Christine Prayon: Ich bin raus!
Christine Prayon ist in Bonn geboren und stammt aus einer belgischen Offiziersfamilie. Sie studierte Schauspiel in München und gründete nach verschiedenen Theater-Engagements 2005 mit Eva Eiselt das Kabarett-Duo „Top Sigrid“. 2010 hatte ihr Soloprogramm „Die Diplomanimatöse“ Premiere, für das sie mit dem Deutschen Kleinkunstpreis, dem Prix Pantheon und dem Deutschen Kabarett-Preis ausgezeichnet wurde. Im gleichen Jahr nahm Prayon an den Protesten gegen Stuttgart 21 teil. Durch eine Rede auf einer der Demonstrationen wurde die heute-show auf sie aufmerksam. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt sie im Osten Berlins. Aktuell tourt Christine Prayon, 52, mit ihrem Programm „Abschiedstour“.
Christine, du bist im September 2022 nach elf Jahren als Reporterin Birte Schneider aus der heute-show ausgestiegen. Warum?
Christine Prayon Ich habe gemerkt, dass das, was die heute-show macht, für mich nicht mehr viel mit dem zu tun hat, was Satire meiner Ansicht nach ist und was sie tun sollte. Das fing schon in der Corona-Zeit an. Was in den Hauptmedien berichtet wurde, war oft sehr einseitig. Kritische Stimmen wurden – wenn sie überhaupt hörbar waren – geframed und als fragwürdig eingeordnet. Die heute-show hat sich mir als Sprachrohr und Verstärker der Regierungspolitik dargestellt. Bis dato hatte ich es so verstanden, dass Satire die Aufgabe hat, den – ich sage das jetzt mal ganz banal – Herrschenden auf die Finger zu schauen und auch zu klopfen, wenn es nötig ist. Und vor allem, die Kritik eher nach oben zu richten. Wenn man das bei einem Thema nicht kann, weil man der gleichen Meinung ist wie die Regierung, dann ist die Frage, ob man sich nicht ein anderes Thema für seine Satire aussuchen sollte. Und was ganz schlecht ist: Nach unten zu treten und Leute, die anderer Meinung sind, durch Witze und Häme bloßzustellen. Aber genau das fand in der Corona-Zeit in der heute-show für mein Dafürhalten statt, ganz konkret mit den Ungeimpften. Da ist ganz schön scharf geschossen worden.
Wie hast du darauf reagiert?
Ich habe erstmal das Gespräch mit den Hauptverantwortlichen gesucht. Ich habe erklärt, dass ich das so nicht mehr mittragen und diese Nummern so nicht mehr machen möchte. Ich hatte die Hoffnung, dass sich vielleicht was ändert.
Die Unterzeichner vom "Manifest für Frieden" wurden lächerlich gemacht
Und wie war die Reaktion?
Sie haben sich für die Kritik bedankt und eingeräumt, dass es sein könnte, dass sie sich in einer Blase bewegen. Das Ergebnis war aber trotzdem, dass ich als Birte Schneider aus den Corona-Nummern rausgelassen wurde, was mich zwar erleichterte, letztendlich aber natürlich nichts an der Gesamtausrichtung der Sendung änderte.
Du leidest selbst unter Long Covid. Da die Symptome allerdings schon mit der Impfung im Oktober 2021 begonnen haben, hältst du auch für möglich, dass es sich um einen Impfschaden handelt.
Ich habe einen medizinisch belegten Impfschaden, kein Long Covid. Da ich selber das aber nicht von Anfang an wusste, habe ich auch die Protagonistin in meinem Buch „Abwesenheitsnotiz“ im Unklaren darüber gelassen, ob sie Long Covid oder Post Vac hat. Diese Unterscheidung ist allerdings wichtig, da offiziell gerne alles als Long Covid bezeichnet wird, damit Impfschäden kleingeredet werden und an dem Narrativ der sicheren Impfung festgehalten wird. Unabhängig von meiner Geschichte fand und finde ich es keine Art des Umgangs mit diesem Thema. Ich habe schon vor meiner eigenen Erkrankung mit dieser Einseitigkeit der Berichterstattung gehadert.
Und wie ging es dann weiter?
Dann kam das nächste Thema: der Ukraine-Krieg. Und da ging es mir wieder so, dass ich dachte: Ich sehe das anders. Ich hab jedesmal gebibbert, ob ich eine Szene bekomme, die ich mittragen kann. Aber ich habe gemerkt: Das funktioniert nicht mehr. Ich kann nicht in einer Sendung sein, die in den ganz großen, gesellschaftlich prägenden Themen gerade eine Position vertritt, die sich überhaupt nicht mit meiner deckt. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, war dann das „Manifest für Frieden“ im Februar 2023 von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht. Ich hatte dieses Manifest auch unterzeichnet. Es wurde in der heute-show als „Manifest der Volksverdummung“ bezeichnet. Und dann wurden die Erstunterzeichner gezeigt und lächerlich gemacht. Einer davon war Martin Sonneborn (früherer Chefredakteur des Satire-Magazins Titanic und heute Vorsitzender von DIE PARTEI im EU-Parlament, Anm. d. Red.), der früher in der heute-show mitgearbeitet hatte. Da fiel mir die Kinnlade runter. Ich dachte: Das gibt’s doch nicht! Die geben selbst die, von denen sie wissen, dass sie anständig, intelligent und integer sind und eben nicht dumm oder hinterhältig, der Lächerlichkeit preis. Und kommen nicht auf die Idee, dass an deren Gedanken was dran sein könnte? Für mich war damit eine Grenze erreicht.
Was hast du dann gemacht?
Ich habe diese Gedanken so auch den Verantwortlichen in einem langen Brief mitgeteilt und gesagt, dass ich gehe. In dem Gespräch, das dann folgte, hat mir die heute-show angeboten, dass ich in der Sendung Gegenpositionen darstellen könnte. Das wollte und konnte ich aber aus verschiedenen Gründen nicht. Darüber hinaus hatte ich keine Lust, als Feigenblatt zu fungieren.
Die Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sendern ist bis heute so groß, weil die Menschen sehen, dass sie mit ihrer Haltung nicht vorkommen. Die Umfragen zeigen, dass die Hälfte der Bevölkerung im Ukraine-Krieg anderer Meinung ist.
Ja, aber diese Propaganda funktioniert leider immer noch zu gut. Und mir war klar: Da muss ich raus! Hinzu kommt: Mein Hauptding ist ja mein Soloprogramm auf der Bühne.
In dem du dich kritisch zu Aufrüstung und Kriegstreiberei äußerst.
Ja. Und wenn ich das weiterhin überzeugt und selbstbewusst machen möchte, dann kann ich nicht gleichzeitig in der heute-show sein.
Wie haben denn andere Kabarettisten und Kabarettistinnen auf deinen Abgang aus der heute-show reagiert?
Von den Kollegen kam ganz wenig.
Dabei war dein Abgang ja ein ziemlicher Donnerschlag. Alle Medien haben berichtet.
Ja, aber mir wurde von einigen vorgehalten, dass ich in dem Interview mit dem Stuttgarter Magazin kontexte (in dem Christine Prayon ihren Abschied von der heute-show erklärt hatte, Anm. d. Red) Begriffe verwendet hätte, die man nicht verwenden darf. Ich hätte zum Beispiel nicht von der „Diffamierung Andersdenkender“ sprechen dürfen.
Warum nicht?
Weil das angeblich ein Terminus ist, der gern von Rechten benutzt wird. Ich dachte, ich könnte es einfach als das benennen, was es ist. Aber wir leben in Zeiten, in denen es bei einem falschen Wort ganz schnell heißt: „Ertappt! Du bist rechts!“ Ich galt dann plötzlich als Kronzeugin für den rechten Populismus. Es sind also nicht die Leute, die mit ihrer Politik dafür sorgen, dass die Leute nach rechts driften, sondern Menschen wie ich, weil ich darüber gesprochen habe, dass in der heute-show Stimmung gegen Andersdenkende gemacht wird. Und in dieser Gemengelage gab es nach dem Interview dann eine große Aufregung. Von den Zuschauerinnen und Zuschauern habe ich aber viele ganz tolle Zuschriften bekommen.
Du fängst an, drüber nachzudenken, wie es um den Rechtsstaat bestellt ist
Was haben die dir geschrieben?
Die waren unglaublich erleichtert und froh, dass mal jemand aus dem Inner Circle sagt: „Den Zirkus mach ich nicht mehr mit!“ Viele haben mir geschrieben, dass sie vorher das Gefühl hatten, sie seien völlig allein mit ihrem Unbehagen, und dass es niemanden mehr gibt, der den Mund aufmacht. So eine Aktion macht ja auch Mut und bestärkt Menschen darin, dass nicht alles bescheuert ist, was sie denken. Aus der Branche gab es aber so gut wie keine Rückmeldungen. Und das ist eigentlich auch verständlich, denn es war ja nicht so, dass andere nachgezogen sind. Wenn ein Kollege meint, dass er eigentlich auch Konsequenzen ziehen müsste, es aber nicht tut, wie steht er dann da? Insofern macht man, wenn man geht, so eine Sache allein. Und man zahlt auch einen Preis dafür.
Du hast die Entscheidung, auszusteigen, zu einem Zeitpunkt getroffen, als du schon schwer erkrankt warst.
Ja. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie stark mich mein Impfschaden beeinträchtigen wird. Werde ich überhaupt noch arbeiten und Geld verdienen können? Ich musste damals Auftritte absagen und mache heute nur noch die Hälfte der Auftritte. Und ich bin diejenige, die bei uns das Geld verdient, mein Mann kümmert sich um unseren Sohn. Wenn ich einen Lamborghini hätte haben wollen, hätte ich mich an ein paar Weggabelungen wohl anders entscheiden müssen (lacht). Beim Fernsehen musst du Kompromisse machen, wenn du Karriere machen willst. Aber wenn das faule Kompromisse sind, wie will ich denn dann am Ende da stehen? Ohne Rückgrat? Was bringt das?
Auch bei der Anstalt hast du keine Kompromisse gemacht und das Team verlassen.
Ich war gecastet für das erste Team der Anstalt mit Claus von Wagner und Max Uthoff. Georg Schramm und Frank-Markus Barwasser hatten mir damals geraten: Sorg dafür, dass die Sendung live bleibt! Das habe ich dann in den Sitzungen mit der Redaktion immer gesagt. Das wurde schon nicht gern gesehen. Dann habe ich meinen Senf dazu gegeben, wenn es um die Frage ging, wen man einlädt. Ich habe gefragt: Was hat ein Comedian in einer politischen Satire-Sendung zu suchen? Wurde auch nicht gern gesehen. Und dann hab ich noch in der alten Anstalt etwas gemacht, was zum Beispiel Georg Schramm früher ständig gemacht hat: eine Nummer, bei der man still wurde und zuhören musste und die auch scharf war. Es ging um 80 Jahre Ermächtigungsgesetz. Da hatte mir vorher schon der Redakteur gesagt: Willst du nicht lieber was Lustiges machen? Und ich hab das eben nicht geliefert. Ich war dann halt nicht die Nette, Hübsche, Lustige. Ich war, glaube ich, zu scharf für ne Frau. Die Zuschauerzuschriften waren zwar super, aber vom ZDF hieß es, das sei nicht das, was man gern von mir gesehen hätte. Der Sender veränderte daraufhin die Bedingungen: Er entzog mir sein anfängliches Vertrauen. Uthoff, von Wagner und ich waren als Team nicht mehr gesetzt, sondern ein zweites Moderatorenteam war plötzlich im Rennen. Da habe ich gesagt: Das mache ich nicht mit. Und dann bin ich gegangen. Das macht man ein paar Mal und dann ist man raus, zumal als Frau.
Dein Großvater war General in der belgischen Armee, dein Vater war Offizier bei der Bundeswehr. Kommt womöglich daher deine Gradlinigkeit?
Kann sein. Vielleicht habe ich eine gewisse Disziplin in die Wiege gelegt bekommen. Ich habe sehr oft zu hören bekommen: „Reiß dich zusammen!“ Und wurde erzogen, meine Befindlichkeiten nicht so wichtig zu nehmen und was anderes an die erste Stelle zu setzen. Ich kann an etwas dranbleiben, auch wenn es hart ist oder Gegenwind gibt. Das ist vielleicht in manchen Situationen auch etwas Positives. Die andere Seite der Medaille ist, dass ich Probleme mit Autoritäten habe. Früher war ich ein braves und ängstliches Mädchen …
Was man sich heute kaum vorstellen kann …
… und wenn ich widerspenstig war, wurde das nicht gern gesehen. Auch auf der Schauspielschule und am Theater wirst du wieder mit Autoritäten, vor allem mit patriarchalen Machtstrukturen konfrontiert. Das habe ich als junge Frau sehr heftig zu spüren bekommen. Das war ja lange vor MeToo. Regisseure, die einen haben spüren lassen: Du bist ne ganz kleine Nummer. Ich habe immer die Frauen bewundert, die sich dagegen behauptet haben. Ich konnte das damals nicht. Lange nicht. Ich habe schon am Theater gemerkt, dass es mich unheimlich stört, wenn Leute routiniert und zurückgelehnt diesen Job machen und den als so ein Ego-Ding begreifen. Für mich musste das immer was damit zu tun haben, dass man was zu sagen hat. Und daraus ist dann entstanden, eigene Texte zu schreiben. Und dann ist es ja sehr folgerichtig, vom Theater wegzugehen.
Du hast 2010 an den Protesten gegen Stuttgart 21 teilgenommen und statt der üblichen Demo-Reden auf der Bühne regelmäßig die damalige Umweltministerin Tanja Gönner parodiert.
Ich habe die Gönner parodiert und satirische Reden gehalten. Davon kursierten dann Schnipsel auf YouTube und die hat eine Redakteurin der heute- show gesehen, woraufhin ich zum Casting eingeladen wurde. Übrigens habe ich schon bei den Demos gegen Stuttgart 21 erlebt, wie manipulativ Medien berichtet haben. Da waren mitunter bis zu 150.000 Leute auf der Straße. Und trotzdem haben sie in den Berichten nur die Freaks gezeigt: die Baumtänzer und die, die ein bisschen komisch drauf waren. Das hat mich politisiert, weil ich dachte: Moment! Wenn ich vor Ort alles mitkriege und genau weiß, wie es da aussieht, und ich lese hinterher was ganz anderes in der Zeitung – was wird mir denn womöglich noch erzählt, was gar nicht stimmt? Es geht nicht um Verschwörungserzählungen. Es war einfach Realität, dass die Dinge verzerrt dargestellt und manipuliert wurden. Da fängst du an, darüber nachzudenken, wie es um Demokratie und Rechtsstaat bestellt ist.
Menschen aus dem Osten haben eine andere Sicht auf die Dinge
Und aus dem ängstlichen Mädchen wurde eine mutige politische Kabarettistin?
Naja, dass man sich etwas traut, heißt nicht, dass man keine Angst hat. Sondern nur, dass man es trotzdem macht. Ich stelle Dinge in Frage: Muss das so sein? Oder geht das auch ganz anders? Mir hilft dabei, dass ich in meinem nächsten Umfeld auch Menschen habe, die aus dem Osten kommen und anders sozialisiert sind. Und die haben teilweise eine andere, erweiterte Sicht auf die Dinge.
Du lebst mit deinem Mann in dessen Heimat Berlin-Karlshorst.
Genau, und deshalb habe ich über all die Jahre natürlich auch viele Gespräche mit Ostdeutschen geführt. Ich weiß: Bevor man sagen darf, was in der DDR gut war, muss man ganz schnell sagen, was alles schlecht war, also: Es gab echt schlimme Dinge in der DDR. So. Richtig. Und die Leute, mit denen ich mich unterhalte, sagen alle: Ich wünsche mir die DDR nicht zurück. Aber ein paar Dinge hätten wir gern behalten. Und das sage ich ja auch in meinem Programm „Abschiedstour“: Es wäre doch nett, wenn wir uns auch da mal möglicherweise ein paar Inspirationen holen könnten bei den Dingen, die gut gelaufen sind: bei der Emanzipation der Frau zum Beispiel. Oder dass ich mir keine Sorgen darum machen musste, ob ich meine Miete bezahlen oder mir morgens ein Brötchen kaufen kann. Die Idee, dass der Mensch an erster Stelle steht und nicht der Profit, dass es vor allem darum geht zu kooperieren und nicht zu konkurrieren – das könnte man doch mal probieren. Denn das hier scheint ja nicht wirklich zu klappen. Ach, das Thema Kapitalismus. Wenn ich damit anfange ...
Bitte, nur zu.
Na gut: Vor der Wende hat sich der Kapitalismus noch am Riemen gerissen. Da gab es ja das andere System noch. Jetzt gibt es das nicht mehr und der Kapitalismus hat gewonnen, also eigentlich ist er übriggeblieben. Aber er hat – wieder mal – vergessen, wie und womit man halbwegs zivilisiert Profite macht. Er sucht sich immer neue Felder. Muss womöglich auch ein Krieg her? Dann muss man auch gucken, dass man das legitimiert. Diese Propaganda ist ja in einem Ausmaß wirksam … Wenn man den ganzen Tag zugeballert wird mit Schlagzeilen wie: Der Feind steht übermorgen hier vor deiner Haustür! Wenn ich das den ganzen Tag höre, dann sag ich womöglich auch als ehemaliger Linker oder Pazifist: „Ja, dann muss man ja wirklich mal überlegen mit der Aufrüstung.“ Ich höre da Sprüche von Leuten, bei denen ich das nicht für möglich gehalten hätte.
Seit deinem Abgang aus der heute-show und deiner Kritik an der Corona-Politik gilst du also manchen als „rechts“, dabei klingst du eher links.
Meine Kritik an den Corona-Maßnahmen und an der Impfpflicht kam und kommt explizit von links. Da die politische Linke diese Themen damals – und bis heute! – aber lieber den Rechten überlassen hat, statt sie selber aufzugreifen und in einen kapitalismuskritischen Kontext zu stellen, galt in Folge jegliche Kritik dieser Art automatisch als rechts. Ich habe nicht die Seiten gewechselt. Die Welt steht auf dem Kopf.


