In der aktuellen EMMA

Frauenstimmen: Wir piepsen wieder

Foto: irina_levitskaya.
Artikel teilen

Morgens läuft das hier in etwa so: in die Küche traben, das kleine Radio anmachen. Wer wird wohl heute in meinem Kasten sitzen und mich in den Tag begrüßen? Es gibt Radiostimmen, die das besonders gut können, die nicht mehr von einem wollen als dieses warmduselige ‚Ach, Mensch, du, auch schon da?!‘ Diese Milde lässt mich noch eine Weile in mir herumdämmern, dann der Schalter der Kaffeemaschine. Heißt: Er kann losgehen, der neue Tag.

Das ging erstaunlich lange gut, aber nun funktioniert das nicht mehr. Immer häufiger sitzen Stimmen in meinem Kasten, die schlicht nicht zum Aushalten sind. Vor allem die Frauenstimmen. Quietschig hoch, nervig, wie aus dem Trimmdichstudio, kurzum: zu grell für meinen fragilen Morgenzustand. Das Ganze bewegt sich nahe Kopfschmerz. Ich muss ausschalten. Dabei könnte mein Hirnpuckern auch daran liegen, dass Stimmen nun mal mein Beruf sind. Seit zwanzig Jahren arbeite ich an einer Schaupielschule, um neue Stimmen auf die Bühne vorzubereiten. Will sagen: Aus dem Körper gekippte Stimmen machen mich rasch nervös. Wo sie auftauchen, verlasse ich die Kneipe, ziehe im Zug in einen anderen Wagen um oder trete kurzerhand aus dem Gespräch aus. Ich kann nicht. Es geht nicht. Es tut mir weh.

Es gibt also ein paar gute Gründe, mal etwas gründlicher über die weibliche Stimme nachzudenken oder es zumindest zu versuchen. Was ist los mit ihr? Stimmt mein Verdacht, dass weibliche Stimmen im Radio immer glatter, unbedarfter, jünger zu klingen haben, bzw. dass eine Stimme, die Mündigkeit und Grips vermuten lässt, so ziemlich out ist?

Ist es ein Trend, in den Medien zunehmend nicht ausgebildete Stimmen einzusetzen, in der seltsamen Annahme, sie seien besonders authentisch? Stimmt es, dass junge Schauspielerinnen heute Mikrofone brauchen, weil sie die Bühnen sprechend nicht mehr füllen können? Und was ist mit den Piepsstimmen in den endlosen Kinderserien, mit den Pubertierenden, die mit aufgerissenen Augen auf Instagram oder YouTube über Beauty-Channels ihre schillernde Weiblichkeit ausstellen, was mit all den Adretten, Immerjungen in der Fernsehwerbung, dem ganzen Supermarktgedröhne? Was also ist mit uns Frauen als Stimmkörper? Ist Stimme haben nicht vor allem sich haben? Sind wir also wieder am Abtauchen, wieder dabei, uns schmal zu machen?

Wovon ist die Rede? Von Stimmen in den Medien, in der Kultur, in der Gesellschaft, in der Politik, im Privaten, auf dem Markt? Hinzu kommt, wir haben es bei dem Phänomen Stimme ja eher mit etwas Ephemerem zu tun. Stimmen entziehen, verbergen, enthüllen sich. Wie über sie sprechen? Vor allem wovon? Von der Stimme als die große Uneindeutige, als Offenbarung, als Seismograph, als Spur, als anarchischem Tunnel, als Type, als Klischee, als Erotisiererin, als Instrument, als Versteck, als Störung, als Verkörperung? Wo in diesem endlosen Spektrum ansetzen? Wir wissen, wie viel Macht die Stimme besitzen kann, aber auch, wie es ist, wenn sie plötzlich stockt, wenn sie weg ist oder sogar vollkommen verstummt. Wie viel Welt, wenn sie schweigt! Wir sitzen im Theater, vor den Radiogeräten und Bildschirmen und staunen über das Universum, das eine Stimme uns zu öffnen vermag.

Auf der Suche nach dem Ursprung der neuen weiblichen Strahlestimmen begegnet mir zunächst einmal das komplette Gegenteil. Seit Jahren wird von Michael Fuchs, Professor für Phoniatrie am Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationskrankheiten (LIFE), weitreichende Stimmenforschung betrieben. Die zuletzt erschienene Studie aus dem Jahr 2017 stellte dabei fest, dass „Frauen ihre Sprechstimme deutlich tiefer einsetzen als vor etwa 20 Jahren. Statt einer ganzen Oktave liegt die Frauenstimme nur noch etwa eine Quinte, also die Hälfte des Wertes, über der Männerstimme.“ Also eigentlich tiefer, statt hoch fiepsend und dauerstaunend?

Michael Fuchs nennt denn auch die Ursachen für die markante Tieflage: veränderte soziale, gesellschaftliche Bedingungen, genau gesagt: „die Emanzipation der Frau“. Noch dazu geht er davon aus, dass dieser Trend anhalten werde und „dass auch die Folgegenerationen weiter tiefer sprechen werden. Es sei denn, das gesellschaftliche Bild ändert sich wieder“. Das gesellschaftliche Bild.

Vielleicht ist es das, worum es bei den neuen Stimmen geht? Deren Geburtsstunde schlug vor einigen Jahren im USManagement. Denn mit der Stimme gab es ein generelles Problem: Sie offenbart Emotionen. Sie zeigt Unsicherheiten, und kann gleichzeitig verunsichern. Sie mischt Körper und Seele, Sinnliches und Sinn, Materie und Geist. Sie ist immer physisch und psychisch zugleich, individuell und sozial. Sie demonstriert Macht und offenbart Ohnmacht.

Die Unverfügbarkeit der Stimme steht insofern der Marktlogik diametral entgegen. Das ist ungünstig, ziemlich ungünstig sogar, nicht nur für Unternehmen. Ängste, Schutzlosigkeit, Zweifel, Abwehr – alles, was die Stimme gleichsam unter der Hand offenbart, setzt auch den Karriereweg des Einzelnen schwer unter Druck. Die Stimme gibt viel preis. Zu viel. Was tun damit?

Die Lösung bot sich über die Boom-Industrie der sogenannten Positiven Psychologie. Deren Verheißung: Der glückliche Mensch ist einer, der hergestellt werden kann. Glückliche Psychobürger können ihr Glück gestalten, können ständig besser werden, nein, alle können das, was aber letztlich immer noch nicht genug ist. Denn das Happify-Prinzip erzählt von der „Notwendigkeit, glücklich zu wirken“, davon, „glückselig, hingerissen, mitreißend“ zu sein, wie die Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch „Das Glücksdiktat“ festhält.

So eine Glückskonfektion funktioniert natürlich nicht mit Stimmen, die ans zerquälte Seelenleben, an die Bruchqualitäten des Realen, an den Krisenmodus des Einzelnen gekoppelt bleiben. Was es also brauchte, war ein anderer Zugang, eine Idee, einen echten Cut. Zurück zum eindeutig Binären: die pinkfarbene Frauenstimme und der dunkle Macho-Sound. Pinkfarbene Stimmen sollten flöten und tirilieren, Machos brummen und deutlich werden. Insbesondere bei der Besetzung von Frauenstimmen ging es einmal mehr darum, maximal flexibel, unbeschrieben und glatt, keck, jung, angenehm, smart, unkompliziert zu klingen, mit jenem internalisierten „easy going“, das den Usern vermittelt: Wenn ich das kann, könnt ihr das auch.

Doch wie sollte das real aussehen? Kann man seine Stimme einfach so umtopfen, um makellose Weiblichkeit und Männlichkeit zu mimen? Kann man ohne weiteres ein anderer Stimmenmensch werden? Können Stimmen lügen?

Wer das genau wissen müsste, sind meine Studierenden. Sie reagierten auf meine Frage ohne Umschweife und lachten: Na, klar! Stimmen lügen unentwegt, sie kokettieren, bluffen, unterlaufen, sie rollen sich ein, um nur noch dreister an ihr Ziel zu kommen. Die Schultern asymmetrisch, der Blick von unten nach oben, die Stimme so schrill wie hoch. Und dann hilflos tun, damit der Mann sich stark fühlen kann.

Das ist Genderspiel nach dem Muster: Weibchen, jung, schutzbedürftig, wehrlos. Die Hoffnung der Piepsstimme: Kindern tut man nichts. Funktioniert immer, meint Lina und freut sich drüber. Ich muss an eine Situation in meiner Berliner Lieblingskneipe denken: Er und sie, sie und er, am Tisch gegenüber. Er, Typ viriler Brummbär, mit kräftigen Muskeln, seine rechte Hand auf ihrem Oberschenkel. Sie, die ganze Zeit über in ihr iPhone starrend, im Grunde gar nicht da. Irgendwann seine Hand drängender, was sie sichtlich an etwas erinnerte. Darauf die Frau im gellenden Schnatterinchen-Ton. Es war der Ton, den er offenkundig gebraucht hatte. Das Ganze beruhigte sich sofort. Er trank weiter sein Bier, sie schaute wieder in ihr Gerät.

Ich mag es, Szenen wie diese zu beobachten. Sie taugen nicht für Theorien, aber könnten ein Modell für Paare sein, die offenbar gern so nebeneinandersitzen, die etwas leben, was auf Dauer aus ist, die ihr Miteinander ritualisiert haben und ihr Pendeln aufgegeben haben. Sie machen auf blau und pink. Der Geschlechterkampf scheint beendet.

Als säßen diese Frau und dieser Mann in „Das passende Leben“, wie der soeben verstorbene Schweizer Erziehungspapst Remo Largo sein gleichnamiges Buch aus dem Jahr 2017 nennt. Largo teilt das Leben im Kern in „Fit-Prinzipien“ und „Misfit-Konstellationen“ auf und schlägt vor, das Nichtfitte in komplett Fittes umzubauen, was den Ich-Konfektionen der Positiven Psychologie schon ziemlich nahekommt: „Sei du selbst!“ – „Nutze Deine Gefühle, um Dir das Denken zu erleichtern!“ – „Mach das Beste aus Deinen Höhen und habe Deine Tiefen im Griff!“

Paare werden in diesem Konzept umgewidmet zu „nützlichen, passenden“ Institutionen. Und wie ist es mit der Liebe, mit Kontroverse und Identität in einer authentischen Beziehung? Der amerikanische Historiker Christopher Lasch, bekannt geworden durch sein Buch „Die Kultur des Narzissmus“, verweist darauf, dass sich Menschen in einer zunehmend instabilen, fragmentierten Welt emotional immer stärker in sich zurückzögen und nur noch ihr persönliches Wohlbefinden im Blick hätten.

Ist die verstellte Stimme demnach ein Versteck, ein Schutz? Bedienen Frauen Klischees, weil ihnen im Dauerkampf die Puste auszugehen droht? Ist das jene Veränderung des gesellschaftlichen Bildes, von dem die Leipziger Stimmenforscher anfangs sprachen? Geht der Trend in Sachen weibliche Stimme somit zeitgleich in zwei Richtungen: in eine aus dem Stimmensitz kommende authentische, immer dunkler werdende Stimme und eine unters Kinn geschnallte Bambi-Stimme, die in ihrem Glückseligkeitsprogramm jedwede Erfahrung aussperrt und dazu das, was Resonanz bedeuten könnte?

Lara ist 21 und studiert Schauspiel in Berlin. Wenn man sie sieht, denkt man an jung, schön, stark. Elektra war ihre erste große Rolle für ein Casting bei einem der angesagtesten Theaterregisseure des Landes. Ich weiß, was Lara mit Sprache auf der Bühne macht. Wir haben zusammengearbeitet. Ich sehe sie auf der Bühne stehen, ganz vorn, direkt vorm Publikum. Ich kenne den Augenblick, wie sie und das Publikum sich im Dunkeln anschauen, als hätte soeben was ausgesetzt. Es sind die Momente, für die ich Theater liebe.

Lara erzählte, dass sie drei Tage nach dem Casting im Taxi saß, als der Anruf kam, auf den sie gewartet hatte. Der Starregisseur teilte ihr mit, dass sie die Rolle kriegen würde. Sie und er. Er und sie. Lara kicherte, Lara spielte Micky-Maus, Lara schnallte ad hoc ihre Stimme hoch. Danach wurde ihr klar: pieps, pieps, pieps – sie ärgerte sich über sich. Wie war das möglich?, fragt sie sich. War sie nicht längst durch mit der Emanzipation? Stimme ist Körper, Stimme ist Soziales, Stimme ist Seele, Stimme ist Identität. Stimme ist eine unserer intimsten, subtilsten Expressionen. Es geht um Druck, Markt, Sexismus, Abhängigkeit, Taktik, Lüge, Schein. Es geht um Sinn, Charakter, Seelenklang, Verletzlichkeit, Individualität, ums Verbergen und um Kontrolle. Um die sichtbare, hörbare, sich anbietende, verstellende, sich verkaufende Frau.

Welche Frau? Aristoteles hielt die Stimme für den „Laut eines beseelten Wesens“. Diese Idee aufzugeben, machen die neuen Schnatterinchen und pinkfarbenen Kitschstimmen zum Politikum. Denn auch Manipulation schafft eine Realität. Sie greift nicht nur nach der Welt außerhalb, sie lügt sich auch durch bis ins Innere. 

INES GEIPEL

Ausgabe bestellen
Anzeige
'

Anzeige

 
Zur Startseite