Jetzt im Kino: Where to, Miss?

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Devki hasst Saris. Sie trägt lieber Jeans und T-Shirt. Das ist aus Sicht ihres Vaters aber nicht ihr schlimmster Affront gegen die Tradition. Die 22-Jährige hat sich etwas ganz und gar Ungeheuerliches in den Kopf gesetzt: In der Zehn-Millionen-Metropole Delhi gibt es Tausende von Taxifahrern - und 13 Taxifahrerinnen. Devki will die Nr. 14 werden. Und das nicht nur, weil sie ihr eigenes Geld verdienen will, sondern auch, weil sie das Leben der Frauen in Delhi sicherer machen möchte.

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Am 16. Dezember 2012 war die 23-jährige Jyoti Singh Pandey in einem Bus von sechs Männern vergewaltigt und mit einer Eisenstange so brutal penetriert worden, dass sie an ihren inneren Verletzungen starb. Die Tat löste eine nie dagewesene Welle von Protesten aus. Frauen und solidarische Männer prangerten an, dass Vergewaltigungen in Indien an der Tagesordnung seien, aber praktisch nicht verfolgtwürden – ein Kavaliersdelikt an Menschen zweiter Klasse.

Als Manuela Bastian von den Protesten gegen die Vergewaltigungen hört, will sie sofort nach Indien.

Devki weiß, dass ihr zukünftiger Beruf nicht nur ein Broterwerb ist, sondern ein Symbol. Ein Akt des Widerstands gegen die so selbstverständliche Gewalt gegen Frauen. Die deutsche Filmemacherin Manuela Bastian begleitet die junge Inderin auf ihrem Weg, der gepflastert ist mit Kämpfen. Gegen den Vater, der ohnehin wütend auf seine widerspenstige Tochter ist, weil die den ihr zugeteilten Ehemann nach drei Monaten wieder verlassen hat; jetzt ist die Mitgift zum Teufel, von der Schande ganz zu schweigen. Gegen den neuen Ehemann, den sich Devki immerhin selbst aussucht, der aber zerrissen ist zwischen dem Respekt für den Freiheitsdrang seiner Frau und der Tradition, die taxifahrende Frauen nicht vorsieht. Und gegen den Schwiegervater, der in einem wütenden Monolog klarmacht, was sein Problem ist: Nämlich, dass ihn eine arbeitende Schwiegertochter als Familienernährer degradiert.

Schließlich aber wird Devki nach bestandener Prüfung in ihrem Taxi den stolzen Satz sprechen, der diesem eindringlichen Dokumentarfilm den Titel gegeben hat: „Where to, Miss?“ – „Wohin soll es gehen, Miss?“

Vorne Taxifahrerin Devki, hinter ihr der Vater, rechts Filmemacherin Bastian.
Vorne Taxifahrerin Devki, hinter ihr der Vater, rechts Filmemacherin Bastian.

Dass dieser Film überhaupt gedreht worden ist, ist wohl der Tatsache zu verdanken, dass Manuela Bastian eine ähnlich hartnäckige Person ist wie ihre Protagonistin. Als die Deutsche im Dezember 2012 von der Gruppenvergewaltigung hört, will sie sofort nach Indien. Nach dem Abitur hatte sie das Land drei Monate lang bereist und es „gleichzeitig faszinierend und erschreckend“ gefunden.

Vor allem die Rolle der Frauen. Jetzt will sie nicht das Bild von der armen geschundenen Inderin zeigen, sondern die wehrhafte Frau. „Ich habe nach Frauen gesucht, die emanzipierter sind, als wir es in den Medien mitbekommen.“

Solche Frauen hatte die 28-Jährige, die noch an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert, schon bei ihrem ersten Dokumentarfilm kennengelernt. Der hieß „Kampf in Pink“ und war ein Porträt über Sampat Pal, die Gründerin der berühmt-berüchtigten „Gulabi Gang“ (EMMA 1/2011). Die feministische Bürgerinnenwehr, gekleidet in pinkfarbene Saris und bewaffnet mit langen Stöcken, hat es mit ihren Rachefeldzügen gegen Schläger und Vergewaltiger weit über Indiens Grenzen hinaus zu einem gewissen Ruhm gebracht.

Manuela Bastian war 21, als sie erstmals von Sampat Pal und ihrem Stoßtrupp hörte. Die Tochter eines Fotografen und einer Yogalehrerin studierte gerade Malerei an der Münchner Akademie der Bildenden Künste und hatte bis dato, abgesehen von einem Praktikum, mit Film nicht allzu viel am Hut gehabt.

Regisseurin Bastian: "Ich habe nach Frauen gesucht, die wehrhafter sind als wir es in den Medien sehen."

„Als ich von der Gulabi Gang erfuhr, hat mich das so gepackt, dass ich dachte, ich muss darüber etwas machen. Aber es hätte ja nichts gebracht, ein Bild zu malen. Also musste ein anderes Medium her.“ Und so packte Bastian eine Kamera ein, flog zu Sampat Pal und filmte den Kampf der Gulabi Gang: Zum Beispiel für das Mädchen Sheilu, die von einem Politiker vergewaltigt worden war und anschließend ins Gefängnis gesteckt wurde. Oder für Radha, die den Mann, von dem sie ein Kind erwartet, nicht heiraten darf.

Als Manuela zurückkehrte, richtete sie im Keller einen Computerschnittplatz ein und machte aus ihrem Material einen Film. „Kampf in Pink“ lief auf dem Starnberger Fünf-Seen-Filmfestival und wurde für den Horizonte-Preis für „Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit“ nominiert. Manuela Bastian, die nun wusste, dass sie ab jetzt Dokumentarfilme machen wollte, reichte ihr Werk als Bewerbungsfilm für die Filmakademie ein.

Vier Jahre später packte sie das nächste Thema an: Wie wehren sich die indischen Frauen gegen die Vergewaltigungen? Bei ihrer Recherche stieß Bastian auf die Azad Foundation, eine NGO, die Frauen zu Taxifahrerinnen ausbildet. Eine zweite Organisation stellte den fertigen Fahrerinnen die Taxis zur Verfügung.

Im März 2013 flog die Filmemacherin mit ihrem Team nach Indien. Eine Finanzierung gab es nicht, alle arbeiteten ehrenamtlich mit. Erst später kamen durch Crowdfunding 18 000 Euro zusammen. Der Rest war eine Finanzspritze der Eltern Bastian, plus viel Herzblut.

In der Fahrschule in Delhi „sind wir auf 20 junge Frauen gestoßen“, erzählt Manuela Bastian. Eine davon war Devki. „Ich wusste vom Bauchgefühl her sofort, dass sie unsere Protagonistin sein sollte. Sie ist nicht mehr von unserer Seite gewichen und es war klar, dass sie unbedingt ihre Geschichte erzählen wollte.“

Und Devki erzählt. Von ihrem Vater, der sie früher oft zwei Stunden lang mit einem nassen Handtuch schlug. Davon, dass sie natürlich Angst hat, vergewaltigt zu werden, es als älteste Tochter aber nicht zeigt, damit sich die Angst nicht auf ihre jüngeren Schwestern überträgt. Und davon, warum sie sich ihren Namen auf den Hals hat tätowieren lassen: „Früher nannten mich alle Tochter von Harischchandra. Nach der Hochzeit nannten sie mich Frau von Badri. Heute werde ich nur noch Aayushs Mutter genannt. Dabei möchte ich einfach nur Devki sein.“

Wenn wir im Film sehen, wie Devki ihre ausschließlich weiblichen Fahrgäste durch die lärmenden, chaotischen Straßen von Delhi steuert, dann wird das Taxi zum Mikrokosmos. Ein Ort, an dem die Frauen Ruhe und Schutz finden. Wenigstens hier.

„Where to, Miss?“ wurde auf den Hofer Filmtagen als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Der Preis heißt „Granit“, was die Filmemacherin äußerst passend findet. „Wir haben schon sehr kämpfen müssen“, sagt sie. Dreimal flogen sie insgesamt nach Delhi. Denn sie wollten einfach einen guten Film machen. „Immer wieder haben Leute gewarnt: Ihr verzettelt euch!“ Aber Manuela Bastian blieb hartnäckig. Wie Devki.

"Where to, Miss?" - Jetzt im Kino

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