicht so weit treiben würde, dass die Kinos am Ende leer bleiben.

Sie ist die Einzige, die sich traut, einen Witz über den Elefanten im Raum zu machen. Alle anderen mei­den das Thema. Kein Wort über Polanski, kein Wort über Adèle Haenel. Man diniert zusammen in dieser Szene, man kennt die Parole: Seit Monaten ärgert ihr euch darüber, dass ein Teil des Publikums sich Gehör verschafft; seit Monaten leidet ihr, weil Adèle Haenel das Wort ergriff, um ihre Geschichte als Kinderdarstellerin aus ihrer Sicht zu erzählen.

So werden an diesem Abend alle im Saal zu einem einzigen Zweck zusam­mengerufen: zur Bestätigung der abso­luten Macht der Mächtigen. Und ihr, die Mächtigen, liebt den Vergewaltiger, sofern dieser euch ähnelt, sofern auch er mächtig ist. Dabei bewundert ihr nicht sein Talent, obwohl er Vergewal­tiger ist, sondern weil er Vergewaltiger ist, anerkennt ihr sein Können und preist seinen Stil.

Ihr liebt ihn für den Mut, seine kranke Lust zu reklamieren, seinen stupiden und systematischen Drang, andere und alles zu zerstören, was er berührt. Ihr empfindet Vergnügen in der Attitüde des Raubtiers. Ihr wisst ganz genau, was ihr tut, wenn ihr Polanski verteidigt: Noch in eurer Kriminalität sollen wir zu euch aufblicken. Das Gesetz des Schweigens muss geachtet werden.

So lautet die Forderung an alle Teil­nehmer der Zeremonie. Kritisiert wer­den politische Korrektheit und die sozialen Netze, als stünden sie für eine antiquierte Omertà, und die Schuld der Feministinnen, unverändert seit Jahr­zehnten: Wenn das französische Kino sich feiert, macht man keine Witze über die Schwächen der Bosse. Alle schweigen, alle lächeln. Vergewaltigt der Hausmeister Kin­der, dann gibt es keine Gnade: Polizei, Gefängnis, wortgewaltige Erklärungen, Verteidigung des Opfers und allgemeine Verurteilung. Ist der Vergewaltiger ein mächtiger Mann, schuldet man ihm Respekt und Solidarität.Kein öffentliches Wort über das, was während der Castings passiert, und auch nicht über Ereignisse beim Vor­sprechen, bei Dreharbeiten, in der Werbung. Man erzählt sich davon, es ist bekannt, jeder weiß es. Doch es gilt das Gesetz des Schweigens. Immer. Unter Beachtung dieser Regel werden die Mitwirkenden ausgewählt.

Das ist so, seit Jahren, es ist uns nicht neu, und doch staunen wir immer wieder über die Hybris der Macht. Euer Dreck funktioniert jedes Mal. Unglaublich, aber wahr. Es bleibt die Demütigung, die Redner zu sehen, die sich am Podium abwechseln – bei der Ankündigung oder bei der Ent­gegennahme eines Preises. Wir identi­fizieren uns zwangsläufig – nicht nur ich, als Teil dieses Serails, sondern jeder, der die Zeremonie verfolgt: Wir identifizieren uns und werden stellver­tretend gedemütigt. So viel Schweigen, so viel Unterwerfung, mit so viel Elan in die Sklaverei. Wir erkennen uns darin wieder. Wir wollen das Ende. Denn letztlich sind wir alle an dieser widerlichen Chose beteiligt.

Wir werden stellvertretend gedemü­tigt – als Zuschauende, wenn geschwie­gen wird, obwohl klar ist, dass das „Portrait einer jungen Frau in Flammen“ letztlich nur deshalb keinen Haupt­preis erhält, weil Adèle Haenel den Mund aufgemacht hat. Und als Zuhö­rende, wenn die Botschaft an das Opfer lautet: Überlege genau, bevor du das Gesetz des Schweigens brichst. Adèle Haenel erhebt sich, und das ist ein Sakrileg. Eine Wiederholungstäte­rin, die sich nicht zum Lächeln zwingt, wenn man sie in der Öffentlichkeit besudelt, die sich nicht dazu durchringt, dem Spektakel ihrer eige­nen Erniedrigung Beifall zu spenden. Adèle steht auf, wie sie bereits aufstand, um ihre Version von der Geschichte vom Regisseur und seiner jugendlichen Schauspielerin zu erzählen, um zu berichten, wie sie sie erlebt hat, wie sie damit fertig wird, wie sie ihr anhaftet.

Ihr könnt sie in allen Schattierungen durchdeklinieren, eure absurde Differenzierung von Künstler und Mann: Jedes Vergewaltigungsopfer eines Künstlers weiß, dass sich der vergewaltigte und der kreative Mensch nicht wundersam trennen lassen. Du trägst mit dir, was du bist. So, und nicht anders. Erklärt mir, was ich tun soll, um das vergewaltigte Mädchen vor der Tür meines Büros zu lassen, bevor ich anfange zu schreiben, ihr Witzbolde.

Adèle erhebt sich und geht. An diesem Abend des 28. Februar erfahren wir nicht viel Neues über die große französische Filmindustrie, doch wir lernen, wie man würdig ein Abendkleid trägt. Als Kämpferin. Wie man auf hohen Absätzen läuft, als wollte man das ganze Gebäude niederreißen. Wie man voranschreitet, mit durchgestrecktem Rücken, den Nacken wütend angespannt, die Schultern  zurückgezogen. Das schönste Bild in 45 Jahren Preisverleihungsgala: Adèle Haenel, die die Treppe hinabsteigt und den Saal verlässt. Wir wissen, wie das funktioniert: Jemand haut ab, und ihr flucht.

Ich gebe 80 Prozent meiner feministischen Bibliothek für dieses Bild. Eine echte Lektion. Adèle, ich weiß nicht, ob ich dich mit dem männlichen oder weiblichen Blick sehe, aber ich sehe dich in Dauerschleife auf meinem Handy. Ich liebe dich für diesen fantastischen Auszug. Dein Körper, deine Augen, dein Rücken, deine Stimme, deine Gesten, die sagen: Ja, wir sind die Schlampen, uns hat man gedemütigt. Und ja, wir könnten einfach den Mund halten und eure Schläge hinnehmen, denn ihr seid die Bosse, ihr habt die Macht und die Arroganz, die mit ihr einhergeht. Doch wir bleiben nicht länger sitzen und schweigen. Wir verweigern euch unseren Respekt. Wir sind raus! Macht euren Scheiß alleine! Feiert euch, erniedrigt euch, tötet, vergewaltigt, beutet aus, macht jeden fertig, der nicht bei Drei auf dem Baum ist. Wir stehen auf und gehen. Wir werden laut.

So könnte die Zukunft aussehen. Die Linie verläuft nicht zwischen Mann und Frau, sondern zwischen Unterworfenen und Unterdrückern, zwischen denen, die wissen, wie man die Story kapert und die eigenen Entscheidungen denen aufzwingt, die sich erheben, die gehen. Die laut werden. Das ist die einzig mögliche Antwort auf eure Politik. Wenn es nicht gut läuft, wenn ihr zu weit geht, erheben wir uns und verlassen den Saal. Wir werden laut, wir beleidigen euch.

Und wenn wir zu denen ganz unten gehören, die eure Scheißmacht ganz direkt spüren, zeigen wir euch unsere Verachtung. Ihr kotzt uns an! Wir haben keinen Respekt mehr vor eurer Maske der Seriosität. Eure Welt ist widerwärtig. Eure Liebe zu den Stärksten ist morbide. Eure Macht ist eine finstere. Ihr seid eine unselige Bande von Idioten. Die Welt, die ihr geschaffen habt, um sie in eurer Schäbigkeit zu beherrschen, ist unerträglich. Wir erheben uns und gehen. Das war‘s! Wir stehen auf. Wir gehen. Wir werden laut. Ihr könnt uns mal!

Virginie Despentes, Übersetzung: Lilian-Astrid Geese

Weiterlesen
Alle Bücher von Despentes auf Deutsch bei Kiepenheuer & Witsch

 

Ausgabe bestellen
Anzeige
'

DAS AKTUELLE HEFT KAUFEN

 

EMMA 3/20 (Mai/Juni)

7,90

DAS AKTUELLE eMAGAZIN KAUFEN

 

EMMA 3/20 eMagazin

5,30

DAS KOMBI-ABO BESTELLEN
NUR 1 EURO PRO eMAGAZIN!

 
Zur Startseite