Mozn Hassan: Universelle Probleme

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Keine Frage: Doria Shafik, die große ägyptische Frauenrechtlerin, die 1948 die erste Frauenrechtsorganisation Ägyptens gründete, wäre stolz auf ihre Nachfolgerin Mozn Hassan. Die wurde für ihren Kampf für Frauenrechte gerade mit dem "Right Livelihood Award", dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Die Preisträgerin konnte den Preis allerdings nicht persönlich entgegennehmen. Denn sie steht zurzeit in Kairo vor Gericht und die Behörden verweigern ihr die Ausreise. Der Vorwurf: Ihre Organisation "Nazra for Feminist Studies" werde illegal vom Ausland finanziert.

"Wir sind eben keine nette, akzeptable Frauenorganisation, die Entwicklungsarbeit betreibt", sagt Mozn Hassan. "Wir sind eine feministische Bewegung!" Seit 2007 kämpft die 37-Jährige mit "Nazra" für Frauenrechte: Während des "Arabischen Frühlings" und der sexuellen Gewalt nicht nur auf dem Tahir-Platz in Kairo, organisierten Mozn und ihre Mitstreiterinnen medizinischen, psychologischen und juristischen Beistand für die Opfer. "Nazra" sorgte dafür, dass die sexuelle Belästigung ein Straftatbestand wurde.

"Der Right Livelihood Award würdigt nicht nur die Arbeit von Nazra, sondern ein ganzes Jahrhundert an feministischem Aktivismus in Ägypten. Aktivismus, der uns inspiriert hat, und den wir mit unserer ganzen Kraft fortsetzen werden", sagt Mozn Hassan, die sich am Abend der Preisverleihung per Videobotschaft meldete. Vielleicht sorgt die internationale Anerkennung ja dafür, dass Mozn Hassan nicht im Gefängnis landet, sondern sich weiter für Frauenrechte einsetzen kann.

So wie in diesem Artikel über die Silvesterübergriffe in Köln. Darin zieht die Ägypterin die Parallele zwischen Tahrir-Platz und Hauptbahnhof. Und sie bezichtigt so manche westliche Feministin der "Komplizenschaft mit dem Patriarchat". Hier ihr (gekürzter) Text:

Von Ägypten nach Deutschland
Eine feministische Perspektive auf die Attacken in Köln

Wir sind überzeugt, dass feministische Solidarität ein universelles, grenzüberschreitendes Konzept ist. Deshalb glauben wir, dass es unsere Verantwortung ist, sexuelle Gewalt anzuprangern, wo immer sie auftritt, und solidarisch mit den Opfern zu sein, wer und wo immer sie sind.

Das Dilemma westlicher Feministinnen im Hinblick auf die Silvesternacht in Köln (und in acht weiteren deutschen Städten) erinnert uns an unsere eigenen Erfahrungen mit den massenhaften sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen rund um den Tahrir-Platz. Als der „arabische Frühling“ begann, haben auch wir bei den demokratischen Kräften heftige Widerstände beobachtet, zuzugeben, dass es diese sexuellen Attacken auf Frauen gab - bei Demonstrationen und generell im öffentlichen Raum. Dabei hatten diese Attacken schreckliche Formen angenommen, von Massen-Überfällen bis hin zu Vergewaltigungen mit scharfen Gegenständen.

Für die Weigerung, das Problem zu benennen, gab es mehrere Gründe: Erstens gilt sexuelle Gewalt nicht als politisches Problem. Also werden Frauenrechte beiseite gefegt, zugunsten von Problemen, die man größer und wichtiger findet, zum Beispiel „die Revolution“ oder die Rechte von Migranten. Und so wie viele die Augen vor den Übergriffen auf dem Tahrir-Platz verschlossen haben, aus Angst, den Ruf der Revolution zu untergraben, so befürchteten viele, dem Ruf von Flüchtlingen und Migranten zu schaden, wenn sie die Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof verurteilten.

Die Kölner Silvesternacht erinnert uns an unsere eigenen Erfahrungen

Haben diese Übergriffe etwas mit der arabischen oder muslimischen Herkunft der Täter zu tun? Wie können wir diese Attacken verurteilen und ihre – unter anderem kulturellen – Wurzeln benennen, ohne in die Falle zu tappen, zu verallgemeinern oder gar rassistisch zu werden? Oder zum Erstarken rassistischer Bewegungen beizutragen.

Als ägyptische Feministinnen, die in den letzten fünf Jahren mit vielen Aktionen gegen sexuelle Gewalt gekämpft haben, schauen wir auf die Verbrechen von Köln mit Blick auf unsere Gesellschaft und unsere Realität, in der wir fast täglich Opfer sexueller Gewalt werden. Wir schauen auf Köln mit einer feministischen Perspektive, die einhergeht mit unserem festen Glauben an die Rechte von Flüchtlingen und unserem Kampf gegen Rassismus. Aber diese Perspektive bedeutet nicht, dass wir Frauenrechte gegen diese Prinzipien aufrechnen.

Die Frage, um die es hier geht, ist zuerst und vor allem eine Geschlechterfrage. Diese Übergriffe nicht zuallererst als einen Fall von sexueller Gewalt auf Frauenkörper zu sehen, ist Komplizenschaft mit patriarchaler Gewalt. Natürlich brauchen Flüchtlinge und Migranten Schutz vor Rassismus und Diskriminierung. Aber Frauen haben auch das Recht, vor Männergewalt geschützt zu werden. Deshalb sollte nichts, auch keine politische Rücksichtnahme, eine höhere Priorität haben als das Recht der angegriffenen Frauen. Die Tatsache, dass sie von Mitgliedern einer ebenfalls unterprivilegierten Gruppe angegriffen wurden, macht das Verbrechen nicht weniger abscheulich.

Eine Debatte, die die Angriffe rechtfertigt oder verschleiert, indem sie die Täter selbst als „Opfer“ oder „Unterprivilegierte“ betrachtet, ist - auch wenn sie auf den ersten Blick das Gegenteil zu sein scheint - in Wahrheit erniedrigend für Migranten. Wenn man Rassismus entgegentreten will, indem man die schwierige Lage arabischer Flüchtlinge und Migranten romantisiert, läuft das auf maskierten Rassismus hinaus. Denn man tut so, als könne man an diese Männer niedrigere ethische Standards anlegen als an andere. Wir denken hingegen, dass Flüchtlinge und Migranten für ihre Handlungen verantwortlich sind.

Das Patriarchat ist ein weltweites Phänomen, kein exklusiv arabisches

Es geht hier weder darum zu behaupten, dass alle Araber und Muslime gewalttätig gegen Frauen sind, noch darum, der Behauptung vom „Clash der Kulturen“ zu folgen, wonach die östliche Kultur von Natur aus rückwärtsgewandt ist und die westliche von Natur aus fortschrittlich. Das Patriarchat ist ein weltweites Phänomen, kein exklusiv arabisches oder muslimisches. Die Diskriminierung von Frauen wird nicht ausschließlich von Männern aus dem Mittleren Osten begangen.

Trotzdem ist es unmöglich zu ignorieren, dass die Mehrheit der Täter in Köln entweder arabische Flüchtlinge waren oder deutsche Bürger arabischer und muslimischer Herkunft. Und es gibt keinen Zweifel, dass viele politische Rechte von Frauen und ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung in unseren Gesellschaften nicht garantiert werden - und dass die meisten Frauen in westlichen Gesellschaften solche Rechte und Freiheiten genießen. Zum Beispiel das Recht, sich frei zu bewegen; das Recht, sich zu kleiden, wie man möchte; oder das Recht auf freie Partnerwahl. Rechte, um die wir noch kämpfen.

Es kann ebenfalls nicht bestritten werden, dass sexuelle Gewalt ein grassierendes Phänomen ist, das wir in vielen arabischen Ländern und Ländern des Mittleren Ostens täglich erleben. Eine große Rolle dabei spielt die „private“ Gewalt. Dabei geht es nicht nur um krasse Formen wie Häusliche Gewalt oder Genitalverstümmelung, sondern auch um die eingeschränkte Bewegungsfreiheit von Frauen und die Kontrolle von Männern über Frauen und ihre Sexualität. Diese Überwachung befördert die Vorstellung, dass Frauen nicht im Vollbesitz ihrer selbst sind, sondern Männern „gehören“ – dem Vater, dem Bruder, dem Ehemann. Sexuelle Gewalt im öffentlichen Raum ist eine Fortsetzung dieser patriarchalen Vorstellung, in der das Auftreten von Frauen in der Öffentlichkeit nicht gern gesehen wird und die es Männern leichtmacht, solche Frauen als Freiwild zu betrachten. Gleichzeitig fordert der Staat keinen Respekt gegenüber Frauen ein und toleriert Gewalt gegen Frauen, indem er sich entweder weigert, entsprechende Gesetze zu erlassen oder bestehende Gesetze anzuwenden.

Natürlich gibt es Ausnahmen und die Situation der Frauen ist von Land zu Land unterschiedlich. Und manchmal gibt es auch Fortschritte zu verzeichnen, die Frauen erkämpft haben. Dennoch müssen wir der Tatsache ins Auge blicken, dass der vorherrschende Trend in unseren Gesellschaften der ist, die Freiheit der Frauen immer weiter zu beschneiden.

Der Trend geht dahin, die Freiheit der Frauen immer weiter zu beschneiden

Jahrzehntelang war der Postkolonialismus ein wichtiger Bestandteil der feministischen Bewegung, die den Klischees vom Mittleren Osten als „rückständig“, „reaktionär“ und „barbarisch“ etwas entgegensetzen wollten. Die Grundidee dabei war der Multikulturalismus: Die europäische Lebensart und Werte sollten den anderen Gesellschaften nicht als „besser“ aufgezwungen werden, Fortschritt sollte nicht zwingend an das europäische Vorbild gebunden sein. Die Kultur anderer Länder sollte als „anders“ betrachtet werden, nicht als rückständig.

Obwohl diese „postkolonialistische“ Position irgendwann einmal ihre Relevanz hatte, als es darum ging, kolonialistischen Vorurteilen zu bekämpgen, ist sie jetzt für uns hochproblematisch. Denn für die Art der Unterdrückung, mit der wir es heute zu tun haben und gegen die wir kämpfen, ist sie kontraproduktiv.

Sicher, kulturelle Vielfalt und verschiedene Lebensformen sollten respektiert werden. Aber es gibt universelle Werte, die die Grundlage für Rechte und Freiheit sind. Und zu diesen Werten gehört ganz sicher nicht, Frauen ihr Recht auf Bewegungsfreiheit zu beschneiden; ihr Recht einzuschränken, anzuziehen, was sie wollen oder über ihre Sexualität zu bestimmen.

Ein großes Problem ist, dass diese Art Postkolonialismus, den manche westliche Feministinnen heute vertreten, arabischen Feministinnen einen Maulkorb verpasst, indem man sie als Sprachrohr des Kolonialismus betrachtet, wenn sie sich gegen die patriarchale Gewalt in ihren Ländern wenden und wenn sie die universellen Werte verteidigen, die manche als „westlich“ bezeichnen. Es scheint, dass wir die patriarchalen Gepflogenheiten im Mittleren Osten verurteilen dürfen, zuerst bedenken sollen, was Europäer über unsere Proteste denken könnten – und das dann für wichtiger befinden sollen als die Rechte und die Sicherheit von Frauen. So bestimmen die Postkolonialistinnen, worüber arabische Feministinnen sprechen dürfen - und worüber nicht.

So manche westliche Feministin hat sich zur Komplizin der Täter gemacht

Konsequenterweise ist die erste Reaktion dieser Feministinnen, wenn europäische Frauen von arabischen Männern attackiert werden, ihre Komplizenschaft mit den Tätern. Komplizenschaft heißt in diesem Fall nicht, dass sie die Übergriffe nicht verurteilen, sondern dass sie darauf bestehen, dass sie absolut nichts mit dem kulturellen Hintergrund der Täter zu tun hätten. Als ob wir Frauen im Mittleren Osten nicht jeden Tag unter dieser Art Gewalt leiden würden. Und als ob es keine sexuelle und andere Gewalt gegen Frauen in den Flüchtlingsunterkünften gäbe.

Dass das Problem von Rassisten instrumentalisiert wird, ist auch deshalb möglich, weil es ihnen zu lange überlassen wurde. Die „Befreiung“ unserer Gesellschaften ist nicht nur eine Befreiung von Diktatoren und Imperialismus, sondern auch von extremistischen und fundamentalistischen „Werten“. Europäische Feministinnen sollten uns in unserem Kampf unterstützen, anstatt ihn als „imperialistisch“ abzutun.

Mozn Hassan

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Silvester: Der zensierte Beitrag

Hannah Wettig mit Rekruten in Benghazi.
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Die Ereignisse von Köln haben die deutsche Gesellschaft stark verängstigt. War noch im Flüchtlingssommer 2015 eine eindeutige Mehrheit der Bevölkerung für die Aufnahme von Flüchtlingen, drehte sich dieses Bild bei Umfragen ab dem Januar 2016 um.

In der Silvesternacht waren hunderte Frauen Opfer sexueller Übergriffe auf dem Domplatz von Köln geworden. Die meisten Täter kamen aus Nordafrika und waren als Flüchtlinge eingereist. Aber nicht nur die Straftaten selbst riefen Wut und Angst hervor, sondern auch das Versagen der Polizei und die unterdrückte Berichterstattung. Es dauerte fünf Tage bis Polizei und Politik Berichte in Sozialen Medien über die Übergriffe bestätigte. Einzelne Polizisten und Medienvertreter berichteten von Anweisungen in der Vergangenheit, die man so deuten musste, dass ein Zusammenhang zwischen Herkunft der Täter und bestimmten Straftaten vertuscht werden sollte.

Nun schien der Beweis erbracht: "dem Volk" wurde etwas verschwiegen

Für die Partei "Alternative für Deutschland" (AfD) und Bewegungen wie Pegida war das Wasser auf ihre Mühlen. Auf ihren Demonstrationen hatten sie schon zuvor gerne „Lügenpresse“ skandiert. Nun schien der Beweis erbracht, dass „dem Volk“ verschwiegen werden sollte, wie gefährlich Flüchtlinge und Migranten seien. Das Bild des kriminellen muslimischen Ausländers, der deutsche Frauen tätlich angreift und begrabscht, war wie gemacht für ihre Propaganda.

Das Bild des wollüstigen Orientalen ist Teil der über tausend Jahre währenden Auseinandersetzung zwischen christlichem Abendland und muslimischen Morgenland, richtete sich aber genauso gegen Juden. Schon mittelalterliche Darstellungen zeigen Muslime und Juden in der Kopulation mit Frauen, Männern und Tieren sowie als Onanisten.

Der Verweis auf dieses uralte Feindbild diente nun nach den Ereignissen von Köln auf der anderen Seite des politischen Spektrums dazu, eine Diskussion über den Zusammenhang von Herkunft und sexuellen Straftaten als "rassistisch" motiviert abzulehnen. Die Medien spiegelten diese Polarisierung. Einerseits erschienen immer mehr Berichte über sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen, die von muslimischen Flüchtlingen begangen worden waren. Auf der anderen Seite schrieben Kommentatoren gegen die These an, die Kultur oder Religion der Täter hätten etwas mit den Übergriffen zu tun.

Dabei wurden verschiedene Phänomen vermischt. Dem Grabschen in Schwimmbädern wurden große Artikel gewidmet. Doch Schwimmbadbetreiber wiegelten ab: Weder gibt es einen Anstieg solcher Regelverstöße, noch sind Flüchtlinge als Täter besonders häufig anzutreffen.

Silvesternacht in Köln: "Straftaten einer neuen Dimension"

Etwas ähnliches wie die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln und in geringerem Maße in Hamburg, Bielfeld, Stuttgart und Frankfurt hatte es hingegen in dieser Form bisher in Deutschland nicht gegeben. Der Kölner Polizeipräsident sprach von „Straftaten einer völlig neuen Dimension“.

Viele Opfer beschreiben ein Spießrutenlaufen durch eine Masse von über 1000 Männern. Frauen wurden gezielt herausgegriffen und eingekreist. Andere aus der Männergruppe schafften die männlichen Begleiter der Frauen bei Seite. Die Täter agierten in Gruppen mit verteilten Rollen. Zwar wurde rund die Hälfte der Opfer auch bestohlen. Doch viele Opfer glauben, dass Diebstahl nicht das Hauptziel gewesen sei. Vielmehr sei es darum gegangen, Frauen gezielt zu demütigen. 

Über ein solches Phänomen berichteten ägyptische Blogger erstmals vor zehn Jahren aus Kairo. Beim Aid El Fitr Fest zum Ende des Ramadan 2006 filmte ein Blogger, wie Frauen gezielt von Männergruppen eingekreist, betatscht und entkleidet wurden. Das Schauerspiel wiederholt sich jedes Jahr. Ab dem Revolutionsjahr 2011 finden solche gemeinschaftlichen Übergriffe regelmäßig auf Demonstrationen statt – meist auf Frauen, aber auch auf Männer. Ein Video aus dem Jahr 2012 zeigt wie eine Gruppe von mehr als 100 Männern gemeinschaftlich agiert. Sie bilden mehrere Kreise um die beiden Opfer, die wie eine undurchdringbare Mauer wirken. Helfer einer Organisation, die sich zum Schutz solcher Opfer gegründet hat, versuchen die Mauer zu durchbrechen, werden aber brutal abgewehrt.

Politisch motiviert: Angriffe auf Frauen in Ägypten und Tunesien

Auch in Tunesien erleben Frauen solche Angriffe auf Demonstrationen. Für die arabischen Demonstrantinnen und Demonstranten ist klar: Diese Angriffe sind politisch motiviert. Zunächst vermuten sie das alte Regime dahinter, doch bald wird deutlich, dass zumindest einige der Angriffe von Islamisten ausgehen. Einige Opfer berichten, wie „Bärtige“ sie gemeinschaftlich belästigt haben. Die inzwischen im Parlament die Mehrheit stellenden Muslimbrüder und Salafisten geben den Opfern die Schuld und verteidigen in einigen Fällen sogar die Täter.

Der salafistische Prediger Abu Islam geht soweit, die Übergriffe als „halal“, also als religiös erlaubt zu bezeichnen: „Diese Mädchen sind nackt, unanständig und Prostituierte und keine rote Linie. Sie gehen dorthin, um vergewaltigt zu werden. Nebenbei sind 90% von ihnen Kreuzfahrer" (gemeint ist: Christinnen) . Der Prediger wird später verhaftet, aber nicht weil er zur Vergewaltigung aufgerufen hat, sondern weil er das Christentum diffamiert hat – unter anderem hat er eine Bibel öffentlich zerrissen. Das ist in Ägypten verboten, wo mehr als 10% der Bevölkerung dem koptischen Christentum anhängen.

Auch in Tunesien, Algerien und Marokko vertreten Prediger die These, dass unverschleierte Frauen Huren sind. Mit den Revolutionen ist ein Kulturkampf in den arabischen Gesellschaften ausgebrochen, der sich fast ausschließlich an der Rolle der Frau festmacht. Die erste Forderung der ägyptischen Salafisten nach ihrer Wahl ins Parlament ist das Verbot von Bikinis am Strand. Dabei versinkt das Land zu diesem Zeitpunkt im Chaos: Kriminelle regieren die Straße, die Menschen hungern.

Flüchtlinge aus diesen Ländern bringen den Kulturkampf mit

Auf der anderen Seite verurteilen Frauen wie Männer in den Ländern Nordafrikas immer wieder auf Massendemonstrationen die Sicht der Islamisten. Für sie geht die Forderung nach Freiheit und Demokratie mit der Gleichberechtigung von Frauen einher. Wahlergebnisse und Größe der Demonstrationen lassen darauf schließen, dass dies die Mehrheit der Bevölkerung ist, wenn auch nur eine knappe.

Wenn nun Flüchtlinge aus diesen Ländern nach Europa kommen, bringen sie einen Teil dieses Kulturkampfes mit. Wer von „Vergewaltigungskultur“ spricht, die in diesen Ländern vorherrsche, verkennt den politischen Charakter des Phänomens. Es gehört zum politischen Programm der Islamisten, Frauen, die ohne Kopftuch oder ohne männlichen Begleiter auf die Straße gehen, zu diffamieren und als Freiwild freizugeben.

Das Kopftuch ist ihr Markenzeichen, über dessen massenhafte Verbreitung sie seit den 1980er Jahren ihre kulturelle Stärke deutlich machen konnten. Das heißt nicht, dass jede Kopftuchträgerin Islamistin ist, im Gegenteil gibt es sogar anti-islamistische Kopftücher. Die Salafisten versuchen nun ihre Stärke durch die Durchsetzung des Niqab im Straßenbild zu zeigen.

Mit dem Zurückdrängen der Frau aus dem öffentlichen Raum erreichen Islamisten vor allem die Zu-Kurz-Gekommenen. Das frauenfeindliche Rollenverständnis bietet den Verlierern der Gesellschaft die Möglichkeit, ihre eigene Ohnmacht durch Macht über Frauen auszugleichen. Weil sie in den sich modernisierenden Gesellschaften keinen Platz finden, macht ihnen die Auflösung traditioneller Familienbande Angst. Zugleich erleben sie, wie Frauen in Positionen in der Gesellschaft drängen, die sie nicht erreichen können. Wie auch in Europa machen Frauen in Nordafrika inzwischen die Hälfte der Universitätsabsolventen aus.

Die Täter fühlen sich in Europa sogar moralisch im Recht

Die frauenverachtende Ideologie trifft auf einen sexuellen Notstand bei jungen Männern. Muslimische Frauen müssen ihr Jungfernhäutchen bis zur Ehe bewahren, stehen also nicht zur Verfügung, sofern sie nicht den wohlhabenden Schichten angehören, die sich die Haut vor der Hochzeit operativ rekonstruieren lassen. Von einem Bräutigam wird viel Geld verlangt, so dass sich sozial schwächere eine Ehe erst spät im Leben leisten können. 

Wer nun in entsprechenden Moscheen, im Fernsehen oder Radio gehört hat, dass Frauen ohne Kopftuch auf der Straße sexuell belästigt werden wollen, für den ist das Begrabschen von Frauen nicht einmal ein Kavaliersdelikt. Da solche Reden nicht selten mit Christenfeindlichkeit vermischt sind, fühlen sich solche Täter in Europa sogar moralisch im Recht.

Teil der „Kultur“ ist ein solches Verhalten indes nicht. Das zeigt die große Mehrheit der Flüchtlinge, die auf die Ereignisse in Köln schockiert und mit Abscheu reagiert hat. Viele dieser Reaktionen fielen schärfer aus als die der deutschen Bevölkerung. Die meisten Flüchtlinge, die sich zu Wort meldeten, appellierten an den deutschen Staat, die Täter hart zu bestrafen. Wer so etwas tue habe sein Gastrecht verspielt. Solche Reaktionen haben viel mehr mit der Kultur zu tun, aus der die Flüchtlinge kommen. Gastrecht ist in arabischen Gesellschaften heilig. Strafen sind hart.

Im politischen Programm der Islamisten: Frauen ohne Kopftuch als Freiwild

Hier tut sich nun tatsächlich ein kulturelles Problem auf: Die relative Milde des deutschen Strafrechts wirkt auf Menschen, die anderes gewöhnt sind, als setze der Staat sein Gewaltmonopol nicht durch. Wenn, wie in Köln, der Staat tatsächlich versagt, ist diese Wirkung umso fataler. Der milde Umgang mit Straftätern und der Vorrang von Resozialisation gehört aber zu unseren kulturellen Errungenschaften, die wir nicht aufgeben wollen. Darum ist hier kulturelle Vermittlung nötig.  

Die menschenverachtende Ideologie des Islamismus muss hingegen bekämpft werden. Die deutsche Gesellschaft kann sich hierbei der Unterstützung der Mehrzahl der Migrantinnen und Migranten aus muslimisch geprägten Ländern sicher sein: Sie wissen mit was sie es zu tun haben und sind die ersten Opfer der Islamisten.  

Hannah Wettig
 

Über den Mythos vom fremden Vergewaltiger

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